Rüdiger Braun

Planetarische Krise und neue Bewusstseinskultur

Forschungsbeiträge zur gesellschaftlichen Relevanz von Meditation und Achtsamkeit

Es ist eine geglückte Selbstbehauptungsgeschichte: Als Paul Kohtes, Gründer der „Identity Foundation. Gemeinnützige Stiftung für Philosophie“, um das Jahr 2008 die Idee zu einem Kongress „Meditation & Wissenschaft“ aufbrachte, war das ein kleiner Paukenschlag. Es bedurfte, wie die Veranstalter des nunmehr 7. Interdisziplinären Kongresses zur Meditations- und Bewusstseinsforschung zugaben, eines beträchtlichen Maßes an Chuzpe und Mut, diese beiden Begriffe überhaupt zusammenzudenken. Fünfzehn Jahre nach dem 2010 erstmals veranstalteten Kongress schaut der in der Bewusstseinsforschung lange ausgeblendete Begriff der „Meditation“ auf eine diskurspolitisch und -pädagogisch höchst beachtliche Karriere zurück und ist, zusammen mit dem Begriff der „Achtsamkeit“, aus vielen Bereichen nicht mehr wegzudenken. Die Kongresse der Identity Foundation zu „Meditation & Wissenschaft“ dürften dazu nicht unwesentlich beigetragen haben. Und weil es in einer Zeit des Umbruchs, inmitten der Klimakrise, sich zuspitzender Kriege und der Erosion demokratischer Systeme „ums Ganze“ geht, wandte sich die siebte Auflage des Kongresses in einem ganz grundsätzlichen Sinn der „gesellschaftlichen Relevanz von Meditation“ zu und fragte, wie sich im Angesicht künstlicher Intelligenz und disruptiver Technologien „Wege zu einer neuen Bewusstseinskultur“ (Themenschwerpunkt I) eröffnen lassen, in der auch der „Meditation als Praxis des Verbundenseins“ (Themenschwerpunkt II) zentrale Bedeutung zukommt.

Wege zu einer neuen Bewusstseinskultur

Von der Egozentrik zur Selbsttranszendenz

Als einen ersten Schritt zu einer neuen Bewusstseinskultur nahm Tobias Esch, Leiter des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung (IGVF) an der Universität Witten/Herdecke und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Kuratoriums „Meditation & Wissenschaft“, den Zusammenhang von Meditation und Verbundenheitsgefühl in den Blick und legte den Fokus auf die Erfahrung von Selbsttranszendenz als Weg aus der Egozentrik. In einer quantitativen Erhebung, die er zu langfristigen Veränderungen von Achtsamkeit bei erfahrenen Praktizierenden durchgeführt hat, sei eine deutliche Wechselbeziehung zwischen Achtsamkeitspraxis und prosozialem Verhalten erkennbar gewesen. Ein ausgeprägtes „nichtreaktives Gewahrsein“, eine Wahrnehmung des Anderen also, die von jeglicher Beurteilung und Bewertung erst einmal absieht, habe dabei am stärksten mit der Verbundenheit zu anderen Menschen korreliert. Auf allen drei untersuchten Ebenen, der Verbundenheit zum Selbst, zum anderen sowie zur Natur (self – social – environment), habe sich eben das Nichtreagieren und Nichtbewerten als ein entscheidender Faktor erwiesen. Zugleich bestätige das Wechselverhältnis zwischen Selbsttranszendenz und dem Gefühl des Eingebettetseins in ein größeres Ganzes die relationale Quantentheorie, die besage, dass alles, was ist, nur in Bezug auf etwas Anderes existiere. Wenn Meditation genau dies lehrt, dass „alles nur in Abhängigkeit entsteht, besteht und wieder vergeht“, verknüpft sich das für Esch mit der Frage, ob nicht diese „Praxis der Verbundenheit“, die von jeglicher Bewertung des anderen absieht, „die Essenz von Meditation“ sei.

