lexikon_keyvisual.jpg
Lexikon

Christlicher Fundamentalismus

Als „Fundamentalist“ gilt, wer kompromisslos und kritikresistent an bestimmten Prinzipien und Überzeugungen festhält und sie womöglich anderen, womöglich sogar mit Gewalt, aufzuzwingen versucht. Dieses landläufige Verständnis ist weit und vage. Die notorische Unschärfe geht auf einen mehrstufigen Verallgemeinerungsprozess zurück, den der Terminus durchlaufen hat. Zunächst Selbstbezeichnung einer Bewegung im US-amerikanischen Protestantismus, wurde er bald auch auf ähnliche Tendenzen im Christentum bezogen. In der Folge der Islamischen Revolution im Iran (1979) wurde der Ausdruck dann auf Erscheinungen in weiteren Religionen übertragen, bevor man schließlich auch politische, soziale und philosophische Strömungen als „fundamentalistisch“ titulierte. Im Zuge dieser Weiterungen vollzog sich zugleich eine Umwertung. Aus einer stolzen Selbstdefinition wurde ein Kampfbegriff, mit dem Gegner als radikal, autoritär und gewaltträchtig diffamiert werden. Trotz dieser Probleme erscheint der Begriff jedenfalls zur Kartierung des religiösen Feldes unverzichtbar, nämlich als Bezeichnung für einen charakteristischen Abweg der Religion in der Moderne. Aber wer ihn gebraucht, muss ihn möglichst präzise bestimmen. Ein solcher Bestimmungsversuch soll im Folgenden für den religiösen, insbesondere den christlichen Fundamentalismus gegeben werden.

Die amerikanischen Ursprünge

1919 wurde in den USA die „World’s Christian Fundamentals Association“ gegründet. Darin verbanden sich protestantische Frömmigkeitsströmungen des 19. Jahrhunderts wie die Erweckungsbewegung, die methodistisch geprägte Heiligungsbewegung, eine calvinistisch-presbyterianische Neuorthodoxie und ein prophetisch-apokalyptisches Naherwartungschristentum. Sie fanden in der Ablehnung aller „liberalen“ Tendenzen in der Theologie und in den Mainline-Kirchen zusammen. Als Einheitsband wirkte dabei vornehmlich die Absage an die historisch-kritische Bibelauslegung, die sich im 19. Jahrhundert auch in der Theologie und den Kirchen der USA zu etablieren begann. Dem hielten die amerikanischen Protofundamentalisten das Postulat der wortwörtlichen Eingebung (Verbalinspiration) der ganzen Bibel durch den Heiligen Geist entgegen, womit sie auf das prinzipientheologische Grundaxiom der altprotestantischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts zurückgriffen (und deutlich von der Schriftlehre Martin Luthers abwichen).1  Jenes Postulat untermauerten sie zudem mit der Behauptung der absoluten Unfehlbarkeit (infallibility) und Irrtumslosigkeit (inerrancy) der Heiligen Schrift nicht nur in Heilsbelangen, sondern auch in allen Sachfragen. Denn wenn die Bibel in scheinbaren Äußerlichkeiten irrte, wie sollte sie dann als Wort Gottes gelten können? Und wie sollte sie dann in den schlechthin entscheidenden Fragen des Heils vertrauenswürdig sein?

