Katharina Portmann

Die O'Bros

Sind die christlichen Rapper auch gefährliche Influencer?

Rund 5.000 Menschen strömen an einem Sonntagnachmittag Ende April auf den Stuttgarter Marktplatz im Herzen der Innenstadt. Das Publikum ist überraschend heterogen. Nahezu alle Altersgruppen sind vertreten, wenngleich Jugendliche und junge Erwachsene offenkundig die Mehrheit bilden. Für eine Veranstaltung, die von zwei Rappern organisiert wurde, ist das ungewöhnlich. Doch die beiden Hip-Hopper sind nicht irgendwer – es sind die „O’Bros“. Die Veranstaltung? Nicht etwa ein Open-Air-Konzert, sondern ein Gottesdienst.1 Am Freitag zuvor hatten 7.000 begeisterte Fans in der Stuttgarter Porsche-Arena die Release-Party des aktuellen Albums gefeiert. Nun zeigen die Musiker im Stuttgarter Zentrum, was ihre Intention hinter der Musik ist: Sie wollen die christliche Botschaft für alle verkündigen.

Die O’Bros

Wer sind die beiden jungen Männer hinter dem Gottesdienst, die mit christlichen Liedzeilen nicht nur die fromme Welt erreichen? Maximilian (geb. 1996) und Alexander (geb. 1997) Oberschelp, wie die beiden mit bürgerlichen Namen heißen, sind bereits seit vielen Jahren in der christlichen Musikszene und darüber hinaus bekannt. Als „O’Bros“ (vermutlich kurz für „Oberschelp-Brothers“) belegten sie 2018 den ersten Platz des SPH Music Masters, des größten Bandwettbewerbs für Nachwuchskünstler:innen im deutschsprachigen Raum.2 Seit 2015 haben sie insgesamt fünf Studioalben und zahlreiche Singles veröffentlicht. Ihre vorletzte Platte „Underrated“ (2023) erreichte Platz 2 der deutschen Albumcharts, „To Be Honest“ (2025) eroberte nun sogar Platz 1. Das ist der größte Erfolg, den christliche Künstler:innen hierzulande bisher feiern konnten.3 Für die deutsche Musiklandschaft ist es ungewöhnlich, dass Musik mit dezidiert christlichen Inhalten eine derart breite Resonanz erfährt.

Ihren Musikstil beschreiben die beiden Musiker als „Worship-Hop“, eine Synthese aus Hip-Hop und klassischer Lobpreismusik. Diese auf den ersten Blick eigentümliche Kombination – die O’Bros sprechen von „moderner lyrischer Predigt“4 – weicht deutlich von dem ab, was man sich sonst unter christlicher Musik vorstellt. Die Brüder sind Deutschrapper und praktizieren damit einen der erfolgreichsten Musikstile der Gegenwart. Und das passt perfekt nach Stuttgart. Denn die Neckarstadt ist nicht nur das Zentrum des schwäbischen Pietismus, sondern auch mit der deutschen Rap-Szene eng verbunden.5

Im Münchner Umland geboren, wohnen die Brüder heute in der Baden-Württemberger Hauptstadt. Der christlich-evangelikale Glaube hatte schon seit Kindestagen eine große Bedeutung in ihrem Leben. Zentrale Themen evangelikaler Frömmigkeit – Konversionserlebnis, Bibel- und Christuszentriertheit, Mission – werden von ihnen musikalisch verarbeitet. Ihre Texte bewegen sich zwischen geläufigen Lobpreisinhalten und (autobiografischen) Zeugnissen, die „junge Menschen ermutigen“ sollen, „ihren Glauben offen und stolz zu leben“.6

Deutscher Hip-Hop

Was in den neunziger Jahren als Subkultur begann, ist inzwischen ein fester und außerordentlich populärer Bestandteil der deutschen Musiklandschaft. Im Jahr 2023 waren sechs der zehn erfolgreichsten Musiker:innen in Deutschland (gemessen an den Streamingzahlen bei Spotify) Deutschrapper:innen. Knapp 80 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren hören deutschsprachigen Hip-Hop, nur Pop- und Rockmusik sind mit etwa 85 Prozent noch beliebter. Die Genres lassen sich allerdings nicht immer scharf voneinander unterscheiden, weil sich Rap-Musik immer häufiger melodischer Pop-Elemente bedient.7 Dass das eine erfolgsversprechende Fusion ist, zeigt unter anderem der Song „Komet“ von Udo Lindenberg und Apache 207. Das Lied war 2023 ein reichliches halbes Jahr auf Platz 1 und 2 der Single-Charts.8

Auffälligerweise sind religiöse Bezüge im Rap recht häufig zu finden. Wie die religiöse Sprache in den Songs wirkt, ist dabei stark kontextabhängig. In einem religiösen Umfeld können so spirituelle Bedeutungen transportiert werden, in säkularen Kontexten dient dies eher der Selbstinszenierung.9 Diese Ausgangslage mag ein Grund sein, warum die O’Bros mit ihrer Musik auch über das religiöse Publikum hinaus Anklang finden.

Christliche Popmusik und Evangelikalismus

Weite Teile des Evangelikalismus stehen der Verwendung popkultureller Mittel sehr offen gegenüber. Insbesondere in den US-amerikanischen Megakirchen konnte man in den vergangenen Jahrzehnten gut beobachten, wie selbstverständlich zeitgenössische Musiktrends aufgenommen werden, um sie mit eigenen Inhalten zu füllen. Rein technisch ähnelt die Musikgestaltung den Arrangements säkularer Künstler:innen, inhaltlich gibt es jedoch umso größere Unterschiede. In den meisten religiösen Liedtexten wird „die heilende Wirkung eines Bekenntnisses zu Jesus Christus hervorgehoben und die Fehler- und Sündhaftigkeit menschlichen Lebens und Strebens thematisiert“.10 Die Musik wird dabei als besonders anschlussfähiges Verkündigungs- und Evangelisierungsmedium begriffen.

