Energien, Kräfte und Gewalten
Weltanschauliche Seismographie als kirchliche Aufgabe1
Tagtäglich erreichen die Weltanschauungsbeauftragten der evangelischen wie der katholischen Kirche vielerlei Anfragen per Telefon oder E-Mail. Das Spektrum umfasst Informations- wie auch Beratungsanfragen. Hierzu einige Beispiele:
- Ein Pfarrer hat eine Anfrage einer neuen Freikirche vorliegen: Ein Paar, das ihr angehört, möchte die evangelische Kirche für ihre Trauung mit freikirchlichem Pastor nutzen.
- Der Mitarbeiter einer Schulbehörde bittet um eine Einschätzung eines Angebots im Bereich Life-Coaching.
- Ein besorgter Mann ruft an, weil sich seine Ehefrau einer esoterischen Heilergruppe angeschlossen hat. Er fragt nach Hintergrundinformationen und sucht Rat, wie er mit dieser Situation umgehen soll.
- Eine Journalistin bittet per E-Mail um Einschätzungen zur Anthroposophie.
- Eine Pfarrerin fragt an, ob die Taufe der Christengemeinschaft von der evangelischen Kirche anerkannt wird.
- Eine Aussteigerin aus einer vereinnahmenden Gruppe meldet sich per E-Mail und erbittet ein persönliches Beratungsgespräch.
Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Alltagsgeschäft kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter. Auskunfts- und Unterscheidungsfähigkeit sind auch in Kirchengemeinden gefordert. Pfarrerinnen und Pfarrer begegnen im Gemeindealltag, im Tauf-, Trau- und Beerdigungsgespräch, in der Arbeit mit Konfirmandeneltern, in Seelsorge und Bildungsarbeit Menschen, die in Kontakt mit unterschiedlichen weltanschaulich-religiösen Strömungen oder Gemeinschaften gekommen sind. Nahezu jede und jeder begegnet im persönlichen Umfeld Menschen mit esoterischen, neureligiösen oder atheistischen Überzeugungen. So ergibt sich für die Kirche, für kirchliche Mitarbeitende, für Ehrenamtliche, ja für alle Christenmenschen eine Vielfalt ganz unterschiedlicher Alltags- und Gesprächssituationen.
Aporie der Apologetik
Was wir heute Weltanschauungsarbeit nennen, wurde früher ganz selbstverständlich als Apologetik bezeichnet. Der Begriff „Apologetik“, meist als Rechenschaftgeben vom christlichen Glauben und als dessen Verteidigung verstanden, stand und steht nicht allzu hoch im Kurs. Das liegt besonders an der Wirkungsgeschichte, an manchen Aporien und Irrwegen verschiedener apologetischer Programme in der Kirchen- und Theologiegeschichte:
Die heutige theologische Lage ist bekanntlich der Apologetik so ungünstig wie nur möglich. Apologetik ist gleichsam zum roten Tuch und zum Ärgernis für mehrere theologische Lager geworden. Sie ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch religiös verdächtig.2
So formulierte es der erste Direktor der in Spandau ansässigen Apologetischen Centrale, Carl Gunther Schweitzer, vor rund hundert Jahren. Die Apologetische Centrale war die historische Vorläuferin der heutigen Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in Berlin. Schweitzer hatte den weltanschaulich-religiösen Leerraum der Weimarer Republik, die Explosion der Moderne vor Augen. Er beobachtete eine rasante Pluralisierung religiös-weltanschaulicher Angebote: Okkultismus, Anthroposophie und Christengemeinschaft, Freidenker, Kirchenaustrittsbewegung und völkisch-religiöse Bewegungen. In der jungen Weimarer Republik gab es innerhalb der evangelischen Kirche, insbesondere im Verbandsprotestantismus, eine Vielzahl an apologetischen Initiativen, so auch in Westfalen: Hier bestand in den 1920er Jahren das Kirchliche Provinzialamt für Apologetik mit Sitz in Münster und hier wurde die Zeitschrift Ziele und Wege im Selbstverlag des Provinzialverbands für Innere Mission herausgegeben.3
Einspruch gegen das apologetische Engagement regte sich schon damals im innerkirchlichen Bereich: „Der liebe Gott braucht keine Rechtsanwälte!“4 So formulierte es zuspitzend Otto Kleinschmidt (1870–1954), in den 1920er und 1930er Jahren Leiter des Forschungsheims für Weltanschauungskunde in Wittenberg. Bis in die 1960er/70er Jahre hinein blieben Anliegen, Theorie und Praxis einer kirchlichen Apologetik umstritten. Noch wirkte das Diktum von Karl Barth nach, der – die früheren und zeitgenössischen kirchlich-apologetischen Initiativen vor Augen – Apologetik als „Sorge um den Sieg der Heilsbotschaft“5 betrachtet hatte.
