Erinnerndes Zeugnis - Buchrezenzion
Karl-Peter Krauss, Dem Vergessen entrissen. Der „Ostjude“ Simon Leinmann und die Neuapostolische Kirche, Lebenswelten osteuropäischer Juden 21 (Köln: Böhlau, 2024), 320 Seiten, 35,00 Euro.
Im Jahre 2020 hatte Karl-Peter Krauss, der Verfasser des hier besprochenen Buches, eine erste grundlegende Darstellung der Neuapostolischen Kirche (NAK) in der NS-Zeit vorgelegt (vgl. ZRW 84,2 [2021], 137–140). Bereits damals widmete er dem Schicksal neuapostolischer Christen jüdischer Abstammung ein eigenes Kapitel. So dokumentierte er unter anderem erste Erkenntnisse zur bedrückenden Geschichte eines Simon Leinmann, der ein neuapostolischer Christ war, aber eine jüdische Mutter hatte. Nach den NS-Rassengesetzen galt er demnach als Jude. Sein Leidensweg begann im Oktober 1938, als der Berliner wegen seiner polnischen Staatsbürgerschaft nach Polen deportiert wurde. Seine „arische“ Frau wurde zur Scheidung gezwungen. In den polnischen Lagern war Leinmann unter den Juden kein Jude und unter den Polen kein Pole. In verzweifelten Briefen wandte er sich an seine neuapostolischen Gemeindeleiter – und erhielt keine Antwort. Aus heutiger Sicht wird man dieses Schweigen kritisch sehen. Man wird jedoch mit schnellen Urteilen vorsichtig sein müssen. Krauss geht davon aus, dass die (relativ kleine) NAK auf die schweren Konflikte mit dem NS-Staat nicht vorbereitet war und ihrerseits Verfolgung bzw. Betätigungsverbot fürchtete. Er erinnert zudem daran, dass seinerzeit sogar einzelne evangelische Pfarrer für ein Verbot der NAK plädierten, wohl auch, weil immer wieder Evangelische zur NAK übertraten (86).
Da sich die Spuren von Leinmann später in einem der vielen NS-Todeslager verloren, schrieb Krauss in seiner Studie von 2020: „Nichts spricht dafür, dass der gläubige neuapostolische Christ Simon Leinmann diese Zeit des Grauens überlebt hat.“ (Karl-Peter Krauss, Inszenierte Loyalitäten? Die Neuapostolische Kirche in der NS-Zeit, Frankfurt am Main: Peter Lang, 343).
Und doch ließ Krauss das Schicksal seines Glaubensbruders nicht los. Er durchforschte zahlreiche Archive und gab die Hoffnung nicht auf. Schließlich entdeckte er in einem New Yorker Archiv den ersten Hinweis darauf, dass Leinmann Krieg und Vernichtungslager überlebt hatte. Verarmt, mittellos und schwer gezeichnet hatte Leinmann im März 1949 die US-Staatsbürgerschaft beantragt (173). Es schlossen sich karge Jahre in den USA an, geprägt von Krankheit und Streit mit bundesdeutschen Behörden um Entschädigung (179f.). Dazu fanden sich Dokumente, aus denen Krauss das Leben bzw. Leiden Leinmanns in den NS-Lagern rekonstruieren konnte. Es ist eindrücklich, welche Fülle an Zeugnissen und Unterlagen Krauss letztlich zusammengetragen hat. Dabei widersteht er der Versuchung, allzu viel in Leinmanns Seelenleben hineinzudeuten – vielmehr lässt er immer wieder Zeitgenossen und Historiker zu Wort kommen und macht so indirekt die Verhältnisse anschaulich.
Es beeindruckt, dass ein Autor sich jahrelang mit einer Person beschäftigt, die ihm nicht persönlich bekannt ist, um sie dem Vergessen zu entreißen und ihrem Leiden ein erinnerndes Zeugnis zu geben. Was den Leser berührt, ist das Schicksal Simon Leinmanns, dem alles genommen wurde: sein Beruf, seine Frau, seine Verwandten, seine Freunde, seine Heimat, seine Sprache. Als (geborener) Jude hatte er in der damals recht exklusiven NAK eine spirituelle Heimat gefunden, sich aber später in New York bei dieser Kirche in der Bronx nicht wieder angemeldet (214). Sein Grab fand Krauss auf dem jüdischen Friedhof Gates of Zion in Airmont, New York.
Andreas Fincke (Erfurt), April 2025