Gottes Plan für Berlin
Ein Besuch im Gottesdienst von „diekreative“
Mehrmals muss ich mich vergewissern, dass ich noch auf dem richtigen Weg bin. Dann liegt das Industriegebäude in Berlin-Weißensee vor mir. Als Erstes begrüßen mich beachflags auf dem Gehweg – „Gott und Kirche neu erleben“ –, danach ein zweiköpfiges Empfangskomitee: „Schönen Sonntag. Zum ersten Mal da?“ Ich werde in die Räumlichkeiten eingewiesen. Bevor es losgeht, könne ich mir an der Bar noch einen Kaffee holen. „Und ansonsten einfach wohlfühlen!“ Willkommen bei „diekreative“!
Kirche im industrial style
Ich betrete die große Industriehalle, eine ehemalige Motorenfabrik. Die helle Sonntagssonne bleibt an diesem Ort außen vor. Stattdessen setzen Scheinwerfer den Raum stimmungsvoll in Szene. Die Location wirkt wie die moderne Interpretation einer Kirche im industrial style. Ein langer Schlauch von Raum, Betonsäulen trennen links und rechts Seitenschiffe ab, darüber Emporen. Statt Wandverzierungen dunkle Metallrohre, statt Kreuzrippengewölbe riesige Deckenventilatoren. Die Atmosphäre flimmert zwischen „sakral“ und „Start-up“. Hugo Boss hält hier Fashion-Weeks ab, VW präsentiert futuristische E-Autos. Aber jeden Sonntag um 10:30 Uhr ist „diekreative“ die Hausherrin und lädt zum Gottesdienst ein.
Das war nicht immer so. Seit ihrer Gründung 2008 hat die Gemeinde ihre „Homebase“ eigentlich im Prenzlauer Berg. Damals fand eine Gruppe junger Erwachsener zueinander, angeleitet durch den Bibelschulabsolventen Christophe Domes und seine Frau. Was sie zusammenführte, war ihre Hingabe zu Jesus. Sie suchten Gemeinschaft mit Gott. Domes, heute immer noch „Hauptpastor“, ist ausgesandt von der umstrittenen Berliner „Gemeinde auf dem Weg“.1 Von dort kommt wohl auch das prophetische Sendungsbewusstsein, ein göttliches „Mandat“ für die Großstadt erhalten zu haben. Es gebe viele Verheißungen über Berlin: Gott wolle diese Stadt „heimsuchen“, Menschen darin heilen und für ihn „erwecken“. Teil des göttlichen Plans sei die neue Gemeinde. Sie wollen, so schrieb das Gründungsteam 2010 auf seiner Website, „kreativ“ mit den Herausforderungen des Lebens umgehen und „neue Antworten finden, oder alte wiederbeleben.“ Ein Ausdruck dieser neuen Wege waren die Gottesdienste, die damals im Kultkino „Colosseum“ (ebenfalls Prenzlauer Berg) stattfanden. Wie beim „Berlinprojekt“ wurden neue religiöse Orte gesucht, die der Stadtkultur entsprechen. Als das Kino 2020 in der Pandemie pleiteging, stieg man auf das ehemalige Motorenwerk um.
Schöne Menschen mit Business
Ich schlendere durch die Halle. Vorne steht kein Altar, sondern eine Bühne mit Bandequipment, dahinter eine große Leinwand, auf der ein Countdown bis zum Gottesdienstbeginn herunterzählt. Ein alter Hut für den modernen Christenmenschen von Welt. Ich suche mir einen Platz im vorderen Drittel der Halle. Mein Sitznachbar reicht mir sofort die Hand und stellt sich vor. Wir tauschen die obligatorischen W-Fragen des Smalltalks aus: Wer? Was? Woher? Warum? Wie oft? Nur ob ich ein eigenes „Business“ hätte – das hat mich wirklich noch niemand im kirchlichen Kontext gefragt. Aber wie ich feststellen werde, wird es heute noch öfter ums „Business“ gehen.
