Rüdiger Braun

Israel-Palästina und Migration

Schlaglichter auf Podien und Bibelarbeiten des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2025

„Israel-Palästina, Europa und Wir“ – Vom Ringen um Worte

Ein nicht zustande gekommenes Podium

Ursprünglich hätte es ein Nahost-Podium mit Stimmen aus der Region werden sollen, ein Dialog zwischen gesprächsbereiten Israelis und Palästinensern über den Weg aus dem Krieg in eine gemeinsame Zukunft. So war es zumindest vom Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags (DEKT) 2025 in Hannover vorgesehen. Doch die Furcht der Eingeladenen vor der direkten und schmerzhaften Konfrontation mit der Gegenseite und die selbstbewusst vorgetragenen Wünsche, wer sonst auf dem Podium sitzen dürfe, ließen das Vorhaben scheitern. Das Präsidium machte aus der Not eine Tugend und organisierte stattdessen eine Gesprächsrunde, die die Schwierigkeit des Miteinandersprechens selbst thematisierte. Sie stand unter dem Titel „Ringen um Worte. Israel-Palästina, Europa und Wir“ und wurde von einem längeren Grußwort des deutschen Botschafters in Israel, Steffen Seibert, eingeleitet. Anschließend sprach die Journalistin Elisabeth von Thadden (Die Zeit) mit der Autorin Eva Menasse (Gründerin und ehemalige Sprecherin des Berliner PEN-Verbandes1 und jüngst für ihren Roman Dunkelblum gefeiert). In Aufnahme von Seiberts Gedankenimpulsen rangen beide um eine Antwort auf die Frage, wie sich „in finsteren Zeiten“ möglichst kultiviert über Israel-Palästina und die dort zwischen den Mühlsteinen von Macht und fundamentalistischer Gesinnung zerriebene Bevölkerung diskutieren ließe.

Freundschaftliche Interventionen aus begründeter Sorge

Steffen Seibert, zum Auftakt des Gesprächs aus Tel Aviv zugeschaltet, bezeichnete die Gründung des Staates Israel anlässlich seines 77. Unabhängigkeitstages zunächst als Ausdruck historischer Gerechtigkeit nach Jahrhunderten der Verfolgung: Die Freundschaft zu und Solidarität mit Israel gehöre zur historischen Verantwortung und politischen Identität Deutschlands. Die damit verbundene Sorge um die Sicherheit Israels und seiner Einwohner, so Seibert weiter, schließe aber das Eintreten für die Rechte der Palästinenser nicht aus, sondern ein. Denn ein allein auf militärische Stärke setzender Krieg, der wie gegenwärtig in Gaza ohne klares Ziel geführt und in die Länge gezogen wird, könne Israel keine Sicherheit schaffen und somit weder im Interesse der israelischen Bevölkerung noch im Interesse Deutschlands als Verbündetem sein. Vor diesem Hintergrund würden sich das Eintreten für den Staat Israel und die Kritik an den extremistischen Auswüchsen der Besatzung und der Siedlerbewegung gegenseitig bedingen. Die Beziehung Deutschlands zu Israel, aus dem tiefsten moralischen Abgrund entstanden, schließe somit neben der Verantwortung für das jüdische Volk zugleich die Sorge um die Palästinenser, um den demokratischen Diskurs sowie um die Wahrung der Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen mit ein. Und so schwer es falle, das Leid der jeweils anderen Seite anzuerkennen: Es wäre schon viel gewonnen, so Seibert, wenn es beiden Seiten gelänge, ihr Leid und ihre Geschichten zu erzählen. Zumindest für die Bevölkerung in Israel könne er sagen, dass sich der größere Teil ein Ende des Krieges wünsche, der Rückhalt für die Regierung schwinde und die Opposition laut Umfragen mittlerweile eine deutliche Mehrheit hinter sich habe. Der in den letzten Jahren intensivierte Kontakt der Bundesregierung zu jüdischen NGOs zeige, dass Israel über eine starke Zivilgesellschaft verfüge, die Hoffnung auf eine regierungspolitische Wende bei den Ende 2026 anstehenden Wahlen macht.