Die genannten Postulate wurden bereits in der massenhaft verbreiteten Schriftenreihe „The Fundamentals – A Testimony to the Truth“ (1910 – 1915) propagiert. Deren Beiträge bekräftigen darüber hinaus vor allem überkommene christologische Dogmen (göttliche Natur, jungfräuliche Geburt, stellvertretendes Sühneopfer, leibliche Auferstehung und endzeitliche Wiederkunft Jesu Christi). Insgesamt vertreten die Fundamentals eine protestantische Neuorthodoxie mit apokalyptischem und evangelistisch-missionarischem Einschlag. Insofern sie die Lehren der alten Orthodoxie freilich in einer gänzlich gewandelten geistigen Lage verteidigen, unterscheiden sie sich im Gesamtduktus deutlich. War die altprotestantische Schriftlehre der Versuch, der Theologie mit dem Axiom der Verbalinspiration gerade eine adäquate wissenschaftlich-methodische Grundlage zu verschaffen (unter der Voraussetzung des damals aktuellen Wissenschaftsbegriffs), richtet sich die Behauptung von Inspiration und Irrtumslosigkeit (mitsamt den daraus abgeleiteten Dogmen) nun dezidiert gegen die Standards der aktuellen, modernen Wissenschaft. Der Neuorthodoxie der Fundamentals eignet mithin der Charakter antimodernistischer Apologetik: Zur Abgrenzung vom Zeitgeist der Gegenwart wird der Zeitgeist einer klassischen Vergangenheit heraufgerufen. Mit deren altbewährtem Mittel, dem Ausweis der wörtlich inspirierten Bibel als unbezweifelbarem Grunddatum von Glauben und Theologie, versucht man sich gegen die neuartigen Verunsicherungen des Glaubens abzusichern.

Die skizzierte Position wurde in den Fundamentals nicht aggressiv, sondern eher in gemäßigt-pastoralem Ton vorgetragen. Bald allerdings verschärfte sich die Auseinandersetzung zwischen der fundamentalistischen „Allianz des Antiliberalismus“ (Holthaus 1993, 88) und den Kräften der liberalen Moderne – spätestens im berühmten „Affenprozess“ von Dayton / Tennessee im Jahre 1925. Zuvor war die Ablehnung der Darwin’schen Evolutionstheorie, in den Fundamentals selbst nur ein Randthema, zum Prüfstein fundamentalistischer Gesinnung avanciert. War die Bibel irrtumslos, so musste man nach Genesis 1 auch die Schöpfung der Welt und aller ihrer Lebewesen in buchstäblich sechs Tagen annehmen, gegen die Lehre von der langsamen Entstehung der Arten durch Prozesse von Mutation und Selektion (einschließlich der Abstammung des Menschen vom Affen!). Der Prozess trug der fundamentalistischen Partei einen juristischen Sieg ein, zugleich aber ein Publicity-Desaster: Ihre Anhänger wurden in den Medien als fromme Hinterwäldler dargestellt und vom Publikum mehrheitlich so wahrgenommen. Die Bewegung zog sich daraufhin aus der Öffentlichkeit zurück und verlegte sich verstärkt auf die Gründung von Bibelschulen und eigenen publizistischen Organen. Sie verankerte sich damit fest in der US-amerikanischen Gesellschaft – und sammelte Kräfte für ein Comeback.

Zentrale Charakteristika des religiösen Fundamentalismus

Ausgehend von der amerikanischen Ursprungsgestalt bildete sich ein religionswissenschaftlicher Begriffsgebrauch aus, wonach „Fundamentalismus“ einen bestimmten Typus von Religion bezeichnet, der in verschiedenen Religionen auftreten kann. In Orientierung an jener Ursprungsgestalt lassen sich für diesen Religionstyp folgende essenzielle Merkmale aufführen:

• Der schlechthin zentrale Wesenszug des religiösen Fundamentalismus, sein Grundakt, ist die Behauptung absoluter und unerschütterlicher objektiver „Fundamente“ des Glaubens: Bestimmten religiösen Wahrheitsquellen und Grundwahrheiten werden unbezweifelbare Geltung und normative Autorität für Glauben und Leben zugeschrieben. Mit ihrer Anerkennung steht und fällt nach fundamentalistischer Auffassung die jeweilige Religion.
• Dieser Fundierungsakt dient der Absicherung des Glaubens gegen die Infragestellung durch alternative Weltansichten und Lebensweisen. Durch die Setzung fragloser Fundamente sucht man sich der fraglich gewordenen Wahrheit des Glaubens zu versichern.
• Der Versuch der Selbstversicherung ist eine defensive Reaktion auf Modernisierungsprozesse, insofern eignet ihm ein elementarer Antimodernismus. Mit Aufklärung, Neuzeit und Moderne, insbesondere mit der Etablierung der Natur- und Geisteswissenschaften, hat sich, was allgemein als wahr gilt, auf vielen Gebieten einschneidend gewandelt. Und es haben sich die religiösen und nichtreligiösen Optionen der Lebensanschauung vervielfacht. Weil damit der althergebrachte Glaube bedroht wird, wendet sich der Fundamentalismus insgesamt gegen den Geist der Moderne.
• Diese Defensive führt in geistige Isolation. Unumstößliche Wahrheitsgaranten lassen sich nur gewinnen, sofern man sich vom modernen Wahrheitsbewusstsein und seinen kritischen Fragen konsequent abkoppelt. Mit dem geforderten sacrificium intellectus („Opfer der Vernunft“), der Abblendung des zeitgenössischen Denkens, gerät man ins Abseits eines weltanschaulichen Obskurantismus. Im Interesse religiöser Selbstversicherung vermählt sich Frömmigkeit mit bewusst gewählter „Absonderlichkeit“, die als Attribut frommen Gehorsams gewertet und als Preis der Gewissheit in Kauf genommen wird.
• Der weltanschaulichen Isolation korrespondiert ein Dualismus im Weltverhältnis. Weil es sich im Rückzug in die Sonderwelt des Glaubens von der umgebenden Welt entfremdet, bezieht sich das fromme Subjekt auf diese Welt bevorzugt im Modus scharfer Entgegensetzung (wahr und falsch, gut und böse, gläubig und ungläubig). Seine religiöse Identität erhält das markante Gepräge einer Gegen-Identität, verbunden mit einem ausgeprägten Heilsexklusivismus für die eigene Gemeinschaft der wahrhaft Gottzugehörigen.
• Zum Aufbau der fundamentalistischen Selbstgewissheit gehört ein handgreiflicher Wahrheitspositivismus: das Bewusstsein, vermittels einer klaren und deutlichen Offenbarung gewissermaßen im Besitz der göttlichen Wahrheit zu sein und damit über Gott in gewisser Weise zu verfügen.
• Unbeschadet der Opposition gegen die zeitgenössische Vernunft vollzieht sich mit dem fundamentalistischen Grundakt eine Intellektualisierung des Religiösen. Die Behauptung fundamentaler Wahrheiten impliziert, dass es für den Glauben ausschlaggebend sei, selbige für wahr zu halten. Insofern jene Wahrheiten im Interesse der Selbstvergewisserung in klaren Glaubenssätzen festgehalten werden, besteht „Glaube“ nun wesentlich in der kognitiven Zustimmung zu bestimmten Aussagen. Gemessen an Traditionen religiöser Innerlichkeit, wo Glaube als Seelenerhebung, Gewissensbefreiung oder Herzensvertrauen begriffen wird, bedeutet das eine lehrhaft-verstandesmäßige Veräußerlichung.
• Charakteristisch ist zugleich die zentrale Bedeutung der Glaubensentscheidung, also ein religiöser Dezisionismus. Nach der Logik einer notwendigen Voraussetzung glaubensbesitzgarantierender Fundamente gewährt erst deren vorauslaufende Anerkennung die persönliche Teilhabe an dem Besitz. Nur wer zuvor die umfassende Geltung und Autorität der Schrift anerkennt, kann seinen Glauben auf ihre Aussagen gründen. Die verstandesmäßige Bejahung der Fundamentalwahrheiten wird somit zur Zugangsbedingung des Glaubens, die vorab in einem Willensakt, der Grundentscheidung für die Glaubensfundamente und gegen die kritische Vernunft, erfüllt werden muss.

Variable Zusatzmerkmale

Mit dem angeführten Merkmalskomplex ist das religiös-weltanschauliche „Zentrum“ der fraglichen Erscheinungsform von Religion umrissen. Sie ist damit aber noch nicht vollständig beschrieben. Vielmehr lagern sich an das Zentrum regelmäßig weitere Kennzeichen an, die mit dem fundamentalistischen Grundakt in einer weniger unmittelbaren Beziehung stehen und daher eine größere Variabilität im Vorkommen zeigen. Zwischen den zentralen und den peripheren Merkmalen bestehen „Wahlverwandtschaften“, die keine zwangsläufige Verknüpfung, aber doch eine erhebliche Verknüpfungsneigung begründen.