Der Countdown fällt auf null.2 Viele Teilnehmende sammeln sich jetzt eng um die Bühne. Begleitet von sanftem Klavierspiel tritt ein junger Pastor auf. Mit einem rhetorischen Zirkel umkreist er in seiner Begrüßung das Versprechen, allein „Gott die Ehre geben“ zu wollen. Darin ist in nuce schon alles theologisch Relevante enthalten, was es für die Gottesdienste dieser Gemeinde zu wissen gilt: Man solle ganz von sich absehen und auf Gott schauen, den (noch) Unsichtbaren, der aber bald für alle sichtbar werden wird. Auf jenen Gott, der den Menschen seinen Sohn geschenkt hat – wieviel mehr wird er heute den Anwesenden schenken? Gott, der heilen will: „dein Knie, deine Schulterschmerzen, deine emotionalen Sachen“. Zunächst aber will er angebetet werden. Das ist das Stichwort für die Band. Der Beat setzt ein, dann Gesang im Duett. Wellenartig wechselt die Stimmung von „kraftvoll-jubelnd“ zu „konzentriert-innerlich“ und wieder zurück. Irgendwann fängt ein Team an, zur Musik farbige Tücher zu schwenken, wie im Ausdruckstanz. Die Texte des Lobpreises nehmen häufig Motive aus den Psalmen auf (z.B. Ps 23), bringen diese jedoch kaum in einen umfassenderen Sinnzusammenhang. Additiv reiht sich Doxologie an Doxologie, Wiederholung an Wiederholung. Anders als beim durchschnittlichen Strophenlied des Evangelischen Gesangbuchs, das beim Singen alle Konzentration dafür vereinnahmt, unfallfrei durch die altertümliche Syntax zu manövrieren, lenkt der Text hier wenig von der Musik ab. Das ist ungewohnt für mich, und so schweife ich nach wenigen Minuten ab und fange an, die Menschen um mich herum zu beobachten.
Rund 250 Personen sind anwesend und wiegen sich im Takt. Es ist ein erhebendes Bild. Mein subjektiver Eindruck: auffallend viele schöne und stylish gekleidete Menschen. Chinohosen, weiße Sneaker, gutsitzende Frisuren. Zwei Reihen vor mir prangt der Schriftzug „truth over pride“ auf einem Pullover, aus der Merch-Kollektion des frisch zum Christentum bekehrten rechtspopulistischen YouTubers „Ketzer der Neuzeit“. Ich sehe einige Ältere und Jugendliche, aber es überwiegt meine eigene Generation, junge Erwachsene und junge Familien (für die es einen eigenen Kinderbereich in einem der Seitenschiffe gibt). Man merkt dem Gottesdienst an, dass er auf die Belange und Fragen dieser Gruppe zielt. Es ist eine Gruppe mit vielen Fragen an die Zukunft, aber auch mit großen Potenzialen: Partner- und Wohnungssuche, Familien- und „Business“-Gründungen stehen an. Ein Auto anschaffen? Ein Haus kaufen? Wie die Finanzen sichern? Die Gemeinde lädt auf ihrer Website zum „Kingdom Business“ ein, einem Vernetzungstreffen für christliche Geschäftsleute und Selbstständige, und zum „twotogether“, einem Mentorenprogramm von Ehepaaren für Ehepaare.
Auch die spätere Predigt hat für meine Generation einiges zu bieten. Sie gipfelt in der Aussage, dass Gott das persönliche Leben mit übernatürlichen Wundern segnen möchte. Das ist ganz konkret gemeint: „Gott hat Wege, Gott hat Türen, Gott hat Land, Gott hat Wohnungen, Gott hat Autos, Gott hat Business. Gott kann alles. Dein Gott ist ein Gott der Wunder. Amen!“ Die zahlreich präsentierten „Zeugnisse“ über wunderhaft zugefallene Wohnungsangebote lösen in der Gemeinde selbstverständlich – wir befinden uns in Berlin! – besonders großen Jubel aus. Das Thema ist ein Kollektivtrauma in dieser Stadt. Die Zusage göttlichen Segens bei der Wohnungssuche ist wie Balsam für die wunde Großstadtseele. Wer wollte das nicht gerne glauben? Deutlich verhaltener reagiert die Gemeinde, als von einem Gottesdienst berichtet wird, bei dem um die Heilung der Zähne der Besucher gebetet wurde – und Gott prompt Goldzähne hinabgesandt habe. Das war vielleicht doch ein Wunder zu viel.
