Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage)

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT bzw. englisch Latter-day Saints, LDS) gehört mit derzeit 16,5 Millionen Mitgliedern zu den erfolgreichsten der vielen im 19. Jahrhundert entstandenen Neuoffenbarungsreligionen. Schon zur Gründungszeit nannten sie sich „Mormonen“, lehnen diesen Begriff und die Abkürzung LDS aber seit 2018 aufgrund einer göttlichen Offenbarung ab. Bislang gibt es keine gebräuchliche Alternative. Weil sie in ihrer Heilslehre, ihrer Geschichtsdeutung und ihrem gesamten Leitungspersonal amerikanisch geprägt und aufgrund ihrer Struktur und Theologie für interkulturelle Einflüsse weitgehend verschlossen sind, gelten sie als die amerikanische Religion schlechthin.

Entstehung und Geschichte

Die mormonische Geschichte ist ein Abenteuer aus der Pionierphase der USA: Der junge Staat dehnte sich nach Westen aus, es gab Kämpfe mit der indigenen Bevölkerung und Streit um die Sklaverei; Glücksritter reüssierten oder scheiterten über Nacht. Das „Great Awakening“ (1790 – 1830) brachte allerorten christliche Wanderprediger und neue Glaubensgemeinschaften hervor, darunter die Heiligen der Letzten Tage.

Sie beginnen mit dem Bauernsohn Joseph Smith (1805 – 1844), der 1820 von seiner ersten Gotteserscheinung in den Wäldern hinter dem elterlichen Hof berichtet. Hier sagt Gott dem Jungen, er solle sich keiner der bestehenden Kirchen anschließen, ihrer aller Glaubensbekenntnisse seien ihm, Gott, ein Gräuel. Gott verwirft also nach mormonischer Diktion nicht nur die reformbedürftige und erneuerungsfähige Gestalt aller damaligen christlichen Kirchen, sondern verabscheut ihren Kern und ihre Glaubensinhalte.

Ein paar Jahre darauf zeigt ein Engel dem jungen Joseph jahrhundertealte goldene Platten, die er aber niemandem zeigen dürfe. Da er kaum lesen und schreiben kann, geschweige denn Fremdsprachen beherrscht, erhält er zusätzlich magische Kristalle als „Prophetenbrille“, die er sich vor Augen hält, sodass er den Text auf den Platten übersetzen kann, indem er ihn, hinter einem Vorhang verborgen, einem Freund diktiert. So entsteht die Offenbarungsschrift Buch Mormon, von dem die Mormonen ihren Namen haben. Das Werk ahmt die altertümliche Sprache der damals gebräuchlichsten englischen Bibelübersetzung (King-James-Bibel) nach und übernimmt ganze Passagen aus ihr. Smith achtete darauf, dass niemand die goldenen Tafeln zu Gesicht bekam, während er sie übersetzte. Danach gab er sie, ohne sie jemandem gezeigt zu haben, dem Engel zurück.

Auf dieser Grundlage gründete sich am 6. April 1830 die neue Gemeinde. Mormonen sehen darin die „Wiederherstellung“ der untergegangenen Urkirche in den „letzten Tagen“ vor der Wiederkunft Christi. Anfeindungen folgten bald. Smith hatte, weil er wegen kleiner Betrügereien vor Gericht gestanden hatte, nicht den besten Ruf. Auch das Elitebewusstsein des neuen Glaubens, in den alttestamentliche, sozialutopische und freimaurerische Elemente einflossen, war vielen Zeitgenossen anstößig. Mehrfach wurden die Heiligen der Letzten Tage vertrieben. Ihr Weg führte immer weiter Richtung Westen: New York, Ohio, Illinois, Missouri. Wiederholt landeten Smith und seine Mitstreiter im Gefängnis.

