Verschwörungstheorien

Eine Verschwörungstheorie (VT) ist die Annahme, hinter dramatischen Ereignissen und sozialen Strukturen steckten die absichtsvollen Handlungen von Menschen, die insgeheim und zum eigenen Vorteil versuchen, Kontrolle über Institutionen, Gesellschaft oder die Welt zu gewinnen. Sie werden üblicherweise als Kuriositätenkabinett präsentiert: War die Mondlandung nur eine Fernsehshow? Haben die CIA John F. Kennedy und die Juden das World Trade Center auf dem Gewissen? Sind Aids und die Prävention durch Kondome Maßnahmen weißer Regierungen, um schwarze Bevölkerungen zu dezimieren? Welche Geheimnisse über Jesus verbergen sich, nein, verbirgt man in den Kellern des Vatikans? Solche Absurditäten täuschen darüber hinweg, dass verschwörungstheoretisches Denken ein Massenphänomen ist, nicht das Reservat skurriler „Spinner“.

VTn können Ausdruck der Innen-Außen-Weltsicht religiöser Kleingruppen sein (Davidianer, Aum Shinrikyo) oder umgekehrt religiös-weltanschauliche Gruppen als Verschwörer verdächtigen (Juden, Jesuiten, Freimaurer). Zu unterscheiden sind Theorien, die von unten nach oben zielen, sich also gegen Eliten richten, von Theorien, die umgekehrt von oben nach unten blicken. Ersteres begründet die nachgewiesene Nähe zwischen Populismus und VTn. Letzteres liegt vor, wenn etwa eine Regierung allerorten Gefahren für den Staat wittert und entsprechende Repressionsapparate gegen falsche Gesinnungen einrichtet. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war die zweite Form die häufigste (vgl. von Bieberstein 1976).

Begriff, Form und Merkmale von Verschwörungstheorien

Seit einigen Jahren werden Ersatzbezeichnungen wie „Verschwörungsmythos“, „-erzählung“, oder „-ideologie“ usw. vorgeschlagen. Dem liegt das Verlangen nach stärkerer sprachlicher Herabminderung zugrunde, weil man annimmt, „Theorie“ adele die VTn zu wissenschaftlichen Hypothesen. Keiner der Alternativbegriffe konnte sich jedoch durchsetzen, und ohnehin handelte es sich um eine binnendeutsche Diskussion ohne internationales Echo (zur Diskussion vgl. Butter 2017, 52ff). VTn können als ausgefeilte „alternative Wirklichkeit“ auftreten. Dabei werden bekannte Details wie Puzzleteile neu zusammengesetzt, sodass ein völlig neues Bild der Wirklichkeit entsteht. Eine andere Erscheinungsform verfährt umgekehrt. Sie begegnet eher als Gerücht denn als Theorie, als Frage oder raunende Andeutung. Sie will nur die Fantasie der Zuhörer in Gang setzen und Misstrauen schüren.

Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird oft unpräzise gebraucht, verschwimmt in der öffentlichen Diskussion oft mit „Fake News“ (vorsätzlichen Falschnachrichten), Unsinn oder schlichten Irrtümern, wobei bisweilen die Übergänge fließend sind.

Merkmale von Verschwörungstheorien sind:

  • Reduktion: Hoch komplexe soziale Phänomene und Strukturen werden als Ergebnis zielgerichteten Handelns (oft nur weniger) Menschen gedeutet. Weiß man, wem etwas (vermeintlich) nützt, weiß man auch, wer es verursacht hat. Die Verantwortlichen können vage bleiben (die Juden, das Großkapital, die Pharmaindustrie, die Männer) oder gar eine fiktive Größe sein (Illuminaten, Außerirdische).
  • Intention: Hinter Ereignissen stehen Absichten und Personen. Deren Handeln verfolgt konkrete Ziele, oft Macht und Reichtum. Die Ziele können zunächst unklar sein.
  • Konspiration: Planen und Handeln der Verschwörer geschehen im Verborgenen.

Neben den so umrissenen systemischen (Welt-)VTn gibt es einzelfallbezogene VTn (Anschläge, Unfälle). Bei diesen wird Komplexität zunächst nicht reduziert, sondern künstlich hergestellt:

  • Komplikation: Hinter einer relativ klaren „offiziellen Wirklichkeit“ wird eine komplizierte Alternativwirklichkeit konstruiert. Erklärungslücken der „offiziellen“ Darstellung werden aufgebläht und zahllosen Fakten eine alternative Deutung beigelegt.
  • Konkretion: Anders als bei systemischen VTn werden bei Einzelfalltheorien oft konkretere Tätergruppen verdächtigt (Geheimdienste, Regierungen).