Prophetie und Heilung: Es wird heiß
Eine halbe Stunde nach der Begrüßung kommt der junge Pastor wieder auf die Bühne, während weiterhin leise das Klavier spielt. Die „Liturgie“ ist beim prophetischen Teil angelangt. Wer „Worte der Erkenntnis“ hat, könne nach vorne kommen, so die Einladung, und sie prüfen lassen, bevor sie der Gemeinde mitgeteilt werden. Das Thema für heute scheint klar zu sein: „Mein Empfinden war, dass er [sc. Jesus] durch die Reihen mit Kraft und mit Macht gehen will, mit dem Heiligen Geist, und uns heilen will, die wir vom Teufel überwältigt sind.“ Wir sollen nun spüren, ob eigene Körperstellen plötzlich heiß werden. Dies sei ein Zeichen dafür, dass Jesus sich dieser Stelle zuwendet. Das Ganze wird seltsam konkret, als Heilung für die Innenseite einer linken Wade, eines linken Knies und eines Drehschwindels prophezeit wird. Aber auch psychische Leiden sollen heute ihr Ende finden: Depression und Essstörung. Bei aller Konkretion erscheinen diese Prophezeiungen in den freien Raum gesprochen; sie richten sich an niemanden direkt, sondern wirken – beabsichtigt oder nicht – eher wie Einladungen, sich damit zu identifizieren und die eigene Lage darin wiederzufinden.
Prophetie spielt in der Gemeinde auch anderweitig eine zentrale Rolle. Seit 2018 gibt es jährlich die „dreieinhalb“-Konferenz, bei „diekreative“ mittlerweile ein Höhepunkt im „Kirchenjahr“. Das Grundthema ist unmissverständlich: Vorbereitung auf das Wiederkommen Jesu. Man sieht sich in der prophetisch-charismatischen Tradition der endzeitlichen „Kansas City Prophets“ der 1980er und 1990er Jahre wie Mike Bickle, Bob Jones oder Paul Cain („dritte charismatische Welle“). Zäsuren der damaligen Weltpolitik wurden als Zeichen gedeutet, dass Gott seinem Wiederkommen den Weg bahnt. Aus London und Berlin – so eine Prophetie Cains – werde eine „neue Reformation“ und große Erweckung hervorgehen, gegen den Widerstand eines satanischen Amalgams aus Kommunismus und Islam.3 Nicht nur im Körper, auch weltweit wird es also heiß. Bei den „dreieinhalb“-Konferenzen geht es darum, den Geist dieser Prophetien wach zu halten und sich als „Generation“ bereit zu machen. Aus Bibelstellen (die Bibel „meint, was sie sagt, und sagt, was sie meint“4) wird ein endzeitlicher Fahrplan erstellt, der eng mit dem Geschick des Nahen Ostens verwoben ist. In Jerusalem werde ein menschlicher Herrscher mit jüdischen Wurzeln aufstehen, der dreieinhalb Jahre (daher der Name der Konferenz) scheinbar Frieden bringt, dann aber selbst als Antichrist im dritten Tempel angebetet werden möchte. Ein Teil des jüdischen Volkes werde ihm nachfolgen. Zwingend notwendig sei es aber, dass ein anderer Teil Jesus Christus als seinen Herrn bekennt. Schließlich werde der göttliche Gerichtstag anbrechen und Jesus auf die Erde kommen, um als Kriegsherr gegen die Anhänger Satans zu kämpfen. Danach gefragt, wann das geschehen solle, antwortet Christophe Domes in einem Vortrag: „… so 2067, was [von jetzt an] vierzig Jahre sind, knapp. Find’ ich realistisch. Wenn der Herr in hundert Jahren kommt, würde ich trotzdem so leben, als ob er morgen kommt. Es könnte auch viel schneller sein.“5 Der Vorbereitung auf diese Zeit dient bei „diekreative“ auch eine „tagundnacht“-Anbetung im Geist der Gebetshausbewegung.6 Das Gebet fungiert als eine Art geistliches „Kampfmittel“ und ist elementarer Bestandteil der eschatologischen Zurüstung auf die Wiederkunft Christi. Die Gebetsinitiative selbst besteht bereits seit 2005 und ist gleichsam die „Keimzelle“ der Gemeinde. Inspiration lieferte erneut Mike Bickle und sein „International House of Prayer“ in Kansas City (IHOPKC). Es bestehen heute auch Kontakte zu Johannes Hartl vom Gebetshaus Augsburg.
