Richard Zeller

Interreligiöser Dialog

Aus für das Drei-Religionen-Kita-Haus

Seit Dezember 2024 ist es offiziell: Das „Drei-Religionen-Kita-Haus“ in Berlin-Friedrichshain kann nicht mehr umgesetzt werden. Grund sind die Sparmaßnahmen des Berliner Senats. Damit findet ein über zehn Jahre geplantes, von vielen Seiten gewolltes und gefördertes Projekt ein ausgesprochen unwürdiges Ende.

Im Jahr 2014 entstand die bundesweit einzigartige Idee, je eine jüdische, eine muslimische und eine christliche Kita unter einem gemeinsamen Dach zu gründen. Initiiert wurde das Projekt von der Rabbinerin Gesa Ederberg (Masorti – Verein zur Förderung der jüdischen Bildung und des jüdischen Lebens e.V.), Iman Andrea Reimann (Deutsches Muslimisches Zentrum Berlin e.V.), Kathrin Janert (Evangelischer Kirchenkreisverband für Kindertageseinrichtungen Berlin Mitte-Nord) und Superintendentin Dr. Silke Radosh-Hinder (Evangelischer Kirchenkreis Berlin Stadtmitte).

Von Anfang an legten die Gründerinnen Wert auf „egalitäre Differenz“, d.h. auf einen Ausgleich zwischen Eigenständigkeit und Austausch. Jede Kita sollte ihre Religion, Kultur und Tradition durch ein eigenes (religions-)pädagogisches Konzept vertreten und gleichzeitig durch die enge Nachbarschaft über diese eigenen Grenzen hinausgehen, in ein bewusst gestaltetes Miteinander. Naheliegend, dass das Drei-Religionen-Kita-Haus gelegentlich als „House of One für die Kleinsten“ mit dem zeitgleich in Berlin entstehenden interreligiösen Lehr- und Bethaus verglichen wurde. Auch der architektonische Ansatz war vergleichbar: Auf vier Etagen sollten drei eigenständige Kitas für insgesamt 135 Kinder untergebracht werden, verbunden jedoch durch ein gemeinsames Begegnungszentrum im Erdgeschoss. Das Haus sollte außerdem für kulturelle Angebote im Kiez geöffnet sein.

In der Öffentlichkeit stieß die Idee schnell auf positive Resonanz, wurde gar als „Leuchtturmprojekt“ betitelt. Im Jahr 2021 wurde die „Drei-Religionen-Kita“ (sic!) explizit in den rot-rot-grünen Koalitionsvertrag der Berliner Landesregierung aufgenommen, 2023 erneut in den der schwarz-roten Regierung. Dazu kamen Auszeichnungen mit dem Sonderpreis beim Wettbewerb #Respektgewinnt 2022 und mit dem Förderpreis des Deutschen Nationalpreises 2024 (Dotierung: 20.000 Euro). Bei seiner Laudatio stellte der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Andreas Voßkuhle heraus, wie wichtig es gerade in einer pluralen Stadt wie Berlin sei, „Brücken zu bauen und das Fremde nicht als Bedrohung des Eigenen wahrzunehmen. Die positive Energie dieses Ortes soll auf die ganze Stadtgesellschaft ausstrahlen.“1 In der Tat zeigt das Drei-Religionen-Kita-Haus und seine öffentliche Würdigung, dass die integrierende Kraft des religiösen Dialogs ein Pfund ist, mit dem es zu wuchern gilt. Symbolisch unterstrichen wurde dieses Anliegen durch den 2019 vereinbarten Bauplatz auf dem Gelände der Evangelischen St.-Markus-Gemeinde in Friedrichshain. Nicht abseits am Stadtrand, sondern im pulsierenden Herzen der Stadt sollte dieser Ort der religiösen Bildung und Begegnung entstehen.