Moralische Aufladungen und missbräuchliche Erinnerungskultur

Nach Seiberts hoffnungsvollem Ausblick ließ Eva Menasse – Tochter eines jüdischen Holocaust-Überlebenden und einer polnischen Katholikin – zunächst mit einer kritischen Feststellung aufhorchen: „Das Geschrei der Sozialen Medien und der digitalen Kommunikation“ lasse nur noch wenig Raum, verschiedene Positionen zur Thematik auszudiskutieren. Das kaum mehr zu entwirrende Knäuel aus Beschreibungen, Bewertungen und Be- bzw. Verurteilungen in Internet und Sozialen Medien befördere eine moralische Aufladung der Debatte, die einer lösungsorientierten Bestandsaufnahme der Situation im Nahen Osten von vornherein entgegensteht. Zusätzlich erschwert würde die Auseinandersetzung zudem, so Menasse, durch den Missbrauch der von Holocaust und Auschwitz geprägten Erinnerungskultur, wie ihn jüngst und prominent der jüdische Philosoph Omri Boehm beklagte. Mittlerweile diene die Erinnerung an den Holocaust vermehrt dazu, Kritik an Israel und seiner Regierungsführung von vornherein zu einem Sakrileg, in den Worten Elisabeth von Thaddens: zu einem „Zehenspitzenballett“ zu machen.

Lesarten des „Nie wieder“

Boehms Klage hebe auf eine Entwicklung in der deutschen Regierungspolitik ab, so Menasse, die bereits der Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille, Meron Mendel, in einschlägigen Medien mehrfach kritisiert hat: In dem Moment, in dem Deutschlands Verpflichtung gegenüber Israel und dessen Sicherheit zum Freifahrtschein einer extremistischen Regierung und ihrer Träume von Großisrael werde, drohe die Freundschaft Deutschlands zu Israel ihre moralische Daseinsberechtigung zu verlieren. Boehm zufolge gebe es zwei Möglichkeiten, das Erbe des Holocaust zu interpretieren und damit aus der deutschen Geschichte die vielzitierte „Lehre“ zu ziehen. Entweder man denke beim „Nie wieder“ primär an das jüdische Volk, dem solches nie wieder passieren dürfe, oder man wende es universal auf die gesamte Menschheit an: „Nie wieder“ dürfe einem Menschen – gleich welcher religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Zugehörigkeit – Derartiges zustoßen! Sehr viel stärker als etwa Seibert zeigen sich Boehm oder Mendel und mit ihnen auch Menasse einer universalistischen, die Wahrung der Menschenrechte einfordernden Perspektive verpflichtet. Diese Perspektive scheint mit ihrer besonderen Wertschätzung der Diasporaexistenz des Judentums zugleich einen anderen Blick auf Israel als staatliches Gebilde zu implizieren. Als „Verzweiflungsprojekt linker Zionisten“ (Menasse) verstanden, sei Israel als Staat letztlich das Produkt eines von Europa ausgehenden und mitverschuldeten Nahostkonflikts. Ohne die jahrhundertelange Verfolgung von Juden in Europa hätte es nicht zu dieser Staatsgründung im Herzen der islamischen Welt und damit auch nicht zur Vertreibung der Palästinenser im Unabhängigkeitskrieg von 1948 kommen müssen. Die Verantwortung Europas gegenüber Israel gelte damit auch in besonderer Weise der palästinensischen Bevölkerung, deren Leid, so Menasse, eine direkte Folge des gegen Juden gerichteten europäischen Antisemitismus sei.