Häufig wird gesagt, VTn seien nicht falsifizierbar, weil alle widersprechenden Fakten als Belege für die besondere Geschicklichkeit und Gefährlichkeit der Verschwörer integriert werden. Das gilt aber nur für das subjektive Verhalten der Anhänger. Tatsächlich sind die meisten VTn nach rationalen Kriterien widerlegt, nur weigern sich Verschwörungstheoretiker, dies anzuerkennen.

Erst seit einigen Jahrzehnten gelten VTn als illegitimes „Wissen“. Lange Zeit waren sie ein selbstverständlicher Teil des öffentlichen und politischen Diskurses (vgl. Butter 2017, 147ff). Abraham Lincoln sprach lebenslang von der Unterwanderung der US-Verwaltung durch Südstaatenpolitiker mit dem Ziel der landesweiten Einführung der Sklaverei, Thomas Mann suchte 1918 die Schuld am Weltkrieg bei Illuminaten und Freimaurern, und selbst der später heiliggesprochene Auschwitzmärtyrer Maximilian Kolbe sah 1926 in den Freimaurern die „Verschwörung einer organisierten Clique fanatischer Juden, die die Kirche zerstören wollen“.

Der Standarddenkfehler aller VTn ist die Annahme, komplexe Ereignisse und Zustände könnten das Ergebnis zielgerichteter Handlungen sein, die sich womöglich sogar bestimmten Personenkreisen zuordnen lassen. Diesen Kreisen müsste es gelingen, ihre jeweiligen Einzelinteressen im Verborgenen widerspruchsfrei zu koordinieren, alle Auswirkungen ihrer Handlungen selbst in hoch komplexen Situationen voll abzuschätzen und dies alles über lange Zeit geheim zu halten (keine Aussteiger und Verräter). Das widerspricht allem, was man über komplexe Systeme und über Gruppenpsychologie weiß.

Ursachen

a) Verschwörungstheorien erfüllen soziale und psychologische Funktionen:

  • Einheitliche Logik zur Welterklärung bedeutet Komplexitätsreduktion und bewirkt Entlastung.
  • Die Benennung von Schuldigen (Sündenbocktheorie) fördert eine geordnete Weltsicht (innen – außen, gut – böse).
  • Weil VTn als tieferes Geheimwissen firmieren können, steigern sie das Selbstwertgefühl.
  • Persönliche Niederlagen werden durch Externalisierung erklärlich: Nicht mehr meine chaotische Lebensführung ist schuld an meinem permanenten Unwohlsein, sondern die Mobilfunkantenne auf dem Nachbardach.
  • VTn bieten die theoretische Chance zur Veränderung und wirken gegen Ohnmachtsgefühle. Durch die Annahme eines steuernden menschlichen Willens werden unangenehme Erfahrungen immerhin aus dem Bereich des Unverfügbaren heraus- und in den Bereich menschlicher Gestaltung hineingenommen.

b) Experimentell nachgewiesen wurde, dass Erfahrungen des Kontrollverlusts für VTn anfällig machen. Das gleiche gilt für bestimmte Persönlichkeitsmerkmale (geringes Selbstbewusstsein, Ängstlichkeit). Man hat hier teils eine konkrete „Conspiracy Mentality“ ausgemacht, analog zu, aber nicht korreliert mit politischen Mentalitäten wie „Right Wing Authoritarianism“. Während jedoch dieser mit Vorurteilen gegen Minderheiten einhergeht und systemstabilisierend wirkt, ist die Verschwörungsmentalität meist von einer system- und elitenkritischen Logik unterfüttert und richtet ihre Vorurteile gegen als mächtig wahrgenommene Gruppen (Amerikaner, Manager, Juden, vgl. Imhoff / Bruder 2014, 25f). Typisch ist, dass Problemursachen grundsätzlich bei Menschen verortet werden.

c) Die Kognitionspsychologie deutet darauf hin, dass es eine natürliche menschliche Neigung zur Verschwörungsmentalität gibt, insbesondere bei Zufallsereignissen und komplexen Zusammenhängen. Die zugrunde liegenden psychologischen Konstanten wurden vielfach untersucht: Menschen sind biologisch auf die Erkennung von Mustern in der Wirklichkeit angelegt. Bei der Ursachenforschung bevorzugen wir Intentionen gegenüber anderen Erklärungen (Zufall, Natur). Wir unterliegen dem confirmation bias, d. h. neue Informationen werden als Bestätigung bestehender Überzeugungen eingeordnet, sodass sich immer neue Belege für eine intuitive Realitätswahrnehmung finden.