Auch für die O’Bros ist dieser Aspekt in ihrer Musik zentral. Ihr erstes Studio-Album nannten sie „R.A.P.“, die Bezeichnung des Genres als Akronym für „Radikal anders predigen“. In einem Interview beschreiben sie die Ausgangsidee für ihre Musik folgendermaßen:

Viele junge Leute fühlen sich nicht mehr angesprochen von der Kirche. Sie gehen oft auch nicht in den Gottesdienst, deshalb kann man sie von der Kanzel aus nicht mehr erreichen. Aber jeder junge Mensch hört Musik, dieses Medium ist omnipräsent. Und wenn die Leute nicht mehr in den Gottesdienst kommen, dann bringen wir die Botschaft eben zu ihnen.11

Die Attraktivität dieses Evangelisierungsformats liegt aber nicht allein in der Einkleidung evangelikaler Theologie in ein modernes Gewand, sondern in einem Kernelement der Musik – dem sinnlichen Erleben. Christliche Popularmusik kann nicht allein anhand der Textinhalte begriffen werden. Die Live-Performance, der musikalisch-dramaturgische Aufbau der Lieder und die Gesamtshow sind mindestens genauso relevant für den Erfolg. Evangelikale Künstler:innen bedienen sich modernster Technik, um mithilfe von Bühnenshow, Licht- und Eventeffekten, aber auch mit gewissen inhaltlichen Spannungsbögen „wirkmächtige Erlebensszenarien zu kreieren, die Sinne, Körper und Kognition von Akteuren stark stimulieren und zu einem intensiven religiösen Erlebnis führen“.12 Die verschiedenen Mittel dienen dazu, bei den Rezipient:innen eine möglichst intensive emotionale Ergriffenheit auszulösen, die dann als Transzendenzerfahrung gedeutet werden kann. Solch multimedial erzeugtes Gotteserleben hat eine enorme Anziehungskraft auf evangelikale Gläubige.

Der O’Bros-Gottesdienst in der Stuttgarter Innenstadt vereinte viele der typischen Züge eines evangelikalen Musikevents. Er kann daher als eine exemplarische Veranstaltung dieser Art betrachtet werden, die es sich genauer zu analysieren lohnt.

Erhabenheit

Um Punkt 16 Uhr, der Marktplatz ist mittlerweile komplett gefüllt, schwillt die Musik an. Es wird unmissverständlich deutlich: Das hier ist nichts Provinzielles, sondern weit größer gedacht. Man möchte ganz oben mitspielen. Ein treibender Beat dröhnt durch die professionelle Bühnenanlage. Die O’Bros betreten die Konzertbühne und performen den ersten Song des Nachmittags, „Amen Bruder“. Die mitreißende Musik und die Begeisterung der Fans, die ihre musikalischen Idole hier live sehen und hören, verbreiten eine euphorische Stimmung. Und bereits in den ersten Zeilen des Songs treten Kennzeichen des Glaubens der Stuttgarter Stars hervor:

Neuer Mensch made in Heaven (Heaven),
No Chance für den Devil, ah (no),
Bro, ich les’ die Bibel und nicht nur den Vers des Tages (flex, flex).13

Eine tägliche Bibellektüre, die über das Lesen der Herrnhuter „Losungen“ mit ihren Tagesversen hinausgeht, womöglich in einer festen „stillen Zeit“ – dieser Anspruch ist ein typisches Merkmal evangelikaler Schriftfrömmigkeit. Dass die eigene Zugehörigkeit zum Himmel den Teufel auf Distanz hält, könnte, falls wörtlich gemeint, ein Hinweis auf ein dualistisches Weltbild sein, das mit einem Ringen zwischen Gott und Satan bzw. göttlichen und satanischen Mächten rechnet. Das Lied scheint gut anzukommen, und viele der anwesenden Jugendlichen zeigen sich beim Mitsingen erstaunlich textsicher. So ist es auch bei den folgenden beiden Worship-Songs, die als Klassiker der gegenwärtigen Lobpreismusik gelten können. Sie werden von der „Outbreakband“ performt, die den Gottesdienst mitgestaltet. Bei der Outbreakband handelt es sich um die wohl einflussreichste deutsche Lobpreisband. Sie gründete sich 2007 im Glaubenszentrum Bad Gendersheim rund um das Ehepaar Juri und Mia Friesen, die heute Pastoren der Urban Life Church im Stuttgarter Nachbarort Kornwestheim sind. In ihrer musikalischen Ausrichtung orientieren sie sich stark an führenden internationalen Worship-Bands wie Hillsong United oder Bethel Music. Mit den O’Bros besteht eine enge Verbindung. Das gemeinsame Lied „Ewigkeit“ ist Teil des neuesten Musikalbums. Neben eigenen Kompositionen übersetzen die Liedermacher der Outbreakband auch eine Vielzahl von bekannten englischsprachigen Lobpreisliedern – wie auch den in Stuttgart gespielte Song „Zehntausend Gründe“.14 Dieser und der folgende Song „Mein Gott ist größer“15 werden von fast allen Anwesenden inbrünstig mitgesungen. Gegen das Gefühl der Ergriffenheit, das sich beim hymnenhaften Gesang von über 5.000 Menschen ausbreitet, kann man sich kaum wehren. Dazu passt in gewisser Weise auch das Gottesbild, das die eingängigen Texte transportieren. So klingt es im zweiten Lied:

Mein Gott ist größer,
Er hält alles in der Hand.
Und ich weiß,
Er kämpft meine Kämpfe,
Er ist Sieger in Ewigkeit.
Mein Gott ist größer,
Ja mein Gott ist größer.

Gott, das ist demnach vor allem ein mächtiger, großer Herrscher, der in den Kampf zieht gegen alles Leid und Böse dieser Welt, vor allem aber gegen die Widrigkeiten in „meinem“ Leben. Im Laufe des Gottesdienstes fällt auf, dass mehrfach Kampffantasien unterschiedlicher Art aufgerufen werden, die immer eine eindeutige Größen- und Machtdifferenz voraussetzen. Dies bestätigt eine empirische Untersuchung von Tobias Faix und Tobias Künkler aus dem Jahr 2017, die ergab, dass die Vorstellung der Allmacht Gottes eine zentrale Komponente des Gottesbildes hochreligiöser Jugendlicher darstellt. Macht bzw. Allmacht Gottes sind positiv konnotiert und werden „oft in einem Atemzug mit seiner Liebe genannt“.16 Weiter wurde in der Studie aufgezeigt, dass hochreligiöse Jugendliche Gott hauptsächlich als liebevoll-empathisches Wesen begreifen, das sich im Heilsgeschehen Jesu Christi offenbart habe. Der Kreuzestod werde fast ausschließlich sühnetheologisch gedeutet und erhalte damit eine personale Aufladung („Jesus starb für meine Sünden“)17 – auch diese Charakteristik wird sich auf dem Stuttgarter Marktplatz noch zeigen.