Trotzdem wuchs die Gemeinde. Die Botschaft traf einen Nerv und passte in das Sendungsbewusstsein des aufstrebenden Amerika. Laut dem Buch Mormon waren einige Israeliten der „Lost Tribes“ im 6. Jahrhundert v. Chr. nach Amerika gekommen und hatten sich dort niedergelassen. (Tatsächlich diskutierte man damals vielerorts, ob die „verlorenen zehn Stämme Israels“ nach dem Untergang des Nordreichs [722 v. Chr.] irgendwie nach Amerika oder England gekommen sein könnten). Danach habe eine jahrhundertelange Ausbreitungsgeschichte mit kriegerischen Konflikten zwischen den verschiedenen Stämmen stattgefunden. Archäologische Spuren hinterließ das freilich nicht. Später sei ihnen Jesus Christus nach seiner Jerusalemer Himmelfahrt erschienen, habe das Evangelium gepredigt, zwölf Apostel bestimmt und sei ein zweites Mal gen Himmel gefahren. Eine erneute Kreuzigung blieb ihm erspart, wobei Mormonen schon auf die Kreuzigung in Jerusalem wenig Wert legen. In Amerika habe auch der Garten Eden gelegen, und hier sollte die Wiederkunft Christi stattfinden. Zusammen mit einem ausgeprägten religiösen Fortschrittsoptimismus – der Mormonismus ist ein zukunftsfroher Glaube – war dies eine perfekte Selbstbewusstseinsreligion für die junge Nation.

Zu den turbulenten Anfängen passt, dass der Gründerprophet, als er wegen des Überfalls auf eine mormonenkritische Zeitungsredaktion im Gefängnis saß, von einem Lynchmob 1844 erschossen wurde. Sein Nachfolger Brigham Young beschloss, die Heiligen zur Konfliktvermeidung noch weiter in die Wildnis zu führen. In einem gewaltigen Treck zogen tausende Menschen westwärts, bauten ab 1847 mitten in der Wüste die Stadt Salt Lake City und gründeten den Staat Deseret (später Utah).

Ärger gab es trotzdem, denn Joseph Smith hatte als Gottesoffenbarung die Vielehe verkündet und sie jahrelang heimlich zusammen mit anderen Führern der Gemeinschaft praktiziert. Er hatte sich zum Leidwesen seiner Ehefrau etwa 30 bis 40 weitere Ehefrauen genommen, darunter 14-Jährige und bereits Verheiratete. Erst unter Brigham Young wurde die Praxis nicht mehr geheim gehalten. Sie war aber in den USA verboten und galt weithin als die größte Schande des Landes neben der Sklaverei. Viele Mormonen kamen dafür ins Gefängnis, wobei ihre Ehefrauen vehement gegen diese staatliche Repression protestierten. Erst 1890 wurde die Ausübung der Polygamie suspendiert, damit Utah US-Bundesstaat werden konnte. Die zugrunde liegende Offenbarung aber wurde nie widerrufen. Heute leben nur noch mormonische Splittergruppen wie die Fundamentalist Church of Latter-Day Saints polygam. Bei ihnen kamen noch 1953 fast hundert Männer und Frauen ins Gefängnis und 260 Kinder in staatliche Heime, was angesichts der ansonsten unauffälligen Lebenspraxis der Mitglieder schon damals die Öffentlichkeit irritierte. Seitdem wird die Praxis toleriert.

Bis heute schlägt in Utah das Herz des Mormonentums, und noch immer bilden Utah-Mormonen die große Mehrheit in allen hohen Leitungsgremien, obwohl seit einigen Jahren die Mehrheit der Mormonen nicht mehr in den USA lebt.

Aufgrund zahlreicher Spaltungen gibt es heute etwa 70 verschiedene mormonische Gemeinschaften. Im deutschen Sprachraum ist neben den HLT nur die weltweit mit 250 000 Mitgliedern zweitgrößte Gruppe, die Gemeinschaft Christi (früher Reorganisierte Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage) nennenswert.