Die unterschiedliche Wirkung verschiedener Meditationstechniken

Peter Sedlmeier vom Institut für Psychologie der TU Chemnitz widmete sich noch sehr viel grundlegender der in der Forschung lange vernachlässigten Frage danach, „was genau Meditierende tun, wenn sie meditieren“. Sedlmeiers Grundthese, dass unterschiedliche Meditationstechniken und -praktiken auch differentielle Wirkungen entfalten, ist Ergebnis einer systematischen Studie, in der er – als Untergrenze (!) – 309 unterschiedliche Techniken des Meditierens identifiziert und davon zwanzig einer näheren Analyse unterzogen hat: darunter etwa die visuelle Konzentration, die achtsame Betrachtung („Mindful Observation“), die „Body-Centered Meditation“, Meditationen mit Bewegung (z.B. Qigong), die Mantra-Meditation und die affektzentrierte Meditation. Es zeige sich, dass Achtsamkeitsmeditation insbesondere bei geringen Empathie- und/oder hohen Narzissmuswerten durchaus negative Effekte haben bzw. narzisstische Tendenzen und Selbstüberschätzung verstärken, andererseits aber auch bei der Linderung von Depressivität helfen kann. Bei der Therapie von Angstzuständen hingegen scheitere die Achtsamkeitsmeditation eher. Im quantitativ und neuro­a⁠natomisch erhobenen Vergleich von Meditationsformen, die sich auf den Atem, den Körper oder das Mitgefühl („loving kindness“) fokussieren, habe sich der Bodyscan, also das achtsame Wahrnehmen der einzelnen Körperteile („von Kopf bis Fuß“), als eine der wirksamsten Meditationsmethoden erwiesen.

Praktiken des Entzugs jenseits des Nihilismus

Der an der ETH Zürich lehrende Philosoph Michael Hampe formulierte vor dem Hintergrund einer Reflexion zum „Nihilismus als Gegenwartsverlust“ ein starkes Plädoyer für eine Praxis des Entzugs, die das „Streben nach Sinn und Zweck“ sowie „die Logik der unbegrenzten Steigerung“ als „kulturelle Probleme“ überwinden und zur „Kontemplation der zwecklosen Gegenwart“ verhelfen könne. Als Vademecum dafür würden sich die aus der buddhistischen Tradition stammenden Praktiken der Vipassana-Einsichtsmeditation oder des Zazen (Sitz-Meditation) anbieten. Diese Praktiken könnten von der Sucht befreien, ständig zu bewerten und Zielvorstellungen nachzustreben, zugleich aber auch helfen, der (zwecklosen) Gegenwart furchtlos entgegenzutreten. So sei selbst die Praxis der Achtsamkeit dysfunktional, wenn sie allein der Selbstoptimierung diene. Zu verabschieden sei auch die der jüdisch-christlichen Kultur eingeprägte Hoffnung auf den Messias als Vertröstung auf eine jenseitige Erlösung von den Leiden der Gegenwart. Schon die Idee eines Heilsweges, und das gilt auch für den Topos der Meditation selbst, sei, so Hampe, eine angstbesetzte und deshalb zu überwindende Einstellung. Der „den Planeten ruinierenden Lebensform“ der Gegenwart stellte er den Buddhismus als „Aufklärungspraxis“ (mit Betonung auf -praxis) und die Weisheit des Diamantsutra entgegen: Dort werde von einem Leben ohne Zielvorstellung und von der Furchtlosigkeit als Alternative zum Ideal der Kreativität und Zwecksetzung erzählt. Eine solche kontrastive Gegenüberstellung von jüdisch-christlicher Erlösungshoffnung und aufgeklärter buddhistischer Lebenspraxis auf einem wissenschaftlichen Kongress zu hören, hat angesichts der damit notwendigerweise einhergehenden Pauschalisierungen und Essentialisierungen religiöser Lebenswelten dann doch einigermaßen erstaunt. Friederike Boissevain, Ärztin für Innere Medizin und Palliativmedizin, blieb in ihrem anschließenden Beitrag solchen (aus religionswissenschaftlicher Sicht ohnehin fragwürdigen) Kontrastzeichnungen fern und legte in ihrer „Betrachtung aus der Zen-Perspektive“ zum „Stillwerden angesichts unserer Endlichkeit“ den Fokus auf einen neuen Umgang mit der „Urfurcht“ des Menschen, der Vergänglichkeit und Endlichkeit seines Lebens. Die buddhistische Praxis des Zen zeige als meditative Einsicht in das vergängliche (annicca) und leidvolle (dukkha) Leben sowie in das „Nicht-mehr-[ich-]Sein“ (anatta) einen Weg auf zu der Erkenntnis, dass alles Leere ist. Sie ermögliche es so, „sich selbst der Urfurcht zuzuwenden“ und „in eine ungemein kreative, Inspiration und Frieden bietende Stille zu fallen“.