Die mitreißenden Lieder führen zu einer ausgelassenen Stimmung auf dem Markt, in der ein echtes Gemeinschaftsgefühl entsteht – typische Elemente christlicher Worship-Events. Das Gefühl von Vergemeinschaftung und Erhabenheit wird von den Anwesenden nicht etwa als psychologisch nachvollziehbare Reaktion auf dröhnende Bässe, gemeinsamen Gesang und Personenkult verstanden, sondern als Zeichen der Anwesenheit Gottes. So wird die Erwartung eines persönlichen Offenbarungserlebnisses geweckt.

Das „echte“ Leben

Evangelikaler Glaube beansprucht einen unmittelbaren Alltagsbezug – der Glaube wird nicht als ein Aspekt des menschlichen Lebens unter anderen begriffen, sondern als der alles überstrahlende und durchdringende Sinn des Daseins überhaupt. Deswegen muss der Glaube spür- und erlebbar sein im echten Leben, oder jugendsprachlich ausgedrückt: im „Real Life“. Im Vordergrund steht dabei die Bewältigung individueller Krisen. Das göttliche Gegenüber rangiert als persönlicher Ansprechpartner und Ratgeber, der alles Leid letztlich zum Guten wendet – sofern man ihm den Raum dafür gibt. Dass sich Gott in dieser Weise bewährt hat, wird in persönlichen Glaubensberichten festgehalten, in „Zeugnissen“. Diese Erzählungen nehmen ihren Ausgang meist bei einem tragischen Erlebnis, das sich durch die Hinwendung zum Glauben ins Positive kehrte. Jugendliche werden von solchen Berichten besonders stark angesprochen. Das liegt wohl an dem Umstand, dass im Zuge der Veränderungen, die die Pubertät mit sich bringt, häufig erste Krisenerfahrungen gemacht werden, deren Bewältigung zunächst erlernt werden muss. Die evangelikale Frömmigkeit verspricht eine einfache Lösung, die für jeden zugänglich erscheint und schnelle Besserung verspricht.

Solche Zeugnisse sind fester Bestandteil der Dramaturgie einer Lobpreisveranstaltung und Gegenstand zahlreicher Lobpreislieder. Sie sollen dazu ermutigen, diesen Glauben im eigenen Leben zu verankern. So auch beim Gottesdienst in der Stuttgarter Innenstadt. Eindrücklich erzählen die O’Bros von ihrem 2021 verstorbenen Freund Philipp Mickenbecker, den sie bis zu seinem letzten Atemzug begleiteten. Für die meisten Anwesenden ist Philipp kein Unbekannter. Gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Johannes betrieb er den YouTube-Kanal „The Real Life Guys“. Dort dokumentierten die Brüder, wie sie mit jeder Menge Fantasie und handwerklichem Geschick abenteuerliche Projekte umsetzten: eine fliegende Badewanne, ein dreistöckiges Baumhaus, eine eigene Achterbahn usw. Allein auf YouTube verfolgen das bis heute 1,9 Millionen Menschen. Nachdem bei Philipp Mickenbecker 2020 Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert wird, berichtet er immer wieder vom Verlauf der tödlichen Krankheit. Er vermittelt glaubhaft, dass die Hoffnung auf das Jenseits ihn und seine Familie durch diese schwere Zeit trägt. Mehrere Fernsehdokumentationen erweitern seinen Bekanntheitsgrad, und als er im Juni 2021 stirbt, ist die (digitale) Anteilnahme immens. Es gibt einen vielgeklickten Livestream von seiner Beerdigung, an der zahlreiche evangelikal-christliche Influencer:innen teilnehmen. Unter ihnen sind auch die damals noch wesentlich unbekannteren O’Bros. Als Mickenbeckers Leben 2023 in einem Dokumentarfilm nachgezeichnet wird, ist das Duo maßgeblich am Marketing der Produktion beteiligt.

Auf der Stuttgarter Bühne beschreiben die Oberschelp-Brüder den Tod Philipp Mickenbeckers als Schlüsselmoment, der sie motivierte, ihre christliche Botschaft in die Welt zu tragen.18 Sie widmen ihrem verstorbenen Freund das Lied „Real Life“, das die Bedeutung von Zeugnissen im evangelikalen Glauben gut illustriert. Nach der emotionalen Ansprache wird es von den meisten Anwesenden leidenschaftlich mitgesungen. Es beginnt mit den Zeilen:

Ich weiß noch die Nacht, als ich dachte:
Mein Gott, bitte nimm mich jetzt heim,
Mich jetzt heim, 
Ich weiß noch den Tag, als ich wusste,
Ich schaff das hier nicht mehr allein,
Mehr allein (ah). 
[…]
Egal was auf euch zukommt,
Weder hoch, weder tief, nein, ich hab’ keine Angst.
Kann mir sicher sein, dass du kommst.
Und egal was passiert, ich bin in deiner Hand.
Dieses Leben endet, doch du bist Ewigkeit (yeah).
Egal, was auf euch zukommt,
Du bist das, was bleibt, du bist Real Life.

Gebrochenheit

Die Geschichte von Mickenbecker erzählen die Brüder nicht nur zur Erinnerung an ihren verstorbenen Freund, sondern sie nutzen sie als Motivationsimpuls, um am Glauben festzuhalten. Denn, so die klare Botschaft in der Stuttgarter Innenstadt: „Wenn wir anfangen, unser Leben von hinten zu denken, dann kann es sein, dass wir heute unsere Prioritäten neu setzen, und dann fangen wir erst an zu leben. Mach dir mal drüber Gedanken, was dir wichtig ist und wonach du leben willst.“ Im darauffolgenden Lied „Wenn ich heute geh’“ besingen sie genau dieses Gedankenspiel. Die Atmosphäre im Gottesdienst hat sich binnen Minuten gewandelt, sie ist jetzt nicht mehr ausgelassen und fröhlich, sondern nachdenklich und emotional. Das ist kein Zufall, sondern ein geläufiges Element evangelikaler Verkündigungsstrategie. Eine ergreifende Geschichte wird erzählt, um den Blick der Anwesenden auf die Schwierigkeiten im eigenen Leben, auf die eigene Vergänglichkeit zu lenken. Dabei wird die emotionale Wirkung verstärkt – so auch bei den O’Bros in Stuttgart –, indem die Ansprache durch atmosphärisch aufgeladene Hintergrundmusik begleitet wird. Diese Emotionalisierungsphase leitet zum Kernelement jeder evangelikalen Verkündigung und Lehre im Allgemeinen über.