Gott hat Großes vor
Nach einigen Abkündigungen betritt nun der Hauptpastor Christophe Domes die Bühne. Er wird heute die Predigt halten7 und damit (inklusive abschließendem Gebet) stattliche sechzig Minuten füllen. Bei einer abgelesenen Predigt im klassischen „pastoralen Ton“ würde eine solche Zeitspanne in ein Aufmerksamkeitsdesaster führen. Doch Domes versteht sein Handwerk. Er spricht fast durchweg frei und strahlt dabei eine freundliche Präsenz aus. Augen und Zeigefinger sind auf die Gemeinde gerichtet. Ich höre ihm gerne zu. Gleich zu Beginn wird das Thema vorgestellt: „Nicht zu gut, um wahr zu sein“. Eine klare Themensetzung holt mich und jeden, der erkennbar gegliederte Predigten schätzt, homiletisch ab. Die zahlreichen anekdotischen Elemente machen die Predigt lebensnah. Sie haben aber auch eine Kehrseite: Der Gedankenfluss wird durch die ausführlich entfalteten „Nebenschauplätze“ mitunter arg ausgebremst. Am Ende einer Anekdote habe ich oft schon vergessen, warum sie eigentlich erzählt wurde.
Die „Message“ der Predigt ist schnell zusammengefasst. Sie bewegt sich zunächst auf gut augustinisch-lutherischer Grundlage: Anhand der Berufung des Petrus (Lk 5,1–11) und der Nachkommensverheißung an Abram (Gen 15,1–6) stellt Domes heraus, dass nicht der eigene Tateneifer, sondern das Vertrauen auf Gott vor ihm gerecht mache. Gott selbst vollziehe den „Aufschlag“ in unserem Leben, den wir zwar nicht verdient haben, aber als Gnade annehmen dürfen. Das sei das Evangelium, das „nicht zu gut“ ist, „um wahr zu sein“. Was heißt das für Domes konkret? Es heißt, sich überall im Alltag einem segnenden und unterstützenden Gott anzuvertrauen. Was daraus hervorgeht, sollen die bereits erwähnten Erfolgs- und Wundergeschichten illustrieren: Wohnungen werden vermittelt, Grundstücke überschrieben, Goldzähne herabgesandt, verlorene Gegenstände wiedergefunden, und schließlich verleiht der Heilige Geist die richtigen Intuitionen im Umgang mit Menschen. Das Evangelium der Rechtfertigung wandelt sich letztlich zum Wohlstandsevangelium. Wenn Gott dann doch etwas vom Menschen einfordert, so nur als Teil seines Segensplanes: „Und hier kommt Gott, völlig unverdient, und sagt: ‚Lass mich mal kurz dein Boot nutzen‘, oder ‚Hey, ich lad’ dich ein, in die Stiftung hineinzuinvestieren‘, ‚Hey, ich lad’ dich ein, hier etwas zu tun‘. Wenn Gott etwas von dir möchte, dann nur, weil er dabei ist, dich mit etwas Wunderbarem zu segnen und mit Gutem zu überschütten.“
Was an dieser Stelle so nebenbei als Gottes segensreicher Plan bezeichnet wird, ist die frisch gegründete Stiftung „Perspektive58“, benannt nach Jes 58.8 Es ist das aktuell wichtigste Vorhaben von „diekreative“. Dabei sollen vier Hektar Land kurz hinter der Berliner Stadtgrenze erworben werden, um dort ein ambitioniertes Riesenprojekt zu realisieren: eine Mehrzweck-Festhalle, ein Gebetshaus, Gemeinde- und Seminarräume, nachhaltiges Wohnen, Gewerbeflächen, eine Kita, Grün- und Sportflächen und vieles mehr. Im Sinne der Luther zugeschriebenen Maxime „So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen“ sollen dafür trotz der bevorstehenden Wiederkunft Christi in den kommenden Jahren viele Millionen Euro gesammelt und ausgegeben werden. Es schadet nie, beim Bau des „Reiches Gottes auf Erden“ tatkräftig Hand anzulegen. Das Projekt wird bewusst theologisch gedeutet, soll überkonfessionell angelegt sein und auf eine Transformation der gesellschaftlichen Wirklichkeit abzielen. Gott backt keine kleinen Brötchen, erst recht nicht in den letzten Tagen der Geschichte.
