Judith Bodendörfer

Transhumanismus und Künstliche Intelligenz

Don’t Die – Neue Religion der Unsterblichkeit

Der 47-jährige Tech-Millionär Bryan Johnson hat in einem Interview mit dem MIT Technology Review im Mai 2025 öffentlich verkündet, aus seinem Longevity-Lifestyle eine Religion machen zu wollen. „Longevity“, was auf Deutsch „Langlebigkeit“ bedeutet, beschäftigt sich als Lebensstil mit dem Ziel, den Körper so zu optimieren, dass er nicht nur frei von Krankheiten, sondern schlussendlich unsterblich ist. Die Longevity-Bewegung findet auch in Deutschland zunehmend Beachtung.

Anfang des Jahres 2025 erschien bereits der Dokumentarfilm „Don’t Die. The Man Who Wants to Live Forever“ beim Streamingdienst Netflix. Der Film begleitet Johnson und dokumentiert seine Tagesroutine, experimentelle medizinische Eingriffe und Körperpraktiken, die ihm ein ewiges Leben ermöglichen sollen. Die Dramaturgie des Films war bereits auf die Gründung einer Lon­gev­i⁠ty-Gemeinschaft ausgerichtet. Johnson wird als ein Mensch auf der Suche nach menschlicher Verbundenheit porträtiert. Gegen Ende des Films steht Johnson mit seinen Anhängern während eines gemeinsamen Trail-Runs auf einem Berg in Kalifornien und spricht zu ihnen über die Bedeutung seiner Don’t-Die-Bewegung. Die religiösen Anleihen sind sicherlich beabsichtigt. Das ewige Leben wird von Johnson auch ästhetisch inszeniert, allerdings hauptsächlich mit Bezügen zur Popkultur. Sicherlich nicht zufällig sind optische Anspielungen sowohl auf moderne Vampirdarstellungen – besonders die Fernsehserie „True Blood“ (2008–2014) kommt in den Sinn – als auch auf Darstellungen der nicht alternden Elben aus Verfilmungen von J.R.R. Tolkiens Romanen („Der Herr der Ringe“, „Die Ringe der Macht“).

Der ehemalige Mormone scheint damit die zwei großen Themen seiner weltanschaulichen Biografie zu verbinden: als Mitglied der LDS Church die religiöse Gemeinschaft sowie ein Weltbild, das Körper und Natur in optimierbare Zahlen zerlegt und das dem im Silicon Valley verbreiteten Transhumanismus zuzurechnen ist. Johnson betrachtet die Natur fast ausschließlich durch präzise Kennzahlen: Blutwerte, biologisches Alter, Alterungsprozess, Muskelmasse – alles wird ständig vermessen und kontrolliert. Er versucht, seinen Willen den von einer Künstlichen Intelligenz (KI) als optimal errechneten medizinischen Messwerten unterzuordnen. Durch exzessive Körperpraxis und -routinen, Präparate und medizinische Prozeduren wie Bluttransfusionen bearbeitet Johnson seinen Körper. Hinter der Optimierung des Körpers soll der Geist verschwinden. Johnson beschreibt diesen Idealzustand mit den Worten: „The mind is dead.“ Dabei scheint er den Geist aufzuspalten in einen Teil, der sich in Form von Süchten, Depressionen etc. in die Irre führen lässt und dadurch den Körper schädigt, und in einen anderen Teil, der sich durch Willensstärke auszeichnet und den schwachen Geist überwindet. Der Körper soll nicht mehr direkt mit dem Geist kommunizieren, etwa durch ein Hunger- oder Erschöpfungsgefühl, sondern über elektronisch ausgelesene Daten. Dadurch würde verhindert, so Johnson, dass psychische Interferenzen oder Störungen die Verbindung von Körper und Geist verzerren. Die technische Schnittstelle zwischen Körper und Geist über eine KI wertet er als unmittelbar und damit als weniger korrumpierbar.

Johnson glaubt, dass die weitere Entwicklung der KI viele neue Fragen aufwerfen wird und dass sich die Menschen nach einem Rahmen sehnen werden, um diese Fragen zu beantworten. Diesen Rahmen soll die neue Religion der Unsterblichkeit festlegen. Er möchte diese Religion dezentral gestalten, etwa in kleinen Gruppen nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker. In den Treffen entschuldigen sich die Teilnehmenden dann bei ihren Körpern für das, was sie diesen durch die vermeintliche Schwäche des Geistes, zum Beispiel durch Alkohol- oder Nikotinkonsum oder den Verzehr von Fast Food, angetan haben. Der Körper sei damit Gott, sagt Johnson. Allerdings widerspricht er auch der Rückfrage der Journalistin vom MIT Technology Review, ob hier nicht eher die KI als Gott wahrgenommen werde, nicht direkt.

Bei alledem bleibt Johnson Geschäftsmann durch und durch. Er verkauft Produkte, denen er eine lebensverlängernde Wirkung zuschreibt. Zwar identifiziert er die moderne Gesellschaft mit ihren Fastfood-Ketten und dem allgemeinen Mangel an Bewegung als großes Problem der Menschheit. Doch schlägt er als Lösung eine intensive medizinische Forschung vor, als wäre nicht längst bekannt, dass zuckerreiche, industriell verarbeitete Lebensmittel Diabetes hervorrufen können, dass das viele Sitzen im Büro Rücken und Herz bzw. Kreislauf belastet oder dass unregelmäßiger Schlaf, beispielsweise durch Schichtarbeit, ein Gesundheitsrisiko darstellt. Nie geht es ihm um eine allgemeine, strukturelle Verbesserung der Lebensbedingungen, sondern um die individuelle Optimierung des Lebens Einzelner, die über die finanziellen Mittel verfügen, um sich an dem kostspieligen Longevity-Trend zu beteiligen. Gegen die Finanzierung groß angelegter Studien, die vielen Menschen einen Vorteil verschaffen würden, wehrt sich Johnson beharrlich, was immer wieder zu Kritik auch aus der Longevity-Community führt.

Johnsons Diagnose, dass religiöse Orientierung angesichts der Unsicherheiten, denen sich viele Menschen gegenübersehen, immer wichtiger werden wird, scheint nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber ob der Trend zur Longevity auf die tiefgreifenden philosophischen und theologischen Fragen der digitalen Gesellschaft adäquate Antworten bieten kann, ist fraglich.

 

Judith Bodendörfer (Berlin), Mai 2025