Lehre und Praxis

Mormonischer Glaube gründet zentral auf dem Fürwahrhalten einer alternativen Geschichte Amerikas. Diese ist wissenschaftlich unhaltbar und ähnelt hierin den kreationistischen Vorstellungen fundamentalistischer Christen. Wichtiger Glaubensinhalt ist auch die historische Korrektheit der Offenbarungserzählungen um Joseph Smith, was sich allerdings ebenfalls als Achillesferse erweist. So sind dem Buch Mormon zwei kurze „Zeugnisse“ vorangestellt, die die Existenz der goldenen Platten beweisen sollen. „Das Zeugnis der drei Zeugen“ beschreibt jedoch eine himmlische Vision, in der ein Engel drei Gläubigen die Platten zeigt. „Das Zeugnis von acht Zeugen“ (davon sieben Familienmitglieder Smiths) ist selbstwidersprüchlich. Die Zeugen behaupten, die Platten in Händen gehalten zu haben, dies aber zu einem Zeitpunkt, zu dem Smith sie nach eigener Aussage bereits dem Engel zurückgegeben hatte.

Das einzige von Smith übersetzte Dokument, dessen physische Existenz außer Frage steht, ist das Buch Abraham (als Offenbarungsschrift Teil der Köstlichen Perle). Dies soll die Übersetzung eines ägyptischen Papyrus sein, den Smith 1835 von einem fahrenden Händler gekauft hatte. Als die HLT im 20. Jahrhundert einer Untersuchung durch unabhängige Ägyptologen zustimmten, zeigte sich, dass der Text keinerlei Ähnlichkeit mit Smiths „Übersetzung“ hatte.

Die angesichts der zahlreichen Unstimmigkeiten in Smiths Wirken naheliegende Frage, inwieweit (oder ab wann) dieser selbst an seine Rolle als Prophet glaubte und inwieweit die Religion der HLT sich aus einem fortlaufenden „frommen Betrug“ entwickelte, ist aufgrund der Quellen nicht zu entscheiden. (Zum Phänomen als Konstante der Religionsgeschichte vgl. van Eck 2014). Der Umgang mit den Unstimmigkeiten der eigenen Geschichte ist für die leitende Geistlichkeit heute eine der größten Herausforderungen ihrer apologetischen Arbeit.

Zentral ist das Wesen der HLT als Tempelreligion. Neben den wöchentlichen Gottesdiensten in den Gemeindehäusern finden bestimmte Rituale in einem der weltweit etwa 170 nicht öffentlich zugänglichen Tempel statt (in Deutschland: Freiberg / Sachsen und Friedrichsdorf / Hessen). Die auf das Jenseits bezogenen Rituale nehmen freimaurerische Traditionen auf, gehen im Kern auf Joseph Smith zurück und unterliegen theoretisch der Arkandisziplin, sind aber heute allgemein bekannt, teilweise auf YouTube zu finden. Es geht dabei u. a. um sog. Siegelungen, mit denen Eltern und Kinder sowie Eheleute auf ewig miteinander verbunden werden können. Diese Extrapolation des Irdischen ins Jenseitige charakterisiert die mormonische Kosmologie. Damit hängt ein weiteres Tempelritual zusammen: die stellvertretende Taufe für die Toten. Zwischen der Urkirche und der Wiederherstellung 1830 gab es keine heilsvermittelnde Kirche, was für die Menschen, die in der Zeit lebten, ein Problem darstellt. Daher bieten Mormonen den Verstorbenen nachträglich die Aufnahme mittels Taufen an, die an einem mormonischen Nachfahren der Toten vollzogen werden. Für diesen Zweck haben Mormonen in riesigen unterirdischen Speichern die größten genealogischen Datenbanken der Welt aufgebaut.