Heute lassen sich gegenüber diesem Anliegen eine neue Offenheit und ein neues Interesse in Theologie und Kirche erkennen, auch wenn es nicht mehr als Apologetik bezeichnet wird. In Theorie und Praxis der nunmehr Weltanschauungsarbeit genannten Unternehmungen lassen sich rückblickend Kontinuitäten, aber deutlich mehr Diskontinuitäten entdecken. Rechenschaft geben, eine antwortende Theologie – das blieb das Kontinuum. Die entscheidende Diskontinuität besteht jedoch darin, dass die Kampfmetaphorik der 1920er und 1930er Jahre – wie der „Kampf der Geister“ oder die Rede von einer angreifenden Apologetik – zum Glück nicht mehr das Leitbild heutiger Weltanschauungsarbeit bestimmt. Dies alles hat mit der veränderten Situation der Kirchen im Pluralismus und auch mit dem religiös-weltanschaulichen Feld selbst zu tun.
Kirchliche Weltanschauungsarbeit ist ein vermintes Gelände. Oder vorsichtiger ausgedrückt: Es ist ein sensibler Bereich, der bei kritischen Einschätzungen in der Öffentlichkeit manchmal zu heftigen Reaktionen oder gar zu juristischen Auseinandersetzungen führen kann. Und immer wieder ist zu erleben, dass die kirchlichen Beauftragten für Sekten- und Weltanschauungsfragen als Spaßbremsen gelten, als dialogunwillig, als nicht genügend offen für das kunterbunte Spiritualitätsangebot von heute. Sie werden von konfliktträchtigen Gruppen als Rufmordbeauftragte oder Inquisitoren tituliert oder sie werden angesichts vielfältiger spiritueller kirchlicher Experimentierfreudigkeit innerkirchlich als zu dogmatisch und verbohrt kritisiert. Man könnte es auch so sagen: Kirchliche Weltanschauungsbeauftragte sitzen zwischen allen Stühlen. Und das ist vielleicht gut so. So mancher Beobachter fragt sich: Was macht ein kirchlicher Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen? Was sollte man darauf antworten? Sind kirchliche Weltanschauungsbeauftragte Spürnasen, Trendscouts, Trüffelschweine oder sogar Weisheitslehrer (Klaas Huizing). Die eine oder andere Bezeichnung mag nicht besonders respektvoll erscheinen. Deswegen ist es besser, die Weltanschauungsarbeit grundsätzlicher zu beleuchten.