• Ethisch ergibt sich aus der strengen Bindung an normative Fundamente eine starke Tendenz zu Traditionalismus und Rigorismus. Wer den Zeitgeist der Gegenwart grundsätzlich ablehnt und sich stattdessen auf eine geheiligte Vergangenheit fixiert, wird sich wahrscheinlich auch hinsichtlich der richtigen Weise zu leben an den autoritativen Stimmen dieser Vergangenheit orientieren wollen. Und wer der Akzeptanz klar bestimmter Glaubenssätze zentrale Heilsbedeutung beimisst, wird auch die strikte Befolgung der dort zu vernehmenden Handlungsgebote und -verbote für maßgeblich zu halten geneigt sein.
• Soziologisch tendiert der Fundamentalismus in seiner weltanschaulich-religiösen „Absonderlichkeit“ zur Absonderung von den religiösen Massenanstalten (christlich: den Kirchen) in kleine Gemeinschaften gleichermaßen ernster, entschiedener und „welt“-abgewandter Gläubiger, die sich wechselseitig in ihrer geheiligten Unzeitgemäßheit bestärken. Aufgrund dieses Zuges zum religiösen Separatismus ist die typische Sozialform des Fundamentalismus die religiöse Sondergruppe, Freikirche oder „Sekte“, wo wiederum eine gewisse Neigung zu autoritärer Führung herrscht.
• Psychologisch kann sich das Bewusstsein des Wahrheitsbesitzes im Gegenüber zur gottlosen Welt (womöglich durchzogen von gegenläufigen Gefühlen der Bedrohung durch den kaum je ganz abzublendenden Zweifel am selbsterklärten Besitz) in einem kompromisslosen und fanatischen Eingenommensein sowie in einem aggressiven Eintreten für die fromme Sache und gegen die „Ungläubigen“ äußern. Aber es gibt natürlich auch viele gemäßigte, persönlich integre, durchweg friedliebende und ungefährliche Fundamentalistinnen und Fundamentalisten.
• Politisch kann aus der Sehnsucht nach einer durchgreifenden Herrschaft Gottes und aus dem Gefühl missionarischer Sendung das Streben nach einer Umgestaltung der Gesellschaft nach den göttlichen Geboten erwachsen, bis hin zum Ziel der Errichtung einer Theokratie. Dabei können sich Neigungen zu Kompromisslosigkeit und Intoleranz zu einer Unerbittlichkeit steigern, die auch Gewalt als Mittel nicht scheut. Aber auch hierbei handelt es sich nur um ein Potenzial. Manche Fundamentalistinnen sehen den ihnen von Gott gewiesenen Weg gar nicht in der Weltgestaltung, sondern in der Weltentsagung. Wie der religiöse Fanatismus können sonach auch der politische Realisierungswille und die Gewaltbereitschaft nicht zu den eigentlichen Wesensmerkmalen des Fundamentalismus gezählt werden.
• In der Geschichtsauffassung besteht ein Hang zur apokalyptischen Gegenwartsdeutung. Wer die eigene Zeit im Lichte des schroffen Gegensatzes zwischen der Schar der wahrhaft Frommen und der Masse der Ungläubigen (oder lauen Scheingläubigen) wahrnimmt, den können geeignete Weissagungen innerhalb der heiligen Schriften oder Traditionen zu endzeitlichen Spekulationen verleiten. Die eigene Marginalisierung stellt sich dann als Ausnahmezustand dar, welcher der nahen Aufhebung durch Gottes Eingreifen harrt. Ist dieses Ventil frommen Überschwangs einmal geöffnet, sind dem Aufschwung der Zeitdeutungsfantasie kaum Grenzen gesetzt, und sie lässt sich auch durch alle analogen Fehldeutungen aus Vergangenheit und Gegenwart kaum je in ihrem Flug beirren.

