Katharina Portmann

Religion und Verschwörung – eine komplexe Angelegenheit

Eine Zusammenfassung des diesjährigen Religionsmonitors im Hinblick auf Kirche

Der Religionsmonitor

Kaum etwas ist so konstant in einer Gesellschaft wie deren Wandel. War bis vor wenigen Jahrzehnten eine Kirchenmitgliedschaft, zumindest in Westdeutschland, noch größtenteils Konsens, prognostizieren Expert:innen heute düstere Zeiten für die großen religiösen Institutionen. Doch gehen sie nicht davon aus, dass Religion in westlichen Gesellschaften gänzlich verschwindet. Sie bleibt, wenn auch in anderer Ausprägung, Teil des gesellschaftlichen Diskurses und verdient es daher, regelmäßig wissenschaftlich analysiert zu werden. Die Bertelsmann-Stiftung veröffentlicht zu diesem Zweck seit 2007 regelmäßig den Religionsmonitor, der auf empirischer Grundlage die Rolle erfasst, die Religion und Weltanschauung in Deutschland und international spielen. Im Fokus stehen dabei die Einflüsse von Religiosität auf soziale Zusammenhänge, politische Einstellungen und individuelles Wohlbefinden. Die letzte größere empirische Erhebung, auf deren Daten mehrheitlich auch die im Februar 2025 erschienene Ausgabe des Religionsmonitors basiert,1 wurde 2023 vorgenommen. Ihr zentraler Fokus lag auf der Verbreitung von Verschwörungsglauben innerhalb unterschiedlicher westlicher Gesellschaften und der Zusammenhang mit persönlicher Religiosität. Wenngleich die Ergebnisse nicht grundlegend überraschen, verdienen sie doch einen genaueren Blick und liefern wichtige Perspektiven für Kirche und Weltanschauung.

Verschwörungsglaube ist rückläufig

Menschen, die in den Sog von Verschwörungserzählungen geraten, haben meist eines gemeinsam: Sie erleben tiefe Verunsicherungen etwa durch persönliche Schicksalsschläge, bei gesellschaftlichen Umbrüchen oder in Krisenzeiten. Besonders in solchen Lebensphasen suchen Menschen nach Erklärungen, Sinn und Auswegen. Verschwörungserzählungen scheinen deshalb attraktiv, weil sie einfache Antworten auf oftmals komplexe Zusammenhänge geben. Ein typischer Mechanismus besteht darin, die Verantwortung für subjektiv erlebte Ungerechtigkeit geheimen Gruppen und ihren Machenschaften zuzuweisen. Was von außen oftmals obskur, unverständlich und paradox klingt, bietet für Anhänger:innen ein in sich geschlossenes Weltbild, das keine Widersprüche kennt. Nun sind in einem freiheitlich-demokratischen System fraglos auch jene Weltanschauungen zu tolerieren, die von alternativen Wirklichkeitsdeutungen ausgehen. Spätestens in der Corona-Pandemie trat aber zu Tage, dass mit Verschwörungserzählungen zumeist ein tiefes Misstrauen gegen politische Institutionen einhergeht, das auf lange Sicht eine ernstzunehmende Gefahr für die Demokratie darstellt. Insofern sie Ressentiments gegenüber Minderheiten schüren und das demokratische System grundlegend in Frage stellen, haben Verschwörungserzählungen also ein nicht zu unterschätzendes Bedrohungspotenzial.

