Beten mit Asanas
Christliches Yoga als Form leiblicher Spiritualität am Beispiel des Sela-Instituts
Yoga – Gesellschaft – Christentum
Yoga ist spätestens seit der Corona-Pandemie durch die vielen digitalen Angebote auf Instagram oder YouTube auch weniger sport- und meditationsaffinen Personen ein geläufiger Begriff. Als Sportart soll es fit und beweglich halten und zudem die Muskeln stärken. Daneben soll Yoga aber auch eine entspannende und beruhigende Wirkung haben. Doch stellen manche die Frage, ob Yoga nicht auch eine religiöse Komponente habe oder gar eine Religion für sich sei. Und falls ja, könne man trotzdem – aus nichtreligiösen Gründen – Yoga praktizieren? Neben Yoga-Schulen und Fitnessstudios, die für ihre Kurse werben, ermutigen auch einige christliche Anbieter:innen zur Yoga-Praxis – aus gesundheitlichen, aber auch explizit aus spirituellen Gründen. Yoga-Techniken werden mit christlichen Inhalten und Gebetsformen kombiniert und sollen einen leiblichen Zugang zu G*tt1 und zu tieferen Glaubenserfahrungen ermöglichen. Daniela Opel-Koch feiert in ihrer Gemeinde in Idstein Yoga-Gottesdienste,2 Nina-Maria Mixtacki vereint in ihrer Tätigkeit als Gemeindepfarrerin ihre Liebe zur Theologie und zum Yoga,3 und auch die neue Bischöfin der lutherischen Kirche Norwegens Sunniver Gylver lädt regelmäßig zu Yoga-Gottesdiensten in Oslo ein.4 Es scheint, als erlebe Yoga in den christlichen Kreisen der Gesellschaft gegenwärtig einen beachtlichen Aufschwung an Bekanntheit und vielgestaltiger Anwendung. Um diesem Phänomen nachzugehen und einen Überblick zu christlichem Yoga, seiner Theologie und seinen Funktionsweisen zu geben, soll im Folgenden eine weitere Anbieterin von christlichem Yoga vorgestellt werden: Pia Wick leitet das 2021 gegründete Sela-Institut in Witten, in dem sie digital und analog verschiedene Kurse zu christlichem Yoga anbietet. Seit einigen Jahren bildet sie dort auch aus. Sie ist Yoga-Lehrerin, Grundschulpädagogin und Entwicklerin von Sela-Yoga als einer ganz eigenen Form von christlichem Yoga.
Eindrücke aus einer Yoga-Stunde zu „Resilienz“
Mit geschlossenen Augen sitze ich auf der Yoga-Matte, in meinem Wohnzimmer, mitten in der Woche, nach der Arbeit als Tagesabschluss. Um mich herum mein Alltag: Bücher, lose Zettel, halbleere Kaffeetassen. Aus dem Laptop vor mir am Boden erklingt eine sanfte Stimme. Sie singt in meditativer Stimmlage ein langsames Schalom, bevor sie einen Bibeltext paraphrasiert – „Müssen sie durch ein dürres Tal, stellen sie sich eine Quelle vor Augen. Segensreich füllt der erste Regen den Teich“ (Ps 84,7) – und dann erklärt, inwiefern dieser Text von Resilienz handelt. Resilienz ist das Thema der Yoga-Stunde an diesem Abend und auch einer Reihe weiterer Veranstaltungen in den folgenden Wochen. Dass wir am Ort der Dürre und im Tal der Tränen durch den Beistand G*ttes Stärke finden und neue Kraft schöpfen, also Resilienz entwickeln können, ergibt für mich Sinn. Der Zuspruch dieser Unterstützung durch G*tt in bedrückenden, ja vielleicht bedrohlichen Situationen erscheint als eine Reservekraft, die wirkt, wenn Energie und Ausdauer schwinden. Möglicherweise geht es anderen in diesem Kurs ähnlich. Danach gehe ich, zusammen mit den anderen, die an ihrem