Weltanschauliche Seismographie im Pluralismus
Heute möchte ich hilfsweise zu einem Fachbegriff greifen, der seit einigen Jahren eine Dekontextualisierung erfahren hat, nämlich dem der weltanschaulichen Seismographie. Was ist damit gemeint? Hilfe leistet zunächst ein Blick auf die Internetseite des Digitalen Wörterbuchs der Deutschen Sprache (DWDS). Dort ist zu lesen:
Seismograph m. „Erdbebenmesser“, gelehrte Bildung (2. Hälfte 19. Jh.) zu griech. seismós (σεισμός) „Erschütterung, Erdbeben“ in Verbindung mit -graph (s.d.) für ein in der Geophysik verwendetes Instrument zur selbsttätigen Aufzeichnung von Stärke, Dauer und Richtung natürlicher oder künstlich hervorgerufener Erdbeben und Erderschütterungen. Seit Anfang des 20. Jhs. vielfach übertragen (in den Bereichen von Literatur, Kunst, Politik) im Sinne von „sensibler Registrator von Zeiterscheinungen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen“.6
Übertragen auf das religiöse Feld heißt das: In der kirchlichen Weltanschauungsarbeit geht es um waches, sensibles, differenziertes Wahrnehmen von religiösen Phänomenen, von Strömungen und Bewegungen sowie von religiös-weltanschaulichen Veränderungsprozessen in der Tektonik unserer Gegenwartskultur. Das bedeutet nicht nur Reagieren, sondern auch Erspüren, Aufspüren, Wahrnehmen, Beobachten und Beschreiben, welche Bewegungen, welche Kräfte, Energien und Gewalten in der religiösen Gegenwartskultur einsetzen, bevor sie ihre ganze Wirkung entfalten. Es ist derzeit vieles in Bewegung. Erspüren, Beschreiben, Analysieren, Orientieren – das ist der religiös-seismographische Vierschritt aus kirchlich-theologischer Perspektive.
In unserer gemeinsam erarbeiteten Publikation „Evangelische Orientierungen im religiös-weltanschaulichen Pluralismus“ hat Andreas Hahn das weite Feld der Weltanschauungen und neuen religiösen Bewegungen treffend so umrissen: „Heute ist weltanschauliche Vielfalt der Normalfall. […] Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen säkularen und religiösen Angeboten und Weltdeutungen.“7
Es sind ganz unterschiedliche Kräfte, Energien und Gewalten, die die Tektonik der Gegenwartskultur prägen und zunehmend verändern. Einige Schlagworte möchte ich nennen: Pluralisierung des Christlichen, neue Freikirchen, neureligiöse Bewegungen und Praktiken, fluide und individualisierte Phänomene wie die moderne Esoterik, Konfessionslosigkeit und Säkularisierung, alternative Lebensberatungsangebote von Life-Coaching bis hin zu Methoden der Selbstoptimierung, Erfolg als Religion. Hinzu kommt ein massiver digitaler Wandel der Öffentlichkeit: Soziale Medien beschleunigen und verbreiten eine Vielzahl unterschiedlicher Ideen: von christlichen Sinnfluencern über TikTok-Hexen und Witches of Instagram bis hin zu rechtsesoterischen Influencern, die höchst problematische Überzeugungen zwischen Fake News und Verschwörungstheorien verbreiten.
Darum geht es in der weltanschaulichen Seismographie: Veränderungsprozesse wahrnehmen, am Puls der Zeit sein, beobachten, analysieren, differenzieren und aus Sicht eines christlichen Wirklichkeitsverständnisses Einschätzungen treffen. Die Antwort des Glaubens, Rechenschaft zu geben angesichts höchst unterschiedlicher Angebote und Strömungen, ist und bleibt eine alltägliche Herausforderung. Pauschale Urteile sind heute fast kaum mehr möglich, so ist akribische Arbeit an Einzelphänomenen und Gruppierungen unerlässlich.
Wahrnehmende, analysierende und antwortende Unterscheidungsarbeit
Weltanschauliche Seismographie hat mit Energien, Kräften und Gewalten in der religiösen Tektonik unserer Gesellschaft zu tun. Sie leistet einen unverzichtbaren Beitrag, sie ist Voraussetzung für die kirchlich-theologische Unterscheidungsarbeit und Differenzpflege. Nicht alles ist mit dem christlichen Glauben kompatibel, nicht alles ist für den Menschen auf dem Markt der Sinnangebote hilfreich und gut. Mit welchen Kräften, Energien und Gewalten haben wir es derzeit zu tun?