Vor diesem Hintergrund ist es prinzipiell erfreulich, dass die Zustimmung zu Verschwörungstheorien allgemein rückläufig ist und trotz andauernder weltweiter Polykrisen eine leichte Erholung nach den Pandemiejahren einsetzt. Dennoch sind, um ein paar Zahlen aus der Studie zu nennen, nach wie vor 28 Prozent der deutschen Bevölkerung überzeugt, eine Geheimorganisation würde auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen. Dies sind fünf Prozentpunkte weniger als im Jahr 2022. Zieht man jedoch die Menschen hinzu, die zumindest teilweise eine Offenheit gegenüber Verschwörungsglauben zeigen, sind es insgesamt 61 Prozent (2022: 69%). Von einer allgemeinen Entwarnung kann daher nicht gesprochen werden, denn das Risikopotenzial, in den Sog von Verschwörungserzählungen hineinzugeraten, bleibt nach Ansicht der Autor:innen weiterhin groß. Insofern ist es hilfreich, dass das Familienministerium seit März 2025 eine neue Beratungsstelle ins Leben gerufen hat, bei der Betroffene von Verschwörungsdenken und ihr Umfeld online und telefonisch eine vertrauliche und bedarfsgerechte Beratung erhalten.2 Was sind nun nach den Erkenntnissen des Religionsmonitors die gesellschaftlichen Bedingungen, die den Weg für eine erhöhte Verschwörungsanfälligkeit ebnen?

Sozioökonomische Faktoren

Über die soziale Herkunft von Verschwörungsanfälligen scheint sich ein Großteil der Öffentlichkeit einig zu sein: Betroffen sind demnach vor allem ostdeutsche Männer mittleren Alters, die über ein eher geringes Einkommen verfügen, allgemein eine hohe Frustration in sich tragen und Parteien an den politischen Rändern wählen. Bei diesem Bild handelt es sich jedoch weitgehend um Klischees, die sich auf statistischer Grundlage nicht umfassend bestätigen lassen. Ein Männerüberschuss unter den Verschwörungsgläubigen war tatsächlich nachweisbar, wenngleich die beiden Geschlechter lediglich drei Prozentpunkte auseinanderliegen (Frauen: 20%, Männer: 23%). Im Hinblick auf die geografische Verteilung konnte belegt werden, dass es sich nicht um ein dezidiert „ostdeutsches Problem“ handelt, sondern auch die westdeutschen Bundesländer im beinahe gleichen Maß betroffen sind (21% im Vergleich zu 23% in den ostdeutschen Bundesländern). Auch spielt das Alter nur eine nachgeordnete Rolle. Einen größeren Einfluss auf den Verschwörungsglauben scheint allerdings das Einkommen zu haben. Je geringer es ausfällt, desto höher ist die Verschwörungsanfälligkeit. Interessanterweise ließ sich dieser lineare Zusammenhang allerdings im internationalen Vergleich nicht nachweisen. Aus dieser Besonderheit schlossen die Wissenschaftler:innen, dass nicht primär die tatsächliche Einkommenssituation ausschlaggebend sei, sondern „die Relevanz von relativer Deprivation und Angst vor zukünftiger Armut“ (35). Die allgemeine Überzeugung, Verschwörungsglaube sei vor allem an den politischen Rändern zu finden, war hingegen statistisch nicht aufweisbar. Der tatsächlich verzeichnete Anstieg der Verschwörungsanfälligkeit an den politischen Rändern fällt bei näherer Betrachtung außerdem unterschiedlich aus. Gemessen an der politischen Selbsteinschätzung war die Affinität zu Verschwörungserzählungen im rechten Spektrum doppelt so hoch wie im linken Spektrum. Allerdings sind ebenso Teile der politischen Mitte leicht überdurchschnittlich repräsentiert, woraus sich schließen lässt: „Auch die gemäßigte politische Mitte scheint gegen Verschwörungsanfälligkeit nicht gefeit zu sein“ (31).

Inhaltliche Erklärungsansätze

Selbst wenn einige Gesellschaftsgruppen anfälliger zu sein scheinen, finden sich Verschwörungserzählungen in allen Schichten und Segmenten wieder. Um dem Reiz von Verschwörungserzählungen auf den Grund zu gehen, genügt es also nicht, allein auf sozioökonomische Faktoren zu verweisen. Die Autor:innen des Religionsmonitors haben deswegen vier inhaltliche Erklärungsansätze vorgeschlagen, die im Folgenden kurz dargestellt werden sollen.