Laptop-Bildschirm teilnehmen, in die Yoga-Übung. Sie beginnt mit ersten einfachen Aufwärmübungen. Sitzend auf einem Kissen drehe ich mich nach rechts und links und blicke über meine Schulter. Danach geht es in den Vierfüßlerstand, mit den Händen unter den Schulterblättern und den Knien unter dem Becken aufgestützt. Bei jedem langsamen und bewussten Ausatmen ziehe ich meinen Bauch ein und wölbe meine Wirbelsäule nach oben – der Katzenbuckel –, bei jedem Einatmen lasse ich den Rücken wieder sinken. Anschließend beginne ich, von Pia Wick angeleitet, die einzelnen Körperhaltungen des sogenannten Mondgrußes durchzugehen. Ich bin eingeladen, bei jeder Bewegung zu beten, wenn ich das möchte. Zunächst die Berghaltung – ich stehe aufrecht auf meiner Matte, die Beine hüftbreit auseinander und die Hände mit geöffneten Handflächen rechts und links von meinem Körper nach vorne zeigend. Ich spüre dabei nach, wie sich meine Füße fest in G*tt verwurzeln, ich meine Wirbelsäule würdevoll gen Himmel aufrichte und ich auf G*ttes Beistand vertrauen darf. Dann die Gebetshaltung – ich hebe meine Arme seitlich nach oben und führe meine Handflächen über meinem Kopf zusammen, bevor ich sie langsam mittig vor meinem Körper zu meinem Herzen absenke. Meine Gedanken konzentrieren sich auf G*tt, auf mein Gebet. Nach verschiedenen Bewegungsabfolgen, die Gleichgewicht, Kraft und Konzentration erfordert haben, leitet Pia Wick zwei Atemtechniken an. Sie sollen helfen, uns zu sammeln und Kraft zu schöpfen aus uns selbst. Wieder auf dem Yoga-Block sitzend beginne ich, mit den Händen auf meinem Bauch, auf Pia Wicks Einsatz hin einzuatmen – Ham – und schnell auszuatmen – Sa. Ich spüre, wie anstrengend und gleichzeitig innerlich wärmend diese Übung ist. Eine kurze Verschnaufpause, bevor ich mich erneut sammle für die sogenannte Kapalabhati-Atmung. Ziel dieser Übung ist die Förderung der Konzentrationsfähigkeit und der Resilienz. Auf meinen rechten Nasenflügel lege ich meinen Daumen – einatmen –, auf den linken den Ringfinger der gleichen Hand – ausatmen. Ich zähle bis vier, bevor ich erneut einatme und ausatme, diesmal durch die andere Nasenöffnung. Auch diese Übung ist anstrengend, scheint aber meinen von den Körperübungen erhöhten Puls spürbar zu beruhigen. Der Abschluss dieser Yoga-Stunde, wie jeder anderen auch, ist eine Entspannungsübung. Auf der Matte liegend, mit einer Decke zugedeckt und mit geschlossenen Augen höre ich Pia Wicks Stimme und spüre ihren Worten nach: „meine Beine – ganz entspannt, meine Arme – ganz entspannt, mein Kiefer – ganz entspannt“. Ich darf mich, so die christliche Übertragung, mit jedem Atemzug tiefer in G*ttes haltende Arme sinken lassen, alles mich Beschwerende an ihn abgeben und in mir zur Ruhe kommen. Ich merke, wie der Tag von mir abfällt, werde ruhig, aber auch ein wenig müde. Wie Pia Wick sich verabschiedet, höre ich schon nicht mehr, so ruhig ist es in mir und um mich herum. Leichtigkeit macht sich in mir breit durch die körperliche Betätigung und den in der Yoga-Übung gehörten und gespürten Zuspruch. Ich nehme wahr: Die Verkörperung des biblischen Textes als spirituelle Übung kann helfen, G*ttes Zusagen – ganz wortwörtlich – zu verinnerlichen und so ein Teil des eigenen Selbst werden zu lassen.