Obwohl Mormonen trinitarische Formeln verwenden, unterscheidet sich ihre Gotteslehre von der christlichen. In mormonischer Diktion ist Gott ein leibliches Wesen von menschlicher Gestalt (zu ähnlichen Traditionen in der christlichen Theologiegeschichte vgl. Markschies 2016). Gott lebt daher zusammen mit seinem Sohn Jesus Christus an einem konkreten Ort – manchmal als nahe des (fiktiven) Planeten Kolob gelegen bestimmt. Von hier regiert er in Willenseinheit mit dem Heiligen Geist (ebenfalls ein getrenntes Wesen) seine Schöpfung. Auch die Vorstellung und Verehrung einer zu Gottvater und Sohn gehörigen und ebenfalls körperlich gedachten Himmlischen Mutter ist verbreitet (vgl. Ulrich 2016).

Die Anthropologie trägt eine gnostische Prägung. Menschen sind vor ihrer Geburt als Geistwesen bei Gott. Die vorübergehende Existenzform auf Erden dient der Bewährung unter den Bedingungen von Leiblichkeit und Willensfreiheit, bei der man durch Gesetzesgehorsam Fortschritte machen kann. Diese Entwicklung des Einzelnen ist Teil des Gesetzes des ewigen Fortschritts, den die Schöpfung und auch Gott selbst durchlaufen. Dieser Fortschritt geht nach dem Tod weiter. Im Endgericht entscheidet der Entwicklungsstand darüber, in welche von drei Stufen der Herrlichkeit man eingehen wird. Theoretisch kann der Mensch die Fortschrittsentwicklung sogar fortsetzen, bis er selbst zum Gott wird – so wie sich der Gott der Bibel auf diese Weise einst aus einem Menschen entwickelte.

„Wir glauben an einen Gott, [...] dessen Vollkommenheit im ewigen Fortschritt besteht, an ein Wesen, das Seinen erhöhten Stand erreicht hat auf einem Wege, auf dem jetzt seine Kinder vorwärts schreiten dürfen [...]. Wie der Mensch jetzt ist, war einst Gott; und wie Gott jetzt ist, kann der Mensch einst werden“ (Talmage 1950, 448f).

Die HLT kennen neben der Bibel drei weitere Offenbarungsschriften: Das Buch Mormon, Lehre und Bündnisse und Die Köstliche Perle. Joseph Smith fertigte eine (nicht mehr in Gebrauch befindliche) eigene Bibelübersetzung an, in der er inhaltliche Veränderungen vornahm. In der Praxis steht das Buch Mormon über der Bibel. Diese ist nur maßgeblich, „soweit sie richtig übersetzt ist“. Die Möglichkeit zusätzlicher Schriften ergibt sich aus der Tatsache, dass nicht nur Joseph Smith ein Prophet war, sondern jeder seiner Nachfolger, heute „Präsident“ genannt, als lebender Prophet gilt, der von Gott neue Offenbarungen erhalten kann, die ihrerseits in die kanonischen Schriften aufgenommen werden können.

Die Kirche ist einerseits hierarchisch aufgebaut. Oben steht die dreiköpfige „Erste Präsidentschaft“ mit dem Präsidenten an der Spitze. Darunter stehen absteigend der „Rat der Zwölf“ (Apostel) und der „Rat der Siebzig“. Andererseits ist sie demokratisch, denn fast jeder männliche Mormone ist ein Priester, und alle wichtigen Gemeindeämter unterhalb der hohen Leitungsfunktionen werden ehrenamtlich und auf Zeit ausgeübt. Ein Berufsklerus ist den HLT fremd. Allerdings ist der einzelne Amtsträger in seiner Lehre strikt an die dogmatischen Vorgaben der Leitung in Salt Lake City gebunden. Textexegese und theologische Meinungsvielfalt sind nicht vorgesehen. Für die HLT ist das Bekenntnis zur Demokratie (in Gestalt der amerikanischen Verfassung) Glaubensgegenstand. Joseph Smiths originale mormonische Heilsgeschichte in Amerika enthielt rassistische Elemente, wobei die dunkle Hautfarbe der „Indianer“ als Ergebnis einer Gottesstrafe verstanden wurde. Schwarze waren deshalb vom Priesteramt ausgeschlossen. Erst 1978, als diese Regelung öffentlich immer mehr kritisiert wurde und zudem die Missionsarbeit in Brasilien behinderte, erging eine göttliche Offenbarung an die Leitung, die das Priesteramt allen Männern, gleich welcher Hautfarbe, öffnete.