Meditation in einer Kultur der Instrumentalisierung

Achtsamkeit und Meditation haben mittlerweile in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen und Institutionen Einzug gehalten und werden im Gegensatz zu „esoterischen“ Praktiken, die man weithin pejorativ betrachtet, als empirisch fundiert angesehen. Es ist von einem „spiritual turn“ die Rede, von einer individuellen und erfahrungsorientierten Spiritualität, die sich im Gegensatz zu institutionellen Gestalten von „Religion“ weniger an Lehre („Dogma“) und Wissen als vielmehr an (Erfahrungs-)Weisheit und Tiefe interessiert zeigt. Dabei lässt sich das breite Spektrum transformativer Praktiken und Materialien aus unterschiedlichsten Kulturen, das den an Meditation Interessierten heute zur Verfügung steht, ganz verschieden nutzen: entweder ganz basal zur Reduktion von Stress und zur Förderung von Gesundheit und Resilienz oder eben mit dem ganz großen Ziel des „Erwachens“ (Pali: bodhi). Und wenn dabei irgendwie auch eine vertiefte Selbstexploration zustande kommt, ließe sich das ja bereits als Form von „Erlösung“ verstehen. Zugleich aber stellten die Vortragenden neben den positiven Effekten von Meditations- und Achtsamkeitspraktiken eine Instrumentalisierung („MacMindfulness“) derselben fest, eine durch instrumentelles Denken beförderte Verzweckung, die der ursprünglichen Intention (zumindest zenbuddhistisch verstandener) Meditation diametral entgegensteht. Und nicht wenige Meditierende erleben, wie Liane Hoffmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, betonte, auch die Schattenseiten von Meditation: Bei nahezu einem Drittel der Meditierenden ließen sich, wenn auch nicht die ganz großen Krisen, so zumindest „unerwünschte“, von Hoffmann leider nicht präzisierte „Nebenwirkungen“ feststellen. Meditation sei somit nicht zwangsläufig und in jeder Situation das Mittel der Wahl. „Wohlverstanden“ aber schaffe sie „Perspektiven für Lebensformen, in denen das instrumentelle Denken nicht alles dominiert“.

Die Wiedergewinnung von Selbstachtung durch nichtegoisches Bewusstsein

Weil „das alte, durch Gier, Neid und Dominanzstreben angetriebene Lebensmodell in eine globale Katastrophe“ führe, brauche es, so der Philosoph und Kognitionswissenschaftler Thomas Metzinger (Mainz) in seinem abendlichen Festvortrag, „ein neues Leitbild für die planetare Krise“. Den Ausgangspunkt für die notwendige Debatte um den Erhalt einer mentalen und politischen Resilienz sieht er im Begriff der „Bewusstseinskultur“ bzw. in einer „säkularisierten Spiritualität“, die den veränderten Bedingungen der Moderne Rechnung zu tragen vermag. Gegenüber dem in Bibliotheken und digitalen Räumen begegnenden „Zuversichtskitsch“, der den Menschen noch Hoffnung auf Besserung zu machen sucht („Hoffnung ist Gift mit Erdbeergeschmack“), bedarf es einer neuen Form von „spirituellem Realismus“, der im Sinne Krishnamurtis die Krise direkt konfrontiert und sie in ihrer „Fülle und Intensität“ zugleich überwindet. Übersetzt hieße das für Metzinger die Kultivierung eines „non-dualen und nichtegoischen Selbstbewusstseins“, das die individuelle Ich-Perspektive übersteigt und damit gleichsam „zu sich selbst erwacht“. Teilnehmende an einer Studie hätten, so Metzinger, in diesem „Zu-sich-selbst-Erwachen“, das mit einer „nichtegoischen Reflexivität“ verbunden sei, die „spirituelle Essenz“ des Bewusstseins entdeckt. Es sei dies ein ohne Narrativ und ohne autobiographische Komponenten auskommender Zustand reflexiver Achtsamkeit, der sich mit Meister Eckharts Begriff des „Seelengrundes“ in Verbindung bringen ließe und einen „viel robusteren Ankerpunkt“ für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bilden könne als alle überkommenen intellektuellen Konstruktionen und religiösen Traditionen.