Pauschalisierungen und die Vielfalt jüdischer Stimmen

Die tiefe Kluft zwischen den politischen Machthabern in Israel und den Juden weltweit zeige sich laut Menasse in einem im April 2025 verfassten offenen Brief prominenter israelischer Autorinnen und Autoren an die israelische Regierung, in dem es sinngemäß heißt: „Was in Gaza geschieht, geschieht nicht in unserem Namen, geht aber auf unser Konto.“ Menasse verwies zudem auf das in Deutschland bislang nicht aufgelegte Buch Being Jewish after the Destruction of Gaza, in dem Peter Beinart (New York) die von der israelischen Regierung beförderte Praxis problematisiert, jegliche Kritik an Israel als antisemitisch zu qualifizieren. Wer Israel kritisiert, könne dann eben „kein richtiger Jude“ mehr sein. Mit einer scharfen Zurückweisung dieser Praxis suchte Menasse zugleich auf zwei Missstände aufmerksam zu machen: Nicht nur sei die Selbstverständlichkeit, als jüdischer Mensch nicht unmittelbar für die israelische Politik verantwortlich gemacht zu werden, seit dem 7. Oktober 2023 abhandengekommen. Abhandengekommen sei in der öffentlichen Wahrnehmung zudem das Bewusstsein für die jüdische Vielfalt und die Bereitschaft, kritische jüdische Stimmen zum gegenwärtigen Gaza-Krieg zu akzeptieren. Unzählige jüdische Initiativen rufen die israelische Regierung weltweit zur Anerkennung des Leids der Palästinenser und zu dessen Beendigung auf. Neuesten Umfragen zufolge zeigen sich über siebzig Prozent der Israelis dazu bereit, zur Befreiung der Geiseln einen Frieden mit der Hamas zu schließen. Und weltweit protestieren Juden gegen Israels Regierung oder gehen sogar so weit, wie der Schriftsteller David Grossmann oder jüngst der Holocaust-Historiker Omer Bartov, die Situation in den besetzten Gebieten als „Apartheid“ und die gegenwärtigen Maßnahmen des israelischen Militärs in Gaza als „Genozid“ zu bezeichnen. Wer sei sie, fragt Menasse, diese beiden zu korrigieren?

„Suchet den Shalom der Stadt“ – Interpretationshorizonte eines prophetischen Aufrufs

Die Spannung zwischen unterschiedlichen Perspektiven auf den Staat Israel und dessen Legitimität, die beim Podium zu Israel-Palästina erkennbar wurde („historische Gerechtigkeit“ vs. „Verzweiflungsprojekt“ auf Kosten der Palästinenser), spiegelte sich auch in drei Bibelarbeiten zum Aufruf des Propheten Jeremia an die Exilierten in Babylon wider, den „Shalom der Stadt“ zu suchen (Jer 29,1–14). Katrin Göring-Eckardt (MdB, Berlin) richtete in ihrer Auslegung den Fokus auf Jeremias revolutionären Gedanken, dass jüdisches Leben jederzeit auch im Exil unter fremder Herrschaft gelingen könne. Die mit dem Exil beginnende Epoche, „die Epoche der jüdischen Diaspora, das Leben in einem nicht-jüdischen Umfeld“, bestehe weiterhin und setze sich „im Grunde bis heute fort und fort. […] Bis heute leben die meisten Jüd*innen auf der Welt in der Diaspora.“2 Sie tun dies in Entsprechung zum talmudischen Prinzip des dina de-malchuta dina („das Gesetz des Königreiches ist Gesetz“), das eine selbständige Existenz der Juden in der Welt „unter dem Dach des für alle geltenden Gesetzes“ (Göring-Eckardt) vorsieht. Von der von Jeremia (29,14) verheißenen Möglichkeit einer Rückkehr nach Jerusalem, die nur von einem Teil der Israeliten tatsächlich in Anspruch genommen wurde, war in Göring-Eckardts Bibelarbeit ebenso wenig die Rede wie vom heutigen Staat Israel als Heimat von etwa zehn Millionen Juden und israelischen Arabern.

Thomas de Maizière (Bundesminister a.D. und Präsidiumsvorstand des DEKT) richtete seinen interpretativen Fokus im Unterschied zu Göring-Eckardt sehr viel stärker auf die konkrete Situation, in der sich die Israeliten in Babylon befanden, und deutete Jeremias Worte als Aufruf zu einer (begrenzten) „Verantwortung für den Ort, in dem man lebt“, und einer „Mitverantwortung für die Menschen in diesem Ort, in dem man lebt“.3 Dass schon dieser begrenzte Kontext „schwierigste ethische Abwägungsprozesse“ zwischen „Widerstand und Ergebung“ impliziere, mache die Mitverantwortung für „der Stadt Bestes“, so de Maizière, umso bedeutsamer.

