Zwischen Herd und Heiligtum
Wie viel Religion steckt im Tradwife-Trend?
„Nach dem Mittagessen hatte mein Mann Lust auf etwas Süßes und wollte gerade zur Tür hinausgehen, um sich ein paar Reis-Krispies zu holen“, säuselt die 23-jährige Nara Smith ins Mikrofon. Sie steht in ihrer strahlend weißen Küche und trägt ein kariertes Designerkleid. „Ich sagte ihm, er solle sich keine Mühe machen und dass ich alles zu Hause hätte, um ihm welche zu machen.“ In einem aufwändigen Prozess beginnt sie, Zutaten aus einer langen Liste zu einer hausgemachten Version der beliebten amerikanischen Süßigkeit zu verarbeiten. Rund 11 Millionen TikTok-Fans sehen ihr dabei zu. „Fünf Stunden hat das gedauert?“, kommentiert eine entgeisterte Nutzerin. „Er hätte in den Laden gehen sollen!“1
Doch in den Laden zu gehen, verträgt sich nicht mit Smiths Image. Sie verkörpert das Ideal eines neuen Phänomens, das im Internet als „Tradwife“ (kurz für „Traditional Wife“) bekannt ist. Was auf den ersten Blick harmlos, fast komödiantisch wirkt, wird in der Psychology Today als „risky throwback“ („gefährlicher Rückfall“) bezeichnet.2 Gesicht des neuen Social-Media-Trends sind junge, gutaussehende Frauen in Kleid und Schürze, die ihren Follower:innen Einblicke in ihren Alltag als selbsterklärte traditionelle Hausfrauen gewähren. Zwischen Sauerteigbrot, Hühnerstall und Kindererziehung zeichnen sie das euphemistische Bild eines idyllischen Familienlebens, in dessen Mittelpunkt die Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen in einer nostalgischen Selbstversorger-Ästhetik steht.
Und das kommt gut an. Die 34-jährige US-Amerikanerin Hannah Neeleman, die als Blaupause des Tradwife-Trends gilt, verzeichnet mit ihrem Account „Ballerina Farm“ Klickzahlen in Millionenhöhe. Auf Instagram und TikTok verfolgen ihre 10 Millionen Follower:innen, wie sie die weitläufige Ranch in Utah bewirtschaftet, auf der sie mit ihrem Ehemann Daniel und den acht gemeinsamen Kindern lebt. Mittlerweile vertreibt der Hof im großen Stil Fleisch aus Berglandwirtschaft sowie ein breites Sortiment an Backwaren. Doch die Beliebtheit von „Ballerina Farm“ hat Neeleman nicht nur zu einer erfolgreichen Unternehmerin gemacht. Ihre Rolle als traditionelle Hausfrau bedeutet für sie auch eine spirituelle Erfüllung. In einem kontroversen Interview mit der Times sagt sie über ihren Erfolg: „Ich habe das Gefühl, dass wir das tun, was Gott will. […] Wir sind ein bisschen in seinem Auftrag unterwegs.“3 Wie ihr Ehemann wuchs Neeleman in einer konservativen mormonischen Großfamilie auf. Die Inhalte, die sie und andere Tradwives auf ihren Profilen teilen, sind daher mehr als die romantische Inszenierung eines Ehelebens im Stil der 1950er Jahre. In Neelemans Fall sind sie auch Ausdruck eines Wertekonzepts, das tief in den religiösen Lehren der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (LDS) verwurzelt ist. Und gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Auch wenn es angesichts der Schnelllebigkeit von Online-Trends durchaus so erscheinen mag, tauchten die Tradwives nicht über Nacht auf. Schon in den 2010er Jahren erfreuten sich ästhetisierte Familien-Blogs zunehmenden öffentlichen Interesses. Unter weiblichen Mitgliedern der LDS-Kirche, die eine reiche Tradition literarischer Kultur verbindet, fand dieser Trend besonders in sogenannten „Mormon-Mommy-Blogs“ Ausdruck. Gleichzeitig entstand unabhängig davon eine digitale Subkultur rund um das Social-Media-Phänomen „Christfluencing“ – anfangs unter anderem geprägt von dem Schwesternpaar Kristen und Bethany, die auf ihrem YouTube-Kanal „Girl Defined“ biblische Feminität im Lichte einer konservativen christlichen Sexualmoral verbreiteten. Vorbild dabei: die sogenannte „Proverbs-31-Woman“ – also die Frau, die nach dem Ideal der in Spr 31 beschriebenen „tüchtigen Frau“ (Lutherbibel) zu handeln weiß. Inzwischen existiert ein breites Spektrum an Social-Media-Kanälen, die in Anlehnung an Hashtags wie #biblicalwomanhood und #biblicalfeminity Inspiration und Tipps für das Leben als traditionell christliche Frau anbieten.