Es geht ums Ganze: Meditation als Praxis des Verbundenseins

„Erleuchtung“ mit und ohne Meditation

Die zunächst in groben Umrissen skizzierte neue Bewusstseinskultur ließ in einem zweiten Anlauf Fragen nach dem spezifischen Beitrag aufkommen, den insbesondere Meditations- und Achtsamkeitspraktiken für die Schaffung und Förderung einer Kultur des „Verbundenseins“ leisten könnten. Den Auftakt dazu bildete ein „Science Slam“, in dem Nachwuchswissenschaftler Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zu Meditation und Achtsamkeit gaben. Maryam Balke, Fachärztin für Neurologie und Rehabilitationsmedizin an der Universität Witten/Herdecke, stellte die „MTO Sufi-Methode der Konzentration und Meditation ‚Tamarkoz‘“ (persisch: „Konzentration“, von markaz, „Zentrum“) vor, die zu einem „Sammeln von Energien im Herzen“ als „Tor des Bewusstseins“ befähigen und damit zu einer „Vereinigung von Hirn und Herz“ führen könne. Tamara Nüssle, Lehrbeauftragte an der Hochschule Furtwangen und Waldachtsamkeitstrainerin, referierte die Ergebnisse eines „achtsamkeitsbasierten“ und mittlerweile auch kassenzertifizierten „Gesundheitskurses in der Natur“ („Nature-Based Stress Reduction“, NBSR), den sie in den vergangenen Jahren etabliert hat: Er vermittle im Rahmen von acht Stunden Waldbegehung naturorientierte Achtsamkeitsübungen und damit zugleich Grundlagen von Selbstreflexion und Stressreduktion (vgl. https://regeneration2go.de). Cyril Costines, Doktorand für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg, hat Probanden in einem Salzwassertank mithilfe einer Versuchsanordnung, die externe Stimuli ausschaltet („restricted environmental stimulation“), die Erfahrung einer Auflösung der Körpergrenzen – also eine „Entgrenzungserfahrung“ – ermöglicht („Floatation-Rest als Induktionsmethode für minimale phänomenale Erfahrungen [MPE]“). Durch sensorische Deprivation, so Costines, sei den Teilnehmenden „die Erfahrung eines kategoriefreien Zustandes“ bzw. einer „lebendigen Leerheit“ vermittelt worden.

Achtsamkeitsübungen und Atemtechniken als Bildungspraxis

Dominik Weghaupt, Dozent an der Pädagogischen Hochschule Burgenland, rückte in seinem Vortrag zu „Achtsamkeit als Bildungspraxis?“ die „Aufmerksamkeit als genuine pädagogische Zielkategorie“ in den Blick und würdigte dabei auch die Negativerfahrung des Nichtgelingens als „pädagogisch produktives Moment“. Eva Makkos (Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder) schließlich stellte die Forschungsergebnisse aus ihrer Studie „Transformationsprozesse durch langjährige Yoga-Praxis“ vor. Das in der westlichen Hemisphäre eher mit „Gesundheit und Prävention“, im (ost)asiatischen Raum eher mit einer Entsagungs- und Einheitspraxis (samadhi) konnotierte Phänomen Yoga habe, so Makkos, in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Transformation erfahren: Unter den Containerbegriff „Yoga“ werden mittlerweile alle möglichen Praktiken zur Kultivierung von Energien, zur Regulation des Atems, zur Entgiftung, Gewichtsreduktion, Gesundheitstherapie sowie Ernährung, aber auch einfach zur Emotionsregulierung und Kultivierung von Flexibilität subsumiert. Yoga-Meditation ziele dabei in den wenigsten Fällen auf das, was zum Beispiel im buddhistischen Zen angestrebt wird (zweckloses Sein, „Leerheit“ usw.). Sie ziele vielmehr auf eine Praxis, durch Atemkontrolle und Körpergespür einen im Alltag nicht erreichbaren, primär der Erholung und Gesundheitsprävention dienenden Zustand zu generieren. Makkos’ kaum überraschendes Resümee: „In allen Techniken, in denen es um Meditation geht, ist Atem(er)forschung zentral.“