Die folgenden Minuten des Gottesdienstes sind, ganz im Sinne eines verspäteten Ostergottesdienstes, der Kreuzigung und Auferstehung Jesu gewidmet. Sie geben Einblick in die evangelikale Theologie dieses Geschehens, die die Oberschelps im Laufe ihrer freikirchlichen Sozialisation tief verinnerlicht haben. Ihr Lied „Bis in den Tod“, das sie nun darbieten, enthält zentrale Elemente einer Christologie, die auf charakteristische Weise um die Sühnetodvorstellung kreist:

Du nimmst meine ganzen Fehler auf dich und trotzdem checke ich es immer noch nicht.
Ich hab’ so vieles in meinem Leben schon bereut (yeah)
Und trotzdem schlag’ ich dich fast täglich wieder an das Kreuz.
Herr vergib mir.
[…]
Denn in dem Moment, als du da hingst (Moment, als du da hingst),
Dachtest du an mich und mein Herz,
Und du warst der Überzeugung, diesen Schmerz bin ich dir wert.
[…]
Die schlimmste Strafe für Mörder, die’s gibt,
Du hast sie bekomm’, ich hab’ sie verdient.

Diese Zeilen lenken die zuvor aufgebauten Gefühle auf die Betrachtung der individuellen Verfehlungen und Unzulänglichkeiten. Bei dieser Schuldreflexion werden zutiefst menschliche Erlebnisse sündentheologisch dramatisiert und sogar auf dieselbe Ebene wie das gezielte Auslöschen eines menschlichen Lebens gestellt („Mörder“). Die so herbeigeführte Selbstverwerfung wird dann aufgelöst, indem der Kreuzestod Jesu als stellvertretender Sühnetod für diese meine Sünden gedeutet wird, wodurch er als eine individuelle Leistung für mich erscheint. Damit wird ein altes Motiv aus der christlichen Buß- und Kreuzesfrömmigkeit aufgenommen.19 Und doch erhält dieses Motiv durch seine lebensweltliche Konkretisierung eine andere Färbung: Grund für den Sühnetod sind all die Verfehlungen, die wir in unserem Leben „fast täglich“ begehen und manchmal auch bereuen. Es ist nun nicht mehr die Sünde als unbegreiflicher Abfall von Gott, sondern das konkrete Scheitern am Anspruch, ein perfektes Leben zu führen, das die persönliche Erlösungsbedürftigkeit schafft. Und der Kontrast zwischen den Durchschnittsverfehlungen von Jugendlichen aus der deutschen Mittelschicht und der Todesstrafe, die Jesus von Nazareth wegen seiner vermeintlichen Gotteslästerung erleiden musste, gibt der fraglichen Kreuzesfrömmigkeit fast den Anstrich eines seltsam grausamen Narzissmus: Schaut her, mit all dem schlage ich ihn „fast täglich wieder ans Kreuz“! Künstlich übertriebene Selbstgeißelung und Bagatellisierung realer Grausamkeit gehen Hand in Hand.

Zugangsbedingungen

Die Dramaturgie, die bewusst in die eigenen Krisen und mitunter auch Abgründe hineinführt, die jedes menschliche Leben kennt, erzeugt bei den Rezipient:innen Gefühle von Beklemmung und Versagen – ein Zustand, in dem niemand lange verharren möchte. Der Wunsch nach einem (möglichst schnellen) Ausweg aus dieser negativen Gefühlslage ist nachvollziehbar. Und dieser Ausweg wird auch direkt geliefert. Die Hinwendung zu Jesus Christus, die Annahme seines stellvertretenden Leidens für mich und die komplette Ausrichtung des eigenen Lebens an ihm sind nach evangelikaler Auffassung die Zugangsbedingungen für die Erlösung von Negativität im eigenen Leben, die in diesem Moment mehr oder weniger stark empfunden wird.

Auf dem Stuttgarter Marktplatz wird die Bedeutung von Kreuz und Auferstehung neben der Rap-Musik von einem Poetry-Slam untermalt, dessen Höhepunkt die Erzählung über den leibhaft Auferstandenen ist. Auch hier wird nicht mit musikalischer Emotionalisierung gegeizt, jetzt in Gestalt von Hans Zimmers epischer „Time“-Melodie aus dem Film „Inception“. Durch die vorherige Besinnung auf die Unvollkommenheiten und Verfehlungen im eigenen Leben wird die in Kreuz und Auferstehung symbolisierte Überwindung aller Negativität als persönliche Erlösung erlebbar. Das Publikum jubelt mit, als die beiden Musiker mit den Osterworten „Der Herr ist wahrhaftig auferstanden“ auf die Bühne stürmen. Binnen Sekunden wechselt die getrübte Stimmung wieder in Ausgelassenheit und Euphorie. Und dazu passt auch der Text des nun angestimmten Songs:

Denn das hier ist das Comeback (Comeback),
Das allergrößte Comeback (Comeback).
Ab heute sind wir e-wig frei,
Ein Bund bis in die E-wig-keit.
[…]
D-der Feind hat einen Schock bekommen,
Diesen Kampf hat Gott gewonnen.
Am Ostersonntag wurd’ der Tod so richtig hops genommen.
Ich bin frei für immer dank des Imperators.

Das Gottesbild des mächtigen Herrschers erhält durch den Kreuzestod Jesu nicht etwa einen Dämpfer, im Gegenteil: Die evangelikale Deutung mittels martialischer Machtmetaphorik wie Kampf, Feind, Sieg und Herrschaft wird aufgenommen und in Jugendsprache verpackt.

Gemeinschaft

Nach diesem musikalisch-religiösen Höhepunkt neigt sich der Gottesdienst rasch dem Ende zu. Die Outbreakband performt nochmals zwei Worship-Lieder. Sie dienen dazu – auch das ist typisch für Lobpreisevents –, die zutiefst individuelle Erfahrung von Konversion und Transzendenz auch als kollektive Erfahrung zu feiern. Für hochreligiöse Jugendliche ist diese Verknüpfung von Individuellem und Kollektivem besonders attraktiv. Es werden einfache und schnelle Lösungen für die persönlichen Herausforderungen des Erwachsenwerdens gegeben und dabei zugleich Angebote gemacht, die große Sehnsucht nach echter Gemeinschaft zu erfüllen.

