Neue Studie zeigt, wie der Ethikunterricht die Religiosität verändert

Das ifo-Institut hat die langfristigen Auswirkungen bei den Schülerinnen und Schülern untersucht, die anstelle des Religionsunterrichts den Ethikkurs besucht haben. Im ethischen Verhalten und ehrenamtlichen Engagement unterscheiden sich beide Gruppen nicht, wohl aber in der Häufigkeit der Eheschließungen, der Kinderzahl und dem Einkommen. Der Ethikunterricht hat laut der Studienleitung auch dazu beigetragen, den Religionsunterricht interreligiös zu öffnen.

Michael Utsch
Schüler in einem Klassenzimmer beim Unterricht

Ein renommiertes Wirtschaftsforschungsinstitut hat im Januar die Ergebnisse einer großen Untersuchung veröffentlicht, in der die Auswirkungen der Teilnahme am Ethikunterricht anstelle des Religionsunterrichts untersucht wurden. Grundlage der Studie waren Umfragedaten von mehr als 58.000 Erwachsenen, die zwischen 1950 und 2004 in Westdeutschland eingeschult wurden. Die westdeutschen Bundesländer ersetzten den verpflichtenden Besuch des Religionsunterrichts zu unterschiedlichen Zeitpunkten durch eine Wahlmöglichkeit zwischen Religions- und Ethikunterricht – von 1972 in Bayern bis zum Jahre 2004 in Nordrhein-Westfalen. Vor der Reform war der verpflichtende Religionsunterricht laut Mitteilung sehr intensiv: Während der gesamten Schulzeit umfasste er rund 1.000 Unterrichtsstunden, das bedeutete in manchen Bundesländern etwa viermal so viel wie der Physikunterricht.

Durch die Teilnahme am Fach Ethik anstelle von Religion habe sich die religiöse Praxis der Schülerinnen und Schüler im Erwachsenenalter verändert, was wenig verwundert. Diese Schüler hätten weniger an Gottesdiensten teilgenommen oder gebetet, manche seien auch aus der Kirche ausgetreten, teilte das ifo-Institut mit.

Nach den Befragungsergebnissen hat sich bei den Ethik-Schülerinnen und Schülern weder die Lebenszufriedenheit noch ihr ethisches Verhalten oder ihr ehrenamtliches Engagement geändert. Allerdings habe der Rückgang an Religiosität Folgen für das Familienleben und den Arbeitsmarkt gehabt. Traditionelle Einstellungen zur Aufgabenverteilung der Geschlechter und zur Notwendigkeit der Eheschließung hätten abgenommen. Außerdem habe es in dieser Gruppe weniger Ehen und Geburten gegeben, dafür sei die Arbeitsmarktbeteiligung, Arbeitszeiten und das Lohnniveau gestiegen. Diese Befunde verdeutlichen, wie konkret sich Werthaltungen auf die Lebenspraxis auswirken.

Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu berücksichtigen, dass nur Personen aus den alten Bundesländern befragt wurden. Die Bevölkerung der westlichen Bundesländer war deutlich christlicher geprägt als der Osten. Die Befragungen des Religionsmonitors haben die großen Religiositätsdifferenzen zwischen Ost- und Westdeutschland recht präzise beschrieben. Die Gruppe der „Hochreligiösen“ – d.h. religiöse Überzeugungen und Praktiken spielen eine zentrale Rolle in der Alltagsgestaltung – umfasste in Ostdeutschland 10 Prozent, während sie im Westen 22 Prozent ausmachte. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass auch eine stärker christliche Umgebung offenbar nicht bei allen ausreichend Interesse weckte, diesen Glauben im Religionsunterricht näher kennenzulernen.

Ein weiterer Erkenntnisgewinn der Studie liegt in der Schlussfolgerung des ifo-Teams, dass die Einführung des Fachs Ethik einen Modernisierungsschub auf den Religionsunterricht ausgeübt hat. Während in früheren Lehrplänen nicht-christliche Religionen überhaupt nicht erwähnt worden seien, habe sich das in der Konkurrenzsituation mit dem Ethikunterricht geändert. Nun habe die Beschäftigung mit fremden Glaubensformen im Religionsunterricht einen immer breiteren Raum eingenommen. Der ältere Lehrplan wollte die Schüler eher zum christlichen Glauben hinführen, während der neuere mehr ein auf christlichen Werten begründetes Verhalten betone und den interreligiösen Dialog fördere, schreiben die Forscherinnen und Forscher.

Seit einigen Jahrzehnten nimmt der Stellenwert christlicher Positionen im gesellschaftlich-politischen Diskurs kontinuierlich ab und ist von der Mehrheitsmeinung zu einer Stimme unter vielen geworden. Die Anerkennung dieses Bedeutungswechsels fällt manchen Christinnen und Christen schwer. In einer pluralistischen Gesellschaft ist aber das Gespräch mit Menschen anderer Prägungen und Überzeugungen unverzichtbar. Die Schule ist ein zentraler Ort, um anderen Lebensmodellen als denen der eigenen Familie zu begegnen und die eigene Werteskala mit anderen zu vergleichen. Der Reflexions- und Begegnungsraum Schule hat auch deshalb an Bedeutung gewonnen, weil die religiöse Sozialisation in der Familie rapide abgenommen hat. Je früher dieses Gespräch beginnt, desto natürlicher wird es geführt werden – ob im Religions- oder Ethikunterricht.   

Michael Utsch
 
Pressemitteilung des ifo-Instituts
https://www.ifo.de/node/67320

Neue ifo-Studie vergleicht den Ethik- mit dem Religionsunterricht
https://www.cesifo.org/DocDL/cesifo1_wp9504.pdf

Ansprechpartner

Prof. Dr. phil. Michael Utsch
Wissenschaftlicher Referent
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Auguststraße 80
10117 Berlin