Während Glaube und Religion bei konventionellen Christfluencer:innen klar im Vordergrund stehen, sind religiöse Konnotationen beim Tradwife-Trend häufig nur implizit vorhanden. Großunternehmen wie „Ballerina Farm“ verzichten in ihren offiziellen Postings weitestgehend auf religiöse Inhalte, da die Accounts keinem unmittelbaren Missionierungszweck dienen. Vielmehr sollen sie auch ein säkulares Publikum ansprechen. Sowieso sind keineswegs alle Tradwives religiös. Nara Smith beispielsweise distanziert sich klar von spezifischen religiösen Affinitäten. Obwohl ihr Ehemann Mitglied der LDS-Kirche ist, habe das Paar nicht in einem mormonischen Tempel geheiratet. Dass Religion und der Tradwife-Trend dennoch nicht vollends voneinander getrennt werden können, legen sprachliche Untersuchungen von Tradwife-Profilen nahe. In einer Arbeit von Marta Rotella4 wurden Hashtags analysiert, die auf Tradwife-Konten Verwendung fanden. Es zeigte sich, dass etwa die Hälfte der untersuchten Hashtags dem religiösen Kontext zugeordnet werden können, weil sie Elemente wie beispielsweise „proverbs“ (Sprüche), „biblical“ (biblisch) oder „Christian“ (christlich) enthielten.
Während „Ballerina Farm“ und ähnliche Accounts sich zurückhalten, verschwimmen auf kleineren Tradwife-Kanälen die Grenzen zwischen „Christfluencing“ und „Tradwifing“. So beruft sich etwa die 24-jährige Estee Williams vor ihren ungefähr 200.000 TikTok-Follower:innen (@esteecwilliams) offen auf ihre Identität als Christin und gibt Tipps, wie die Anziehungskraft auf „masculine provider men“ („maskuline Versorger-Männer“) vergrößert werden kann. Dafür, erklärt sie, sollten sich junge Frauen in Zurückhaltung, in den drei Fs (Femininität, Fitness und Freundlichkeit) sowie in häuslichen Fertigkeiten üben. Für berufstätige Frauen könne es zudem hilfreich sein, einer möglichst attraktiven „femininen“ Beschäftigung nachzugehen, zum Beispiel als Lehrerin, Babysitterin, Nanny oder Krankenpflegerin.
Wie viele andere Tradwives versteht Estee Williams sich als Teil einer Gegenbewegung zum modernen Feminismus. Dieser habe schließlich nicht zu wahrer Emanzipation geführt, sondern für Frauen vielmehr eine Doppelbelastung geschaffen. Wo sie früher mit Haushalt und Kindererziehung ausgelastet gewesen seien, müssten sie sich heute zusätzlich um ihre Karriere kümmern. Dies entspreche weder der weiblichen Natur noch der biblischen Berufung der Frau. Echter Feminismus müsse auch die Möglichkeit einschließen, sich bewusst für traditionelle Geschlechterrollen zu entscheiden. Diese Position wird übrigens als „Choice“-Feminismus bezeichnet.5
Auch Hannah Neeleman, die Gründerin von „Ballerina Farm“, entschied sich bewusst gegen eine vielversprechende Ballettkarriere, um sich auf ihre Mutterschaft und den Ausbau des Landguts zu konzentrieren. Kritiker:innen, insbesondere ehemalige Mitglieder der LDS,6 argumentieren allerdings mehrheitlich, dass Neelemans augenscheinlich „freie Wahl“ durch religiöse Konventionen beeinflusst und im Kontext ihrer konfessionellen Zugehörigkeit betrachtet werden müsse.