Entfremdung und Verdrossenheit

„Eine fast schon notwendige Voraussetzung für den Glauben an Verschwörungstheorien“ (36) ist das generelle Misstrauen gegenüber Politik und politischen Entscheidungsträger:innen. Damit verbunden ist die Überzeugung, auf politischer Ebene nicht angemessen vertreten zu sein oder für die persönlichen Anliegen kein ausreichendes Gehör zu finden. Das verbreitete Gefühl von Isolation und Frustration macht Menschen anfälliger für alternative Erklärungsansätze, die durch eine Reduktion der oft komplexen politischen Wirklichkeit attraktiv erscheinen. Somit „erweist sich der Erklärungsansatz der Entfremdung für Verschwörungsanfälligkeit als sehr überzeugend“ (42). Oftmals geht mit politischem Misstrauen ein allgemeines Ungerechtigkeitsempfinden einher, dass sich auf gesellschaftliche wie wirtschaftliche Zusammenhänge bezieht. Für eine Erklärung reichen die beiden Faktoren alleine jedoch nicht aus: Auch bei Personen, die nicht als verschwörungsanfällig gelten, zeigt sich mitunter eine große Unzufriedenheit mit der Politik und/oder ein ausgeprägtes Ungerechtigkeitsempfinden.

Rassismus und die Suche nach Sündenböcken

Verschwörungserzählungen erklären gesellschaftliche und individuelle Missstände typischerweise über die Suche nach Sündenböcken. Zwei Narrative sind dabei besonders hervorzuheben: zum einen die Vorstellung, geheime jüdische Eliten würden die Geschicke der Welt lenken, zum anderen das Bild von muslimischen Migrant:innen als einer fundamentalen Bedrohung für westliche Gesellschaften. So ergab die Statistik des Religionsmonitors, dass „Verschwörungsanfällige in Deutschland […] etwa doppelt so häufig antisemitisch eingestellt [sind] wie die Gesamtbevölkerung; die Verschwörungsfundamentalist:innen sogar dreimal so häufig“ (43). Auch eine überdurchschnittliche Islamfeindlichkeit konnte bei Verschwörungsanfälligen festgestellt werden, wenngleich der Unterschied zur Gesamtbevölkerung hier deutlich geringer ausfällt. Zur Erklärung verweisen die Autor:innen auf die allgemeine Verbreitung von „antimuslimischen und islamfeindlichen Einstellungen […] in der Gesamtbevölkerung“ (45).

Für den höheren Antisemitismuswert stellen die Wissenschaftler:innen zwei Begründungen zur Diskussion: Zum einen habe der Antisemitismus in Deutschland eine deutlich längere Geschichte als die Islamfeindlichkeit und passe aufgrund der „inhärenten Anti-Eliten-Haltung auch besser zu den meisten typischen verschwörungstheoretischen Themen und Überzeugungen“ (47). Zum anderen sei die Hemmschwelle für antisemitische Äußerungen in Deutschland höher als für antimuslimische Verlautbarungen, so dass sich in ersterem Fall auf extremere Einstellungen schließen lasse.

Religiosität und Spiritualität

Der Zusammenhang von Religiosität und Verschwörungsglauben wurde in den vergangenen Jahren wiederholt zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Untersuchungen. Dabei haben sich hauptsächlich zwei Wirkungsinterpretationen herauskristallisiert. Die erste Debatte konzentriert sich auf Verschwörungsglauben als sinnstiftende Einordnung für die „Kontingenzen und Ambiguitäten des Lebens“ (47). Zentral ist dabei der Bedeutungsverlust von Religionen im Zuge der fortschreitenden Säkularisierung und das dadurch entstehende Deutungsvakuum für unverständliche, als bedrohlich erlebte Ereignisse im menschlichen Leben. In diesem Leerraum finden Verschwörungserzählungen fruchtbaren Boden, insofern sie analog zu Religionen Deutungsansätze für die vermeintlich unbegreiflichen gesellschaftlichen Entwicklungen oder persönlichen Erfahrungen offerieren. Der Verschwörungsglaube lässt sich in diesem Kontext auf zwei unterschiedliche Weisen interpretieren: entweder als regelrechte Ersatzreligion oder aber als „Quasi-Religion“, die zwar vom Bedeutungsverlust der klassischen Religionen profitiert, sich aber durchaus auch als anschlussfähig an religiöse Weltbilder erweist. Für die erste Interpretation als Ersatzreligion lassen sich auf statistischer Grundlage keine Belege finden. Im Gegenteil: Es zeigt sich, dass „religiöse Individuen und Gesellschaften […] im Durchschnitt nicht seltener, sondern sogar häufiger verschwörungsgläubig“ sind (48).