In dieses Gemeinschaftsgefühl hinein erfolgt die evangelistische Sendung der Anwesenden. Denn, wie angesprochen, gehören missionarische Aktivitäten zum Kernelement des Evangelikalismus. Die O’Bros folgen dieser Norm auf ihre eigene Weise. Sie verzichten auf einen konkreten Missionsaufruf, ermuntern die Zuhörerschaft aber zu mehr Selbstbewusstsein, ihren Glauben in der säkularen Gesellschaft sichtbar zu leben.

Als das Duo den Song „Chvrchies“ anstimmt, wird die Verbundenheit der Zuhörerschaft noch einmal deutlich spürbar. Inhaltlich dreht sich das Lied um das Gefühl, für den eigenen Glauben belächelt zu werden, was vermutlich viele der anwesenden jungen Christ:innen kennen. In die Kirche gehen – das ist in vielen Köpfen mit unbequemen Kirchenbänken, nicht enden wollenden Gottesdiensten und einer fremdgewordenen Ästhetik assoziiert. Das aber sind Vorurteile, die hochreligiöse Jugendliche nicht teilen, wenn man den folgenden Liedzeilen Glauben schenkt:

Endlich Sonntag, danke Gott,
All Day churchen – Vollzeitjob.
Wir geh’n raus und spreaden Love,
Worship mit dem Squad.20

Kirche kann, das wird deutlich, für Jugendliche auch ein positiver Ort sein, an dem sie sich in ihrer Lebenswelt abgeholt fühlen, enge Gemeinschaft erfahren und, nicht zuletzt durch die völlig zeitgemäße Musik, eine tiefe Glaubensvergewisserung spüren. Und das muss man nicht verstecken!

Generation Lobpreis

Die Musik ist heute bei vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein entscheidender Faktor, um positive Assoziationen mit dem christlichen Glauben im Allgemeinen und Kirche im Besonderen verbinden zu können. „Generation Lobpreis“ – so nennen Faix und Künkler die hochreligiösen Jugendlichen der Gegenwart, deren Glaube in Worship ein zentrales Ausdrucksmedium findet. Unter „Lobpreis“ (oder „Worship“) ist hierbei nicht bloß eine moderne und vielleicht etwas eigenwillige „Kirchenmusik“ zu verstehen, die eben in Jugendgottesdiensten gespielt wird. „Lobpreis“ ist vielmehr die wichtigste Quelle in der Glaubenspraxis dieser Generation, noch vor Gebet und Bibellesen. Ja, der Begriff beschreibt, so Faix und Künkler, einen ganzen Lebensstil, eben den Lebensstil hochreligiöser Jugendlicher von heute.21

Was charakterisiert diese Jugendlichen? Das Attribut „hochreligiös“ kennzeichnet sie als Jugendliche, bei denen der Glaube den höchsten Stellenwert im eigenen Leben einnimmt und alle Lebensbereiche, wie zum Beispiel die Partner:innenwahl oder politische Entscheidungen, maßgeblich prägt. Innerhalb des Protestantismus lassen sich ungefähr die Hälfte der hochreligiösen Jugendlichen institutionell in Freikirchen verorten. Die andere Hälfte fühlt sich den evangelischen Landeskirchen zugehörig. Hinsichtlich Herkunft bzw. Bildungsnähe und Werteorientierung weisen sie eine große Homogenität auf. Die meisten von ihnen entstammen, nach der Milieutypologie der Sinusstudie, konservativ-bürgerlichen und adaptiv-pragmatischen Milieus. Das bedeutet verkürzt, dass sie und ihre Eltern über ein überdurchschnittliches Bildungsniveau verfügen. Was ihre Werteorientierung angeht, repräsentieren sie ungefähr den Mainstream der heutigen Jugendgeneration, für den eine starke Gegenwartsorientierung, Pragmatismus und Hedonismus typisch sind. Auf der einen Seite sind Jugendliche nach den einschlägigen Untersuchungen hyperindividualistisch, also ohne signifikante Bezüge zu traditionellen Gemeinschaftsformen. Gleichzeitig ist in ihnen eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft lebendig, die sich besonders auf ihre Primärbeziehungen richtet und durch den Wunsch nach partizipativer Mitgestaltung geprägt ist.22

In ihrer Glaubenspraxis legen hochreligiöse Jugendliche großen Wert auf die alltägliche Erfahrbarkeit ihres Glaubens. So wundert es auch nicht, dass Lobpreis bzw. Worship als ihre bevorzugte Glaubensquelle dient. Der Erlebnisfaktor ist beim Mitvollziehen der emotionalen Popmusik in der Regel bedeutend größer als beim einfachen Gebet oder während des Bibellesens. Eine weitere Besonderheit ist die Betonung des „guten Gefühls“ bei der Glaubensausübung, das wichtiger erscheint als theologische Grundüberzeugungen. Der Glaube der betreffenden Jugendlichen entwickelt sich häufig aus bestimmten Schlüsselmomenten, denen wiederum oftmals eine hohe Gefühlsintensität zukommt. Auch wenn das Bibel­le⁠sen einen geringeren Stellenwert hat, wird es von vielen Jugendlichen regelmäßig praktiziert. Der Fokus liegt dabei weniger auf der Auseinandersetzung mit grundsätzlichen religiösen oder theologischen Wahrheiten als vielmehr auf der Suche nach Antworten für situative Lebensfragen.23

Die skizzierte Charakteristik macht verständlich, warum Worship-Events für hochreligiöse Jugendliche außerordentlich anziehend sind. Die O’Bros beherrschen die einschlägigen Formen der religiösen Verkündigung ausgezeichnet: Stil und Inhalt ihrer Musik sprechen eine Sprache, die sich gezielt an Jugendliche richtet. Der Erfolg dieser Band innerhalb der evangelikalen Szene ist daher nicht sonderlich überraschend.

Unter Beobachtung

Zwei christliche Rapper, die mit missionarischen Texten die Albumcharts stürmen – das zieht nicht nur viele Gläubige an, sondern weckt auch die Aufmerksamkeit der Presse. Das führt allerdings dazu, dass die beiden Musiker neben der bisher überwiegend positiven Resonanz aus der (frei)kirchlichen Sphäre auf einmal auch mit kritischen Stimmen konfrontiert sind. Unter anderem wird ihnen vorgeworfen, mit ihrer Musik „ein Einfallstor für das reaktionäre Gedankengut der religiösen Rechten“24 zu öffnen.

