Katharina Portmann

Podcasts zu Weltanschauungen

Neue Staffel des Podcasts „Seelenfänger“ veröffentlicht

Der Erfolgspodcast „Seelenfänger“ des Bayerischen Rundfunks (BR) hat eine fünfte Staffel veröffentlicht. Nachdem bereits Hördokumentationen über die rechtsesoterische Anastasia-Bewegung, die Katholische Integrierte Gemeinde, die koreanische Neureligion Shincheonji und die Yogabewegung Atman herausgegeben wurden, widmet sich die neueste Veröffentlichung der Germanischen Neuen Medizin (GNM) und ihrem Begründer Ryke Geerd Hamer.

Wie in den älteren Staffeln haben die Autor:innen ausführliche Recherchen für das Projekt unternommen, die fachkundige Einschätzungen zahlreicher Expert:innen sowie erfahrungsbasierte Einblicke von Aussteiger:innen in den Blick nehmen. Den umfangreichen Stoff bieten sie in zwei Haupterzählsträngen dar, die sich durch alle sechs Folgen ziehen.

Auf der einen Seite werden die Biografie und die Lehren des 2017 verstorbenen Begründers der GNM beleuchtet. Nach einem Studium der Humanmedizin und der evangelischen Theologie in Tübingen praktizierte Hamer zunächst einige Jahre als niedergelassener Facharzt, bis er sich aufgrund von Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung gezwungen sah, auf die kassenärztliche Zulassung zu verzichten. In der Folge versuchte der Mediziner sein Glück mit unterschiedlichen Patenten, die aber wegen erheblicher Mängel nie vermarktet wurden. Die massive Verschuldung und etliche Rückzahlungsforderungen gegen Hamer veranlassten seine Ehefrau, mit den vier gemeinsamen Kindern 1978 nach Italien zu flüchten. Noch im selben Jahr kam es zu einer Tragödie in der Familie, die einen Wendepunkt markierte: Die beiden Kinder Dirk und Birgit gerieten bei einem Bootsausflug vor Korsika in eine Schießerei, bei der der schlafende Dirk von einer Kugel getroffen und schwer verletzt wurde. Die genauen Umstände dieses Zwischenfalls wurden nie gänzlich geklärt. Der prominente Schütze, Viktor Emanuel von Savoyen, der im Exil lebende letzte Kronprinz des italienischen Königreichs, wurde lediglich wegen illegalen Waffenbesitzes verurteilt, nicht aber wegen des Schusses. Hamer veranlasste damals die Verlegung seines schwerverletzten Sohnes in das Universitätsklinikum Heidelberg, wo er nach mehreren Monaten seinen Verletzungen erlag.

Eindrücklich beschreibt die Tochter Birgit Hamer diese Lebensphase im Podcast und gewährt auf diesem Weg tiefe Einblicke in die familiären Dynamiken. Als der trauernde Vater wenige Monate später an Hodenkrebs erkrankte, begann er eine eigene Theorie über die Ursache von Krebs zu entwickeln. Sie diente ihm später als Grundlage für die GNM. Krebs entstehe durch ein Schockerlebnis oder durch seelische Konflikte. Die Wahrheit dieser Theorie habe sein Sohn Dirk, so Hamer, in mehreren Traumerscheinungen bestätigt. Im Jahr 1981 reichte er seinen medizinischen Ansatz als Habilitationsschrift an der Universität Tübingen ein; die Arbeit wurde jedoch aufgrund massiver wissenschaftlicher Mängel abgelehnt. Der seinerzeit noch approbierte Arzt, der an verschiedenen Orten in Deutschland und Österreich praktizierte, dehnte seinen Ansatz nun auf sämtliche Krankheiten aus. Er verlor schließlich seine Approbation, wurde mehrfach verurteilt und verbüßte Haftstrafen. Dennoch erweiterte sich sein Wirkungskreis stetig. Seine Theorien vermischten sich dabei immer weiter mit antisemitischen und verschwörungstheoretischen Inhalten. Er gründete mehrere sogenannte Gesundheitszentren, deren katastrophaler Zustand von ehemaligen Mitarbeiter:innen im Podcast beschrieben wird. Zahlreiche Patient:innen erlagen ihren Erkrankungen, die meisten von ihnen dem Krebs. Hamer flüchtete schließlich nach Norwegen, wo er 2017 starb. Die GNM, so ergaben die Recherchen des BR, ist indessen weltweit verbreitet und wird im alternativmedizinischen Milieu nach wie vor praktiziert. Zur Veranschaulichung der teils drastischen Auswirkungen der GNM auf das persönliche Leben der Anhänger:innen dient der zweite Erzählstrang des Podcasts.