Darüber hinaus wurde der Kommunikationsprozess zwischen den Gründerinnen in der Dissertation von Silke Radosh-Hinder auch wissenschaftlich analysiert.2 Mit Impulsen aus Hannah Arendts Konzept der „politischen Freundschaft“ wird dort die doppelte Ausrichtung der vorliegenden Kommunikation beschrieben: einerseits die gesellige und alltagskommunikative Beziehung der vier Akteurinnen und andererseits die intentionale öffentliche Aushandlung zwischen den dahinterstehenden Vereinen und Institutionen. Für Radosh-Hinder eignet sich das Beispiel des Drei-Religionen-Kita-Hauses als neues Paradigma interreligiöser Kommunikation, in der durch enge persönliche Beziehungen strukturelle Asymmetrien zwischen den beteiligten religiösen Vereinen und Institutionen (zumindest temporär) überwunden werden können.

Alle Pläne waren nun eigentlich so weit gediehen, dass die Vision ab 2025 steinerne Realität hätte werden können. Über 1 Mio. Euro waren schon in konzeptuelle Planung, architektonische Entwürfe, Öffentlichkeitsarbeit und Ähnliches investiert worden. Den mit Abstand größten finanziellen Beitrag (über 5 Mio. Euro) hatte die Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zugesagt. Aber ab November 2024 ging dann alles sehr schnell in eine andere Richtung. Seit klar wurde, dass für den Berliner Haushalt 2025 massive Einsparungen nötig seien, war die gesamte Kulturwelt der Stadt in Aufruhr. Trotz eines gemeinsamen Appells der Projekte des interreligiösen Dialogs in Berlin an Kultursenator Joe Chialo sowie einer zusätzlichen Onlinepetition war mit dem Beschluss über den Nachtragshaushalt im Dezember 2024 die finanzielle Unterstützung endgültig vom Tisch. Die Begründung der Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, dass es im Moment keinen neuen Bedarf an Kitaplätzen in Friedrichshain gebe, erscheint angesichts der Symbol- und Anziehungskraft des Drei-Religionen-Kita-Hauses, die weit über das Stadtviertel hinausreicht, wenig überzeugend.

Natürlich besteht die Vision der vier Gründerinnen fort, aber die Zukunft ist nun wieder gänzlich ungewiss. Hinzu kommt, dass die unerwartete finanzielle Vollbremsung sicherlich kaum spurlos an den menschlichen Kraftreserven der Beteiligten vorbeigegangen ist. Unverhohlene Freude hingegen besteht bei der „Bürgerinitiative 10243“, die schon seit längerem und wiederholt ihren Unmut gegen das Vorhaben geäußert hat, um die 23 Bäume auf dem Baugrundstück zu erhalten. Ihr Alternativvorschlag: ein Waldspielplatz, auf dem Kinder „Eichhörnchen, Igel, Spatzen, Meisen und Gartenrotschwänze“3 beobachten können. Ein ehrliches, dazu pittoreskes Anliegen, keine Frage, aber es reicht nicht aus, um die gesellschaftspolitische Lücke zu füllen, die durch das Scheitern des interreligiösen Projekts offenbleibt. Über jener Lücke prangt vielmehr der Ausspruch von Andreas Voßkuhle, ursprünglich als Anerkennung gemeint, nun eher eine unbehagliche Warnung: „Verschiedenheit mag das Signum moderner Gesellschaften sein, ohne ein kulturelles Band der Gemeinsamkeit haben sie aber keine Zukunft.“4


Richard Zeller (Berlin), 

 

Anmerkungen

  1. Andreas Voßkuhle, „Laudatio. Drei Religionen Kita Haus. Förderpreis der Deutschen Nationalstiftung 2024“, 7.6.2024, https://tinyurl.com/sufcm3yk (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 14.3.2025).
  2. Silke Radosh-Hinder, Konstruierte Gleichheiten. Von interreligiöser Kommunikation zu politischer Freundschaft (Bielefeld: transcript, 2022); vgl. auch dies., „Die Initiative zum Bau einer Drei-Religionen-Kita. Konzept und Kommunikation“, in: Rüdiger Braun (Hg.), Beziehungspflege. Schlaglichter auf den christlich-muslimischen Dialog im Raum der EKD, EZW-Texte 274 (Berlin: EZW, 2022), 75–88.
  3. „BI10243 zu dem Aus des Drei-Religionen-Kita-Haus“, Berliner Bündnis Nachhaltige Stadtentwicklung, 5.2.2025, https://tinyurl.com/3ue4b2ch.
  4. Voßkuhle, „Laudatio“.