Sela-Yoga: Leibsensible Theologie und ganzheitliche Seelsorge
Was ist christliches Yoga?
Was ist aber nun Sela-Yoga konkret und warum wird es mit diesem Namen bezeichnet? Sela – ein Pausenzeichen in den biblischen Psalmen – steht für eine Unterbrechung, für eine Atempause zwischen den gesungenen Strophen der Psalmenlieder, für das Durchatmen. Es ist eine Art Zwischenspiel und ermöglicht die Gliederung der vorgetragenen Gedanken. Für Pia Wick passt gerade dieses Bild hervorragend zu dem, was Yoga für sie ist: eine „heilsame Oase mitten im Alltag“.5 Die ersten mit dem Begriff „Yoga“ verbundenen Assoziationen sind häufig akrobatisch anmutende Bewegungsabfolgen und komplizierte Atemübungen, die auf bunten Matten und begleitet vom Klang einer Klangschale absolviert werden. Yoga, wie es Pia Wick praktiziert, ist hingegen ein körperlicher und spiritueller Übungsweg, der sich bestimmten Atemtechniken (sogenanntes Pranayama) und Körperübungen (sogenannte Asanas) zur inneren Sammlung bedient. Damit greift sie auf die Praxis des körperbetonten Hatha-Yoga zurück, das auf die Techniken des Pranayama und der Asanas fokussiert. Durch die Anschlussfähigkeit an eine säkulare Yoga-Praxis ist diese Form des Yoga die bekannteste im westlichen Raum. So haben sich ausgehend vom Hatha-Yoga in den letzten Jahrzehnten weitere Richtungen entwickelt, die auf bestimmte Aspekte der körperlichen Übungen fokussieren. Dazu gehören beispielsweise ruhige Formen wie Yin-Yoga oder aktive und fordernde Übungen im Power-Yoga, die durchaus akrobatisch anmuten können und ein hohes Maß an Körpergefühl verlangen.6
Die Entwicklung von Sela-Yoga
Seit Mitte der 90er Jahre entwickelt Pia Wick zusammen mit ihrem Mann Peter Wick, einem Universitätsprofessor für Neues Testament, christliches Yoga als ganzheitlichen Zugang zu spirituellen Erfahrungen und leiblicher Seelsorge. Ausschlaggebend dafür war das Erleiden von drei Totgeburten. In dieser existenziellen Krisenerfahrung hat sie die herkömmliche Gesprächsseelsorge als nicht ausreichend empfunden, da ihr die körperliche Dimension fehlte. Eben diese leibliche Dimension ihres Verlustes bedurfte, wie Wick im Gespräch schildert, auch einer leiblichen Form der Verarbeitung. Aus diesem Grund begann sie, Körperübungen zu vollziehen und sich dabei mit Bibeltexten und ihrem eigenen Christsein auseinanderzusetzen. Aus ihrem christlichen Glauben heraus suchte sie auf diesem Weg, Körper, Geist und Seele als drei Dimensionen menschlicher Existenz „gemeinsam zu nähren“ bzw. einander anzunähern. Es gelang ihr, über die Verbindung von körperlichen und spirituellen Übungen ihre Beziehung zu G*tt wieder zu intensivieren und ihren Verlust zu verarbeiten.
Aus gesundheitlichen Gründen besuchte Wick einige Jahre später einen Yoga-Kurs als Entspannungsübung und stellte dabei fest, dass sie diese Form von Übungen bereits praktizierte. Die Techniken des Hatha-Yoga ermöglichten ihr ein nochmals intensiveres Körpergefühl, das sie daraufhin in ihre eigene Praxis zu integrieren suchte. In der Folge ließ sie sich bei Yoga-Vidya, einer großen Yoga-Schule in Deutschland, zur Yoga-Lehrerin ausbilden. Die Begegnung mit hinduistischen Vorstellungen und indischer Yoga-Philosophie im Rahmen dieser Ausbildung haben sie schließlich, um sich davon abzugrenzen, zu einer Neuformatierung ihrer eigenen Yoga-Praxis veranlasst: Elemente, die ihrer Empfindung nach dem christlichen Glauben ähneln oder sich mit diesem überschneiden, flocht sie in Entsprechung zur biblischen Empfehlung „Prüfet alles und behaltet das Gute“ (1 Thess 5,21) in ihr christliches Yoga ein. Zu Überzeugungen der Yoga-Philosophie hingegen, die sie als unvereinbar mit ihrem christlichen Glauben empfand, ging sie auf Distanz.