Dagmar Pruin (Brot für die Welt) wiederum nutzte denselben Vers in ihrer Dialogbibelarbeit zur Erinnerung daran, dass es das babylonische Exil war, in dem die Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschen ihren Ursprung hat. Diese in der Tat revolutionäre Zusage an den (also jeden!) Menschen, „zum Bilde Gottes geschaffen“, d.h. mit einer gleichsam unantastbaren, zuvor allein dem König oder dem Pharao vorbehaltenen Würde beschenkt zu sein, impliziere zugleich, so Pruin, die „Wiedereroberung von Würde, Freiheit und Handlungsfähigkeit“. Damit sei diese Zusage nicht nur eine „Kur gegen Verängstigung und Bevormundung“; sie schenke dort, wo Vertrautes verloren ist, „den Mut zu neuen Schritten“ und zugleich die Kraft, angesichts zerbrechender Illusionen und trügerischer Zukunftsvisionen die Gegenwart anzuerkennen und die jeweils anvertraute Verantwortung anzunehmen. Pruins prominenter Gesprächspartner, der Mediziner Eckart von Hirschhausen, schien demgegenüber stärker an der Verantwortung des Menschen für den Planeten interessiert. Nach seiner Diagnose liegt der Hauptgrund für die Migration im 21. Jahrhundert in der Klimakrise. Hirschhausen zufolge sei Migration ein seit Jahrtausenden bestehendes unausweichliches Phänomen der Menschheitsgeschichte und ein jeder Kirchentagsbesucher angesichts der Klimakrise dazu aufgefordert, seine „ganze Energie“ nicht in die Aufrechterhaltung der nationalen, sondern „in die Verteidigung der planetaren Grenzen“ zu stecken. Mittlerweile sei ein Drittel der Menschheit dazu gezwungen, aus heißen und trockenen Weltgegenden auszuwandern, um zu überleben.

Diese planetarische Perspektive sollte im Schlussgottesdienst des Kirchentages in der von Hanna Reichel (Princeton) gehaltenen Predigt nochmals eine Zuspitzung erfahren. Weil Gottes Liebe „nicht an deinem Gartenzaun haltmacht“, weiter reicht „als dein social network und deine tea party“ und ganz bestimmt größer ist „als dein erbärmlicher kleiner Rassismus“, sollten wir uns, so Reichel, als Christen davor hüten, „mit unserer kleinkarierten Liebe Politik zu machen“. „Wo unser Herz eng wird, macht Gott sein Herz so weit auf, dass kein Platz mehr ist für Trennung und Feindschaft und Tod.“4 Nicht ausgeschlossen, dass Reichel die Bibelarbeiten von Pruin und de Maizière für etwas zu „kleinkariert“ gehalten hätte. Zumindest scheint in ihnen im Vergleich zu den stärker auf die globalen Herausforderungen ausgerichteten, eher gesinnungsethischen Perspektiven von Göring-Eckardt und Hirschhausen eine stärker verantwortungsethische Position zum Ausdruck gekommen zu sein – so schwer sich auch beides trennscharf voneinander abgrenzen lässt.

„Religion und Migration“ – Migrationsgemeinden als Verheißung

Religiöse Pluralität und Heterogenität als Herausforderung

Die besonderen Herausforderungen für die christlichen Kirchen in einer Einwanderungsgesellschaft, die sich religions- und kulturbezogen fortwährend pluralisiert, und der Umfang, in dem sich die Kirchen – immer noch primär „weiß, deutsch und europäisch“ – neu erfinden müssen: Dies war Gegenstand eines von Sarah Vecera5 moderierten Podiums zum „Beziehungsstatus Religion und Migration. Kirchen in einer religiös-pluralen Gesellschaft“. Veranstaltet vom „Zentrum Leben in religiöser und kultureller Vielfalt“, rückte es mit Hilfe der Soziologin und Islamwissenschaftlerin Yasemin El-Menouar, die den Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung verantwortet, zunächst drei grundlegende Trends auf dem religiösen Feld in Deutschland in den Blick: Neben der Zunahme religiöser Vielfalt nannte El-Menouar die voranschreitende Säkularisierung mit einem zunehmenden Bevölkerungsanteil an Konfessions- und Religionslosen und schließlich die Debatte um den Stellenwert von Religion als einer gesellschaftlichen Ressource für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Angesichts dieser Trends sähen sich die Kirchen und Religionsgemeinschaften vor der Aufgabe, ihre eigene Rolle sowie ihren eigenen Beitrag für das Gemeinwohl in einer religiös und kulturell pluralen Gesellschaft neu zu bestimmen.

