Hinduismus

Zu Besuch bei Eckankar in Berlin

(Letzter Bericht: 1/2000, 28ff) Es ist ein Freitagabend im Herbst 2008: In einer familiären und aufgeschlossenen Atmosphäre beginnt der Gottesdienst der „Eckisten“. Er findet einmal im Monat im kleinen Eckankar-Center in Berlin-Charlottenburg statt. 20 Personen, in der Mehrzahl Frauen, sind in dem kleinen Raum zusammengekommen. Der Altersdurchschnitt liegt zwischen 30 und 45 Jahren.

Ursprünglich kommt Eckankar aus der indischen Sant-Mat-Tradition bzw. aus dem Sikhismus. Hier ohne „c“ geschrieben könnte eine Verknüpfung mit der indischen Zahl eins (ek) oder dem Urmantra „Om“ bestehen. In diesem Zusammenhang bedeutet „ek“ Klangstrom oder die Gotteskraft.1 Die Anhänger bezeichnen Eckankar selbst als die „Religion vom Licht und Ton Gottes“2. Das Licht und der Ton Gottes werden als Aspekte definiert, „durch die sich das ECK, der Heilige Geist, ausdrückt“3. Die in Amerika weit verbreitete religiöse Bewegung, die ihren Hauptsitz in Minneapolis hat, ist auch in vielen Städten Deutschlands vertreten, jeweils aber nur mit einer kleinen Anhängerzahl. In München ist Eckankar im Vereinsregister als „Gemeinnützige Studiengruppen e. V.“ eingetragen.4 Die Anhängerzahl weltweit wird auf 20000 bis 30000 geschätzt5.

Die 1965 von dem US-Amerikaner Paul Twitchell (1909-1971) gegründete Vereinigung versteht ihre Lehre, so der derzeitige „Eck-Meister“ Harold Klemp, als einen eigenen, auf jeden Menschen „zugeschnittenen Zugang zum Reich Gottes“6. Eine zentrale Rolle spielen dabei die spirituellen Übungen und das Stufensystem mit den Initiationen, die über Traumdeutung und Seelenreisen die „Gottrealisation“ ermöglichen sollen. Ein oft herangezogenes Beispiel für eine solche Übung – eine von angeblich hunderten, die Eckankar lehrt – ist der sog. HU-Gesang. Hierbei soll der Übende mit geschlossenen Augen laut oder leise HU (ausgesprochen „hjuu“) singen und dabei an ein spirituelles Zitat denken oder an jemanden, den er liebt. Danach soll der Ruhe „gelauscht“ werden. Damit werde die Erfahrung des göttlichen ECK möglich – oder der Einzelne könne einen neuen Einblick in sein eigenes Leben gewinnen. Bei Eckankar soll diese Erfahrungen jeder machen können, sie werden nicht als Privileg für Auserwählte angesehen.7

Für ihre Infoveranstaltungen in Berlin wirbt Eckankar unter anderem im kostenlosen Berliner Esoterikmagazin „Sein“. Auf unzähligen Infoveranstaltungen, die meist in einem Café in Berlin-Mitte stattfinden, wird der Veranstaltungskalender verteilt, auf dem die Gesprächsrunden, Videovorträge und die Gottesdienste im Eckankar-Center angekündigt werden.8

Das Eckankar-Center Berlin entspricht von der Größe her lediglich der Ladenfläche für einen Kleinhandel und ist mit weißen Wänden und zwei, drei Regalen sehr schlicht gehalten. An einer Wand hängt ein großes Porträtfoto des ECK-Meisters Harold Klemp, und daneben ist ein Schaubild des Stufensystems der Initiationen von Paul Twitchell zu sehen. Auf diesem lediglich DIN A3 großen Schaubild sind in einem elliptisch geformten Diagramm zwölf Initiationsstufen abgebildet, die ein Eckist erreichen kann. Das Diagramm hat die Überschrift „The worlds of ECK. God Sugmad“ und ist unterteilt in „Self-Realization/negativ“ unterhalb der fünften Initiationsstufe und „God-Realization/positiv“ darüber.

