Oliver Koch

Vergoldeter Blick

Erfahrungen und Einschätzungen zu „Braco – The Experience“

Am Sonntagmittag ist das Nordwestzentrum in Frankfurt wie ausgestorben. Dort, wo sonst hunderte Geschäfte vor allem in der Adventszeit Massen an Menschen anziehen, haben jetzt nur ein paar Schnellrestaurants geöffnet. Und das Titusforum. Das zur Saalbau-Betriebsgesellschaft gehörende Eventgebäude der Stadt Frankfurt am Main versprüht baulich den Beton-Charme der sechziger Jahre und beherbergt für zwei Tage einen besonderen Gast: Braco, den Mann mit dem „gebenden Blick“. Was finden Menschen bei dem „kroatischen Wunderheiler“, wie er manchmal in esoterischen Imagefilmen bezeichnet wird?

 

Erwartungen und Erfahrungsberichte

 

An einem Sonntag im Advent1 lädt der „Frankfurter Ring – Events für Körper, Geist und Seele“ zur Begegnung mit Braco und seinem „gebenden Blick“ ein. Brita Dahlberg, Leiterin der größten Esoterikplattform im Rhein-Main-Gebiet, und ihr Team präsentieren regelmäßig „Mentoren“, die „geballtes Wissen und Erfahrung“ in ihren Events weitergeben sollen. Zu diesem Kreis gehört auch der bei seinen Auftritten immer weißgekleidete und braungebrannte Mann mit dem langen, mittlerweile ergrauten Haar. Er ist im Dezember und Januar für jeweils zwei Tage in Frankfurt mit seinem Programm zu Gast. Das Motto seiner Auftritte: „Braco – The Experience“. Geworben wird auf der Website zunächst mit einem kurzen Einführungstext, der auch pragmatische Tipps fürs „erste Mal“ mit Braco gibt („begegne Braco mit einer offenen Einstellung“) und ihn selbst als „ganz gewöhnlichen Menschen“ schildert, der meist in der ganzen Welt unterwegs sei.

Es folgen Stimmen von Teilnehmenden vergangener Veranstaltungen:

„Ich habe großes Glück, weltenbewegende Erkenntnisse, völlige Zufriedenheit & Har­monie erlebt.“

„Braco live zu sehen ist ein einziges Highlight. Im Sinne des Wortes: Er ist ein hell scheinendes Licht. Keine Begegnung mit Braco läuft gleich ab. Bei der ersten (ich war zwei Mal hintereinander) lösten sich emotionale Staus/Blockaden, bei der zweiten spürte ich deutlich, wie die Energie auf den Körper wirkte.“

„Braco ist eine Person, die definitiv paranormale Fähigkeiten besitzt, die nicht kategorisiert werden können. Für mich gehört er in die Gruppe der sogenannten nicht-religiösen charismatischen Persönlichkeiten.“ (Drago Plecko, Forscher im Bereich der Grenzwissenschaften, Kroatien)

„Die Menschen haben eine Art Hunger nach Stille, sie hungern nach dem Erlebnis, endlich mit ihrem wahren Selbst verbunden zu sein. Gott spricht in der Stille zu Ihnen, aber Sie müssen bereit dazu sein, in die Stille zu lauschen, ohne die Stille können Sie die Stimme nicht hören. Vielleicht verkörpert Braco das.“ (Rabbi Jack Bemporad, Direktor des gemeinnützigen Zentrums für Interreligiöse Verständigung [CIU], USA)

„Ein Nierenstein bereitete mir viele Probleme. Ich hatte große Schmerzen, der Stein war 10 mm groß. Die Ärzte wollten mir helfen und mich deswegen operieren, aber durch Braco’s Blick bekam ich Hilfe. Der Nierenstein war auf einmal verschwunden! Die Ärzte waren fassungslos. Bis jetzt gibt es keine logische Erklärung dafür, aber ich weiß, dass Braco mir geholfen hat, wieder gesund zu werden.2

Dieses inhaltlich breite Erfahrungsspektrum gibt die unterschiedlichen Motive und hohen Erwartungen wieder, mit denen die Teilnehmenden zur Veranstaltung mit Braco anreisen.