Das Erstarken des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus, auch Linksextremismus, Antisemitismus, Islamismus, Verschwörungstheorien – hinter vielen dieser Phänomene stecken persönliche wie politische Motive: Antimodernismus, Komplexitätsreduktion, Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, der Wissenschaft, den öffentlich-rechtlichen Medien, die als Lügenpresse oder Altpapiermedien diskreditiert werden. Das sind Themen und Motive, die auch innerhalb einer weltanschaulichen Seismographie in den Blick genommen werden müssen. In den vergangenen Jahren seit der Corona-Pandemie hat sich manches in der Arbeit verändert und zugespitzt. Weltanschauliche Seismographie als kirchliches Handlungsfeld wirkt auch in die politische Bildung hinein, wenn Expertisen zu Rechtspopulismus, Reichsbürgerideologie, rechter Esoterik, Anastasia-Bewegung, QAnon und Verschwörungstheorien gefragt sind. Verschwörungstheorien waren schon immer ein Thema kirchlicher Weltanschauungsarbeit. Wenn ich vor zehn Jahre über Verschwörungstheorien referiert habe, war das Staunen und die Belustigung bei den Zuhörern groß. Das hat sich heute völlig verändert. Als Weltanschauungsbeauftragter erlebe ich es immer wieder, dass nach Vorträgen Menschen auf mich zukommen und von den Folgen des Verschwörungsglaubens im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis erzählen, von heftigen Auseinandersetzungen, Verwerfungen und Kontaktabbrüchen. Verschwörungstheorien als ideologische, in sich hyperrationale und doch irrationale Wirklichkeitsdeutungen fordern in besonderer Weise heraus. Sie sind salonfähig geworden und lassen sich auch in Beiträgen von Politikern der AfD finden. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass kirchliche Weltanschauungsarbeit sich zunehmend kritisch mit Ideologiebildungen wie Verschwörungsglauben oder QAnon als antisemitischem Weltanschauungsextremismus auseinandersetzen muss: in öffentlichen Beiträgen, in den Medien, in theologischen Stellungnahmen und in der Beratungsarbeit insgesamt.
Die biblisch geforderte Unterscheidung der Geister findet ihren Anhaltspunkt auch im Erfahrungsraum biblischer Autoren. So schreibt der Verfasser des Epheserbriefs im ersten Jahrhundert:
Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, mit den Herren der Welt, die über diese Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel. Deshalb ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag Widerstand leisten und alles überwinden und das Feld behalten könnt. So steht nun fest, umgürtet an euren Lenden mit Wahrheit und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit und beschuht an den Füßen, bereit für das Evangelium des Friedens. (Eph 6,12–15)
Neutestamentlichen Exegeten zufolge handelt es sich hier um eine Paraklese, d.h. um Zuspruch, Ermutigung, Tröstung, Ermahnung und – im weitesten Sinne – um Seelsorge. Die Paraklese wird vom Bild des Kampfes gegen die kosmischen Unheilsmächte dominiert. Der Blick der frühen christlichen Gemeinde wird universal-kosmisch ausgeweitet auf ihre Lage in dieser besonderen Weltzeit. Es geht um das Ausharren in dieser Weltsituation, um das Ertragen von und Ringen mit Weltmächten und Gewalten. Es ist eine gefährliche Zeit. Dem Epheserbrief geht es um die Hoffnung angesichts des Bösen in der Welt. Die christliche Gemeinde soll „realistisch die weiterbestehende, menschlich unbegreifliche und unbezwingbare Macht des Bösen sehen, aber ihr aus dem Bewußtsein von Gottes überlegener Macht Widerstand entgegensetzen.“8 Und der zitierte biblische Abschnitt aus Eph 6 korrespondiert mit dem ersten Kapitel, in dem vom erhöhten kosmischen Christus die Rede ist: auferweckt von den Toten, zur Rechten Gottes im Himmel gesetzt, „hoch über jede Herrschaft und Gewalt und Macht und Hoheit und über jeden Namen, der genannt wird, nicht nur in diesem Äon, sondern auch im kommenden“ (Eph 1,21).
Siegesgewiss gibt sich auch der Glaube, das Vertrauen auf Christus, den Herrn der Kirche, wie es im Kolosserbrief heißt: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“ (Kol 2,15).