Leibsensible Theologie
Die institutionalisierte christliche Kirche ist historisch zweifellos von einem zutiefst auf den Intellekt ausgerichteten philosophisch-theologischen Denken geprägt, in dessen Horizont über Jahrhunderte hinweg körperliche und leibliche Aspekte der menschlichen Existenz negativ konnotiert oder gar „verteufelt“ wurden. Ansätze einer leibsensiblen Theologie, wie sie dem Sela-Yoga zugrunde liegen, nehmen genau dieses Defizit wahr und wollen ihm durch leibliche Zugänge in der Praxis und durch die Wiederentdeckung der entsprechenden theologischen Ressourcen der Bibel entgegenwirken.
Grundlegend lässt sich festhalten, dass das biblische Menschenbild von einer untrennbar mit dem Körper verbundenen Leibseele (hebr. nefesch) ausgeht. Die hebräische Bibel kennt keinen Leib-Seele-Dualismus. Der Mensch ist Leib: Emotionen und Gedanken sind gleichsam symbiotisch mit dem Körper bzw. mit dessen Organen verbunden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Herz als Ort aller Emotion oder die Kehle als Ort des Lebens durch den Atem. G*tt belebt den Menschen durch den Atem (hebr. ruach), der sich auch mit „Geist“ übersetzen lässt und in der christlichen Tradition teilweise als heilige Geistkraft gedeutet wird. Die Schöpfung des Menschen zum Bilde G*ttes erfolgt leiblich durch das Formen aus Erde (Gen 2,7), sie findet ihre Fortsetzung aber auch in der leiblichen Weiterschöpfung auf dem Weg der durch die Menschen selbst bewerkstelligten Fortpflanzung (Gen 1,27f.).7
Das Neue Testament selbst bietet vor allem im Markusevangelium eine zutiefst leiblich konnotierte Darstellung des Wirkens Jesu. Die Weggemeinschaften und Mahlgemeinschaften Jesu haben eine ausgesprochen körperliche Dimension. Das gemeinsame Essen im Liegen auf sehr beengtem Raum setzt eine gewisse Offenheit für Körperlichkeit voraus, die in der damaligen Gesellschaft alles andere als üblich war. Die Wundertaten Jesu wiederum sind ein Zeugnis für die Bedeutung körperlicher Leiden und zugleich für die tiefe Anteilnahme Jesu an diesen körperlichen Gebrechen. Die Heilung von Krankheiten und Behinderungen erfolgt stets durch eine leibliche Hinwendung – durch Jesu Hand, Speichel oder schlicht durch seine körperliche Anwesenheit. Wesentlich zentraler für die Leiblichkeit ist jedoch die Auferstehung Jesu. Der ursprüngliche Schluss des Markusevangeliums (Mk 16,1–8) betont mit dem Verweis auf das Fehlen des Leichnams im offenen Grab die leibliche Auferstehung Jesu. Das Johannesevangelium erweitert dieses Zeugnis um die Erzählungen von den Begegnungen des Auferstandenen mit den Jünger:innen. Dabei weist der Auferstehungsleib durch die Sichtbarkeit und die Möglichkeit der Nahrungsaufnahme eine Kontinuität mit der Körperlichkeit Jesu vor der Kreuzigung auf. Zugleich steht er aber auch für eine Diskontinuität, insofern Jesus durch geschlossene Türen zu gehen vermag. Dieser Befund betont die zentrale Bedeutung der Leiblichkeit für die Verkündigung des Evangeliums8 und zugleich die Notwendigkeit einer leibsensiblen Theologie insbesondere in der heutigen Gesellschaft, in der der Körper im Alltag eine immer geringere Rolle spielt. Die Verbindung zwischen geistiger und körperlicher Arbeit schwindet, zugleich wächst aber das Bedürfnis der Menschen, Körper und Geist zusammenzubringen und entsprechende Angebote wahrzunehmen. Ziel einer leibsensiblen Ausrichtung der Theologie ist zusammengefasst die Wiederentdeckung des Körpers als gnädiger Gabe G*ttes.9 Für Christ:innen kann dann Yoga eine Möglichkeit sein, ihrem Körper einen Raum im Alltag zu geben, der bewusst nicht mit Leistungsdenken verbunden ist, sondern der (geistlichen) Selbstfürsorge dienen kann.
