Michael Utsch

Neuoffenbarungsbewegungen

Neuer Film portraitiert die Gründerin des Bruno-Gröning-Freundeskreises

Nur wenige neue religiöse Gemeinschaften wurden von Frauen ins Leben gerufen. Beispiele sind Christian Science (Mary Baker Eddy, 1821–1910), die Theosophische Gesellschaft (mitgegründet von Helena Blavatsky, 1813–1891) oder das Universelle Leben (Gabriele Wittek, 1933–2024). Die Lehren und Aktivitäten des „Wunderheilers“ Bruno Gröning (1906–1959) wurden erst zwanzig Jahre nach seinem Tod organisatorisch und strategisch gebündelt – von seiner wohl engsten Mitarbeiterin. Im Jahr 1979 gründete die Kärntener Lehrerin Grete Häusler (1922–2007) den „Bruno-Gröning-Freundeskreis“ (BGF). Im Jahr 1950 hatte sie eine blinde Freundin nach München zu einem Vortrag Grönings begleitet. Nach eigenen Angaben hatte sie eigentlich den Schwindel aufdecken wollen, um ihre Freundin vor einem Scharlatan zu bewahren. Jedoch erlebte die bis dahin überzeugte Atheistin selbst Heilung von einem schweren Leberleiden und anderen Beschwerden. In kurzer Zeit baute Grete Holzbauer (ihr Geburtsname) in Österreich über zwanzig Gemeinschaften auf. In den sogenannten „Gemeinschaftsstunden“ werden nicht nur die Lehren Grönings vermittelt, sondern man stellt sich gemeinsam auf die geistigen Kräfte des „Heilstroms“ ein und tauscht sich über Heilungserfolge aus. Heute gibt es viele internationale Gemeinschaften des BGF, die sich insbesondere in Europa, Nord- und Südamerika, Asien und Australien regelmäßig treffen.

Natürlich ist die neureligiöse Gruppe auch im Internet präsent. Seit 2007 ist der BGF mit seinem deutschen Kanal auf YouTube aktiv. Inzwischen betreibt die Plattform des Freundeskreises dort Profile in 33 Sprachen. Die Dokumentation „Das Phänomen Bruno Gröning“, mit der örtliche Gemeinschaften seit über zwanzig Jahren zu Werbezwecken in lokale Kinos einladen, läuft seit 2019 auch auf diesem Kanal. Der Film zeigt Mitschnitte und Dokumente, und über fünfzig Zeitzeugen Grönings kommen zu Wort. Seit Ende Januar 2025 steht nun ergänzend der als „Doku-Drama“ eingeführte neue Film „An der Seite Bruno Grönings“ auf YouTube zur Verfügung. Dieser neue Film zeichnet den Weg Grete Häuslers von einer anfangs misstrauischen Kritikerin, dann Geheilten und später engen Mitarbeiterin unterhaltsam nach. Über eine Dauer von 105 Minuten bietet er einen Mix aus Interviews, Schauspielszenen und Bildmaterial, mit dem die Lehre Grönings und der Erfolg seines „Heilstroms“ aus der persönlichen Perspektive seiner Mitarbeiterin dargestellt wird. Grete Häusler ist ein Beispiel für das in der Religionsgeschichte wiederholt auftretende Phänomen, dass eine Person nach einer Konversionserfahrung vom Unglauben zu einem begeisterten Aktivismus wechselt. Laut Angaben der Informationszeitschrift des Freundeskreises stieß der neue Film auf überschwängliche Reaktionen (1/2025, 14–15).