Meditation in Beziehung: Kontemplative und perspektivische Dyaden

Tanja Singer, wissenschaftliche Leiterin der Forschungsgruppe „Soziale Neurowissenschaften“ der Max-Planck-Gesellschaft, arbeitet bereits seit mehreren Jahrzehnten zur Meditation und fragte in ihrem Kongressbeitrag, wie sich angesichts der mittlerweile alle Schichten und Altersgruppen erfassenden (Poly-)Krisen (Einsamkeit, Stress, Narzissmus, Klimakrise usw.) durch externe (institutionelle, rechtliche) und interne (mentale, bildungsbezogene) „Change-Agenten“ ein höheres Maß an sozialer Kohäsion, Resilienz und mentaler Gesundheit erreichen lasse. Die grundlegende Antwort darauf sieht sie ganz allgemein in „mehr Fürsorge durch innere Arbeit und mentales Training“, konkret in dem, was sie in ihren Trainingsprogrammen ReSource Projekt, CovSocial und EDU:SOCIAL anbietet. Diese Programme basieren auf Kernübungen, die – wie zum Beispiel die Liebe-Güte-Meditation – verschiedene Hirnregionen schulen, denen sozio-affektive und -kognitive Fähigkeiten zugeordnet sind, also sozusagen das soziale Gehirn. Als besonders wirksam hätten sich dabei sogenannte „kontemplative Dyaden“ erwiesen, die anders als die klassischen Achtsamkeitsmodule eine jeweils zwölf Minuten umfassende Praxis der Perspektivübernahme bzw. ein „mentales Training zu zweit“ beinhalten: Während der jeweils Sprechende in sich hineinspürt, den Fokus auf Gefühle, Empfindungen und Gedanken legt, dabei immer wieder innehält und die in ihm auftauchenden Impulse versprachlicht, achtet der jeweils Zuhörende offen und interessiert auf das Gesagte und beobachtet, ohne zu kommentieren, die eigene Reaktion und Wahrnehmung. Im Raum des empathischen und mitfühlenden Zuhörens entstehe, so Singer, ein interperzeptives Körpergewahr- und -bewusstsein, eine soziale Verbundenheit und geteilte Menschlichkeit, die auch für die Ausbildung von Resilienz, Optimismus und sozialer Nähe eine zentrale Bedeutung habe. Als „Meditation in Beziehung“ könne die Dyadenpraxis in ihrer wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkung ein hervorragendes „Instrument für globale Achtsamkeit“ sein.

Global Social Witnessing als kontemplative soziale Achtsamkeit

Der an der Universität Witten/Herdecke lehrende Kommunikationswissenschaftler Kazuma Matoba versucht, mit der Methode des „Global Social Witnessing“ die in seinem Verständnis immer schon sozial strukturierte Achtsamkeit in einem globalen Kontext zu positionieren. „Soziale Verbundenheit“ („social interrelatedness“) manifestiere sich in einer „achtsamen Aufmerksamkeit (mindful attention) für globale Ereignisse, die mit einem verkörperten Bewusstsein (embodied awareness) vollzogen wird“ und schaffe damit einen „inneren Weltraum“ („inner world space“), der diese Ereignisse widerspiegelt. Matobas explizit von Martin Bubers Ich-Du-Philosophie und Emmanuel Lévinas’ Ethik des Anderen inspirierte „whole-system awareness“ möchte zu einer „response-ability“ bzw. einer „inter-corporeality“ verhelfen, die es – mit Wilhelm von Humboldt gesprochen – ermöglicht, „so viel Welt als möglich in die eigene Person zu verwandeln“: Erst dies sei „im höheren Sinn des Wortes Leben“.