Eine zweite Debatte stützt sich daher auf die Annahme einer positiven Korrelation von Religiosität und Verschwörungsgläubigkeit. Für diesen Ansatz spricht, dass religiöser Glaube die kognitiven Bedingungen und weltanschaulichen Grundlagen in sich trägt, die auch in Verschwörungserzählungen tragend sind: Dazu gehört insbesondere die Überzeugung, unsichtbare Kräfte, seien es Gottheiten, Energien, Geister oder Dämonen, würden die Geschicke der Welt und persönliche Lebenswege beeinflussen. Zudem werden in vielen religiösen Lehren sämtliche Ereignisse als Teil eines höheren Plans und nicht als Zufall verstanden. Auch diese Überzeugung kann die Übernahme des verschwörungstheoretischen Grundgedankens unsichtbarer Zusammenhänge begünstigen. Spätestens die Querdenker-Demonstrationen im Zuge der Corona-Pandemie offenbarten eine Affinität zur Verschwörungsgläubigkeit in einem Milieu, das sich als spirituell bzw. esoterisch bezeichnen lässt. Aus diesem Grund unterscheiden die Autor:innen sinnvollerweise zwischen Religiosität und Spiritualität und beschreiben dies wie folgt: „Unter ‚Religiosität‘ verstehen wir vor allem den traditionellen Glauben an Gott oder Götter, auch bekannt als ‚Theismus‘. Unter ‚Spiritualität‘ verstehen wir dagegen vor allem den Glauben an eine allgemeine spirituelle Verbundenheit des Individuums mit der Natur und dem Kosmos im Sinne einer ‚Ganzheitlichkeit‘, religionswissenschaftlich als ‚Holismus‘ gefasst“ (49). Beide Phänomene schließen sich nicht grundsätzlich aus, unterscheiden sich jedoch in ihrer Schwerpunktsetzung voneinander. Anhänger:innen beider Glaubensweisen sind im Vergleich zur Gesamtgesellschaft tendenziell häufiger von Verschwörungsanfälligkeit betroffen. Bei Verschwörungsfundamentalist:innen, also all jenen, die ein geschlossenes verschwörungstheoretisches Weltbild vertreten, steigt die Anfälligkeit nochmals. In beiden Glaubensmustern kommt es aber „weniger auf die Stärke religiösen Glaubens oder religiöser Praxis [an], sondern eher auf die religiöse Orientierung beziehungsweise Deutung“ (16). Verorten sich Gläubige eher in einer Defensive oder fühlen sie sich durch Modernisierungs- und Liberalisierungsprozesse angegriffen, dann steigt auch die Ansprechbarkeit für Verschwörungsnarrative. Religiosität kann aber, wenn sie eine positive Haltung zur Moderne pflegt, auch Gegenteiliges bewirken. So konnte nachgewiesen werden, dass Gläubige in religiösen Gemeinschaften, die nicht in sich geschlossen sind, eine insgesamt unterdurchschnittliche Anfälligkeit für Verschwörungsgläubigkeit aufweisen. Zusammenfassend stellt der Religionsmonitor fest: „Religion kann unter den richtigen Umständen auch eine Ressource sein im Kampf gegen spaltende Tendenzen und für den Zusammenhalt“ (ebd.). Diese Beobachtungen können plausibel machen, warum sich bei Personen mit evangelischer Konfessionszugehörigkeit keine positive Korrelation mit Verschwörungsfrömmigkeit erkennen lässt und bei muslimischen Gläubigen die insgesamt höchsten Korrelationswerte nachweisbar sind. Religiöse Faktoren spielen aber, auch das machen die Autor:innen deutlich, im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Einflüssen eine nachgeordnete Rolle.