Energien, Mächte und Gewalten: Die Auseinandersetzung damit hat Christenmenschen immer wieder beschäftigt. Heute sind es vor allem neue Ideologien des Rechtspopulismus, der rechten Esoterik, der Verschwörungstheorien, des Autoritären, des Antimodernismus – bis hin zum Wohlstandsevangelium, wie es die US-Amerikanerin und Predigerin Paula White als Chefin des neuen US-Glaubensbüros im Weißen Haus und Beraterin von Präsident Donald Trump verkündet. Wir und nachfolgende Generationen werden damit in vielleicht noch größerem Maße zu tun haben. Weltanschauliche Seismographie wird in Zukunft noch stärker darauf zu achten haben.
Herausforderungen
Weltanschauliche Seismographie tut einer Kirche gut, die wahrnehmungs- und auskunftsfähig sein möchte. Die Verschiebungen von Sinn- und Orientierungsangeboten zeichnen sich in der Tektonik unserer Gesellschaft deutlicher denn je ab. Welche Prognose können wir abgeben? Wir werden in den nächsten Jahren – bei gleichzeitig anhaltender und nachhaltiger Säkularisierung – zunehmend mit religiösen Pluralisierungs- und Individualisierungsprozessen zu rechnen haben. Es ist davon auszugehen, dass es zu einem Nebeneinander höchst unterschiedlicher Spiritualitäten kommen wird. Gleichzeitig wird der Wunsch nach festen, verbindlichen Gruppenstrukturen als kritische Reaktion auf Individualisierungsprozesse bestehen bleiben.
Für Theologie und Kirche ergeben sich angesichts vielfältiger weltanschaulicher Herausforderungen wie etwa des Megatrends der Konfessionslosigkeit, der Wiederkehr eines neuen christlichen Fundamentalismus in Gestalt des Kreationismus oder einer individualisierten spirituellen Sinnsuche unterschiedliche Gesprächssituationen. So macht andererseits Esoterikfaszination auch nicht vor den Kirchenmauern halt. Wie soll die Kirche, wie soll die Theologie auf diese Herausforderungen reagieren? Gefordert ist hier eine Seismographie, die am Puls der Zeit ist, die an Veränderungsprozessen in der weltanschaulichen wie religiösen Tektonik aufmerksam, zuhörend, recherchierend teilhat.
Gleichzeitig darf die Theologie das ihr innewohnende religionskritische Potenzial nicht aus dem Blick verlieren. Der systematische Theologe Ulrich H.J. Körtner fordert: „Theologie und Kirche müssen sich fragen, worin eigentlich die spezifisch theologische und christliche Perspektive auf die religiösen Phänomene und Tendenzen besteht, von denen heute die Rede ist. Der Auftrag der Kirche besteht doch nicht darin, sich ein möglichst großes Stück vom Kuchen der neuen Spiritualität zu sichern, sondern darin, das Evangelium von Jesus Christus zu verkündigen, das immer schon eine enorm religionskritische Kraft entfaltet hat.“9
Jedem Christen ist die Begegnung mit Menschen anderen Glaubens oder mit Nichtglaubenden aufgegeben. Hier entstehen unterschiedliche Gesprächssituationen. Im Dialog sollten ebenjene Aussagen, über die es keinen Konsens gibt und in denen das Herz der Religionen schlägt, gerade nicht ausgeklammert werden.