Aber wie dem auch sei: Das Konzept „Tradwife“ funktioniert. Und das auch unabhängig vom strengen Mormonentum. Das Internetphänomen lässt sich gewissermaßen als eine Synthese aus wahlfeministischen Ideen und romantisierten Vorstellungen der 1950er Jahre verstehen – allerdings teilweise mit einer zusätzlichen religiösen Dimension, die sich mit medialen christlichen Filterblasen überschneidet. Unter dem Zauber schwingender Röcke und Kochlöffel versöhnen sich unterschiedlichste fundamentalistische Strömungen. In der Christianity Today heißt es dazu: „Wenn die mormonische Tradwife Hannah Neeleman auf ihrem Instagram-Account ‚Ballerina Farm‘ ein Video von ihrer zehnköpfigen Familie postet, wie sie sich auf den Gottesdienst vorbereitet, können evangelikale Anhänger ihre Einwände gegen diese Art von Kirche beiseite schieben, denn die präsentierte Vision hat nur sehr wenig mit Lehre und gemeinsamen Gottesdienstpraktiken zu tun.“7 Anders als Christfluencer:innen bleiben die Tradwives nach außen hin eher unabhängig von bestimmten christlichen Lehrmeinungen und präsentieren lediglich den betreffenden Lifestyle. Und dieser spricht nicht nur religiöse Gruppen an. Vereinzelt wird die Tradwife-Ästhetik auch vom rechten politischen Spektrum aufgegriffen. Beispielsweise wurde auf dem Instagram-Account der AfD Sachsen in einem mittlerweile gelöschten Post die aus dem Englischen übersetzte Version einer bekannten bildlichen Gegenüberstellung von der stark abwertend gezeichneten „modernen ‚befreiten‘ Feministin“ („the ‚liberated‘ feminist“) und der schablonenhaft idealisierten „traditionellen Frau“ („the tradwife“) veröffentlicht.8
Über den Tradwife-Trend existieren wahrscheinlich mehr Meinungen, als es Tradwives gibt. Im Allgemeinen bewegt sich die Rezeption zwischen Spott, sehnsüchtiger Bewunderung und harscher Kritik. Beiträge, die sich mit dem Thema beschäftigen, tragen häufig Titel wie „Warum Tradwives andere Frauen in die Selbstzerstörung manipulieren“9 oder „Was ‚Tradwives‘ mit radikalen Christen zu tun haben“.10 Oft wird kritisiert, dass der dargestellte Lifestyle Frauen unter Druck setze und ihnen eine Idealvorstellung vermittle, die ohne eine vergleichbare finanzielle Ausstattung wie jene von Neeleman oder Smith kaum erreichbar sei. Zugleich werde die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehepartner romantisiert.
Aus weltanschaulicher Perspektive lässt sich insbesondere die mangelnde Abgrenzung zu eindeutig christlichen Trends (z.B. #biblicalfeminity) hinterfragen. Das gilt auch für deutsche Tradwife-Accounts, die mittlerweile entstanden sind. Das Profil @tradwifefactory beispielsweise zählt fast 17.000 Follower:innen. Ähnlich wie seine amerikanischen Vorbilder ist es durch das Statement „God First“ in der Beschreibung eindeutig christlich gekennzeichnet, behandelt aber nur in einzelnen Postings religiöse Inhalte, etwa wenn die Nutzerin erklärt, was es für sie bedeutet, eine „Sprüche 31“-Frau zu sein. In weiteren Beiträgen stehen vor allem gesellschaftspolitische Themen sowie die für den Trend übliche Ästhetik der 50er Jahre im Vordergrund.