Prosozialität und Nachhaltigkeit durch Achtsamkeitsprogramme

Ganz in Entsprechung zu Matobas „global awareness“ will das an der Universität Leipzig angesiedelte und mit AOK PLUS und dem sächsischen Landesamt für Schule und Bildung kooperierende Forschungsprojekt „Achtsamkeit in der Bildung und (Hoch-)Schulkultur“ (ABiK) Elemente eines Achtsamkeitsprogramms mit sozialer und ökologischer Ausrichtung in den Schul- und Bildungsalltag integrieren. Ziel des ABiK-Basisformats Mindfulness-Based Sustainable Living (MBSL) ist es, durch verschiedene Meditationspraktiken wie Bodyscan und Bewegungsmeditation in der Natur eine neue, ausdrücklich „nichtwertende“ Haltung zur Um- und Mitwelt zu gewinnen und diese Haltung durch entsprechende Fortbildungsangebote in institutionelle (Bildungs-)Strukturen einzuspeisen. Anders als eine maladaptive Vermeidungsstrategie, die Herausforderungen wie zum Beispiel der Klimakrise auszuweichen sucht und damit (klima)schädigendes Verhalten fortführt, würde eine achtsamkeitsbasierte Emotionsregulation, wie die Projektleiterin Susanne Krämer betonte, systemische Feedbackschleifen ermöglichen und auf diese Weise um- und mitweltschützendes Verhalten befördern. Zumindest hat die Evaluation der ABiK-Formate, die mit Studierenden, Hochschullehrenden und Lehrkräften durchgeführt wurden, einen signifikanten Anstieg von prosozialem und proökologischem Verhalten feststellen können (vgl. https://www.zls.uni-leipzig.de/konferenz-abik).

Was Neurowissenschaften, Meditation und Psychedelika miteinander verbindet

Dass auch Psychedelika wie Psilocybin oder LSD prosoziales und -ökologisches Verhalten befördern, mystische Zustände hervorrufen und zum Beispiel Depression signifikant reduzieren können, dürfte vielen Kongressteilnehmern wohl noch nie so anschaulich und eindrucksvoll erläutert worden sein wie im Beitrag von Franz X. Vollenweider vom Center for Psychiatric Research, Psychopharmacology und Brain Imaging an der Universität Zürich. Die Forschung spreche in diesem Zusammenhang, so Vollenweider, von „unitive mystical experiences“ (UME) oder vom „touching the ground of being“, wobei damit nicht religiöse Zustände, sondern noetische, ästhetische und therapeutische Qualitäten gemeint seien. Die klinische Forschung konzentriere sich auf das Potential der Psychedelika, transformative Erfahrungen und anhaltende positive Nachwirkungen zu ermöglichen und Zustände wie Depression, Angststörungen und Suchterkrankungen zu therapieren. Vollenweider sprach mit großem Unterhaltungswert von den alten Griechen, die sich während des Frühlingsrituals für die Göttin der Fruchtbarkeit und der (aufblühenden) Natur (Demeter) mit dem Kykeon-Trunk, der unter anderem aus Pilzen gebraut wurde, die Erfahrung ozeanischer Entgrenzung verschafft und damit, in psychiatrischer Begrifflichkeit, eine „positive Selbstauflösung“ („positive self-dissolution“) erlebt hätten. Selbiges lasse sich heute durch kontrollierte Dosen von Psilocybin bzw. durch die Stimulation oder Blockade eines bestimmten Rezeptors im Gehirn (5-HT2A) erzeugen, so dass auch Normalsterblichen eine Erfahrung zuteilwerden könne, die bislang nur erfahrenen Zen-Meistern vorbehalten war.

Social Presencing Theater: Kollektives Wissen verkörpern

Dem von der Japanerin Arawana Hayashi begründeten „Social Presencing Theater“ (SPT) wiederum liegt weniger an der Entgrenzung des Einzelnen als vielmehr an einem „kollektiven Gespür“ („collective sensing“), das einem menschlichen System dabei helfe, das eigene Potential zu einer „emerging future“ zu erwecken und zu schärfen. SPT fungiert dabei Hayashi zufolge als ein Anschauungsort bzw. als ein Ort, an dem sich das inhärente Streben menschlicher Systeme nach Optimierung und Vervollkommnung mitsamt der Sehnsucht nach „awareness, faithfulness, love, courage, care and compassion“ manifestieren könne. „Social presencing“ heiße dann, „in den kollektiven Körper hineinzumeditieren, in den ‚social body‘, in das Soziale als das Gemeinschaftliche“. Es würde damit zu einer neuen Dimension des Sozialen, gleichsam zu einem „sozialen Yoga“, so Hayashi, mit derselben reinigenden und balancierenden Kraft des Yoga, die nun eben auf das Kollektive gerichtet sei. Durch achtsame Bewegungen und kurze verbale Äußerungen würden aus der jeweiligen Rolle heraus Veränderungen im System und aufkommende Potentiale erkundet, die aber nicht vorab festgestellten Ideen, sondern „emergenten Mustern“ folgen.