Mein früherer Lehrer, der Erlanger Missions- und Religionswissenschaftler Hermann Brandt hat in seinem Buch Der Reiz der Mission auf die „dialogische Struktur des Christusbekenntnisses“ hingewiesen. Christlicher Glaube lebt demzufolge von der Erfahrung mit Christus und führt in den Dialog, aber auch in die Praxis: „als Eintreten für die Menschenrechte, als konkreter Einsatz für die Religionsfreiheit auch der anderen, als Respektierung ihres anderen Bekenntnisses, als Aufforderung, wenigstens eine andere Religion genau zu kennen und nicht nur oberflächliche Klischees, als staunendes Interesse an denen, die anders glauben und leben als wir, als Erkenntnis der Stärken der anderen und der eigenen Schwächen.“10
Es sind vor allem fünf Leitlinien, die für eine weltanschauliche Seismographie als kirchliches Handlungsfeld wesentlich sind:
(1) Die Unterscheidung von vorläufigem und endgültigem Heil. Auf dem Markt der Sinnanbieter finden sich viele Heilsangebote. Es kommt zu Vermischungen von vorläufigem und endgültigem Heil. Wem verdankt sich das Heil? Christlicher Glaube bekennt: Das Heil wird dem Menschen von außen – durch Jesus Christus – zuteil. Das entlastet und befreit den Menschen von einer permanenten Selbstfixierung. Christlich ist ein Handeln, das gegenüber dem ersten Gebot respektvoll bleibt und die in Christus gegebene Freiheit achtet. Das bedeutet auch: Kritik an allem, was Leben und Freiheit zerstört und Abhängigkeit erzeugt.
(2) Kein Ignorieren und Verdrängen menschlicher Grenzen! Im alternativen Lebenshilfemarkt ist die Gefahr der Selbstüberschätzung gegeben, wenn aus dem Einzelnen ein potenzieller Gott erstehen soll, wenn Erfolg als Religion verkauft wird. Christlicher Glaube betont hingegen die Gebrochenheit der menschlichen Existenz. Leiden, Sterben und Tod sollen nicht ausgeklammert werden.
Der christliche Glaube kennt auch ein Wachstum – im Glauben, Lieben und Hoffen. Es geht im christlichen Glauben um Gotteserkenntnis, in die der Christ hineinwächst. Von Martin Luther stammt die schöne Sentenz: „Das christliche Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern Gesundwerden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwange. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles.“11
(3) Rechtfertigung des Sünders vs. Selbstoptimierung für das Göttliche. Wenn ich mir die Leistungsideologie in der Gesellschaft, auf dem Markt der Weltanschauungen ansehe, habe ich den Eindruck, dass die Rechtfertigungsbotschaft seit der Reformationszeit noch nie so aktuell war wie heute.
In Angeboten für Life-Coaching und Selbstoptimierung, aber auch in der Esoterik dreht sich vieles um ein magisch erzeugtes, spirituell produziertes neues Ich. Magie erlebt eine neue Konjunktur, wie der Blick auf die einschlägige Literatur zeigt. Die Magie verheißt Machtgewinn, aber auch Möglichkeiten zur ein- und ausdrucksvollen Selbstinszenierung. Viele Angebote bewegen sich im Spannungsfeld von Kommerzialisierung, Unterhaltung und einer okkult-magischen Weltsicht, die dem selbstbezogenen Freiheitssinn des säkularen Menschen scheinbar entgegenkommt, ihn in Wirklichkeit aber neuen, meist selbstproduzierten „Zwängen“ unterwerfen kann: Es droht die Gefahr des Verlusts sozialer Kompetenz, die Selbstüberschätzung eigener – oft suggestiv erzeugter – magischer Fähigkeiten und nicht zuletzt die Abhängigkeit von bestimmten Anbietern oder Channel-Medien, die ihre mangelnde fachliche bzw. therapeutische Kompetenz mit dem Anspruch kaschieren, „Kanal“ für Mitteilungen aus höheren oder höchsten Ebenen zu sein.
Im Einzelfall kann mit solcherlei Lebensratschlägen oder Heilungsangeboten viel manipulatives Potenzial für die „Kunden“ verbunden sein – mit fatalen Folgen für die unmittelbar Betroffenen und ihr persönliches Umfeld. Daraus können sich im Einzelfall auch Formen verletzender Religiosität ergeben. Geht es um Unterhaltung und Spiel – oder verbinden sich mit den Angeboten konkrete Heilserwartungen? Eine spirituelle „Leistungsoptimierung“ des Menschen mag zeitgemäß sein – mit der reformatorischen Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders allein aus Glauben ist eine solche Auffassung nicht mehr in Einklang zu bringen. Hier scheiden sich in der Tat die Geister.