Die Sessions dauern immer eine knappe Stunde. Pro Tag werden fünf von ihnen angeboten. Der Kostenbeitrag liegt pro Person und Session bei 20 Euro. Die Tickets können bequem und unkompliziert über die Website des „Frankfurter Rings“ oder vor Ort erworben werden.

 

Bücher, Blumen und Goldschmuck

 

Beim Betreten des Titusforums fallen zunächst zwei große mit frischen Schnittblumen gefüllte Tische auf: Auf großen Roll-Ups lächelt Braco den Besuchern entgegen, auf manchen ist er gen Himmel blickend abgebildet. Mitarbeiterinnen begrüßen freundlich und verweisen darauf, dass die Veranstaltung im Obergeschoss stattfindet, wo auch die „Registrierung“ zu finden sei. Der große Vorraum des Titussaales, in dem Braco dann seine Sessions abhalten wird, ist gefüllt mit diversen Verkaufstischen, hinter denen jeweils Mitarbeiter von Braco stehen, um Fragen zu beantworten. Hauptsächlich findet man Büchertische, an denen Biographien Bracos, seine eigenen Bücher wie Nach der großen Tragödie oder Sekundärliteratur wie etwa eine Dokumentation eines Dr. med. Matthias Kamp mit dem Titel Braco und sein stiller Blick verkauft werden. Besonders hervorgehoben sind zwei Büchertische mit zwei illustrierten Kinderbüchern Bracos. Sie fanden als Weihnachtsgeschenk etwa für die Enkel gute Resonanz. Im Gespräch wurde mir gesagt, dass es gut sei, wenn man die Bücher vor der Begegnung mit Braco kaufe, damit die Energie aufgenommen werden könne. Außerdem würde er sein neues Kinderbuch signieren, das habe dann besondere Kraft. Warum er nur dieses Kinderbuch, nicht aber andere seiner Bücher signiere, konnte mir nicht beantwortet werden.

Auffällig waren weitere Verkaufstische mit Goldschmuck, welche besonders das „Sonnensymbol“, eines der Erkennungszeichen für Braco und seine Anhänger, in Form von Ketten, Armbändern, Ringen, Ohrringen etc. trugen. Auf meine Frage, ob dieser Schmuck „besonders energetisiert“ sei, wurde mir gesagt, das sei eben sehr individuell und es komme darauf an, was jeder Einzelne dazu denke und empfinde. Klar sei jedoch, dass das Sonnensymbol ein mächtiges Zeichen darstelle. Als Beispiel wurde mir von dem Verkäufer erzählt, dass ein LKW-Fahrer, der einen schweren Unfall hatte, vor Verletzungen bewahrt worden sei. Als er aus der Ohnmacht nach dem Unfall aufwachte, habe er das Sonnensymbol der getragenen Kette im Mund gehabt – und sei überzeugt, dass ihn dieses Symbol beschützt habe. Dass dieser LKW-Fahrer in dem Moment der Erzählung um die Ecke kam, kann man unterschiedlich deuten – als Zufall oder Fügung.

Ähnliche Erzählungen findet man auch in den diversen ausliegenden Büchern. Ein Mann berichtet, dass „alles heller in und um ihn“ geworden sei, „als ob ein Nebel weichen würde“, wenn er diesen Anhänger trage. Eine Frau erzählt, dass nach Kauf und Anlegen der goldenen Ohrringe „wenige Minuten später ein über zwei Jahre konstant anhaltender Tinnitus verschwand“. Eine andere, dass „Albträume, unter denen eine Frau schon über 40 Jahre litt, am gleichen Tag verschwanden, an dem sie den Anhänger in Form des Sonnensymbols um den Hals hängte. Seitdem ist nie wieder ein Albtraum aufgetreten – seit 40 Jahren!“ Gleichzeitig wird immer wieder betont, dass Braco kein Heiler sei und auch keine Heilungsversprechen mache. Auf der Rückseite der Eintrittskarte steht dieser Disclaimer nochmals zum Nachlesen – ergänzt um den Hinweis, dass unter 18-Jährige und schwangere Frauen keinen Zutritt zu Bracos Veranstaltungen hätten.