Der bereits erwähnte Artikel der Christianity Today fasst hierzu treffend zusammen:
Es ist natürlich nichts falsch daran, auf einem Bauernhof zu leben und seinen eigenen Sauerteig zu machen und ein Haus zu bewirtschaften und all diese wunderbaren Dinge, aber weil dies ein Trend auf TikTok und in den sozialen Medien geworden ist, haben leider einige Leute den Fehler gemacht, dieses sogenannte traditionelle Leben und das Leben einer traditionellen Frau mit dem einer biblischen Ehefrau zu verwechseln. Es gibt natürlich biblische Standards, zu denen Frauen berufen sind, aber das sind keine Standards, die von den sozialen Medien gesetzt werden.11
Der Tradwife-Trend stellt also wichtige Fragen: Was bedeutet es wirklich, eine christliche Frau zu sein? Und wo verläuft die Grenze zwischen Selbstinszenierung, Einflussnahme und individueller Freiheit? Der Trend lädt ein zu hinterfragen, was erstrebenswert, wahr und identitätsstiftend ist.
Charlotte Junk (München), März 2025
Anmerkungen
- Kommentar von @julia.roseeeeee: „5 HOURS??? he should go to the store“, in: Nara Smith (@naraazizasmith), “Delicious Rice Krispies treat recipe from scratch”, TikTok, 08.01.2025, https://vm.tiktok.com/ZNdNfFfUn/.
- Marika Lindholm, „The Tradwife Trend Is a Risky Throwback. Why It’s Important to Maintain a Healthy Skepticism of Stay at Home Influencers“, Psychology Today, 27.9.2024, https://tinyurl.com/4n6ee9af (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 24.3.2025).
- Megan Agnew, „Meet the Queen of the ‚Trad Wives‘ (and Her Eight Children)“, The Times, 10.3.2024, https://tinyurl.com/5c9h7jvy (meine Übersetzung).
- Marta Valderrama Rotella, „Gender and Political Identities in Social Media. An Analysis of the Discourse Strategies Used by the #Tradwives Movement on Instagram“, Seminararbeit, Universidad de Valladolid, 2023, https://uvadoc.uva.es/handle/10324/63927.
- Michaele L. Ferguson, „Choice Feminism and the Fear of Politics“, Perspectives on Politics 8,1 (2010), 247–253, https://doi.org/10.1017/S1537592709992830.
- Lyn Smith Gregory, „What You’re Not Seeing in the ‚Trad Wives‘ Ballerina Farm Controversy“, Blogeintrag auf ihrer persönlichen Website, 8.8.2024, tinyurl.com/eh6eye25; Whitney Uland (@whitneyuland), „Understanding Mind Control Religions: Nara Smith’s Journey“, TikTok, 29.7.2024, https://vm.tiktok.com/ZNdeTBakM/; Sharon Johnson (@sharon.a.life), „My experience as a Mormon tradwife“, TikTok, 26.7.2024, https://tinyurl.com/mvx9w2m6.
- Kelsey Kramer McGinnis, „Tradwife Content Offers Fundamentalism Fit for Instagram“, Christianity Today, 13.3.2024, https://tinyurl.com/33z2f6ez (meine Übersetzung).
- Die Darstellung war bei Abfassung dieses Beitrags noch zu finden auf dem Instagram-Account von Jonas Dünzel, seit Oktober 2024 Mitglied des Sächsischen Landtags: @jonas.duenzel, „Weil das Bild so gut angekommen ist, poste ich es hier auf Instagram gerne nochmal separat als Beitrag“, Instagram, 25.10.2022, https://tinyurl.com/4vpvs5nf.
- Silvi Carlsson, „Warum Tradwives andere Frauen in die Selbstzerstörung manipulieren“, YouTube, 7.7.2024, https://youtu.be/TcyqtiIlz0Y.
- Charlotte Lüder, „Was ‚Tradwives‘ mit radikalen Christen zu tun haben“, SPIEGEL Shortcut, 27.1.2025, https://tinyurl.com/muprc2j2.
- Zitat von Allie Beth Stuckey in McGinnis, „Tradwife Content“ (meine Übersetzung).