Es wäre also zu einfach, in VTn nur das falsche Bewusstsein absonderlich Irregeleiteter zu sehen. Ihnen liegt kein strukturell andersartiges Denken zugrunde als bei allen Menschen. Daher treten sie auch in Abstufungen auf: von der Alltagsverschwörung (Schlechte Prüfung? – Nicht ich bin zu dumm oder zu faul, sondern der Prof mag mich nicht) bis zum pathologischen Konspirationismus, der die gesamte Wirklichkeitswahrnehmung bestimmt. Weil VTn systemische und psychologische Ursachen haben, reichen sie bis weit in den gesellschaftlichen Mainstream.

d) Als Frucht der Aufklärung betrachtete Karl Popper Verschwörungstheorien. An die Stelle des unerforschlichen Willens homerischer Götter seien die undurchschaubaren Pläne mächtiger Männer getreten, deren unheilvolle Absichten für alle Weltübel verantwortlich sind. Erst seit dem 18. Jahrhundert verbreiteten sich demnach VTn im modernen Sinne: Ihr Weltbild verkörpere in extremum das Prinzip der Aufklärungsphilosophie, „eine Welt, in der Ursache und Wirkung mechanisch verbunden waren, [sodass …] alle Handlungen und Ereignisse wissenschaftlich als Produkte menschlicher Intentionen gesehen werden konnten“ (Wood 1982, 429). Auch ohne Gott und seinen Gegenspieler bleibt die Welt geordnet und erklärbar. Zurückzufragen wäre allerdings, ob die frühneuzeitlich weit verbreitete Ursachensuche bei Satan und seinen irdischen Helfern (Hexen) wirklich völlig anders gelagert ist.

e) Auch die allgegenwärtige trivialisierte Form des Sozialkonstruktivismus wirkt fördernd auf eine Verschwörungsmentalität (vgl. Boghossian 2013). Den Zusammenhang beschrieb selbstkritisch der konstruktivistische Philosoph Bruno Latour 2004. (Er selbst hatte einst in einem berühmt gewordenen Beispiel erklärt, Tutanchamun könne nicht an Tuberkulose gestorben sein, da der Tuberkelerreger erst 1882 von Robert Koch gefunden und die Krankheit „konstruiert“ wurde). Auslöser zum Umdenken war für ihn der anhaltende Zweifel am menschengemachten Klimawandel („Verschwörung linker Klimaforscher“). Die Kritiker der Klimapolitik argumentierten hier mit den Methoden der konstruktivistischen Theorie, um „Herrschaftsdiskurse der Klimalobby“ zu demaskieren. Latour erkannte: Auch seine eigene jahrzehntelange Verbreitung sozialkonstruktivistischer Kritik („French Theory“: Foucault, Derrida etc.) hatte allgemein die Plausibilität verschwörungstheoretischer Welterklärungen erhöht. Nun war diese scharfe Waffe linker Herrschaftskritik in die Hände der politischen Rechten gefallen. Der Konstruktivismus verbreitete sich in amerikanischen Universitäten („Identitätsstudien“) und erreicht heute die Welt von Politik und Medien.

Nicht zufällig teilen sich Konstruktivismus und Verschwörungsdenken den Slogan „Nichts ist, wie es scheint“. Heute, so Latour, werde allerorten ein „exzessives Misstrauen“ gegenüber vorfindlichen Wirklichkeiten gelehrt. Was noch kürzlich als selbstverständlich galt, ist nun nur noch ein „soziales Konstrukt“, das Herrschaftsstrukturen legitimiert. Dadurch werde alles unter unwiderlegbaren Ideologieverdacht gestellt. Schon wer diese simple Analyse bezweifelt, macht sich verdächtig. Zu beobachten ist: In kurzer Zeit mutierten vermeintliche Tatsachen zur Ideologie und Bezeichnungen zu Unwörtern („Geschlecht“, „Rasse“ und selbst das Wort „Fakten“ gelten als ideologisch belastet – eine Art Gesellschaftsreform mittels Sprachmagie). Am Ende bleibe nichts Reales bestehen, zum Recht auf eigene Meinung kommt ein Recht auf eigene Tatsachen, beglaubigt allein durch die Erfahrung (das aus der Esoterik bekannte: „Es ist so, weil ich es so erfahren habe. Wer es nicht erfahren hat, kann nicht mitreden“). Eine Diskussion über Fakten und ihre Interpretation ist unmöglich, weil es keine akzeptierten Fakten jenseits „gefühlter Wirklichkeit“ gibt.