Insgesamt sind an diesem Vormittag etwa fünfzehn bis zwanzig Mitarbeiter Bracos an den Verkaufs- und Informationsständen unterwegs, daneben noch zusätzlich Helfer des „Frankfurter Rings“, die sich vor allem um den Verkauf und die Registrierung der Besucher kümmerten. Zu der Session, die ich besucht habe, versammelten sich etwa hundert Interessierte, durchaus gemischten Alters, mehr Frauen als Männer. Überwiegend hatte ich den Eindruck, dass es sich um Osteuropäer handelte. Auffällig war, dass einige mit Krücken und anderen erkennbaren Erkrankungen anwesend waren. Ein Großteil hatte in Klarsichtfolien zusammengestellte Bilder von Verwandten, Freunden oder Bekannten dabei.

 

Beim „gebenden Blick“ selbst unter Beobachtung

 

Pünktlich um kurz vor 11 Uhr wurden die Türen zum Saal geöffnet. Dort empfingen etwa zehn weißgekleidete Männer die Besucher und platzierten sie auf den bereitgestellten Stühlen. Es wurde deutlich darauf hingewiesen, dass keine Fotos gemacht werden dürften. Wenn man aber Fotos von seinen Liebsten auf dem Handy habe, die man während Bracos Auftritt zeigen wolle, könne man das tun. Die meisten hatten die Fotos in Papierform und schon zusammengestellt oder auf Pappe aufgeklebt dabei.

Die Mitarbeiter stellten sich dann rechts und links der Besucher in Position, was ich als unangenehm, ja fast als Überwachung empfand. Der Saal war nicht besonders geschmückt, die Bühne lediglich mit einer weißen Leinwand vor einem schwarzen Vorhang bestückt. Ein Lichtspot zielte auf eine kleine, in Form des Sonnensymbols gestaltete Erhebung. Rechts und links davon standen große weiße Liliensträuße.

Zur Einstimmung begrüßte Brita Dahlberg vom „Frankfurter Ring“ selbst die Besucher und führte sie in einer etwa 15-minütigen Einstimmung in das Programm ein. Sie sprach den ersten Advent an und lud ein, sich zu erinnern, was man mit dem Advent persönlich verbinde: Neben Hektik und Geschenken etwa die Sehnsucht nach Stille und Ruhe, welche Braco in seinen Sessions gebe. Ohne etwas zu verlangen, sei er ganz für die Menschen da und wolle reine Liebe, Frieden und Barmherzigkeit weitergeben. Frau Dahlberg zitierte in diesem Kontext die neutestamentlichen Seligpreisungen („selig sind die Barmherzigen“), sie nutzte also christliche Narrative. Unaufdringlich wies sie auf die Möglichkeit des Erwerbs von Büchern und Schmuck hin und steigerte die Spannungskurve des Events, indem sie durch die Reihen ging und Menschen danach fragte, warum und mit welchen Erwartungen sie gekommen seien. Man wolle offen für alles sein, hieß es vor allem aus den Rängen, man wolle den Blick spüren, die Energie fühlen. Mit dem Hinweis, dass sie vielleicht nach Bracos Auftritt nochmals nachfragen würde, leitete sie dann über zu einem kurzen Filmausschnitt über Braco.

Diese Videosequenz stammte aus einem Imagefilm zu einem „Welt im Wandel“-Kongress, in dem neben Gerald Hüther, Robert Betz, Rüdiger Dahlke und anderen männlichen Größen der esoterischen Szene auch Braco als „Wunderheiler“ gepriesen wurde. Nach diesem Clip war es dann so weit: Das Licht wurde gedimmt, Braco betrat die Bühne.