Berührt werden
Am Ende der Predigt wird gemeinsam ein Psalm gesprochen und dann im Wechsel ein Dankgebet. Einen Moment lang fühle ich mich liturgisch zuhause – anders als bei dem, was nun folgt. Es beginnt die sogenannte „Ministry-Zeit“. Wieder versammelt sich ein großer Teil der Anwesenden vorne an der Bühne. Die Mitglieder des „Ministry“-Teams gehen durch die Menge, sprechen den Einzelnen Segen zu und beten für sie. Ich stelle mich an den Rand und beobachte die Szenerie: Die Band spielt, Kinder laufen herum, alles wirkt recht entspannt. Domes betet währenddessen weiter und beginnt wieder, Heilungen zu prophezeien (z.B. für Eierstöcke und einen gesunden Hormonhaushalt). Langsam wird der gesamte Rhythmus schneller, das Gebet und die Musik lauter. Erst als eine Teilnehmerin anfängt, wie unter Schmerzen zu schreien, verstehe ich, dass gerade eine Ausgießung des Heiligen Geistes zelebriert wird. Domes redet mittlerweile in Zungen und bittet um „mehr, mehr, mehr …“ und um „Gunst, Gunst, Gunst …“ Die Atmosphäre verdichtet sich. Teilnehmende vorne an der Bühne zittern am ganzen Körper und werden vom „Ordner“-Team kontrolliert auf den Boden gelegt. Was hier passiert, ist neu für mich, fasziniert und erschreckt mich zugleich. Gegen Ende des Gottesdienstes kommt ein junger „minister“ auch zu mir, legt mir die Hände auf Brust und Schulter und beginnt, für mich zu beten. Aus Höflichkeit und Neugier lasse ich mich darauf ein, auch wenn mir dabei etwas unwohl ist. Der Mann spricht frei, wie es ihm gerade eingegeben wird oder – nüchterner formuliert – in den Sinn kommt. Was er sagt, erscheint mir alles ziemlich unzusammenhängend, und trotzdem werde ich davon innerlich berührt. Segen unmittelbar von einem fremden Menschen zugesprochen zu bekommen, ist eine andere Erfahrung als der Empfang des liturgischen Segens von einer Pfarrperson aus sicherer Entfernung.
Irgendwann kommen alle, geleitet von der sich entspannenden Musik, wieder zur Ruhe. Recht unvermittelt und unspektakulär wird die Gemeinde in die neue Woche verabschiedet.
Fazit
Allem Anschein nach ist „diekreative“ als Repräsentantin einer neocharismatischen „Kingdom-Minded Network Christianity“ zu begreifen.9 Im Zentrum steht eine prozessual-millennialistische Vorstellung vom Reich Gottes, auf dessen künftige Verwirklichung alle Dimensionen des „christlichen Lebens“ wie Gebet, Jüngerschaft und Mission ausgerichtet sind. Maßgebliches Ziel ist die Transformation der Gesellschaft im Sinne des Reiches Gottes. Dementsprechend stehen die konkreten Aktivitäten der Gemeinde (Gottesdienst, Dauergebet, Hauskreise, Glaubenskurse, Bibelschule, Café, altersgruppenspezifische Angebote, Evangelisationsgruppen, „outreach“ genannt, und die Bauvorhaben) unter dem Motto, „den Himmel auf die Erde“ zu bringen. Mit Akteuren, die diese große Zukunftsvision teilen, wird eine freie Vernetzung gesucht, ohne sich strukturell eng aneinander zu binden. Einer geschichtsimmanenten Vereinseitigung des Reich-Gottes-Begriffs steht ein ausgeprägtes Endzeitbewusstsein gegenüber, das in der Gemeinde vor allem durch die prophetische Tradition wachgehalten wird. Es ist nicht auszuschließen, dass ein solches Endzeitbewusstsein dem Selbstverständnis des historischen Jesus näherkommt als ein vollständiges Abblenden des Parusiegedankens. Aber es geschieht um den Preis eines fragwürdigen Geschichtsbildes, das glaubt, die eigene Zeit unmittelbar an die biblische anschließen zu können, das aber zu allem, was dazwischen liegt, wenig zu sagen hat. Und es geschieht um den Preis, dass Politik und Weltgeschehen nicht mehr von der menschlichen Verantwortung her gedeutet werden, sondern als Ausdruck dahinterstehender metaphysischer Mächte. Und es geschieht nicht zuletzt um den Preis einer gefährlichen Verzweckung der Rolle Israels innerhalb des endzeitlichen „Fahrplans“.