Auffällig ist im Alltag die Enthaltsamkeit (kein Kaffee, Tee, Alkohol, Tabak, kein Sex vor der Ehe), die man als weltliche Seite der kultischen Reinheitsvorstellungen der Tempeltheologie sehen kann. Zentral ist auch die Betonung der Familie: Für Männer ist Familiengründung eine religiöse Pflicht, und jeden Montag ist weltweit Familienabend, d. h. die ganze Familie soll Zeit zusammen verbringen. Mormonen sind überdurchschnittlich gebildet und werden unterdurchschnittlich oft kriminell. Sie leben in einer Atmosphäre des Wertkonservatismus und Fortschrittsoptimismus. Dazu passend lehnen sie übrigens das Kreuz als christliches Symbol ab (vgl. aber Reed 2012).

Junge Mormonen und Mormoninnen gehen oft auf einen anderthalb- bis zweijährigen Missionseinsatz (für Männer Pflicht, für Frauen freiwillig). In Deutschland leben 40 000 Mormonen in 150 Gemeinden. Der Beitrag der Missionare zum Gemeindewachstum ist in westlichen Ländern gering. Mitgliedergewinn von außen geschieht eher durch persönliche Kontakte der Mitglieder. Aber der Missionsdienst stärkt bei den Betreffenden die Kirchenbindung, den Charakter und die Sprachfähigkeit über den eigenen Glauben.

Einschätzung

Mormonen haben kein Interesse an konsenssuchenden ökumenischen Lehrgesprächen, da diese sinnlos sind, wenn man sich im Besitz der vollkommenen Offenbarung weiß. Doch arbeiten sie ihrem weltzugewandten gesellschaftlichen Engagement entsprechend bisweilen aktiv in Interreligiösen Räten mit. Obgleich der öffentliche Kenntnisstand über sie noch immer gering ist – viele Menschen assoziieren mit „Mormonen“ bis heute zuerst „Polygamie“, was ihnen in der Gegenwart grob Unrecht tut –, hat ihre soziale Stigmatisierung mit der religiösen Vervielfältigung der Gesellschaft stark abgenommen.

Bis 1991 (EKD) bzw. 2001 (römisch-katholische Kirche) wurde die mormonische Taufe wegen ihres biblischen Wortlauts und aus Unkenntnis über mormonische Glaubensinhalte als rite anerkannt (umgekehrt nicht). Die strittige Frage, ob die HLT Christen oder eine synkretistische Neuoffenbarungsreligion seien, wird unterschiedlich beantwortet. Keine der ökumenisch verbundenen Kirchen der Welt betrachtet die Mormonen als Christen. Für sie ist jedoch die Verneinung ihres Christseins durch andere schwer nachvollziehbar, da Frömmigkeits- und Predigtpraxis ähnlich christusbezogen sind wie in den Kirchen. Mormonen rücken in der Außendarstellung ihre Gemeinsamkeiten mit dem christlichen Glauben in den Vordergrund und beschweigen ihre zentralen Besonderheiten. Dies geschieht nicht zuletzt, weil die Missionsarbeit sich in der Regel an Christen richtet – der (vermeintliche) Übertritt in eine andere Konfession stellt wohl eine geringere Hürde dar als ein Religionswechsel. Sie wünschen sich also eine ökumenische „Anerkennung“ als christliche Kirche, sehen aber sich selbst als die einzigen Christen, welche durch die „Wiederherstellung“ 1830 das ursprüngliche Evangelium vollständig bewahren.