Dieser Verdacht verbindet sich vor allem mit zwei Auftritten des Duos. Zum einen waren die O’Bros im Herbst 2024 bei der „UNUM24“-Konferenz in München zu hören, die schon im Voraus für Kontroversen sorgte. Hauptredner der Konferenz war Bill Johnson, Gründer der neocharismatischen Bethel Church in Redding, Kalifornien, der regelmäßig mit seiner Nähe zu US-Präsident Donald Trump Schlagzeilen macht. Zudem vertritt „Bethel“ ein forciert wunderorientiertes neocharismatisches Christentum, das zum frommen Realitätsverlust tendiert, und befürwortet Konversionstherapien für Homosexuelle, die in Deutschland verboten sind.25 All das wäre schon genug Anlass zur Kritik gewesen. Verschärft wurde die Situation in München durch den parallel stattfindenden „Christopher Street Day“ (CSD), der die Anstößigkeit der homosexualitätskritischen Äußerungen Johnsons noch einmal deutlicher ins öffentliche Licht rückte. Die O’Bros äußerten sich nicht zu diesem Auftritt in ihrer Geburtsstadt.

Der zweite Anhaltspunkt für den Vorwurf, eine Brücke in Richtung rechtschristlichen Gedankenguts zu schlagen, war Alexander Oberschelps Anwesenheit bei der Alliance for Responsible Citizenship Conference (ARC) in London im Februar 2025. Initiator dieser Veranstaltung ist der kanadische Psychologe und Erfolgsautor Jordan Peterson, zu dessen Netzwerk verschiedene demokratiefeindliche, antifeministische und fundamentalistische Akteure zählen. Teil der deutschen Gästegruppe waren unter anderem die Christfluencerinnen Jana Highholder (alias „hiighholder“) und Jasmin Friesen (alias „liebezurbibel“), die immer wieder durch rechtslastige Äußerungen aufgefallen sind, außerdem der rechtspopulistische Influencer Leonard Jäger (alias „Ketzer der Neuzeit“) und die ehemalige Vorsitzende der AfD, Frauke Petry. Unter den Teilnehmenden war von einem „Klassentreffen“ die Rede; es wurde fröhlich von der Konferenz berichtet und Einigkeit im Hinblick auf das politische Selbstverständnis demonstriert. Oberschelp war zwar nicht Teil dieser deutschen ARC-„Delegation“, zeigte sich aber dennoch regelmäßig mit deren Mitgliedern. Ob beim gemeinsamen Essen, beim Fußballspielen oder beim gemeinsamen Selfie-Shooting – es wurde der Eindruck vermittelt, als habe er ein unbekümmertes bis positives Verhältnis zu den Teilnehmer:innen aus dieser Gruppe und zu deren politischen Positionen.26

„Kingdom-Minded Network Christianity“

Die Vermutung, von dem Rap-Duo könnte eine Gefahr für die (christliche) Jugend ausgehen, ist in aktuellen Beiträgen zu den O’Bros auch mehrfach mit dem Rekurs auf eine wissenschaftliche Publikation untermauert worden. Die Theologin Maria Hinsenkamp hat in ihrer Dissertation neuere Entwicklungen im evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Christentum analysiert und unter einen neuen Begriff zusammengefasst: „Kingdom-Minded Network Christianity“ (KiNC).27 Ihre These: Für eine bestimmte Bewegung im weltweiten Christentum mit einer bestimmten theologischen Ausrichtung sind nicht mehr hierarchische Kirchenstrukturen, sondern lose verbundene transnationale Netzwerke von Gemeinden, Einzelpersonen und Missionswerken maßgeblich. Nach Hinsenkamp ist diese „KiNC-Bewegung“ stark von dem Bestreben geprägt, auf die unmittelbare Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden hinzuwirken; das erfordert eine Transformation der Gesellschaft nach den göttlichen Ordnungen, um das endzeitliche Kommen Christi vorzubereiten. Ein verbindendes Glied der Akteur:innen ist die Vorstellung eines metaphysischen Kampfes, der dämonische Mächte innerhalb der Welt agieren sieht. Um gegen den Einfluss dieser Mächte vorzugehen, wird ein aktives Eingreifen der Christen in Politik und Gesellschaft propagiert. Dementsprechend zeigen Vertreter:innen ein hohes gesellschaftspolitisches Engagement, das strategisch auf die „geistliche Besetzung“ unterschiedlicher Teilbereiche wie Kultur, Medien und Politik zielt („Seven-Mountain-Mandate“).

Hinsenkamp analysiert insbesondere das Wirken dieses Netzwerks in Deutschland. Sie betont, dass die faktische Zugehörigkeit nicht allein per Selbstverortung geschieht, sondern auch durch persönliche Beziehungen, thematische Überschneidungen oder die Nutzung derselben Plattformen. Auch die O’Bros werden in diesem Zusammenhang mehrfach erwähnt und aufgrund von Textinhalten, Präsenz bei bestimmten Veranstaltungen und öffentlichen Auftritten mit bestimmten Personen dem KiNC-Netz zugeordnet.

Hinsenkamps Dissertation und ihre Rezeption ergeben ein ambivalentes Bild. Ihre Erörterungen erhellen ein diffuses und intransparentes System von christlichen Akteur:innen, die immer wieder mit reaktionären Politiker:innen kooperieren, um ihr fragwürdiges Menschen- und Gottesbild gesellschaftlich geltend zu machen. Allerdings gibt die Analyse kaum Mittel an die Hand, den Stellenwert von Personen innerhalb des Netzwerks zu gewichten und die Reichweite ihres Einflusses innerhalb der Szene abzuschätzen: Wer in Deutschland im Zentrum oder nur am Rand der KiNC-Bewegung steht, lässt sich nur schwer sagen. Diese Unschärfe, die in der Sache begründet ist, eröffnet nun aber die Option einer problematischen Rezeption der Untersuchung. Sie scheint dann geeignet, eine bestimmte Frömmigkeitsszene mit dem nun wissenschaftlich legitimierten Pauschalverdacht zu belegen, die deutsche Gesellschaft theokratisch unterwandern zu wollen. In der Folge kann Hinsenkamps Netzwerkanalyse den journalistischen Hang zur Vereinfachung befördern. Und sie kann zur Diskreditierung einzelner Personen und ganzer Frömmigkeitsstile herangezogen werden.28

Jung und naiv?