(4) Weltanschauliche Seismographie als Dienst am Menschen und an der Gesellschaft. Hinzu kommt das Aufspüren von vereinnahmender und verletzender Religiosität, von totalitären Gruppenstrukturen, von suggestiv-manipulativen Techniken, die den Menschen nicht befreien, sondern abhängig machen – in seelischer und finanzieller Hinsicht. Weltanschauliche Seismographie als kirchliches Handlungsfeld nimmt auch eine gesellschaftliche Aufgabe wahr: Man hat die denkerische weltanschauliche Auseinandersetzung auch als „Diakonie des Denkens“ bezeichnet. Damit verbunden ist die intensive Beratungsarbeit in diesem Feld, die von kirchlichen Beauftragten haupt- oder ehrenamtlich geleistet wird.
(5) Weltanschauliche Seismographie als Lernprozess. In der aufspürenden Wahrnehmung und Begegnung mit Weltanschauungen, Religionen und religiösen Strömungen ergibt sich auch für Christen ein Lernprozess. Sie werden herausgefordert, das Eigene im Verhältnis zu anderen Weltdeutungssystemen zu erkunden und neu zu artikulieren. Hier sind Sprachfähigkeit und Unterscheidungsvermögen gefordert. Wesentliche Kriterien für eine evangelische Identität sind dabei die Befreiungsbotschaft des Evangeliums, die in der Rechtfertigungsbotschaft gründet, und die protestantischen Prinzipien des sola scriptura („allein durch die Schrift“) sowie des solus Christus („Christus allein“), sola fide („allein durch den Glauben“) und sola gratia („allein durch Gnade“). Gefordert sind Unterscheidungsvermögen und die Befähigung, von seinem eigenen Glauben zu reden und darüber Auskunft zu geben (1 Petr 3,15). Das bedeutet, in der Begegnung mit Religionen und Weltanschauungen vom eigenen Glauben aus Fragen zu stellen, um so das Eigene immer wieder neu entdecken und vertreten zu können.
Matthias Pöhlmann (München), März 2025
Anmerkungen
- Vortrag anlässlich der Verabschiedung von Pfarrer Andreas Hahn als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche von Westfalen am 25.2.2025 in Dortmund.
- Carl Schweitzer, Antwort des Glaubens. Handbuch der neuen Apologetik, 2. Aufl. (Schwerin: Bahn, 1929), 13.
- Schweitzer, Antwort des Glaubens, 294–295.
- Otto Kleinschmidt, „Kirche und Naturwissenschaft. Eine Antwort an Privatdozent Lic. Dr. W. Künneth“, Die Weltanschauung 3,1 (1931), 5.
- Karl Barth, Der Römerbrief(Zweite Fassung) 1922, hg. von Cornelis van der Kooi und Katja Tolstaja (Zürich: TVZ, 2010), 58.
- „Seismograf“, DWDS, https://www.dwds.de/wb/Seismograf (letzter Abruf am 21.1.2025).
- Andreas Hahn, „Einleitung“, in: Andreas Hahn u.a., „Evangelische Orientierungen inmitten religiös-weltanschaulicher Vielfalt. Basisinformationen, Argumentationshilfen, Handlungsempfehlungen mit rheinisch-westfälischem Regionalteil“, 2. Aufl., Dortmund/Düsseldorf, 2024, 5.
- Rudolf Schnackenburg, Der Brief an die Epheser, Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament 10 (Zürich: Benziger; Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1982), 291.
- Ulrich H.J. Körtner, „Modethema Religion. Aspekte der religiösen Gegenwartskultur“, MdEZW 71,3 (2008), 85–91, 90.
- Hermann Brandt, Vom Reiz der Mission. Thesen und Aufsätze (Erlangen: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene, 2003), 269.
- Martin Luther, „Grund und Ursach aller Artikel D. Martin Luthers, so durch römische Bulle unrechtlich verdammt sind“ (1521), WA 7, 337,30–35.