Weißgekleidet, ein kleines Sonnensymbol auf das Hemd gestickt, stand er auf der Bühne im Scheinwerferkegel vor der weißen Leinwand und ließ seinen Blick durch die Reihen der Besucher schweifen. Die Stimmung war ruhig, einige hielten die mitgebrachten Bilder höher und ihm entgegen, atmeten tief ein und aus. Begleitet wurde sein Auftritt von leiser instrumentaler Meditationsmusik. Nach etwa zehn Minuten verließ Braco die Bühne ebenso unspektakulär wie er gekommen war.

 

Und hinter der Bühne Pablo, der kleine Hund

 

Mit sanfter Stimme wandte Frau Dahlberg sich anschließend erneut an die Besucher und fragte einige nach ihren Erfahrungen. Ganz warm sei es geworden, es sei ein ganz wunderbares Erlebnis gewesen, hieß es. „Ich habe es hier so gespürt“, sagte eine ältere Frau, und zeigte auf ihr Brustbein. Es wurde darauf verwiesen, dass man auch noch weitere Sessions mit Braco besuchen könne: einfach rausgehen, eine neue Karte kaufen und das Ganze nochmal erleben. Außerdem könne man sich das neue Kinderbuch Braco und Pablo – die Reise nach Atlantis kaufen und von ihm persönlich signieren lassen. In diesem Buch schildere er die Erlebnisse mit seinem besten Freund und treuen Begleiter, Pablo, einem kleinen Hund. Pablo begleite Braco immer auf seinen Reisen, beschütze ihn und warte immer hinter der Bühne auf sein besonderes Herrchen.

Die Saaltüren wurden geöffnet und die weißgekleideten Herren baten die Besucher freundlich und bestimmt nach draußen. Wer nun das Titusforum verließ, erhielt am Ausgang noch eine der bunten Blumen als Erinnerung an die Veranstaltung. Oder man kaufte eben noch einmal eine weitere Session mit Braco.

 

Wer sind Braco und Ivica?

 

Braco wurde am 23. November 1967 als Josip Grbavac in Zagreb, Kroatien, als Sohn von Victor und Ivanka Grbavac geboren. Seine Geburt und Kindheit werden folgendermaßen beschrieben:

Er […] und seine Mutter starben fast bei der Geburt. Braco wurde mit so dunkler Haut geboren, dass er fast wie ein afrikanisches Baby aussah. Sogar sein Haar war schwarz, fast lockig. Die Ärzte fragten seine Mutter, ob der Vater vielleicht ein Schwarzer war, und alle waren höchst verwundert. Nach kurzer Zeit wurde Bracos Haut weiß wie die seiner Eltern, und sein Haar wurde weich, glatt und braun. […] Es erinnerte an eine Prophezeiung aus Indien, wo ein besonderes Kind in ähnlichem Zustand geboren wurde und sich später verändert hat. […] Bis zu seinem siebenten Lebensjahr wollte er nicht essen und spuckte die Nahrung immer aus. Trotzdem war er all die Jahre hindurch gesund und kräftig. […] Braco trägt seit seiner Geburt eine brillante Reinheit und Unschuld in sich, die nie verblasst.3

Er besuchte in Zagreb die Schule und Universität und erwarb einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften, baute eine eigene Firma als Handelsunternehmer auf und heiratete. Im Jahr 1993 lernte Braco dann Ivica Prokić kennen. Dieser kam 1971 nach Zagreb und wurde als Wunderheiler und Prophet verehrt. Über Begegnungen mit ihm heißt es: „Gesundheitliche Verbesserungen an Körper und Seele, Hilfen im persönlichen Leben, in den Finanzen, bei Kindern und in Ehe und Familie traten auf wunderbare Weise ein.“4 Neben seiner Heilertätigkeit trat er als Autor von dreizehn Büchern hervor, jedes davon hat er nach eigenen Angaben innerhalb von zwei bis drei Stunden geschrieben. Diese Bücher waren mit dem Symbol der dreizehnstrahligen Sonne versehen, welches Braco später übernahm, und sie werden als prophetische Bücher bezeichnet. Sie enden mit den Worten: „Ich habe dreizehn meiner Bücher gesehen, die Prophezeiung ist wirklich wahr geworden. […] Jetzt bin ich fertig und wünsche Ihnen viel Glück.“

