Esoterik
Eine Vortragsreihe des CAS-E zum 100. Todestag von Rudolf Steiner
Vom 12. Mai bis zum 21. Juli 2025 fand im Rahmen des an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) angesiedelten Center for Advanced Studies in the Social Sciences and the Humanities. Alternative Rationalities and Esoteric Practices from a Global Perspective (CAS-E) die Online-Vortragsreihe „Steiner 2025: Zum 100. Todestag von Rudolf Steiner“ statt. Organisatorin war die dem CAS-E assoziierte Theologin Dr. Diana Lunkwitz. Die einzelnen Vorträge fanden im Zwei-Wochen-Rhythmus über Zoom statt.
Die 2022 an der FAU eingerichtete Kolleg-Forschungsgruppe zu „Alternativen Rationalitäten und Esoterischen Praktiken aus einer globalen Perspektive“ strebt eine interdisziplinäre und globale Neuausrichtung der Esoterikforschung an. Im Zentrum steht dabei die „esoterische Praxis“. Darunter versteht die Kolleg-Forschungsgruppe Praktiken, die das Ziel haben, „kontingente Lebensereignisse vorherzusagen, zu kontrollieren, zu verwalten und zu beeinflussen, trotz eines zunehmend dominanten wissenschaftlichen und technischen Diskurses, der sie delegitimiert“. Der Begriff ersetzt damit nicht nur die ideengeschichtliche Einordnung als esotericism, sondern auch Bezeichnungen wie witchcraft oder „Magie“, wie sie zum Beispiel in der Ethnologie verwendet werden.
Eine Grundthese des Projekts lautet, dass die in einem Spannungsverhältnis zur technisch-wissenschaftlichen Weltdeutung stehenden „esoterischen Praktiken“ dennoch eine große Resilienz aufweisen. Eine weitere Grundannahme besteht darin, dass diese Praktiken weltweit, unabhängig vom europäischen Diskurs über Esoterik, verbreitet sind. Es handle sich also weder um ein Konzept, das sich von Europa aus verbreitet habe – wie dies etwa der von Wouter Hanegraaff popularisierte Begriff des „Western Esotericism“ nahelegt –, noch um ein Phänomen, das zwangsläufig auf Austauschprozesse im Sinne einer entangled history angewiesen ist. Der europäische Diskurs über Esoterik wird damit – im Sinne von Dipesh Chakrabartys einflussreichem Buch Provincializing Europe (2000) – als nur einer von zahlreichen weiteren, weltweit verhandelten Diskursen um esoterische Praxis beschrieben.
Die „esoterischen Praktiken“ werden somit nicht als Überbleibsel einer vormodernen Gesellschaft oder als „Wiederverzauberung der Welt“ eingeordnet, sondern als Konstanten verstanden. Sie entwickelten allerdings, abhängig von ihrem soziokulturellen Umfeld, unterschiedliche und unterschiedlich erfolgreiche Legitimierungs- und Rationalisierungsstrategien. Diese Strategien sind – neben den Praktiken und ihren Trägern selbst – Gegenstand der Forschungsprojekte von CAS-E. Das Projekt zielt darauf ab, im Rahmen dieser Arbeitshypothesen unterschiedliche Formen der esoterischen Praxis zu vergleichen und eine neue Taxonomie für sie zu entwickeln.
Für die Weltanschauungsarbeit würde dies bedeuten, „esoterische Praktiken“ auch als Teil der christlichen und kirchlichen Praxis zu betrachten und nicht zwangsläufig als Phänomene, die außerhalb kirchlicher Religiosität stehen. Fragen nach der Rationalisierung und Legitimierung sowie nach der daraus resultierenden In- und Exklusion bestimmter Praktiken würden sich neu stellen. Unter diesem neuen Paradigma gewinnt auch die Forschung zu Rudolf Steiner und der Anthroposophie neue Perspektiven. Auch wenn es hier zwangsläufig um europäische Diskurse geht, ergeben sich neue Fragen aus der Annahme bereits bestehender „esoterischer Praktiken“ in Kulturkreisen, mit denen die Anthroposophie in Kontakt tritt: Wie nutzen Anthroposoph:innen aus aller Welt die anthroposophischen Rationalisierungsstrategien? Wie verändern sich diese in neuen soziokulturellen Kontexten? Welche Rationalisierungsstrategien werden auf beiden Seiten jeweils übernommen oder angepasst? Und zu welchem Zweck?
Die sechsteilige Vortragsreihe, organisiert vom Research on Anthroposophy Network (RAN), ist dem 100. Todestag von Rudolf Steiner (1861–1925) gewidmet. Eine Einführung zur Relevanz und Aktualität der Forschung zur Anthroposophie und zur Person Steiners gab Ansgar Martin von der University of Jerusalem („Einführung: Was ist und warum erforscht man Anthroposophie?“, 12. Mai 2025). Helmut Zander gab einen Einblick in die Demeter-Landwirtschaft („Ohne höhere Erkenntnis keine Demeter-Möhren: Theosophie, Okkultismus und Hellsehen als das geheime (?) Zentrum der Anthroposophie“, 2. Juni 2025). Die Pädagogin Ann-Kathrin Hoffmann sprach über die Waldorfpädagogik („Erneuerung als Rückbesinnung? Über die Rolle Rudolf Steiners für die Waldorfpädagogik“, 16. Juni 2025), Peter Staudenmaier stellte im einzigen englischsprachigen Vortrag die Anthroposophie im englischsprachigen Raum vor („Steiner in the English-Speaking World“, 7. Juli 2025) und Diana Lunkwitz berichtete über den Austausch zwischen Islam und Anthroposophie im Landwirtschaftsprojekt SEKEM („Nachhaltigkeit und Esoterik: Das Wirtschaftsunternehmen SEKEM an der Schnittstelle von Islam und Anthroposophie“, 14. Juli 2025). Am 21. Juli folgte eine Abschlussdiskussion zur Transdisziplinarität und Mehrperspektivität in der aktuellen Anthroposophie-Forschung.
Leider fand die Mehrzahl der Vorlesungen der Reihe bereits vor Redaktionsschluss statt. Wir werden aber weiterhin über die Projekte und Ergebnisse von CAS-E informieren.
Judith Bodendörfer (Berlin), Juni 2025