Ganzheitliche Seelsorge
Bei der Verbindung von christlichem Glauben und Yoga-Techniken im Sela-Yoga dachten Pia Wick und ihr Mann zunächst vor allem an ihre eigene Heilung, aber auch an das leibliche Defizit der Gesprächsseelsorge und vieler Formen der evangelischen Frömmigkeit. Sie fanden einen neuen Zugang zu einer christlichen Spiritualitätspraxis, die dort, wo herkömmliche Seelsorge ihre Grenze findet, zu einem produktiven Umgang mit existenziellen Fragen verhelfen kann.10 Ein ähnliches Anliegen verfolgt auch die Psychotherapeutin Eva Maria Jäger. Die Professorin an der Internationalen Hochschule Liebenzell entwickelt Körpergebete als einen leiblichen Zugang zu G*tt, der gleichberechtigt neben rein kognitiven Zugängen über verbale Gebete oder Texte steht. Ziel ist es, durch die Kombination von leiblichen und kognitiven Elementen einer spirituellen Handlung die G*ttesbeziehung zu nähren und nachhaltig zu vertiefen. Für beide Frauen geht es darum, in der G*ttesbeziehung heil zu werden und in sich selbst Geborgenheit und Sicherheit zu erfahren.11 Deshalb ist auch die Seelsorge ein wichtiger Teil der Arbeit im Sela-Institut und wird jederzeit zusätzlich in den Kursen angeboten, falls Teilnehmende das Bedürfnis danach haben.12
Das Sela-Institut
Der aktuell bekannteste Anbieter für christliches Yoga ist das Sela-Institut in Witten. Neben Pia Wick, die für das Kursangebot verantwortlich ist, gibt es einen Institutsbeirat, der aus einigen Theolog:innen der Ruhr-Universität Bochum sowie dem Leiter des Instituts für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste der Evangelischen Kirche von Westfalen besteht.13 Träger des Instituts ist die Stiftung Creative Kirche, eine gemeinnützige kirchliche Stiftung, die sich in den 90er Jahren aus einem Chorprojekt entwickelt hat und heute verschiedene (Musik-)Projekte und ein Gemeindeaufbauprojekt innerhalb der Evangelischen Kirche von Westfalen fördert. Die Stiftungsaufsicht obliegt der Landeskirche.14 Die Kooperation mit der Creativen Kirche kam 2020 während der Corona-Pandemie zustande, als Martin Bartelworth, Stiftungsvorstand, Wick für Online-Angebote anfragte. Bartelworth stieß im Kontext eines Förderantrags für das Sela-Yoga beim Innovationsfond TeamGeist der westfälischen Kirche auf Wick und wollte mit ihr ein Institut für christliches Yoga bei der Creativen Kirche gründen, nachdem der Förderantrag gescheitert war.15 Gemeinsam mit Theolog:innen der Ruhr-Universität Bochum konnten sie dieses Vorhaben Ende 2021 in die Tat umsetzen.16 Vertreter:innen verschiedener theologischer Disziplinen haben die Entwicklung unterstützt. Ein zentrales Anliegen des Instituts ist die Ausbildung von Yoga-Lehrer:innen nach Sela, um christliches Yoga als Form ganzheitlicher Spiritualität zu verbreiten und Berührungsängste abzubauen. Für Wick bedeutet die Kooperation mit der Stiftung neben dem Zuwachs an Bekanntheit und der gesicherten Finanzierung auch eine Form der Bestätigung ihres Anliegens zur Entwicklung eines ganzheitlichen Zugangs zur christlichen Spiritualität.17