Neidlos anzuerkennen ist die Ernsthaftigkeit, mit der man sich in „diekreative“ um eine Plastizität religiöser Begriffe bemüht. Ausdrücke, die anderswo zum theologisch Abstrakten tendieren, sprechen hier sehr konkrete Dinge an. „Reich Gottes“ wird gemeinsam und wörtlich „gebaut“, „Heiliger Geist“ ist körperlich spürbar, „göttliche Gnade“ manifestiert sich in persönlichem Erfolg. Auf diese Weise wird ein greifbarer Lebensbezug hergestellt, der sogar den eigenen Körper umfasst (dass hier umgekehrt eine Leerstelle vorliegt, wird den Landeskirchen langsam bewusst). Die dabei vermittelte religiöse Einstellung ist kein Sonntagschristentum, sondern will jeden Bereich des Lebens „tränken“. Doch führt diese Sakralisierung des Alltags im Umkehrschluss auch zu einer Profanisierung oder Banalisierung des Religiösen. So jedenfalls kann man die ungewohnte Konkretheit im Gottesdienst empfinden. Dort geht es eben nicht mehr allgemein um „Gesundheit“ und „Gelingen“, sondern um einen ausgeglichenen Hormonhaushalt und um göttlichen Beistand bei einem Haftpflichtstreit. Dem Hörer eher intellektualistischer Gottesdienste mag dies befremdlich erscheinen; aber ist es, soweit es den Umgang mit den tatsächlichen Sorgen der Menschen betrifft, nicht ehrlicher? Es fragt sich jedoch, wie tragfähig und ambiguitätssensibel die hier vorgenommene religiöse Deutung des Alltags ist, die jedes Detail des Lebens in einen dualistischen Zusammenhang stellt. Es ist das klassische Problem einer Theologie, die materielles und körperliches Ergehen unmittelbar mit Gottes Gnade oder „Teufels Küche“ in Zusammenhang bringt. Dies drückt sich insbesondere in dem bedenklichen Gegeneinander von Krankheit (dämonisch) und Gesundheit (göttlich) aus. Woran es aber nicht fehlt, ist Erkenntlichkeit für das Gute im eigenen Leben und ein Bewusstsein dafür, dass man es nicht sich selbst verdankt.
Über die Authentizität der geistlichen Ergriffenheitserfahrungen will ich mir kein Urteil erlauben. Ohne Frage sollte der Heilige Geist im christlichen Leben seinen Platz haben. Und fraglos ist der Vorwurf einer „Geistvergessenheit“ des liberalen Christentums nicht ohne Anhaltspunkt. Auffällig ist aber auch – und dies würde wohl selbst bei „diekreative“ niemand bestreiten – wie sehr Emotion und Erleben durch Sprache und Musik gelenkt werden können. Beides spielt in dem geschilderten Gottesdienst eine zentrale gestalterische Rolle. Es sei also noch einmal nüchtern auf die Möglichkeit des religiösen „Rausches“ hingewiesen, der durch eine gezielte Überreizung der Empfindungen ausgelöst wird. Hier steht ein jeder selbst in der Verantwortung, die „Geister“ zu scheiden.