Grete Häusler wird darin als eine Frau portraitiert, die lange nach dem Tod Grönings die neue religiöse Bewegung um Gröning strukturierte und wesentlich zu ihrem weltweiten Wachstum beitrug. Grete Häusler war wie erwähnt selbst Heilungsempfängerin Bruno Grönings und engagierte sich bereits zu dessen Lebzeiten für die Verbreitung seiner Lehre. Für die Gründung des Freundeskreises benötigte sie aber offensichtlich eine längere Zeit der Reflexion und Sammlung ihrer Erfahrungen. Laut eigenen Aussagen hat Grete Häusler den Impuls zur Gründung des Freundeskreises durch „innere Führung“ bzw. eine „göttliche Inspiration“ erhalten. Sie sah es als ihre persönliche Lebensaufgabe an, die Lehre Bruno Grönings der Öffentlichkeit erneut zugänglich zu machen – aber eben erst, als „die Zeit reif“ gewesen sei.

Für den großen zeitlichen Abstand zwischen dem Tod Grönings und der Gründung des Freundeskreises dürfte auch das damalige gesellschaftliche Klima verantwortlich gewesen sein. In den 1950er und 1960er Jahren hatte sich in der Öffentlichkeit durch spirituelle Heiler, die in Skandale verwickelt waren, und Gerichtsprozesse, die medial breit dargestellt wurden, eine starke Skepsis ausgebildet. Auch Bruno Gröning stand mehrfach vor Gericht, weil er gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen hatte. Erst in den 1970er Jahren änderte sich das gesellschaftliche Klima, und es entstand ein wachsendes Interesse an Esoterik, alternativer Medizin und spirituellen Bewegungen. Diese Entwicklung erleichterte die offizielle Gründung des BGF.

Nach dem Tod Häuslers im Jahr 2007 übernahm ihr Sohn Dieter die Leitung des BGF. Für interne Konflikte sorgte die Entscheidung, alle Passagen aus Grönings Vorträgen zu streichen, in denen er sich über Christus äußerte und sich zu dessen Lehren bekannte. Dies wurde als Versuch interpretiert, die Lehre Grönings für Muslime zugänglicher zu machen. Deshalb spalteten sich Teile des Freundeskreises ab und bildeten den Verein „Informationskreis: Leben und Lehre Bruno Grönings“, der fortan auch den Personenkult um Gröning kritisierte.

Auch die kommerzielle Ausrichtung durch die Grete Häusler GmbH ist manchen ein Dorn im Auge. Während der BGF selbst keine Mitgliedsbeiträge erhebt und die Gemeinschaftsstunden und Filmvorführungen ehrenamtlich organisiert, vertreibt die GmbH originale Vortragsmitschnitte und anderes Material zu Bruno Gröning zu hohen Preisen.

Aus medizinischer Sicht werden vor allem die Erfolgsberichte als konstitutiver Bestandteil jeder Gemeinschaftsstunde hinterfragt. Gröning stellte in Aussicht, mit seiner „Heilenergie“ körperliche Leiden zu beseitigen. Kritiker befürchten, dass dies schwerkranke Menschen dazu verleiten könnte, auf konventionelle medizinische Behandlungen zu verzichten und sich ausschließlich auf Grönings Methoden zu verlassen. Wenn ernsthafte Krankheiten nicht ausreichend behandelt werden, sind schwere gesundheitliche Schäden nicht auszuschließen. Tatsächlich gibt es Berichte, dass Menschen sich von medizinischen Behandlungen abwandten und entweder schwere gesundheitliche Schäden erlitten oder sogar starben, weil sie auf Grönings Heilmethoden vertrauten, anstatt die notwendige fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.1

Trotz derartiger Einwände stoßen die Gruppenangebote gerade bei Heilungssuchenden weiterhin auf Resonanz. Das neue persönliche Filmportrait, das Häuslers Gesinnungswechsel von einer Skeptikerin zur engagierten Anhängerin nachzeichnet, dürfte diesen Trend weiter unterstützen.


Michael Utsch (Berlin), Juni 2025

 

Anmerkungen

  1. Florian Mildenberger, „‚Im Gewand des Geistlichen‘. Bruno Gröning als Ersatzpriester“, in: Michael Teut, Martin Dinges und Robert Jütte (Hg.), Religiöse Heiler im medizinischen Pluralismus in Deutschland (Stuttgart: Kohlhammer, 2019), 35–50.