So entstehe eine übertriebene Neigung, eine unangenehme Realität als das Werk interessengeleiteter Dunkelmächte zu sehen. Darin ähneln sich heute Trump-Anhänger, die sich um die Wahl 2020 betrogen fühlen, und heutige „Woke-Bewegungen“ (Black Lives Matter, LGBTQ* usw.), die sich schlimmer diskriminiert fühlen als vor 50 Jahren. Auch ihrer manichäischen Weltsicht wohnen verschwörungstheoretische Züge inne: Sie suchen hinter komplexen sozialen Phänomenen Urheber (nicht Ursachen). Und finden sie unweigerlich bei den (tatsächlichen oder behaupteten) Nutznießern der Umstände. „Cui bono?“ – Wem es nützt, der hat es verantwortet. Auch diese Parole teilen sich VTn und Konstruktivismus. Die Verschwörungsmentalität gibt also einfache, personalisierteAntworten auf komplexe Fragen. Das kann sich, wie Imhoff / Bruder herausfanden, durchaus motivierend als „Empowerment“ auswirken: Sie ist z. B. mit politischem Engagement, etwa in der Anti-Atombewegung, positiv korreliert (Imhoff / Bruder 2014, 37f).

f) In eine ähnliche Richtung geht der Hinweis auf die zunehmende Moralisierung sozialer und politischer Fragen (vgl. Lübbe 2019). Heute werden Differenzen zwischen Menschen(gruppen), ausbleibender Lebenserfolg, selbst Krankheit und Behinderung nicht mehr als Unterschiede (deskriptiv), sondern als „Ungleichheiten“ (rechtlich) und diese ohne weitere Beweisführung als „Ungerechtigkeiten“ (moralisch) beschrieben. Dabei verschiebt sich etwas Grundlegendes: Für Ungerechtigkeit ist jemand verantwortlich. Kontingenzbewältigung bedeutet heute, dass bei jedem Unglück, jedem Missstand reflexartig eine Suche nach Schuldigen einsetzt – eine typische Verschwörungsmentalität. In den Mainline-Kirchen war es in den 1980er Jahren üblich, den Aufstieg der Pfingstbewegung in Lateinamerikas Armenvierteln nicht auf die Wahl der selbst denkenden Armen, sondern auf die Wühlarbeit der CIA zurückzuführen („Liberation Theology opted for the poor, and the poor opted for pentecostalism“, Emilio Castro). Das kommt unserer menschlichen Disposition entgegen, die für Unangenehmes und für kognitive Dissonanzen Schuldige sucht. Nicht hoch im Kurs stehen Zufall, systemimmanente Gründe, Eigenverantwortung und komplizierte, womöglich unveränderbare natürliche Ursachen in einer Welt voller Krisen, Katastrophen und Unvollkommenheiten. Schon Popper hatte soziale Phänomene in seine Definition von VTn eingeschlossen:

„[T]he mistaken theory that, whatever happens in society, especially happenings such as war, unemployment, poverty, shortages, which people as a rule dislike – is the result of direct design by some powerful individuals and groups“ (Popper 1966, 295).

Verbreitung

Wie weit VTn heute verbreitet sind, lässt sich kaum feststellen, weil es an einheitlichen Definitionen und Messmethoden fehlt. VTn sind zudem wie Sekten: Drin sind immer nur die anderen. Dass ihre Verbreitung zunehme, wird seit Jahrzehnten behauptet. Heute erleichtert das Internet die Verbreitung der abseitigsten Theorien (Nazi-Ufos unterm Südpol und geklonte Päpste im Weltall), deren wenige Anhänger sich besser finden können. Ein Massenphänomen sind sie nicht.