Nach fast drei Stunden Gottesdienst verlasse ich erschöpft das Motorenwerk und trete wieder hinaus in die Sonntagssonne. Ich habe viel Neues erlebt und fühle mich sogar ein wenig in-spiriert von meinen Glaubensgeschwistern, die mir in vielem so fremd sind. Und doch fällt mir der Weg zurück nach Hause, anders als der Hinweg, nicht schwer.
Richard Zeller (Berlin), April 2025
Anmerkungen
- In der Kritik stand vor allem der Gründer und Arzt Wolfhart Margies und dessen aktualisierender Rückgriff auf die antike Dämonologie. Psychische und physische Leiden hätten ihre Ursache im Wirken von Dämonen, die besonders in nichtchristlichen Religionen und Praktiken lauerten. Kritisiert wurde auch die Befürwortung „gemäßigter körperlicher Züchtigung“ in der Erziehung sowie Margies’ mitunter militante Glaubenssprache (vgl. Abgeordnetenhaus von Berlin, „Mitteilung über sogenannte Jugendreligionen, Jugendsekten, Psychokulte und pseudotherapeutische Gruppen“, Drucksache 13/2272, 9.12.1997, 12–14, https://tinyurl.com/2rw72yd5, letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 21.3.2025). Heute distanziert sich die Gemeinde mit einer Stellungnahme auf ihrer Website von den beanstandeten Positionen Margies’, der weiterhin Pastor ist. Theologisch wurde beispielsweise Margies’ eigenwillige, von der „Wort- und Glaubensbewegung“ beeinflusste Bibelexegese bemängelt, die dem neuen „Geist“ des Gläubigen eine schier grenzenlose Gestaltungsmacht bei der Ausformung des Selbst und der Welt zuspricht (vgl. Reinhard Hempelmann, „Zur Bibelauslegung der Glaubensbewegung“, MdEZW 67,9 [2004], 346–348).
- Der gesamte Gottesdienst ist im Internet verfügbar: diekreative, „Nicht zu gut, um wahr zu sein“, YouTube, 16.3.2025, https://youtu.be/X3VEEITuPi0.
- Vgl. den Vortrag von Mike Bickle 1992 in Nürnberg: Lighthouse 21, „The New Reformation – Eine sich erfüllende Prophetie von Paul Cain von 1988“, YouTube, 29.10.2021, https://youtu.be/SMjGztEMJYs. Auf dessen Erzählung wird bei „dreieinhalb“ explizit Bezug genommen: diekreative, „Die prophetische Geschichte der endzeitlichen Gebetsbewegung“, YouTube, 29.8.2019, ab 1:10:00, https://youtu.be/WZAoCjh38Zo. Gerade aus dem streng bibeltreuen Lager der Evangelikalen kam hingegen auch harsche Kritik an dieser Prophetie und der dahinterstehenden Bewegung, z.B. Wolfgang Bühne, Die Propheten kommen, 2. Aufl. (Bielefeld: CLV, 1994); Georg Walter, Der Angriff auf die Wahrheit (Bielefeld: CLV, 2009).
- Diekreative, „Breakout-Session 1: Überblick über die Rückkehr Jesu“, YouTube, 28.12.2024, 11:06, https://youtu.be/-IWBQ91LnbA.
- Diekreative, „Breakout-Session 1“, 1:23:20.
- Vgl. Michael Müller, „Die Gebetshausbewegung. Entstehung und Praxis“, MdEZW 83,5 (2020), 345–352.
- Das Predigtskript ist online abrufbar (Christophe Domes, „Nicht zu gut, um wahr zu sein“, diekrative, 16.3.2025, https://tinyurl.com/2777565s). Die sehr knappen Stichpunkte sind jedoch ohne das gesprochene Wort kaum zu verstehen. Dennoch geben sie einen interessanten Einblick in das homiletische Vorgehen des Predigers, da sie das inhaltliche Grundgerüst erkennen lassen. Der rote Faden wird in der vorgetragenen Predigt massiv durch freie Redeanteile angereichert und ist dadurch beim Hören teilweise nur noch schwer auszumachen.
- Vgl. https://perspektive58.org.
- Vgl. Maria Hinsenkamp, Visionen eines neuen Christentums. Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke, Religion in Bewegung 4 (Bielefeld: transcript, 2024).