Mediale Verzerrungen, religiöse Normalität und ethische Ressourcen

Die Wahrnehmung religiöser und kultureller Vielfalt ist unhintergehbar mit unterschiedlichen Perspektiven und Zielvorstellungen verbunden: Vielfalt lässt sich einerseits als Chance für einen tiefer grundierten gesellschaftlichen Zusammenhalt begreifen; weil unterschiedliche religiöse und kulturelle Prägungen aufeinandertreffen, birgt sie aber auch Konfliktpotential, etwa im Blick auf religiöse Rituale und Symbole in der Öffentlichkeit (besonders prominent universitäre Gebetsräume/Räume der Stille und das Kopftuch von weiblichen Lehrkräften). Solche Streitigkeiten können dort, wo sie nicht sachlich ausgetragen werden, den gesellschaftlichen Zusammenhalt nachhaltig gefährden. Vor diesem Hintergrund gewinnt das von El-Menouar ebenfalls thematisierte Phänomen an Relevanz, dass die Zahl der in Deutschland lebenden Muslime regelmäßig deutlich überschätzt wird. In Umfragen rechnen viele mit einem muslimischen Bevölkerungsanteil von bis zu dreißig Prozent, obwohl er gegenwärtig nicht höher als um die acht Prozent liegt. Als Gründe nannte El-Menouar die Gleichsetzung von Fluchtmigration mit muslimischer Zuwanderung sowie die großen Vorbehalte gegenüber der muslimischen Bevölkerung und ihrer als problembehaftet empfundenen Religion. Das medial vermittelte Bild des Islam sei stark von extremistischen Akteuren geprägt, von einer Reduktion auf problematische Ausdrucksformen, die eine Wahrnehmung anderer Formen des Islam erschwere. Der ehemalige Ratsvorsitzende der EKD und heutige Vorsitzende des ÖRK-Zentralausschusses Heinrich Bedford-Strohm riet in der Podiumsdiskussion, Religionen (und damit auch den Islam) nicht von ihren negativen, sondern von ihren besten Seiten her wahrzunehmen und zugleich als ethische Ressourcen zu begreifen, auf die jedes Staatswesen angewiesen sei. Bedford-Strohm zufolge braucht es „Quellen, die moralische Werte regenerieren“, und damit eine „Öffentliche Theologie der Religionen“, die den Beitrag der Religionen zum öffentlichen Diskurs befördere: nicht aufgestülpt, sondern aus der Erkenntnis heraus, dass sie etwas anzubieten haben, was sich über Jahrtausende hinweg bewährt hat.

Multikulturalisierte Kirche als Gegenprogramm zum Mitgliederschwund

Die etablierten Kirchen zeigen sich gegenüber den Herausforderungen der Zuwanderung und der entstehenden Migrationsgemeinden noch „relativ unbeweglich“, wie Claudia Währisch-Oblau von der Vereinten Evangelischen Mission in Wuppertal feststellte. Noch immer würden Migrationsgemeinden „aus diakonischer Perspektive“ gesehen, erlebten eingewanderte Christen „entweder freundliches Desinteresse oder gar offenen Rassismus“. Und noch immer sei Deutschland „nirgendwo so segregiert wie am Sonntag im Gottesdienst!“ Dabei besuchten in deutschen Großstädten viel mehr Migranten den Gottesdienst und eröffneten Migrationsgemeinden ganz neue Gottesdiensträume. Wäre es nicht „eine schöne Gegengeschichte zu Abbau und Schwund“, diesen Gemeinden auf Augenhöhe zu begegnen? Und ließe sich „die Multikulturalisierung unserer Kirche“ nicht als ein großes und bislang kaum gehobenes Potential verstehen, wie Lorenz Narku Laing, Professor für Rassismusforschung an der Evangelischen Hochschule Bochum, fragte: Mitglieder von Migrationsgemeinden als Angestellte für vakante Stellen in den diakonischen Werken, neue Formen von Spiritualität, Gottesdienste mit „clapping, spirit and energy“, eineinhalb Stunden Gospelsound und ein großes Essen im Anschluss? Und ließe sich diesen Migrationsgemeinden nicht ein attraktives Angebot machen, so Laing weiter: „Ihr werdet Mitglied (und damit Kirchensteuerzahlende) und wir überlassen Euch eine Kirche“? Als Nebeneffekt ergäbe sich bei den Einladungen zu den jeweiligen Gottesdiensten eine fruchtbare Konkurrenz: „Wenn Dir eineinhalb Stunden zu lange sind, komm mit in den lutherischen Gottesdienst, der dauert bei uns nur 35 Minuten!“

Der Deutsche Evangelische Kirchentag als Impulsgeber

Schon diese Schlaglichter auf nur ganz wenige der insgesamt über 1.500 Veranstaltungen des Evangelischen Kirchentags 2025 zeigen: Das alle zwei Jahre stattfindende Protestantentreffen ist nicht nur ein buntes und fröhliches Klassentreffen von an Gott, Glaube und Spiritualität interessierten Zeitgenossen, sondern vor allem auch ein offener Gesprächsraum, in dem unterschiedlichste Perspektiven auf existentiellste Themen mehr oder weniger friedlich aufeinandertreffen und (manchmal mehr, manchmal weniger) ausdiskutiert werden.