Wissenschaftsskepsis und Alternativmedizin

Verschwörungstheorien erhielten insbesondere während der Corona-Pandemie und im Zuge der großen Präsenz alternativmedizinischer und wissenschaftsskeptischer Akteure und Positionen etwa bei den Querdenker-Demonstrationen erhöhte Aufmerksamkeit. Auffällig in diesem Kontext ist vor allem die ähnliche Argumentationsweise klassischer Verschwörungstheorien und pseudowissenschaftlicher Alternativmedizin, die „zur Rechtfertigung der eigenen Position […] fast immer weit über eine rationale und legitime Kritik an Politik und Pharmakonzernen hinausgeht. […] Eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Verschwörungstheorien und insbesondere esoterisch geprägten Teilen der Alternativmedizin besteht in der Ablehnung wissenschaftlicher Forschung“ (55f.). Hinzu kommt, dass die Erzählung von einer elitären und korrupten Wissenschaft, deren angeblichen Drahtziehern historisch gerne eine jüdische Herkunft angedichtet wurde, immer auch in Verbindung mit Antisemitismus steht. Mit Blick auf die Datenlage konnten die Autor:innen nachweisen, dass Zusammenhänge zwischen der Befürwortung von Alternativmedizin, Wissenschaftsskepsis und Verschwörungsanfälligkeit bestehen. Im Hinblick auf die Alternativmedizin stellten die Wissenschaftler:innen aber ebenso fest, dass diese auch von Personen Zustimmung erhält, die nicht als verschwörungsanfällig gelten. Insbesondere bezüglich der Wissenschaftsskepsis konnte ein hoher Einfluss auf die Neigung zu Verschwörungserzählungen nachgewiesen werden, der statistisch nur knapp unter dem des allgemeinen Misstrauens gegenüber der Politik liegt.

Verschwörungsglaube als Quasi-Religion?

Welche Deutungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Funktion von Verschwörungstheorien lassen sich aus den unterschiedlichen inhaltlichen Erklärungsweisen ableiten? Auf die Frage, ob Verschwörungsglaube einen religionsähnlichen Status hat, antworten die Autor:innen „mit einem vorsichtigen ‚Ja, aber‘“ (61). Auch der Verschwörungsglaube kann Menschen in Krisenzeiten sinnstiftende Antworten geben und rechnet wie die Religion mit dem Wirken verborgener, übernatürlicher Kräfte. Religion und Verschwörungsglaube enthalten oftmals komplexitätsreduzierende Anschauungen, die durch dualistische Feindbilder die Aufwertung der eigenen Gruppe erlauben. Gerade in der vielschichtigen politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Gemengelage säkularisierter Gesellschaften, die aufgrund ihrer Undurchschaubarkeit bei vielen Menschen Emotionen wie Angst und Unsicherheit auslösen, erleben sowohl Verschwörungstheorien als auch fundamentalistische Religionsformen einen Aufschwung. Vor diesem Hintergrund kommen die Autor:innen zu dem Fazit, dass Verschwörungsglauben durchaus Parallelen zu traditionellen Religionen aufweist, anders als diese „jedoch ohne formalisierte Institutionen und Glaubenssätze“ auskommt (ebd.). Das „Aber“ wiegt allerdings mindestens genauso schwer: Verschwörungsglauben darf nicht ausschließlich als „ein individuelles, quasi-religiöses Phänomen betrachtet werden, sondern auch als ein politisches und gesellschaftliches Problem“ (62). Die Autor:innen vermuten hinter dem großen Misstrauen sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber der Wissenschaft einen Anti-Mainstream-Effekt, der durchaus weitreichendere Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben könnte als individuelle religiöse Überzeugungen. Dieser Effekt könnte auch erklären, warum „die Stärke der Glaubensüberzeugungen zwar positiv mit Verschwörungsanfälligkeit assoziiert ist, die Zugehörigkeit zu einer kirchlichen Konfession aber sogar teilweise negativ“ (ebd.). Das Misstrauen führt dazu, dass politische Institutionen und gesellschaftliche Minderheiten, teils im Rückgriff auf kulturell verankerte rassistische Überzeugungen, zu Feindbildern erklärt werden, die auf nicht zu unterschätzende Weise die Demokratie und den Zusammenhalt in der Gesellschaft gefährden. Eine einseitige Betrachtung des Verschwörungsglaubens als Quasi-Religion könnte dies übersehen und notwendige Maßnahmen im Kampf gegen die Verbreitung dieses Phänomens verhindern.