Berichtet wird dort die Geschichte von „Caro“, die unter einem Pseudonym und mit KI-verzerrter Stimme spricht. Sie kommt durch ihren Stiefvater bereits als junges Mädchen in Berührung mit den Anschauungen der Pseudomedizin. Die Familie richtet den gesamten Lebensstil mehr und mehr auf die Lehren Hamers aus. Der Kontakt zu ihrem leiblichen Vater wird als Ursache verschiedener Krankheiten identifiziert und schließlich abgebrochen. Als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, muss Caro sehen, welche katastrophalen Auswirkungen die „Behandlungen“ von Hamer haben. Die Mutter entzieht sich jeglicher evidenzbasierten Medizin, weil diese nach dem Glaubenssystem der GNM Krankheiten nicht heilen, sondern nur verschlimmern könne. Die Tochter beschreibt, wie der Tumor ihrer Mutter wächst und wie sie immer mehr zum Pflegefall wird. Die Pflege wird von nahestehenden Personen aus dem Umfeld der Familie und von den beiden Kindern übernommen. Caro, damals zwischen 11 und 13 Jahre alt, erlebt, wie der Zustand ihrer Mutter sich zunehmend verschlechtert; auch die täglichen persönlichen Gespräche mit Hamer bringen keine Besserung. Die Familie kapselt sich immer weiter ab, die Mutter erträgt die Schmerzen kaum noch und bittet wiederholt, einen Krankenwagen zu rufen. Indoktriniert von der Lehre Hamers sind ihre Kinder jedoch davon überzeugt, dass ihr dies nicht helfen, sondern schaden würde. Als eine hinzugerufene Nachbarin den Notarzt ruft, ist es bereits zu spät: Caros Mutter stirbt qualvoll.

Die damals 13-Jährige begibt sich auf die Suche nach Antworten darauf, warum die GNM bei ihrer Mutter nicht zu helfen vermochte. Sie beschreibt zunächst eine aus jahrelanger Beeinflussung resultierende Einsicht: Ihre Mutter sei nicht etwa an den Methoden der GNM gestorben, sondern an ihrem Unvermögen, die seelischen Konflikte zu lösen, die nach dem Dogma Hamers als Ursachen ihres Brustkrebses anzusehen sind. Unterstützt durch den Stiefvater beschäftigt sich Caro nochmals eingehender mit der GNM, die sie auch nach dem tragischen Tod der Mutter nicht weiter hinterfragt. Erst als sich die Beziehung zum leiblichen Vater wieder intensiviert und Caro erlebt, wie er sich trotz des jahrelangen Kontaktabbruchs liebevoll um seine Töchter kümmert, ändert sich langsam ihre Sichtweise. Es beginnt ein langer Weg der Ablösung von der GNM und von ihrem alten Leben.

Dem Podcast gelingt es eindrücklich, die Lehren Hamers zu beschreiben und am Beispiel von Caro und anderen Aussteiger:innen zu verdeutlichen, welche drastischen Auswirkungen die GNM auf die Gesundheit und das Weltbild ihrer Anwender:innen haben kann. Die umfassenden Recherchen der Journalist:innen, die Interviews und die Erfahrungsberichte der Betroffenen geben einen vielschichtigen und tiefen Einblick in Hamers medizinisches Selbstverständnis und in die radikalen Einstellungen seiner gegenwärtigen Anhänger:innen.

Außerdem zeigt der Podcast auf, welchen immensen Wert der Kontakt „nach außen“ für Personen in geschlossenen weltanschaulichen oder religiösen Gruppen haben kann. Besonders wenn sich Zweifel an Lehre und Methodik breitmachen, können außenstehende Vertrauenspersonen zu einem Ankerpunkt werden und dazu beitragen, dass der oftmals schwere Weg aus der Gruppe erfolgreich beschritten werden kann.

Die sechsteilige Hördokumentation gibt bedrückende, aber wichtige Einblicke in die GNM und trägt dazu bei, eine größere Öffentlichkeit für die Thematik zu sensibilisieren. Der Podcast ist kostenlos auf der Website des BR und auf allen gängigen Streaming-Plattformen verfügbar (https://www.br.de/mediathek/podcast/seelenfaenger/888).
 

Katharina Portmann (Berlin), April 2025