Die unkritische Nähe zu einschlägig bekannten Personen bescherte den O’Bros eine Form der Aufmerksamkeit, die sie offensichtlich bisher nicht erlebt hatten. Das konnte man auch ihrem Bühnenauftritt in der Stuttgarter Innenstadt anmerken. Ihre ansonsten so lockere und unbedarfte Art wurde spürbar durch die Anwesenheit einiger Journalist:innen-Teams gestört. Immer wieder sprachen sich beide gegen Hass, Polarisierung und Verurteilung aus und betonten, wie wichtig es sei, auch andere Meinungen und Einstellungen gelten lassen zu können. Die O’Bros genießen eine enorme Zustimmung bei evangelikalen Jugendlichen, das war in Stuttgart unübersehbar. Daraus erwächst für die Brüder ein hohes Maß an Verantwortung, und zwar aus zwei Gründen. Ihre Zielgruppe ist jung und damit mehrheitlich empfänglich für jegliche Form von (digitaler) Beeinflussung. Und sie ist eben evangelikal. Das ist natürlich nicht per se ein Problem. Aber aufgrund der strukturellen Grunddistanz der evangelikalen Bewegung zu modernen, liberalen Weltanschauungen kann daraus eine Distanz, auch eine Opposition zur demokratischen Grundordnung erwachsen.29 Wie viele Stimmen der Gegenwart belegen, steht auch der deutsche Evangelikalismus heute in der Versuchung, autoritären politischen Programmen zuzuneigen, die etwa eine Wiederherstellung bestimmter gottgegebener Ordnungen versprechen. Zur Verantwortung gerade evangelikaler Influencer:innen sollte es daher gehören, sich zu den betreffenden Tendenzen zu positionieren. Wer Einfluss hat, muss diesen Einfluss verantwortlich nutzen.

Auch wenn die O’Bros keine Christfluencer im klassischen Sinn sind, stehen sie für eine Form der Glaubensvermittlung, für die es weder auf Amt noch Titel ankommt, sondern auf die persönliche Autorität, die ihnen ihre „Follower“ aufgrund subjektiven Erlebens zuschreiben. Ähnlich wie Christfluencer:innen erlangen die Oberschelps Autorität durch ihre ästhetische und musikalische Performanz und durch das emotionale Momentum, das mit ihrer Musik und Livepräsenz assoziiert wird.30 Der Erfolg verschafft den jungen Musikern sicherlich das, wovon viele nur träumen können – große Konzerte, Chartlistungen, Prominenz. Es macht sie aber auch zu Personen des öffentlichen Lebens. Und plötzlich interessiert sich die Öffentlichkeit auch für ihre persönlichen Freundschaften und deutet deren Zurschaustellung im Falle bestimmter Personen als Einverständnis mit deren politischer Position. Bei allem Verständnis für den Wunsch, apolitisch zu sein – in einer hochgradig polarisierten Welt kann es sich ein „Promi“ kaum mehr leisten, politisch neutral sein zu wollen, sich aber gleichzeitig mit ausdrücklich positionierten Personen ablichten zu lassen. Es muss den Beteiligten klar sein, dass es zum einen die Reichweite der betreffenden Influencer:innen erhöht. Zum anderen trägt es im Falle rechtspopulistischer Positionierungen dazu bei, dass Polemik und Spaltung zunehmend verharmlost werden. Bei aller musikalischen Professionalität scheinen sich die O’Bros im Hinblick auf die Wirkungen ihrer (digitalen) Sichtbarkeit bis vor kurzem ein hohes Maß an Naivität geleistet zu haben. Schenkt man ihren Stuttgarter Ansagen gegen Hass und Polarisierung Glauben, gibt es Grund zur Hoffnung, dass den beiden Brüdern ihre Verantwortung inzwischen bewusst geworden ist.

Brückenbauer?

Der Evangelikalismus erlebt derzeit eine Zerreißprobe. Die amerikanischen Verhältnisse führen vor Augen, wie stark sich Teile des Christentums mit demokratieverachtender Politik verbünden können. Auch in Deutschland irritiert die politische Rechtsneigung einiger einflussreicher Akteur:innen. So hat Jasmin Friesen (@liebezurbibel) das Ergebnis der jüngsten Bundestagswahl für eine Aufforderung zu einer schwarz-blauen Koalition genutzt; und Leonard Jäger (@ketzerderneuzeit) wurde mit seinen ausländer- und transfeindlichen Videos gerne in rechten Medien wie der Jungen Freiheit rezipiert – um nur zwei Akteure aus dem religiösen Umfeld der O’Bros zu nennen.

In den sozialen Medien kommen die beiden Brüder zwar immer wieder mit entsprechenden Influencer:innen in Kontakt, die politischen Statements unterscheiden sich bisher aber durchaus. Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover konnte man das beobachten. Jasmin Friesen (damals noch Neubauer) bezeichnete den Kirchentag unter Bezug auf skandalisierende Nius-Meldungen schon im Voraus als „Zirkuszelt der Verwirrung“.31 Leonard Jäger, als „Journalist“ vor Ort, störte einzelne Programmpunkte derart, dass ihm die Akkreditierung entzogen wurde, woraufhin er – medienwirksam von ihm inszeniert – vom Gelände eskortiert werden musste. Demgegenüber zeigte sich Alexander Oberschelp als dialogoffener Besucher, der den Kontakt zu Andersdenkenden suchte. Er stellte damit einen wichtigen evangelikalen Gegenpol in den sozialen Medien dar. Es bleibt zu hoffen, dass sich diese Signale des Brückenbaus wiederholen und die Brüder ihre Verantwortung für das nutzen, was sie in Stuttgart predigten, nämlich „dass Christen die Letzten sein sollten, die Menschen ausgrenzen, die Letzten sein sollten, die irgendwo Hass verbreiten.“

Fazit

Die O’Bros stehen mit ihrer Musik für den tief im Evangelikalismus verankerten Trend, mit der christlichen Adaption säkularer Popmusik ein erfolgreiches Mittel zur Evangelisierung zu etablieren. Dass dies nicht nur in den USA breitenwirksam funktioniert, zeigen die deutschen Chartlistungen ihrer letzten Alben. Ihre Musik weist nach bestimmten Stilmerkmalen, Inhalt und Liveperformance eine hohe Ähnlichkeit mit klassischer Worship-Musik auf, die insbesondere für hochreligiöse Jugendliche und junge Erwachsene ein zentrales Element der Glaubenspraxis darstellt. Die hohe Emotionalisierung und Subjektivierung des Glaubens haben aber ihre problematischen Seiten. Zudem befinden sich die O’Bros in einem Kontext schwieriger politischer Auseinandersetzungen um den Evangelikalismus, die sich auch in ihrer öffentlichen Wahrnehmung widerspiegeln. Das liegt zum einen an verbreiteten Vorurteilen gegenüber dem Evangelikalismus, zum anderen aber auch an dessen tatsächlichen Tendenzen zur rechtspopulistischen Verschärfung.