Braco lernte bei Ivica die Praxis des Heilens und wurde sein Nachfolger. Ivica gab ihm den Namen Braco, was „kleiner Bruder“ bedeutet. Sowohl das Kennenlernen der beiden als auch ihr Abschied sind von wundersamen Erzählungen begleitet. So heißt es etwa bezüglich des Todes von Ivica 1995: Die beiden seien allein an einem Strand in Südafrika gewesen, als eine „Schurkenwelle“ Ivica Prokić mitgerissen habe, nachdem er zunächst seinen gesamten Goldschmuck abgelegt hatte, den er traditionell zusammen mit seinen Socken und seiner Brieftasche trug. Ivica ertrank im Indischen Ozean. Eines seiner Bücher nennt Braco daraufhin auch Nach der großen Tragödie.5 Hier beschreibt er Ivica Prokić zum Beispiel als „Mensch mit übernatürlichen Fähigkeiten, die keine Wissenschaft erklären kann.“ „Er bekämpfte auch die schwarze Magie.“ „Den vielen Goldschmuck, den er trug, wollte er nicht tragen, aber er musste es, denn durch das Gold floss positive Energie und übertrug sich auf die Menschen, um das Böse in Ihnen zu vernichten.“ „Ivica hatte Zugang zum Buch des Lebens, aus dem er unsere Daten lesen konnte und uns manchmal einige davon mitteilte.“6

Eine Anekdote der gemeinsamen Zeit von Ivica und Braco ist die der schnellen Autofahrten. Die beiden rasten gern nachts mit schnellen Autos durch die Gegend. Darüber schreibt Braco: „Er [Ivica] sagte, er habe bei hoher Geschwindigkeit das Gefühl, als würde er sich von der negativen Energie befreien und positive tanken. Er konnte unermüdlich fahren, stundenlang, und besonders liebte er es, in der Nacht zu fahren.“7

Nach Ivicas Tod übernahm Braco dessen „spirituelle und materielle“ Hinterlassenschaften. Mit Letzteren sind die Räumlichkeiten der Familie und seiner Gemeinschaft in der Srebrnjak-Straße 1 in Zagreb gemeint, die bis heute den Sitz von Bracos Firmen bilden. Das Unternehmen betreibt eine Vielzahl von Angeboten: Neben den weltweiten Live-Events gibt es einen YouTube-Kanal („Braco official channel“), einen eigenen Kinofilm („Power of Silence“), Live-Broadcasts (https://braco-tv.me), einen großen Shop mit Bücherverkauf (https://braco.global), Kerzenverkauf (https://www.braco-candle.com), und den Schmuckverkauf, wo man Schmuck mit dem Sonnensymbol für mehrere tausend Euro erstehen kann.

Braco tritt neben seinen eigenen Events in diversen anderen Kontexten auf: Bei den Baseler PSI-Tagen, verschiedenen Esoterik-Messen, aber in den letzten Jahren auch zunehmend auf esoterischen Kongressen teilte er seine Blicke aus und warb für seine Produkte. Über die Zahl seiner Anhängerschaft kann man keine verlässlichen Aussagen treffen, zumal es keine festen Mitgliedschaften gibt und man davon ausgehen kann, dass Menschen, die Braco besuchen, auch andere spirituell-alternative Angebote nutzen. Das Event in Frankfurt wird knapp eintausend Menschen erreicht haben. An einem Wochenende werden dann Einnahmen von etwa 20.000 Euro erzielt worden sein, ohne den Schmuck- und Bücherverkauf miteinzubeziehen.