Für den Gottesdienst ist ein Stuhlkreis vorbereitet, der fast den ganzen Raum ausfüllt. Auf jedem Platz liegt ein neongelber Handzettel mit Zitaten aus Harold Klemps Büchern zum Thema des Gottesdienstes „Die Attribute Gottes“. Dort heißt es z. B.: „Das Größte, worum du bitten kannst, ist: ‚Lieber Gott, schenke mir Liebe’. Wissen, Weisheit und Verstehen sind nur die Attribute Gottes, doch wenn du die Liebe hast, hast du das Ganze.“

Der Gottesdienst beginnt mit dem HU-Gesang. Unabhängig voneinander stimmen alle Teilnehmer in den Gesang ein und erzeugen gemeinsam einen summenden Klang im Raum. Die dadurch geschaffene Atmosphäre hat offensichtlich eine entspannende Wirkung auf die Beteiligten. An den zehnminütigen HU-Gesang schließt sich Stille, die sog. Kontemplation an, die einige Minuten dauert. Dann liest die Leiterin des Gottesdienstes Zitate über die Attribute Gottes vor, die anschließend im Stuhlkreis besprochen werden. Von verschiedenen Stichwörtern in den Zitaten inspiriert, ergibt sich ein reger Gedankenaustausch – zu Themen, die durch nur wenige Impulse der Leiterin gesetzt wurden. So ergibt sich an diesem Abend als Gesprächsthema „Frei sein“ bzw. „von äußeren Zwängen befreien“. Einzelne Personen äußern ihre Interpretationen zu den vorgelesenen Zitaten und erzählen z. B. von ihren Problemen mit den Nachbarn oder von Ereignissen in ihrem Berufsleben.

Daran schließen sich persönliche Erfahrungsberichte an, durch die alle Beteiligten etwas über Tageserlebnisse, Träume und wichtige Situationen im Leben der Anwesenden erfahren. Alle Wortmeldungen werden ernst genommen und von der Gottesdienstleiterin positiv bewertet. Fast alle beteiligen sich an dem Austausch. Im Ganzen herrscht eine lockere, humorvolle Atmosphäre unter den Anwesenden, die sich zum großen Teil sehr gut zu kennen scheinen. Die für Eckankar typischen Erfahrungsberichte lassen sich womöglich aus dem eckistischen Grundsatz erklären, wonach das Leben kein Zufallsweg sei. Der Eckist soll lernen, die „spirituellen Botschaften“9 Gottes im Alltag zu erkennen. Bei dem Gottesdienst im Eckankar-Center wird zur Untermauerung dieses Anliegens aus dem Buch „Kind in der Wildnis“, einem der drei biografischen Bücher Klemps, vorgelesen. Die Passage erzählt auf heitere Weise von einer fiktiven Begegnung Klemps mit Paul Twitchell in Gestalt eines Obdachlosen. Klemp erkennt den verstorbenen Twitchell zunächst nicht und benötigt einige Zeit, um ihn schließlich in der Gestalt des Obdachlosen zu entdecken. Das Fazit der Geschichte: Der Mensch muss lernen, in geheimnisvollen Begegnungen das Göttliche zu erkennen.

Weitere Wortmeldungen aus dem Teilnehmerkreis beziehen sich auf Erlebnisse mit Kindern. Es geht dabei um Begegnungen mit Kindern, die als Gottesbegegnungen oder als jeweilige Bestätigung der eckistischen Lehre gedeutet werden. Eckankar vertritt die Reinkarnationslehre. Wie es heißt, gelange der Mensch nach dem physischen Tod zu „anderen Ebenen“10 und werde von dort wieder als „Baby auf die Erde“11 zurückkehren. In einer Informationsbroschüre von Eckankar findet sich dazu ein Abschnitt, in dem erklärt wird, dass dadurch eine Art Ursprünglichkeit von Gott bei einem Kind bis zu fünf Jahren bewahrt wird.