Auch Romane (Dan Brown), Spielfilme (Akte X) und Computerspiele (Deus Ex; Illuminati) fördern VTn. Hier bekommen diese eine spielerische Komponente, wie man sie auch unter Fantasy-Fans findet. Als Realitätsflucht verzaubern sie die Welt, in der man mit Gleichgesinnten einen geheimen Plan aufspürt.

Oft wird angenommen, VTn seien politisch eher „rechts“ als „links“ beheimatet, Untersuchungen bestätigen das nicht. In den USA glauben z. B. die Anhänger beider Parteien zu über einem Viertel, dass Wahlen gefälscht wurden, meinen aber unterschiedliche Wahlen (vgl. Imhoff / Bruder 2014).

Unerwartet erscheint die Popularität von VTn im esoterischen Milieu. Jan Udo Holeys antisemitische, inzwischen wegen Volksverhetzung verbotene Bücher über „Geheimgesellschaften“ verkauften sich ausgerechnet in esoterischen Buchhandlungen besonders gut. Diese Überschneidungen erklären, warum sich im Jahr 2020 rechtsextreme Gruppen an die (wie die Uni Basel herausfand, vgl. Frei u.a. 2020) anfangs eher esoterische, links-grüne und später nach rechts driftende, in Teilen verschwörungstheoretische „Querdenkerbewegung“ anschlossen.

Wippermann (2007) sieht die Esoterik offen für VTn, weil ihr Weltbild der „Ganzheitlichkeit“ einen Kosmos in Harmonie mit sich selbst voraussetze. Unordnung entstehe erst dadurch, dass Menschen die natürliche Harmonie durcheinanderbringen. Auch das Grundmisstrauen ist förderlich: Die esoteriktypische Individualitätssehnsucht drückt sich gern im „alternativen Denken“ aus, einer missverstandenen Form „kritischer Reflexion“. Der angestrebte Nonkonformismus wird dann als prinzipieller Widerstand gegen die „herrschende Meinung“ artikuliert, auch um den Preis des Vernunftverzichts.

Ob Verschwörungstheorien mit dem Geschlecht, der politischen Orientierung, dem Bildungsstand usw. korrelieren, wird verschieden beantwortet. Amerikanische Untersuchungen kamen zu dem Ergebnis, dass Geschlecht, Bildungsstand und Beruf die Anfälligkeit für VTn kaum beeinflussen (Goertzel 1994), andere hingegen, dass Frauen häufiger daran glauben als Männer (Bartoschek 2017). Solche Widersprüche weisen auf die Uneinheitlichkeit der Definitionen und Untersuchungsmethoden hin. Umfragestudien zeigen kaum Geschlechtsunterschiede, die Auswertung schriftlicher Quellen aber schon. Denn Männer sind v. a. im Internet häufiger als Autoren aktiv (Butter 2017, 119f). Deutlich ist, dass soziale Randgruppen (ethnische Minderheiten, psychisch Kranke) überdurchschnittlich anfällig sind, weil VTn eine Antwort auf tatsächliche oder subjektive Machtlosigkeit bieten. Einig ist man sich auch, dass VTn einander fördern: Wer an eine glaubt, hält tendenziell auch andere für wahr – selbst wenn diese sich widersprechen.

Verschwörungstheorien von unten und von oben

Viele VTn kommen aus den USA und richten sich gegen Regierung und Geheimdienste. Das kann mit dem ambivalenten Verhältnis vieler Amerikaner zu ihrer Regierung zusammenhängen. Einerseits besteht ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, andererseits verdächtigt man sie traditionell, sich zu viel Macht anzumaßen. Zeitweise glaubte ca. ein Drittel amerikanischer Schwarzer und Schwuler, AIDS sei von ihrer Regierung in Umlauf gebracht worden, um sie zu dezimieren. Als Ursache vermuten einige Soziologen die Freiheitsbeschränkungen und Ohnmachtsgefühle durch ständigen Bürokratie- und Institutionenausbau. Andere meinen das genaue Gegenteil: Ursache sei der Bedeutungsverlust wirklichkeitsstrukturierender Institutionen (kulturell-soziale Kohäsion, Religion).

Hinzu kommt die Tatsache, dass amerikanische Regierungen in eine Reihe menschenschädigender Geheimprogramme verstrickt waren (z. B. die „Tuskegee-Studie“ an schwarzen Syphiliskranken). Gesellschaftlicher Vertrauensverlust und VTn nähren sich gegenseitig.