 

Einschätzungen

 

Wenn man eine Begegnung mit Braco und seinem „gebenden Blick“ bucht, ist man deutlich länger mit den Angeboten im Umfeld konfrontiert als mit Braco selbst: Bücher, Schmuck, Einführungen und Werbung für weitere Angebote bauen eine Spannungskurve auf, die in eine lediglich zehnminütige Begegnung mit demjenigen münden, den man eigentlich sehen möchte. Natürlich stellt sich die Frage, ob Braco auch ohne Rahmenprogramm und für sich allein „wirken“ würde. Mein Eindruck ist, dass die um ihn herum konstruierte Choreographie von Angeboten, Ansprachen, dem Wecken von Erwartungen und weiteren Begegnungsmöglichkeiten digital und analog eine deutlich größere Dimension des Braco-Unternehmens enthüllt als die immer wieder propagierte „einfache Begegnung“. „Keine packende Rede, keine neuen Lehren oder Weisheiten – vor allem keine neue Religion – nur Stille“ – so wird er in der Regel beschrieben. Damit mag er ein Bedürfnis von Menschen in einer schnell und ohne Pausen dahinrasenden Gesellschaft aufnehmen. Schaut man sich jedoch die Inszenierung von Braco in der Gesamtheit der Angebotspalette an, so offenbart sich mir ein anderer Eindruck: Die Angebote sind hochprofessionell durchgestylt und werden vermarktet. Bracos „gebender Blick“ wirkt auf mich hier lediglich noch als Werbebild für all das, was man kaufen und konsumieren soll.

Darüber hinaus bezeichnet er sich als frei von Religion und überkonfessionell. In seinen Büchern transportiert Braco aber durchaus eine Weltanschauung. Seine Ansichten sind voller Inhalte, die man in den Kontext einer „Lehre“ einordnen kann. Besonders in seiner Nachfolge des kroatischen Wunderheilers und Propheten Ivica wird dies deutlich. Man kann ihn vermutlich nicht einer bestimmten religiösen Richtung zuordnen, was ihn gleichzeitig anschlussfähig für Anhänger unterschiedlichster Religiosität macht. Bezogen auf Christentum und verfasste Kirchlichkeit vertritt Braco eine gleichgültige Einstellung: „Gehen sie in die Kirche, wenn Sie das wünschen oder ein Verlangen danach haben.“8 Eine Weltanschauung formuliert er jedoch deutlich, und man könnte sie am ehesten als pantheistisch und in der Folge dann als esoterisch einordnen. Er formuliert dies so, dass für ihn Gott das Licht und die Sonne sei und die Muttergottes sei die Erde, Natur und Materie. „Die Sonne befruchtet mit Hilfe der Strahlen die Erde, die Muttergottes, und auf diese Weise entsteht Leben“.9 So, wie Braco die Schöpfung beschreibt, entwickelt er auch eine endzeitliche Vorstellung vom „Jüngsten Gericht“: Menschen seien von „negativer Energie umgeben, die alles kann. Gott ärgert sich über den Menschen, weil er sich immer weiter von ihm entfernt. Wir warten auf das Jüngste Gericht. Es wird etwas geschehen und die Sonne wird ihre Strahlenwirkung verstärken.“10 Dabei würden alle bösen Menschen, die von negativer Energie besetzt seien, vergehen und alle guten, die einem „freien spirituellen Führer folgen,“ am Ende gerettet. Atlantis, die Schwester der Muttergottes, werde auftauchen und Nord- und Südpol würden gut gehütete Wahrheiten beisteuern. Darüber hinaus entfaltet Braco eine spiritistisch geprägte Vorstellung, indem er etwa davon spricht, dass Menschen von Geistern besetzt seien, beispielsweise von Seelen der Verstorbenen, und dass die jeweilige Stimmung sich danach richte, welche Geister gerade die Oberhand hätten. Die Aufgabe des Menschen im Diesseits bestehe darin, gegen die negative Energie zu kämpfen und die negativen Geister zu vertreiben. Was neben der richtigen Einstellung dabei helfe, sei „dieses kleine Stück Gold, das wir tragen, sei es ein Ring, ein Kettchen oder ein Armreif, denn durch das Gold begleitet uns Gott und steht uns bei.“11

 

Braco und Gröning?