Fundamentalismus im katholischen Christentum

Die vorgeschlagene Konzeption mit der Stufung von Grundakt, Zentralattributen und Periphermerkmalen des religiösen Fundamentalismus bietet den dreifachen Vorzug der Ableitung aus dem historischen Ursprung, der inneren Konsistenz und der phänomenologischen Variabilität. Der Begriff lässt sich damit auf religiöse Erscheinungen übertragen, die trotz größter Unterschiede dennoch strukturelle Ähnlichkeiten zum protestantischen Protofundamentalismus zeigen.

Auch für das katholische Christentum stellt seit Mitte des 19. Jahrhunderts die moderne Revolution der Welt- und Lebensansichten ein Schlüsselproblem dar, und seine Geschichte seitdem lässt sich geradezu als Geschichte des Streits zwischen „fundamentalistischen“ und „liberalen“ Reaktionen auf die „Modernismuskrise“ erzählen. So wurde zur Absicherung des katholischen Systems der Wahrheits- und Heilsvermittlung das dogmatische Postulat der Unfehlbarkeit päpstlicher Lehraussagen aufgestellt (1. Vatikanisches Konzil 1870). Damit wurde dem Oberhaupt der katholischen Kirche die letzte Autorität in religiösen, aber auch in weltanschaulichen und ethischen Fragen zugesprochen. Und es wurde überhaupt der Anspruch des katholischen Dogmas auf absolute Geltung und Autorität ausdrücklich festgeschrieben. Mit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962–1965) schien indes eine Gegenbewegung den Sieg davonzutragen, die zur Vermeidung geistiger Isolation auf Modernisierung und Liberalisierung des Katholischen drang. Aber seitdem treten immer wieder Kräfte auf den Plan, die neuerlich letztgültige Fundamente für den kirchlichen Wahrheits- und Heilsbesitz proklamieren, meist mit Rekurs auf „die katholische Tradition“.

Auch für die orthodoxe Ostkirche ließen sich analoge Tendenzen aufweisen, ebenso für die anderen Schriftreligionen Judentum und Islam. Bewegungen eines religiösen, oftmals religiös-nationalistischen Fanatismus im Hinduismus oder auch im Buddhismus sind, soweit sie nicht auf die Absolutsetzung religiöser Schriften oder Traditionen zurückgehen, allenfalls als fundamentalistisch in einem weiteren, unspezifischen Sinne von religiösem Radikalismus zu bezeichnen, nicht in dem oben dargelegten charakteristischen Sinne.

Fundamentalismus – eine bleibende Versuchung des Christentums

Die Moderne mit ihren geistigen Umwälzungen hatte und hat für traditionelle Religionen krisenhafte Folgen – zur Moderne gehört die religiöse Verunsicherung. In dieser Situation stehen zwei gegenläufige Auswege offen: die antimodernistische Reaktion oder die modernisierende Transformation (und mannigfache Mittelwege). Die Wahl der ersten Option ist ein fast schon „natürlicher“ Reflex. Der Fundamentalismus ist aus der modernen Religionsgeschichte daher nicht wegzudenken und wird aus ihr auch nicht mehr verschwinden. Aber er ist mit erheblichen Schwierigkeiten und „Folgekosten“ verknüpft, die seine vermeintliche Attraktivität empfindlich trüben:

• Gegen die fundamentalistische Grundforderung, bestimmte Sachverhalte für wahr zu halten (und dabei kritische Einwände von innen und außen bewusst zu missachten), sträubt sich die urprotestantische Reserve gegenüber Selbsterlösung und Leistungsreligion: Wir werden aus Gnade mit Gott verbunden, nicht durch eigene Glaubenswerke. Der Fundamentalismus ist eine eigentümliche Form von religiöser „Werkerei“ (Luther).
• Die Forderung des sacrificium intellectus verstößt gegen das christlich-humanistische Gebot der Wahrhaftigkeit und belastet das Wahrheitsgewissen. Für geistig aufrichtige Menschen wird sie daher zur Zugangsbarriere, die sie vom Glauben ausschließt. Bei allen, die ihr im Namen des Glaubens Folge leisten, entsteht bestenfalls eine Gewissheit mit schlechtem Gewissen.
• Die Basisbehauptung des biblizistischen Fundamentalismus (Verbalinspiriertheit und Irrtumslosigkeit) setzt die unmittelbare Verständlichkeit und Einheitlichkeit aller wesentlichen Aussagen der Bibel voraus. Nur unter dieser Voraussetzung vermag sie das Bedürfnis nach religiöser Eindeutigkeit zu befriedigen. Die Bibellektüre wird daher mit einem spezifischen sacrificium intellectus belegt: mit der Verwerfung der hermeneutischen Vernunft. Aber die Interpretationsbedürftigkeit und Uneinheitlichkeit vieler biblischer Texte und Einzelaussagen sind für den gesunden Menschenverstand schlicht unübersehbar. Ebenso unverkennbar ist die fundamentalistische Strategie, die geforderte Evidenz und Einheitlichkeit je und je mittels einer Auswahl passender Schriftstellen, also in einem eklektischen Verfahren herzustellen. Im Namen radikaler „Bibeltreue“ nötigt der Fundamentalismus zu einer Lektüre mit zugekniffenen Augen.
• Im fundamentalistischen Grundakt wird den Fundamenten objektive Geltung zugesprochen, und zwar vom religiösen Subjekt. Ausschlaggebend ist der subjektive Akt der Behauptung oder Anerkennung objektiver Geltung. Die Objektivität, die religiöse Gewissheit garantieren soll, ist eine subjektiv zugesprochene, behauptete, geglaubte Objektivität. Die intendierte Vergewisserung verdankt sich somit einem Akt der religiösen Selbstversicherung. Die vermeintliche Gewissheit der objektiven Fundierung des Glaubens beruht folglich auf einer Selbsttäuschung. Die fundamentalistische Gewissheit ist verschwistert mit der heimlichen Angst vor Ent-Täuschung.
• Wer die Unfehlbarkeit der Offenbarung in der Schrift (bzw. Tradition) behauptet, will nicht akzeptieren, dass wir unseren „Schatz in irdenen Gefäßen haben“ (2. Kor 4,7). Er verabsolutiert die Offenbarungsmedien und nimmt Gott selbst die Absolutheit und Souveränität, sich durch sie zu offenbaren, „wo und wann es ihm gefällt“ (Augsburger Bekenntnis, Art. V). Er missachtet damit die Majestät und Transzendenz Gottes, der trotz aller Offenbarung dem menschlichen Zugriff entzogen bleibt. Im Namen der Gottesfurcht und aus Angst vor Gottferne verfällt er der Vergötzung menschlicher Instanzen.
• Die Verschlingung von Frömmigkeit und geistiger „Absonderlichkeit“ führt entweder zum Rückzug in die fromme Enklave oder in ein Doppelleben, teils in der realen Welt der Gegenwart, teils in der Sonderwelt des Glaubens. Eine solche Aufspaltung aber ist weder der seelischen Gesundheit im Allgemeinen förderlich, noch dient sie einem Leben in frommer Gelassenheit. Vielmehr kann daraus das Bedürfnis erwachsen, den Zwiespalt durch religiöse Erhitzung vergessen zu machen. Die mögliche Folge ist eine Radikalisierung, die Grundmaximen christlicher Ethik wie Freiheits- und Friedensliebe zugunsten der fanatisch-religiösen Selbstbestätigung in den Hintergrund drängt. Aus einer Religion der Freiheit wird dann eine Religion der Gesetzlichkeit und des Zwangs.

Die Problematik fundamentalistischen Christentums ist damit angezeigt. Welche Gruppierungen ihm zuzurechnen sind, ist mit alledem noch nicht gesagt. Hier ist auch zu diagnostischer Umsicht zu mahnen. Keinesfalls dürfen alle Gestalten konservativen oder „entschiedenen“ Christentums pauschal als fundamentalistisch eingestuft werden. So hat sich etwa die evangelikale Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg in einen fundamentalistischen und einen dezidiert nichtfundamentalistischen Flügel gespalten.