VTn werden nicht nur von Randständigen vertreten. Sie können auch von den Eliten ausgehen und auf Randgruppen zielen (McCarthys „Kommunisten“). Nationalsozialismus (Juden, Bolschewisten) und DDR-Diktatur (Imperialismus, Klassenfeind) basierten im Kern auf einer konspirationistischen Weltanschauung, in der die Mächte des Bösen und des Guten im ständigen Kampf standen.

Auch manche in den Mainstream eingedrungene Aspekte des radikalen Feminismus tragen verschwörungstheoretische Züge, wenn die hoch komplexe Vielfalt sozialer Geschlechterrollen auf ein zielgerichtetes Handeln von Männerbünden („Seilschaften“) oder auf die systemische Verschwörung eines diffusen „Patriarchats“ zurückgeführt wird, während zuwiderlaufende Tatsachen und wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Mechanismen sozialer Systeme ignoriert oder dämonisiert werden (vgl. Baumeister 2010, Goertzel 1994, Latour 2004).

Gelegentlich tauchen auch heute noch VTn von offizieller Seite auf. Derzeit verbreiten z. B. in Deutschland und den Niederlanden Dokumentarsendungen im staatlichen Rundfunk die Verschwörungstheorie der mächtigen „(Satanistisch-)Rituellen Gewaltnetzwerke“ (vgl. Hahn 2019; Funkschmidt 2020).

Diffamierungsbegriff im Meinungsstreit

Der unscharfe Vorwurf „Verschwörungstheorie“ wird heute inflationär verwendet, oft, um unliebsame Kritik zu diskreditieren. „[T]he question is no longer What is a conspiracy theory? but what counts as a conspiracy theory?“ (Bratich 2008, 4; vgl. Schwarzenberg 2019). Das betrifft heute fast jedes strittige Politikfeld: Umgang mit dem Klimawandel, der Migration, der Rolle des Islam und der Medien, Kritik am politischen Einfluss demokratisch nicht legitimierter Multimilliardäre wie Bill Gates und George Soros (Kapitalismuskritik) – nie ist der VT-Vorwurf weit.

Richtig ist: All diese Kritik tritt auch in verschwörungstheoretischer Gestalt auf, allerdings ist das nicht der Regelfall. Vielmehr werden oft Randerscheinungen in den Vordergrund gestellt und zur Abwehr der gesamten Kritik benutzt. Im Rahmen der Corona-Krise wurde dieser Aspekt u. a. bei der angesichts der Fakten naheliegenden Frage sichtbar, ob das Virus aus dem Forschungslabor in Wuhan stammen könnte. Das hatte damals die Weltgesundheitsorganisation WHO auffällig schnell verworfen. Als der Verdacht von Donald Trump prominent propagiert wurde, galt er fortan als „rechte Verschwörungstheorie“. Im Sommer 2021 – Trump ist Geschichte und die politischen Spannungen mit China haben zugenommen – wird sie wieder ernsthaft diskutiert.

Einschätzung und Umgang

Internet und soziale Medien helfen bei der Verbreitung, sind aber nicht die Ursache der Popularität von VTn. Das Netz ist auch die zugänglichste Quelle zur aufklärenden Information gegen VTn („de-bunking“). Zum Beispiel bietet die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) ausführliche Widerlegungen gängiger VTn.

Verschwörungstheoretisches Denken ist einerseits ein normaler Teil menschlicher Welterfassung, andererseits können VTn persönlichkeitsprägend werden. Dadurch sind sie potenziell gemeinschaftsschädlich – entweder direkt, weil sie Diskriminierung und Gewalt gegen vermeintliche Verschwörer hervorrufen können, oder indirekt, weil sie gesellschaftliches Misstrauen verstärken. Aus christlicher Sicht sind die Gottesgabe der aufgeklärten Vernunft und die Bildungsarbeit als Schutz vor VTn im Frühstadium hilfreich, aber nicht ausreichend. Erfahrungsgemäß lassen sich Konspirationisten nicht mehr mit rationalen Argumenten erreichen. Der Ansatz sollte hier eher seelsorgerlich sein und sinngemäß fragen: „Warum glaubst du, dass die Juden hinter dem 11. September stecken?“