 

Braco tritt vor allem im esoterischen Umfeld auf, das passt zu seinen Inhalten. Hier ähneln Braco und seine Events Veranstaltungen des Bruno Gröning-Freundeskreises. Im Blick auf das Publikum, das teilweise krank und mit sichtbaren Einschränkungen hoffnungsvoll Bracos Auftritt besuchte und Bilder der Liebsten dem Heiler entgegenstreckte, kam mir bei meiner teilnehmenden Beobachtung der Gedanke, dass man den Auftritt Bracos auch mit einem Bild Grönings austauschen könnte. Teilweise organisieren Gröning-Freundeskreise auch Reisen zu Events mit Braco und inoffiziell existiert die Vorstellung, Braco sei eine Reinkarnation Grönings (1906–1959). Über diese nicht offiziell transportierten Ideen hinaus gibt es aber zumindest eine evidente Verbindung über einen schon aus dem Gröning-Umfeld bekannten Autor: Matthias Kamp tritt bei diversen Kongressen von Braco mit ihm gemeinsam auf und hat das dort beworbene Buch Braco und sein stiller Blick. Eine Dokumentation geschrieben. Er will Braco aus der Sicht eines Naturwissenschaftlers analysiert haben. Ähnliches hat er schon im Umfeld von Gröning getan, etwa als Autor des Buches Revolution in der Medizin. Rehabilitation eines Verkannten im Grete Häusler Verlag.12 Anliegen des Buches war die Rehabilitation von Gröning.

Der Hamburger Arzt ist jedoch umstritten. Bei Psiram heißt es etwa:

Matthias Kamp [versucht] mit diversen Vorträgen und Publikationen, die angeblichen Wunderheilungen des Bruno Gröning aus pseudomedizinischer Sicht abzusichern. Seriöse Publikationen von Kamp sind bis heute nicht bekannt; er veröffentlicht in einschlägigen Esoterik-Zeitschriften wie „Raum & Zeit“, Werbepostillen wie „Der Naturarzt“ und veröffentlichte daneben Bücher, die im Verlag Grete Häusler erschienen.13

Ich habe diverse Menschen auf der Frankfurter Veranstaltung zu einer Nähe zum Bruno Gröning-Freundeskreis befragt, da hieß es allerdings immer gleichbleibend: Dazu wolle man nichts sagen.

Bleibt noch die heikle Frage, ob die Braco-Events Heilungsversprechen implizieren oder nicht. Die Disclaimer und offiziellen Distanzierungen davon finden sich überall, von der Rückseite der Eintrittskarte über die Bücher bis hin zu den Ankündigungen zur Begegnung mit ihm. Rechtlich ist der Anbieter also auf der sicheren Seite. Und dennoch werden – wie so oft in diesem esoterischen alternativ-heilerischen Umfeld – große Erwartungen geweckt. Eindrücklich sind hier vor allem die wunderhaften Erfahrungsberichte, die man natürlich nicht nachprüfen kann, weil sie immer subjektive Beschreibungen sind. Problematisch ist allerdings die Einstellung, dass man selbst verantwortlich dafür sei, wieviel positive Energie man empfange. Das richte sich danach, „wie offen“ man dafür sei. Dies ist wohl auch der Grund, warum ich nichts von einem Kribbeln, Wärme etc. gespürt habe. Was ich humorvoll nehmen kann, dürfte aber für andere zu einem Heilungsdruck und echtem Problem werden, besonders wenn man bedenkt, dass sich Braco die Aussage seines Lehrers Ivica dezidiert zu eigen macht, der „immer sagte: Ihr werdet so viel Hilfe bekommen, so viel wie ihr glaubt, nicht mehr, und nicht weniger!!“14

Aus einer evangelischen Sicht sind Mittlerschaften zwischen Mensch und Gott abzulehnen. Gottes Nähe zu uns Menschen braucht weder einen „gebenden Blick“ und schon gar kein goldenes Sonnensymbol. Sowohl Bracos esoterische Weltanschauung als auch sein letztlich dualistisches Menschenbild passen nicht zum Glauben an einen liebevollen und rettenden Gott, der seine Nähe durch Jesus Christus umsonst schenkt.