Handlungsempfehlungen

Der Kampf gegen Verschwörungserzählungen zählt gesamtgesellschaftlich sicherlich zu den gegenwärtig größten Herausforderungen. Der Einfluss dieser Anschauungen beschränkt sich nicht mehr allein auf Online-Foren oder Kneipenstammtische, sondern reicht bereits bis ins Oval Office. Und auch hierzulande zeigen jüngste Wahlergebnisse einen beunruhigenden Trend. Wenngleich die Statistik des Religionsmonitors allgemein einen leichten Rückgang von Verschwörungsglauben vermerkt, steigen die Zustimmungswerte von Parteien, die Verschwörungsnarrative bereitwillig bedienen, und mit ihnen ihr politischer Einfluss. Die desaströsen Auswirkungen auf globalpolitischer Ebene lassen sich nahezu täglich live verfolgen. Sie verdeutlichen, dass Demokratien und liberale Gesellschaften einem immensen Stresstest ausgesetzt sind, dessen Ausgang längst nicht feststeht. Um ihren Fortbestand zu gewährleisten, gilt es, das Vertrauen in demokratische Systeme und Institutionen sowie in die Wissenschaft wiederherzustellen bzw. zu festigen. Diese Mammutaufgabe „müssen Religionsgemeinschaften ebenso übernehmen wie Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaftler:innen“ (21). Welche Rollen kann Kirche und kirchliche Weltanschauung vor dem Hintergrund dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung einnehmen?

Kirche als Schutzraum für gesellschaftliche Minderheiten

Verschwörungstheorien agieren oftmals mit konkreten Feindbildern. Die Statistik zeigt, dass besonders jüdische und muslimische Mitbürger:innen Gefahr laufen, zur Zielscheibe von Hass und Hetze zu werden. Rassistische oder antisemitische Anschläge wie in Halle 2019 oder Hanau 2020 sind nur die traurige und brutale Spitze eines Alltagsrassismus, dem Angehörige dieser Gruppen tagtäglich ausgeliefert sind. Verschwörungserzählungen beziehen ihre Sündenbockfantasien nicht aus dem luftleeren Raum, sondern bauen auf antisemitischen und islamfeindlichen Vorurteilen auf, die gesellschaftlich nach wie vor weit verbreitet sind.

Die Verantwortung für schutzbedürftige Minderheiten kann aus dem biblischen Auftrag der Nächstenliebe heraus begründet werden und bedeutet, sich entschieden gegen Ausgrenzung und Rassismus zu stellen. Sie kann vielseitig ausgestaltet sein, von ganz praktischer Unterstützung von Zugezogenen über den interreligiösen Dialog bis hin zu öffentlichen Statements gegen jede Form von Gewalt gegenüber Minderheiten. Diese Verantwortung bedeutet aber auch, strukturelle Defizite in der Kirche kritisch zu hinterfragen und sich konkret mit dem genuin kirchlichen Beitrag zu (Alltags-)Rassismus in Vergangenheit und Gegenwart zu beschäftigen. Der Einsatz von Persönlichkeiten wie Sarah Vecera3 macht deutlich, dass sich Kirche auch von innen heraus weiterentwickeln muss, um mitzuwirken, dass sich das gesellschaftliche Klima langfristig zum Positiven verändert. Vom Rassismus historisch nicht zu trennen ist der spezifisch christliche Antisemitismus bzw. Antijudaismus, den es so weit wie möglich aufzuarbeiten gilt.4