Mehrere mormonische Lehren gelten als außerhalb der ökumenischen Christenheit stehend, so z. B. die zusätzlichen, teilweise über der Bibel stehenden Offenbarungsschriften, die fortlaufenden Neuoffenbarungen und die Totentaufe. In der Beurteilung ist hier zu bedenken, dass es zur Zeit der Urkirche noch keinen Kanon gab und dieser bis heute interkonfessionell nicht völlig einheitlich ist, dass manche Kirchen Teile ihrer Lehre auf Tradition, nicht auf die Bibel gründen und dass auf die Totentaufe in der Bibel Bezug genommen wird (1. Kor 15,29b).

Unüberbrückbar aber ist der Unterschied in der Gotteslehre. Die mormonische Lehre ist antitrinitarisch und polytheistisch, auch wenn die Gläubigen in der Praxis ausschließlich den Gott und Schöpfer unserer Welt beziehungsweise seinen Sohn Jesus Christus verehren (Henotheismus). Hier liegt auch der Grund, warum die Taufe der HLT – die übrigens bei einer Wiederaufnahme nach Austritt wiederholt wird – von der evangelischen und der katholischen Kirche nicht mehr als rite anerkannt wird. Die Vorstellung, der zufolge (a) der Mensch Gott werden kann bzw. (b) der biblische Gott sich aus einem Menschen entwickelte, steht im diametralen Gegensatz zur biblischen Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf. Zwar spielt der erste Teil dieser Lehre in der Verkündigung der HLT heute eine untergeordnete Rolle. Man könnte sie darum vergleichbar dem katholischen Dogma päpstlicher Unfehlbarkeit als evangeliumswidrige, aber praktisch nachrangige Sonderlehre einordnen. Jedoch ist sie der Kern des „Gesetzes vom Ewigen Fortschritt“ und durchzieht darum als Grundlage der gesamten Theologie, Kosmologie und Anthropologie das Lehrsystem der HLT. Sie ist nicht vom Gesamtaufbau zu trennen.

Wenn Mormonen von Christus und Trinität sprechen (etwa, wenn sie der Basisformel des ÖRK zustimmen), so meinen sie mit den Begriffen etwas anderes als die ökumenische Christenheit. Wer die eigene Christologie ernst nimmt, muss feststellen: Gotteslehre und Christologie der HLT sind nicht christlich im ökumenischen Sinne. Das ist kein Grund zur Verweigerung von Kontakten und Zusammenarbeit. Das evangelische Verhältnis zu Mormonen sollte sich am Verhältnis zu anderen Religionen orientieren.

Kai Funkschmidt, August 2021


Quellen

Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Hg., 2003): Das Buch Mormon – Ein weiterer Zeuge für Jesus Christus. Lehre und Bündnisse. Die Köstliche Perle, Frankfurt a. M.

Talmage, James E. (1950): Die Glaubensartikel, 4. Aufl., Berlin u. a., engl. 1899, https://archive.org/stream/articlesfaithas00talmgoog#page/n6/mode/2up.


Zeitschrift

Liahona (Monatszeitschrift, hg. von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, Utah, in 48 Sprachen übersetzt), www.liahona.lds.org.
 

Internet

https://de.kirchejesuchristi.org (deutsche Homepage der HLT).

https://www.churchofjesuschrist.org/liahona?lang=deu&cp=deu-de (deutsche Ausgabe von Liahona).

https://presse-de.kirchejesuchristi.org (deutsche Seite mit aktuellen Nachrichten).

https://www.churchofjesuschrist.org/study/scriptures?lang=deu (Heilige Schriften inkl. Volltextsuche).

http://eom.byu.edu (Encyclopedia of Mormonism).

https://www.josephsmithpapers.org (Dokumente aus der Geschichte).

(Abruf der Internetseiten: 19.7.2021)


Sekundärliteratur

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