Verlust und Wiedergewinnung von Verbundenheit

Hayashis These vom inhärenten Streben menschlicher Systeme nach Optimierung und Vervollkommnung erfuhr zum Abschluss des Kongresses mit der Auswertung einer kombinierten tiefenpsychologischen, qualitativen und quantitativen Grundlagenstudie zur Verbundenheit sicher noch einmal eine erhebliche Relativierung. Die federführend von Stephan Grünewald (Rheingold-Institut) verantwortete Studie fragte in vierzig zweistündigen Tiefeninterviews sowie in einer repräsentativen Umfrage mit 1.009 Teilnehmenden danach, wie Menschen Verbundenheit erleben. Sie kam dabei teilweise zu „erschütternden Ergebnissen“, wie Grünewald es formulierte. In der Grundqualität der Gespräche zeichneten sich zwei gegenläufige Entwicklungen ab: Zwar rückt der Nahbereich und die Familie als soziales Bollwerk zusammen, doch fühlen sich die Befragten im größeren Sozialkreis eher unverbunden, erleben eine große Aggressivität im Miteinander und ein Auseinanderfallen in unterschiedliche Meinungsbiotope. In Zahlen nehmen fast neunzig Prozent der Befragten eine wachsende Trennung und Vereinzelung in der Gesellschaft wahr, empfinden das Miteinander in der Gesellschaft als aggressiv und erleben die Gesellschaft als gespalten und ohne gemeinsames Wir-Gefühl. „Das Land durchlebt“, so zitierte Grünewald Paul Kohtes von der Identity Foundation, „einen erschreckenden Verlust an Verbundenheit“ und damit zugleich die Aufteilung der Welt in eine eigene und eine externe: Nur in der eigenen Welt würde man noch Selbstwirksamkeit, Geborgenheit und Zuversicht erfahren, in der externen hingegen herrsche „eine diffuse Endzeit- und Einbruchstimmung“. Die Konsequenz sei der Rückzug ins private Schneckenhaus bzw. eine Form von Wagenburgmentalität – für eine auf Verständnis und Interessenausgleich angewiesene Demokratie fraglos eine höchst problematische Entwicklung. Grünewald fragte in seinen Studien außerdem nach den Entstehungsbedingungen von Verbundenheit. Bestimmend sei dabei insbesondere das Gefühl eines „universellen Aufgehobenseins“, das zwei Aspekte miteinander verknüpfe, nämlich „erhoben, gewürdigt, gestärkt“ und zugleich „geborgen“ zu sein, wie es zum Beispiel das von Grünewald angeführte Bonhoeffergedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ beschreibe. Neben einem abgegrenzten Rahmen und Raum (das Zuhause, das eigene Land usw.), sei weiterhin die Bereitschaft entscheidend, sich im Eingeständnis der eigenen Hinfälligkeit und Fehlerhaftigkeit dem Anderen gegenüber zu öffnen und ihn als Erweiterung des eigenen Selbst zu erfahren. Erst mit dieser Bereitschaft, so Grünewald, sei man wirklich gemeinschaftsfähig. Vertrauen in sich selbst und den Anderen erweise sich damit als eine zentrale, quer durch alle Entstehungsbedingungen von Verbundenheit hindurchgehende gesellschaftliche Ressource.

Gedanken zum Ausblick: Wie das Verbundenheitsgefühl wiedergewinnen?