Kirche als Raum des Dialogs

Die Autor:innen des Religionsmonitors machen unmissverständlich deutlich, dass das verlorengegangene Vertrauen in politische Prozesse zurückgewonnen werden muss. Um das zu erreichen, müssen politische Debatten transparent und allgemein verständlich sein und unter den Spielregeln der Ambiguitätstoleranz geführt werden. Die Kirchen können hier als politisch neutraler Boden fungieren und Begegnungsräume für politische Kontrahenten schaffen. Professionell moderierte Verständigungsorte können einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer neuen Diskurskultur leisten, die gesellschaftliche Debatten sachlich und fair aushandelt. Zudem tragen sie zur lokalen Vernetzung bei und ermöglichen bei ernsthaftem Interesse am Anderen eine Horizonterweiterung für alle. Dass es sich dabei um ein verbreitetes gesellschaftliches Bedürfnis handelt, ist ein zentrales Ergebnis der jüngst veröffentlichten midi-Studien der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung.5

Die Ergebnisse des Religionsmonitors sollten besonders für die kirchliche Weltanschauungsarbeit zum Anlass genommen werden, den eigenen Umgang mit anderen Gruppierungen zu reflektieren. Hervorzuheben ist, dass besonders jene religiösen Strömungen, die sich in der Defensive wägen, anfällig für Verschwörungserzählungen werden. Bei aller Kritikwürdigkeit mancher Glaubensgemeinschaften sollte in der kirchlichen Weltanschauungsarbeit stets darauf geachtet werden, Einwände fair und sachlich zu formulieren. Pauschalisierungen oder Generalurteile sind innerhalb kirchlicher Kritik schon allein deshalb obsolet, weil die Kirchen längst keine Deutungshoheit mehr in religiösen Fragen haben.

Glaube als Resilienzfaktor

Hinter allen religiösen und quasi-religiösen Überzeugungen stehen Menschen mit ernstzunehmenden Bedürfnissen nach Sinn und Orientierung. Gerade in persönlichen Krisen und Phasen gesellschaftlicher Verunsicherung brauchen Menschen empathischen Beistand und haltgebende Antworten. Kirchliche Frömmigkeit – auch das ist ein wichtiges Ergebnis des Religionsmonitors – kann als Ressource zur Bewältigung unsicherer Zeiten dienen und sich präventiv gegen die Anfälligkeit für Verschwörungserzählungen auswirken. Um wieder flächendeckend Ansprechpartner für krisenbelastete Menschen zu werden, müssen die Kirchen, nicht anders als Politik und Wissenschaft, um das Vertrauen der Menschen werben. Weil sich in Anbetracht der fragilen gesellschaftlichen Gesamtlage ein einfaches Weiter-so nicht empfiehlt, ist hier Innovation und Kreativität bei allen kirchlichen Einrichtungen gefragt. Das ist in Zeiten von Personal- und Finanzkürzungen keine einfache Aufgabe, für den Erhalt der Demokratie aber unverzichtbar.


Katharina Portmann (Berlin), April 2025
 

 

Anmerkungen

  1. Ruben Below, Yasemin El-Menouar und Ines Michalowski, „Verschwörungsglaube als Gefahr für Demokratie und Zusammenhalt. Erklärungsansätze und Prävention“, Religionsmonitor, Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh, Februar 2025, https://tinyurl.com/muv5dsev (Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Dokument) (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 2.4.2025)
  2. „‚Beratungskompass Verschwörungsdenken‘ startet“, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 27.2.2025, https://tinyurl.com/3axfcnwd.
  3. Sarah Vecera, Wie ist Jesus weiß geworden? Mein Traum von einer Kirche ohne Rassismus (Ostfildern: Patmos, 2024).
  4. Informationen dazu auf der Themenseite „Kirche gegen Antisemitismus“ der EKD, https://tinyurl.com/3h59uccf.
  5. Daniel Hörsch, „Verständigungsorte in polarisierenden Zeiten. Studie zur Stimmungslage der Gesellschaft“,midi/Evangelisches Werk für Diakonie und Entwicklung e.V., Berlin, 2025, https://tinyurl.com/2t7yaewk.