Andere Wortmeldungen in der Gesprächsrunde nehmen auf Alltagserlebnisse Bezug, die als spirituelle Begegnungen oder geheimnisvolle Intuitionen definiert werden. Als die Gesprächsrunde mit einem nochmaligen HU-Gesang (auf Wunsch der Teilnehmer) und den abschließenden Worten der Leiterin „Es möge Segen sein!“ beendet wird, ist der Gottesdienst der Eckisten nach knapp einer Stunde vorbei. Der Gottesdienst folgte offensichtlich keinem vorgegebenen Schema. Gottesdienstliche Elemente wie Lesung, Gesang, eine Art Gruppenpredigt ließen sich finden, ein Gebet fehlte jedoch. Die Veranstaltung wirkte für den Außenstehenden wie eine Form von Gruppentherapie. Es war ein großes Bedürfnis nach Austausch und Kommunikation zu erkennen.

Im anschließenden Gespräch erzählte die Gottesdienstleiterin, die schon seit 30 Jahren bei Eckankar ist, dass erst Mitglieder, die wie sie die fünfte Initiationsstufe überschritten haben, einen Gottesdienst anleiten dürfen. Dafür erhält man eine Genehmigung direkt aus den USA. Ganz offen berichtete sie über den Ablauf der Initiationen und über die Mitgliedschaft bei Eckankar.

Für Suchende scheint Eckankar deshalb attraktiv zu sein, weil hier zunächst das Gefühl von Ungezwungenheit und von Individualität vermittelt wird. Stets wird darauf hingewiesen, dass die Teilnahme am HU-Gesang und an der Gesprächsrunde freiwillig sei („jeder so, wie er es fühlt“).

Ständige Interpretationen alltäglicher Ereignisse als Gotteszeichen weisen deutlich auf eine esoterische Weltanschauung hin, in die sich auch der Reinkarnationsgedanke einfügt. Eckankar kann insofern als synkretistsch bezeichnet werden, als in der Lehre viele Elemente und Begriffe vor allem der indischen Sant-Mat-Tradition und der modernen Esoterik entstammen. Beispielhaft für die esoterische Weltanschauung ist der Glaube an eine ursprüngliche Einheit von Mensch und Kosmos, die durch ein Urwissen wieder hergestellt werden müsse. Durch Gespräche mit Eckisten wird offensichtlich, dass für viele Mitglieder die Zugehörigkeit zu Eckankar als spiritueller Zusatz zur eigentlichen Konfessionszugehörigkeit empfunden wird. Einzelne Elemente des eckistischen Stufensystems erinnern an Scientology, was womöglich darauf zurückzuführen ist, dass der Begründer Paul Twitchell selbst eine Zeit lang bei Scientology war. Eckankar distanziert sich heute von Scientology.12

Zwar fällt die Zahl der Anhänger hierzulande eher bescheiden aus. Gleichwohl scheint Eckankar für Menschen attraktiv zu sein, die in ihrer spirituellen Suche nach leicht anwendbaren und alltagstauglichen Techniken Ausschau halten.


Julia Urbanski, Berlin


Anmerkungen

1 Vgl. Reinhart Hummel, Gurus, Meister, Scharlatane. Zwischen Faszination und Gefahr, Freiburg i. Br. 1996, 179.

Sein Magazin 156, August 2008, 32.

3 Ebd.

4 Vgl. www.eckankar.de/33.html

5 Vgl. R. Hummel, a.a.O., 183.

6 Harold Klemp, ECKANKAR. Uralte Weisheit für die heutige Zeit, Minneapolis 32004, 1.

7 Vgl. ebd., 23.

8 Der Veranstaltungskalender ist auch abrufbar auf www.eckankar.de

9 H. Klemp, Ist das Leben ein Zufallsweg? Minneapolis, 2003, 4.

10 H. Klemp, ECKANKAR, a.a.O., 50.

11 H. Klemp, Ist das Leben ein Zufallsweg? A.a.O., 10.

12 R. Hummel, Eckankar, in: MD 1/2000, 28-32, 29.