Die Kongressbeiträge zu Meditation und Achtsamkeit verband die leidenschaftliche Frage nach Vertrauen, Resilienz und sozialethischem Handeln sowie einer säkularen Spiritualität als notwendigen Ressourcen für eine krisengeschüttelte Gesellschaft. Was aber im breiten Spektrum (tiefen)psychologischer, quantitativer und qualitativer Perspektiven auf menschliches Bewusstsein sowie auf verschiedene Meditationspraktiken merkwürdig ausgeblendet blieb, waren eingehendere Reflexionen epistemischer, anthropologischer und kulturpsychologischer Grundfragen zu den tieferliegenden Narrationen und Imaginationen, die der Ausbildung von Verbundenheit und Vertrauen im Allgemeinen sowie von mentaler, sozialer und politischer Resilienz im Besonderen förderlich sind. In den auf Bonhoeffers „gute Mächte“ rekurrierenden Anmerkungen zum Gewürdigt- und Geborgensein als Entstehungsbedingungen von Verbundenheit (Grünewald) wurde diese Dimension kurz gestreift, leider aber nicht vertieft. Doch reicht, so ließe sich kritisch zurückfragen, die Kultivierung eines nichtreaktiven und nichtwertenden Gewahrseins (Esch) oder eines nichtegoischen, von biografischen und narrativen Prägungen absehenden „reinen Bewusstseins“ (Metzinger) tatsächlich aus, um den gesellschaftlichen sowie „planetaren Krisen“ der Gegenwart zu begegnen? Und welche weltanschaulichen und religiösen Quellen könnten Menschen – jenseits der in zenbuddhistischer Stille und Leere erfahrenen „Furchtlosigkeit“ (Boissevain) oder „Zwecklosigkeit“ (Hampe) – dazu verhelfen, eine angstfreie und ausdrücklich prosoziale, auch dem Fremden gegenüber offene und dienende („diakonische“) Existenz zu führen? Gelegenheiten, über den als Aufklärungstradition verklärten Buddhismus hinaus auch auf die Potentiale und Ressourcen anderer religiöser – insbesondere vorderasiatischer – Traditionen zu verweisen, blieben ungenutzt. Und wo, wie in ganz wenigen Fällen, die meditativen und spirituellen Traditionen des Christentums und der Kirchen zur Sprache kamen, wurde auf ihre Überholtheit hingewiesen, mit der sie den Herausforderungen eben dieser krisengeschüttelten Gesellschaft nicht mehr gewachsen seien. Dabei dürfte die Beobachtung eine Rolle spielen, dass Religion im Westen zunehmend erodiert, die Gesellschaft dadurch aber nicht besser oder menschlicher geworden ist. Das Verschwinden der institutionellen Religion, so die Diagnose, hat eine Leerstelle, eine Lücke hinterlassen, die dazu einlädt, ausgefüllt zu werden. Die Veranstalter und Referenten des Kongresses „Meditation & Wissenschaft“ zeigten ein beträchtliches Engagement, sich als säkulare Alternative zum angeblich überkommenen christlichen (als dogmatisch und erstarrt wahrgenommenen) Glauben zu präsentieren. Nicht wenige der Vortragenden entfalteten ihre Gedanken zu einer neuen, ausdrücklich ein- (und nicht aus)schließenden sowie nichtwertenden (!) Bewusstseinskultur explizit vor der Negativfolie traditioneller Formen religiöser und kirchlicher (und damit implizit wertender, weil kriterial bestimmter) Spiritualität. Sie offenbarten zugleich ein für einen wissenschaftlichen Kongress höchst überraschendes Desinteresse nicht nur an grundlegenden Konstituenten christlicher Meditations- und Kontemplationspraxis, sondern auch an den vielfältigen kirchlichen Initiativen zur Förderung einer gesellschaftlichen Verbundenheit, die über religiöse Zugehörigkeiten hinausgeht. Angesichts des Tagungsmottos, dem zufolge es dem Kongress „ums Ganze“ ging, ist die Selbstgenügsamkeit, in der sich hier Vertreter der Meditations- und Bewusstseinsforschung zusammengefunden haben, doch einigermaßen erstaunlich. Sie trägt mit Blick auf die dezidiert antireligiöse Note, die sie begleitet, just zu jener gesellschaftlichen Spaltung bei, die manche Vortragenden so eindrucksvoll moniert bzw. als gesellschaftliche Herausforderung markiert haben. Die christlichen Kirchen sind umso mehr gefordert, sich mit ihrer eigenen Stimme kritisch und konstruktiv in das mit dieser Herausforderung verbundene Engagement mit einzubringen.


Rüdiger Braun (Berlin), Mai 2025