Ernst nehmen sollten Christen allerdings die Sehnsucht, die Menschen nach Nähe, nach Zeit, auch nach Stille und Einfachheit in einer sich schnell verändernden und als bedrohlich empfundenen Welt haben. Hier bietet Braco einen Heterotopos, also eine Art Gegenposition zur gesellschaftlichen Situation.

 

Es bleiben Dissonanzen

 

In der Reflexion und öffentlichen Meinung polarisiert Braco: Die einen nennen ihn „Prinz Valium“, „The Gazer“ oder „Der Discounter unter den Gurus“. Manche Medien stürzen sich auf ihn und titeln etwa höhnend mit: „Schweigen ist Gold – wie Geistheiler Braco die Welt narrt und dick Kasse macht“ und: „Der Kroate Braco hat ein lukratives Business-Modell entwickelt: schweigen und absahnen.“15

Seine Anhängerinnen und Anhänger dagegen setzen enorme Erwartungen und Hoffnungen in seine Heilkraft, seine Ausstrahlung, seinen Blick und seine Energie und verehren ihn.

Mit der Zeit ist ein Unternehmen entstanden, das Braco als Person, seine Weltanschauung und seine Artikel weltweit erfolgreich vermarktet. Was bleibt, sind auffällige Dissonanzen zwischen der Selbstdarstellung als „nichts Besonderes“ und einer ausgeprägten dualistischen Weltanschauung, zwischen „nur Stille und Blick“ und dem konsumorientierten Marketing und schließlich zwischen dem Anspruch, „kein Heiler zu sein“, und den durch Erfahrungsberichte geweckten hohen Erwartungen an einen „Wunderheiler“. Für mich bleibt der Eindruck, dass es dem „Unternehmen Braco“ gelungen ist, einen Blick zu vergolden.


Oliver Koch, Frankfurt am Main

 

Anmerkungen

  1. Der Ende Dezember eingereichte Bericht war bereits für die ZRW 87,2 zur Veröffentlichung vorgesehen.
  2. Alle Zitate von der Website des Veranstalters, „Frankfurter Ring – Events für Körper, Geist & Seele“, https://frankfurter-ring.de/referenten/braco/ (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 14.1.2024).
  3. Angelika Whitecliff, 21 Tage mit Braco (Zagreb: Budjenje, 2009), 147f.
  4. Matthias Kamp, Braco und sein stiller Blick (Kassel: WunderbarMedia, 2023), 149f.
  5. Josip Grbavac Braco, Nach der großen Tragödie (Zagreb: Selbstverlag, 2007).
  6. Braco, Nach der großen Tragödie, 20f.
  7. Braco, Nach der großen Tragödie, 26.
  8. Braco, Nach der großen Tragödie, 53.
  9. Braco, Nach der großen Tragödie, 56.
  10. Braco, Nach der großen Tragödie, 57f.
  11. Braco, Nach der großen Tragödie, 63.
  12. Matthias Kamp, Bruno Gröning. Revolution in der Medizin. Rehabilitation eines Verkannten. Eine ärztliche Dokumentation der Heilung auf geistigem Wege (Wegberg: Häusler, 1993; 4. Aufl. 2006).
  13. „Bruno Gröning-Freundeskreis“, Psiram.com, aktualisiert am 15.5.2023, https://www.psiram.com/de/index.php/Bruno_Gröning-Freundeskreis.
  14. Braco, Nach der großen Tragödie, 34.
  15. Hugo Stamm, „Schweigen ist Gold – wie Geistheiler Braco die Welt narrt und dick Kasse macht“, Watson Sektenblog, 17.9.2019, https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/337714444-schweigen-ist-gold-wie-geistheiler-braco-die-welt-narrt-und-dick-kasse-macht.