Und es ist ein Ort für eine höchst lebendige und produktive Streitkultur: Wie das hier (nur exemplarisch!) in den Blick gerückte Ringen um Israel-Palästina, um Erinnerungs- und Erzählkulturen (Seibert/Menasse), um Pauschalisierungen und ausgeblendete Vielfalt (Menasse), um die „Wiedereroberung menschlicher Würde“ (Pruin), aber auch um eine „kleinkarierte Politik“ (Reichel) und die ethischen Ressourcen einer religiös, weltanschaulich und konfessionell höchst diversifizierten Gesellschaft (Bedford-Strohm) bezeugt, geht es um die ganz großen und uns alle betreffenden Herausforderungen, kurz: ums Eingemachte!

Sicher hätte man sich (gerade deshalb!) an der einen oder anderen Stelle tiefergehende Konkretisierungen dazu gewünscht, was mit dem Schlagwort „Zweistaatenlösung“ (Menasse), der „Verteidigung der planetaren Grenzen“ (Hirschhausen), der „kleinkarierten Liebe und Politik“ (Reichel), mit ethischen Ressourcen und moralischen Werten sowie einer „Öffentlichen Theologie der Religionen“ (Bedford-Strohm) genau gemeint ist. Theologie wird ja, um hier nur exemplarisch das letzte Stichwort zu problematisieren, nicht von Religionen, sondern von religiösen Menschen betrieben. Und auch wenn der Religion gerne die Funktion der Sinngebung zugewiesen wird, wie bei dem von Bedford-Strohm zitierten Verfassungsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde, ist damit noch nicht geklärt, wer oder was das Subjekt dieser Sinngebung sein soll. Gleiches gilt für den speziellen, nicht von vornherein gleichwertigen Status der verschiedenen, nebeneinander existierenden Religionen und Weltanschauungen und der von ihnen generierten „ethischen Ressourcen“ und „moralischen Werte“. Wenngleich sich damit vielleicht erwiesen hätte, dass der gerne zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts bemühte, aber oft abstrakt verbleibende Rekurs auf gemeinsame Werte und ethische Ressourcen sehr viel weniger trägt als gemeinhin erhofft, hätte ein größerer Mut zur Kontroverse und kontrastiven Positionierung manchen Veranstaltungen auf dem Evangelischen Kirchentag sicher gutgetan. Andererseits sollte man dafür dankbar sein – bei allen uneingelösten Erwartungen an die protestantische Streitkultur –, dass sich hin und wieder, wie exemplarisch im Hannoveraner Schauspielhaus mit praktischen Erwägungen zur „Multikulturalisierung“ der Kirche, ganz konkrete und (zumindest langfristig) umsetzbare Perspektiven auf die (Viel-)Gestalt und (Mit-)Gestaltung evangelischen Christentums in der säkularen Moderne ergeben haben.


Rüdiger Braun (Berlin), Juni 2025

 

 

Anmerkungen

  1. International auch P.E.N. („Poets, Essayists, Novelists“), ein 1921 gegründeter internationaler Autorenverband, der sich für den ungehinderten Gedankenaustausch und die freie Meinungsäußerung in der Kulturszene einsetzt.
  2. Katrin Göring-Eckardt, „Bibelarbeit zu Jeremia 29,1–14“, epd-Dokumentation 22/2025, 13–20, 15.
  3. Thomas de Maizière, „Bibelarbeit zu Jeremia 29,1–14“, epd-Dokumentation 22/2025, 21–27, 27.
  4. Hanna Reichel, „Predigt im Schlussgottesdienst“, epd-Dokumentation 22/2025, 34–36, 35f.
  5. Referentin für „Rassismus und Kirche“ in der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) Wuppertal.