Im Einzelnen ist die Grenze freilich nicht leicht zu ziehen. Sie ist auch Gegenstand kontroverser innerevangelikaler Debatten. Es ist dabei auch mit einem breiten Übergangsfeld zu rechnen, in dem gewisse fundamentalistische Neigungen herrschen, ohne konsequent umgesetzt zu werden. Bekenntnisse zur Irrtumslosigkeit der Schrift (oder katholischerseits zur Unfehlbarkeit der Tradition) dienen mitunter mehr dazu, die eigene prinzipielle Bibeltreue (oder Traditionstreue) sowie den mit ihr assoziierten Glaubensernst und Bekennermut zu signalisieren, als dass damit überhaupt nähere inhaltliche Aussagen verbunden würden. Manch eine erquickt sich am konservativ-frommen und erbaulich antiliberalen Klang bestimmter Signalwörter, ohne sich über die Implikationen für Glauben und Leben allzu sehr den Kopf zu zerbrechen. Es ist daher nicht zuletzt zwischen fundamentalistischer Rhetorik und ernsthaft gelebtem Fundamentalismus zu unterscheiden. Ein Schlüsselkriterium für die in Rede stehende Grenze dürfte mithin das Maß an Kompromisslosigkeit sein, mit der der fundamentalistische Grundakt durchgeführt wird.2


Literatur

Fritz, Martin (2020a): Säkularisierung, Pluralisierung, Radikalisierung – Die neue Unübersichtlichkeit der religiösen Lage in Europa, in: Dittmer, Jörg / Kemnitzer, Jan / Pietsch, Michael (Hg.): Christlich-jüdisches Abendland? Perspektiven auf Europa (Theologische Akzente 9), Stuttgart, 289 – 308.
Fritz, Martin (2020b): Schriftprinzip (historisch), in: MdEZW 83/6, 463 – 471.
Grünschloß, Andreas (2009): Was ist „Fundamentalismus“? Zur Bestimmung von Begriff und Gegenstand aus religionswissenschaftlicher Sicht, in: Unger, Tim (Hg.): Fundamentalismus und Toleranz, Hannover, 163 – 199.
Hempelmann, Reinhard (1997): Christlicher Fundamentalismus. Ausprägungen, Hintergründe, Auseinandersetzungen, in: MdEZW 60/6, 163 – 172.
Hempelmann, Reinhard (2006): Sind Evangelikalismus und Fundamentalismus identisch?, in: MdEZW 69/1, 4 – 15.
Holthaus, Stephan (1993): Fundamentalismus in Deutschland. Der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20. Jahrhunderts, Bonn.
Kienzler, Klaus (2000): Art. Fundamentalismus II.2.a., in: RGG4, Bd. 3, 415 – 416.
Raatz, Georg (2015): Unbedingtsetzung von Bedingtem. Paul Tillichs Begriff religiösen Fundamentalismus’, in: International Yearbook for Tillich-Research 10, 241 – 272.
Riesebrodt, Martin (2000): Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“, München.
Sandeen, Ernest R. (1970): The Roots of Fundamentalism. British & American Millenarianism, 1800 – 1930, Chicago / London.


Anmerkungen

1 Siehe dazu vom Vf. das Stichwort Schriftprinzip (historisch), in: MdEZW 83/6 (2020), 463 –  471.
2 In einer ausführlichen Phänomenologie des christlichen Fundamentalismus wäre auch auf das Pfingstchristentum einzugehen. Im Anschluss an Martin Riesebrodt hat Reinhard Hempelmann zwischen Wort- und Geistfundamentalismus unterschieden. Das Fundamentalistische an Letzterem ist demnach das religiöse Vergewisserungsinteresse, das sich aber nicht auf das Bibelwort, sondern auf erlebbare Manifestationen des Heiligen Geistes stützt. Im Mittelpunkt des hier vorgeschlagenen Begriffs steht hingegen, in engerer Anlehnung an die Ursprungsgestalt, die postulatorische Setzung manifest gegebener Glaubensfundamente. Infolgedessen ziehe ich die Unterscheidung zwischen einer (bibel- oder traditions-)fundamentalistischen und einer geistenthusiastischen Glaubensvergewisserung vor, wobei sich im Pfingstchristentum meist beide Vergewisserungsmodi in eigentümlicher Weise verschränken.


Dr. Martin Fritz, Juli 2021