Im September 2025 startet am Institut bereits der dritte Jahrgang der Ausbildung von Yoga-Lehrer:innen nach Sela. Die von Wick geleitete Ausbildung dauert zwei Jahre und umfasst neben der regelmäßigen Praxis des Sela-Yoga acht Lehreinheiten, je zur Hälfte analog und digital, in vier inhaltlichen Blöcken.18 Der erste Block beschäftigt sich mit den grundlegenden Elementen von christlichem Yoga: mit dem Atem, den Körperhaltungen (den Asanas), mit der Geschöpflichkeit sowie mit der Verbindung von Yoga und Christentum. Es geht grundlegend um die religionswissenschaftliche Einordnung des Yoga, wie es heute im europäischen Raum praktiziert wird. Christliches Yoga nutzt, wie erwähnt, die Techniken des Hatha-Yoga, die sich in Verbindung mit den kolonialen Aushandlungsprozessen im 19. Jahrhundert entwickelt haben.19 Im zweiten Block werden Techniken der Meditation, der Achtsamkeit und der Entspannung wie beispielsweise der Bodyscan erlernt. Der dritte Block beschäftigt sich mit Embodiment und Identität. Die zentrale Frage dieses Ausbildungsabschnittes lautet: Was verkörpere ich? In diesem Zusammenhang werden Themen wie beispielsweise Trauer, Schmerz, Kraft und Grenzen behandelt. Der vierte und abschließende Block widmet sich der Pädagogik und Methodik und folgt dabei Wicks Leitsatz: „Wir bilden Yoga-Lehrer:innen aus und keine Gurus!“20 Die Abschlussprüfungen beinhalten eine ausgearbeitete und vor dem Kurs und den Prüfenden gehaltene Yoga-Stunde. Inhaltlich werden die Einheiten von externen Referent:innen begleitet und vertieft: Dazu gehören Peter Wick als Theologe, eine Bewegungspädagogin, eine Stimmtrainerin, ein Experte für Meditation und Kontemplation sowie ein Psychologe.21 Um die Ausbildung zu absolvieren, bedarf es lediglich eines Motivationsschreibens an Pia Wick. Sie wählt individuell aus, wen sie ausbilden möchte, und begründet dies mit der Sorge um das Machtverhältnis zwischen den zukünftigen Yoga-Lehrer:innen und ihren Schüler:innen. Sie legt großen Wert darauf, Hierarchien flach zu halten und eine machtsensible Kommunikation zu pflegen und weiterzugeben.22
Die Absolvent:innen der Ausbildung erhalten ein Zertifikat über ihre erfolgreiche Yoga-Lehrer:innenausbildung nach Sela und sind fortan befugt, selbst christliches Yoga anzubieten oder Kurse innerhalb des Sela-Instituts zu übernehmen. Pia Wick pflegt zur Weiterentwicklung der Ausbildung mit ihren ehemaligen Schüler:innen einen engen Kontakt.23
Bündelung
Yoga kann die Strophen des Tages gliedern, dazu einladen, einen tiefen Atemzug zu nehmen und zur Ruhe zu kommen und sich der Gegenwart G*ttes bewusst zu werden – so ließe sich das Ziel von christlichem Yoga im Alltag zusammenfassen. Diese simple Leitidee erklärt die aktuelle Beliebtheit und zunehmende Vielfalt an Yoga-Schulen im christlichen Bereich. Es gibt keinen Leistungsdruck und keine Mindestanforderungen. „Yoga ist für alle da“, versichert Pia Wick.24 Die Bekanntheit ihres Angebots zeigt sich auch im Programm des diesjährigen Kirchentages in Hannover, bei dem Pia Wick bzw. das Sela-Institut mit insgesamt fünf Veranstaltungen vertreten ist.25
Sela-Yoga bietet einen leiblichen Zugang zu Spiritualitätserfahrungen und setzt gleichzeitig den Fokus der Seelsorge auf den Körper, der nicht von der Seele des Menschen zu trennen ist. Dadurch leistet es einen entscheidenden Beitrag zur Vertiefung des Zusammenhangs von Körper und Glaube sowie zur Weiterentwicklung leibsensibler Theologie. Mit der Etablierung des Sela-Instituts wird die Bekanntheit dieser Yoga-Form gefördert und ihre Weiterentwicklung von institutioneller und theologischer Seite gesichert.