Gerade die letzten Jahre haben gezeigt, dass die Vermischung von religiösen und politisch rechten Narrativen kein rein amerikanisches Phänomen ist. Es kann vielmehr auch hierzulande beobachtet werden, nicht zuletzt im Dunstkreis der beiden Musiker. Welche Rolle die O’Bros zukünftig in der christlichen (Musik-)Landschaft einnehmen wollen, liegt bei ihnen. Positiv zu werten sind die aktuellen Signale gegen Hass und Polarisierung. Es bleibt zu hoffen, dass sich die beiden Musiker ihrer Verantwortung bewusst werden und sich nicht von reaktionären Kräften instrumentalisieren lassen, die ein signifikantes Interesse an ihrer Reichweite haben könnten.


Katharina Portmann (Berlin), Juni 2025

 

Anmerkungen

  1. Der Open-Air-Gottesdienst fand am 27.4.2025 statt.
  2. Vgl. „SPH Music Masters“, Wikipedia, aktualisiert am 4.5.2024, https://tinyurl.com/3ymmfupt (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 4.6.2025).
  3. Vgl. „O’Bros“, Wikipedia, aktualisiert am 3.6.2025, https://tinyurl.com/3arb4hjw.
  4. „Der Glaube ist nichts, wofür man sich schämen muss“, Interview von Lisa Menzel mit Alexander Oberschelp, evangelisch.de, 5.6.2019, https://tinyurl.com/3wwnesbj.
  5. Namhafte Künstler wie etwa Cro, Bausa oder Shindy kommen ursprünglich aus der Region um Stuttgart.
  6. Interview mit Alexander Oberschelp (s. Anm. 3).
  7. Vgl. Vanessa Schmidt, „Diese Musik hören deutsche Jugendliche“, deutschland.de, 3.1.2024, https://tinyurl.com/yc4vh66p.
  8. Vgl. „Komet (Udo-Lindenberg-&-Apache-207-Lied)“, Wikipedia, aktualisiert am 16.5. 2025, https://tinyurl.com/46x3v7ek.
  9. Dabei steht ein funktionaler Religionsbegriff im Fokus, der religiöse Elemente oft unabhängig von einem tatsächlichen Glaubensbezug verwendet.
  10. Sebastian Emling und Jonas Schira, „Evangelikalismus und populärkulturelle Musik“, in: Frederik Elwert, Martin Radermacher und Jens Schlamelcher (Hg.), Handbuch Evangelikalismus (Bielefeld: transcript, 2017), 393–406, 398.
  11. Interview mit Alexander Oberschelp (s. Anm. 3).
  12. Emling und Schira, „Evangelikalismus und populärkulturelle Musik“, 404.
  13. „Flexen“ steht in der einschlägigen Jugendsprache hauptsächlich für „prahlen“ oder „angeben“, häufig in Bezug auf Stärke und Reichtum.
  14. Ursprünglich „10000 Reasons (Bless the Lord)“ von Matt Redman.
  15. Ein Lied der Band „Glaubenszentrum Live“.
  16. Tobias Faix und Tobias Künkler, Generation Lobpreis. Und die Zukunft der Kirche, 2. Aufl. (Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlagsgesellschaft, 2019), 119.
  17. Faix und Künkler, Generation Lobpreis, 119–120.
  18. Vgl. Tabea Zorn, „Keine Angst vor dem Sterben. Alex von den O’Bros über Verlust und Karriere“, DRAN, https://tinyurl.com/2y6rvz8c.
  19. Vgl. z.B. das Paul-Gerhard-Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85), Strophe 4: „Nun, was du, Herr, erduldet, / ist alles meine Last; / ich hab es selbst verschuldet, / was du getragen hast. / Schau her, hier steh ich Armer, / der Zorn verdienet hat. / Gib mir, o mein Erbarmer, / den Anblick deiner Gnad.“
  20. „Churchen“ bedeutet „in der Kirche sein“, „Love spreaden“ heißt „Liebe verbreiten“, „Squad“ meint den „Freundeskreis“.
  21. Faix und Künkler, Generation Lobpreis, 87–89.
  22. Faix und Künkler, Generation Lobpreis, 17–46.
  23. Faix und Künkler, Generation Lobpreis, 83–136.
  24. Alba Wilczek, „Religiöser Rap: Wie harmlos oder problematisch sind die O’Bros?“, BR24, 14.4.2025, https://tinyurl.com/3scbnwj3.
  25. Vgl. Svenja Hardecker und Philipp Kohler, „When Heaven Invades Earth. Die ‚Bethel Church‘ und ihr Einfluss innerhalb der neucharismatischen Bewegung“, ZRW 86,5 (2023), 317–330.
  26. Vgl. Story-Highlight „ARC 02/2025“ von Lukas Furch (@furchensohn), Instagram, https://tinyurl.com/bddbh4km.
  27. Maria Hinsenkamp, Visionen eines neuen Christentums. Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke (Bielefeld: transcript, 2024).
  28. Vgl. ARD Brisant (@ard.brisant), „Wie findest du christlichen Rap?“, Instagram, 10.5.2025, https://tinyurl.com/y8yt6hdw.
  29. Thorsten Dietz, Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt (Holzgerlingen, SCM, 2022), 301–305.
  30. Vgl. Claudia Jetter, „Das Phänomen Christfluencing“, ZRW 86,3 (2023), 159–170.
  31. Jasmin Friesen (@liebezurbibel), „THATS NOT MY JESUS!“, Instagram, 29.4.2025, https://tinyurl.com/yc4xnrpz.