VTn gedeihen selbstverstärkend in einem Klima gesellschaftlichen Misstrauens und der Ohnmachtsgefühle. Je komplexer und verunsichernder die Wirklichkeit ist, je mehr Informationen über Unglücke und Missstände Menschen bekommen, desto mehr gilt es, Bewältigungsmechanismen zu stärken, Menschen Selbstvertrauen zu geben und sie zur Teilhabe zu ermächtigen. VTn sind auch eine (inadäquate) Antwort auf die säkularisierte Theodizeefrage. Der Umgang mit Unrecht, Unglück und menschlicher Beschränkung gehört zum Kern christlicher Verkündigung und zur Dialektik einer Vertrauensbeziehung zu Gott unter den Bedingungen einer unvollkommenen Welt. Letztlich ist die VT Abwendung von Gott, weil sie auf dem prometheischen Traum von der menschlichen Allmacht zur totalen Weltgestaltung fußt. Das Evangelium widerspricht jeder verschwörungstheoretischen Scheinrationalisierung der leidbehafteten Welt und fordert uns auf, die Grenzen des eigenen Erkennens und Gestaltens anzunehmen und damit Gott die Ehre zu geben.

Kai Funkschmidt, August 2021


Literatur

Bartoschek, Sebastian (2017): Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit, Dissertation Münster, Hannover.

Baumeister, Roy (2010): Is There Anything Good about Men? How Cultures Flourish by Exploiting Men, Oxford.

Bieberstein, Johannes Rogalla von (1976): Die These von der Verschwörung 1776 – 1945.

Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung, Bern.

Boghossian, Peter (2013): Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus, Frankfurt a. M. (Erstveröff. engl. 2006).

Bratich, Jack Z. (2008): Conspiracy Panics. Political Rationality and Popular Culture, Albany.

Butter, Michael (2017): „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien, Frankfurt a. M.
Frei, Nadine / Nachtwey, Oliver / Schäfer, Robert (2020): Politische Soziologie der Corona-Proteste, 17.12.2020, https://osf.io/preprints/socarxiv/zyp3f.

Funkschmidt, Kai (2020): „Erklärvideo“ des BMFSFJ zur sexualisierten Gewalt gegen Kinder verbreitet Verschwörungstheorie, in: Materialdienst der EZW 83/3, 223 – 226.

Goertzel, Ted (1994): Belief in Conspiracy Theories, in: Political Psychology 15, 733 – 744.

Hahn, Andreas (2019): Rituelle Gewalt in satanistischen Gruppen – ein populärer Mythos?, in: Materialdienst der EZW 82/7, 243 – 250.

Harder, Bernd (2020): Das Virus der Verschwörungstheorie, in: skeptiker. Zeitschrift für Wissenschaft und Kritisches Denken 33, Sonderheft, 3 – 26.

Hofstadter, Richard (1966): The Paranoid Style in American Politics, New York.

Holey, Jan Udo [Jan van Helsing] (1993): Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert oder wie man die Welt nicht regiert, Rhede.

Imhoff, Roland / Bruder, Martin (2014): Speaking (Un-)Truth to Power: Conspiracy Mentality as a Generalised Political Attitude, in: European Journal of Personality 28, 25 – 43.

Latour, Bruno (2004): Why Has Critique Run out of Steam?, in: Critical Inquiry 30, 225 – 248, http://www.bruno-latour.fr/node/165.

Lübbe, Hermann (2019): Politischer Moralismus, Wiesbaden (Erstveröff. 1984).

Pöhlmann, Matthias (Hg., 2020): Verborgene Wahrheit? Verschwörungsdenken und Weltanschauungsextremismus, EZW-Texte 269, Berlin.

Pollack, Detlef / Hillebrand, Caroline (2021): Die gerechte Strafe Gottes. Corona und die Apokalypse, in: FAZ, 7.1.2021, https://tinyurl.com/rmphxkce.

Popper, Karl (1966): The Open Society and its Enemies, 5. Aufl., Princeton.

Schwarzenberg, Dirk (2019): Steinmeiers Kampf, in: Publico, 23.5.2019, https://tinyurl.com/n9fc8wdr.

Wippermann, Wolfgang (2007): Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute, Berlin.

Wood, Gordon (1982): Conspiracy and the Paranoid Style. Causality and Deceit in the Eighteenth Century, in: The William and Mary Quarterly 39, 401 – 441.


Internet: https://www.hoaxilla.de („Debunking“-Podcasts zu einzelnen VTn); https://www.gwup.org (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften)

(Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 2.7.2021).