Martina Wildfeuer (Erlangen), März 2025
Anmerkungen
- Die Schreibweise „G*tt“ wird verwendet, um religiöse Sensibilitäten zu berücksichtigen und die jüdische Tradition zu wahren, den Gottesnamen nicht auszuschreiben. Gleichzeitig wird damit eine ausschließlich männliche Deutung G*ttes ausgeschlossen.
- Renate Haller, „Jetzt kommt der Yoga-Gottesdienst“, evangelisch.de, 21.1.2025, https://tinyurl.com/5dydjt97 (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetquellen am 24.3.2025).
- Vgl. „Liebesäpfel“ (Podcast), Episode 36: „Christliches Yoga feat. Nina-Maria Mixtacki“, 25.7.2024, https://tinyurl.com/2m4kjy3a.
- Vgl. z.B. die Meldung „Dreadlocks and Downward Dogs: Oslo’s New Bishop Takes Unorthodox Approach“, France24, 26.2.2025, https://tinyurl.com/48nymuz3.
- Interview der Autorin mit Pia Wick, geführt am 10.2.2025.
- Vgl. Alexander Benatar, „Yoga“, in: Michael Utsch (Hg.), ABC der Weltanschauungen, EZW-Texte 272, 2. Aufl. (Baden-Baden: Nomos, 2024), 289–296.
- Vgl. Peter Wick, „Körper-Theologie in der Bibel. Überlegungen zum Umgang mit dem menschlichen Körper“, in: Andreas Hahn (Hg.), Yoga und christlicher Glaube. Zwischen körpersensiblen Entdeckungen und synkretistischer Vereinnahmung, EZW-Texte 270 (Berlin: EZW, 2020), 19–31, 21f.
- Vgl. Wick, „Körper-Theologie in der Bibel“, 27f.
- Vgl. Wick, „Körper-Theologie in der Bibel“, 30.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Vgl. Interview von Julia Spliethoff mit Eva Maria Jäger, „Embodied Prayers – Gebete mit Körper und Seele“, ganzhier, https://tinyurl.com/yc6kxw8n.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Vgl. die Institutsseite https://www.sela-yoga.de/institut.
- Vgl. „Über uns“ auf der Stiftungsseite https://www.creative-kirche.de/ueber-uns/das-ist-die-creative-kirche.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Vgl. „Institut für Christliches Yoga wird in Witten eröffnet“, evangelisch.de, 29.11.2021, https://tinyurl.com/3y6pbwn2.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Vgl. die Ausbildungsseite des Instituts: https://www.sela-yoga.de/zertifizierte-ausbildung.
- Vgl. Claudia Jahnel, „Zwischen spiritueller Versenkung und muskulärem Christsein. Yoga als Produkt interkultureller Aushandlung“, in: Hahn, Yoga und christlicher Glaube, 40–57, 45.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Informationen aus einem digitalen Infotag zur Ausbildung am 8.2.2025.
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Wick im Interview (s. Anm. 5).
- Vgl. die „Programmübersicht“ auf der Seite des Deutschen Evangelischen Kirchentags, https://www.kirchentag.de/programm/pgd/programmuebersicht.