Atheismus

Studie differenziert Motive für den Unglauben

Der Atheismus ist in Europa auf dem Vormarsch. Anhänger einer naturalistischen Sicht auf den Menschen, die sein Wesen und seine Bestimmung allein an empirisch messbaren Faktoren festmachen, verschaffen sich zunehmend Gehör. Religiöse oder spirituelle Überzeugungen und Praktiken werden als vorwissenschaftlich und als jede aufgeklärte Vernunft beleidigend abgetan. Schaut man jedoch genauer hin, ist auch in dieser weltanschaulichen Fraktion eine Vielfalt von Standpunkten festzustellen. Grob betrachtet stehen sich zwei Lager gegenüber. Neben einem kämpferischen Atheismus, der gegen alle verfassten Religionen polemisiert und dabei selbst manchmal fundamentalistisch agiert, gibt es eine (weitaus größere) Anzahl an Agnostikern, die den Religionen nicht ihre Daseinsberechtigung absprechen und gläubige Mitbürger nicht besserwisserisch belächeln.

So hält zum Beispiel der Philosoph Alain de Botton, ein bekennender Atheist, die kulturellen Leistungen der Religionen für existenziell notwendig (s. MD 8/2013, 314ff). Beim Anhören von Bach-Kantaten, beim Betrachten kirchlicher Kunstwerke und beim Durchschreiten von Zen-Gärten wuchsen seine Zweifel am Deutungsmonopol der Vernunft. Er stellte beim Besuch von Kathedralen fest, dass ihn merkwürdige Kräfte berührten, obwohl er als Ungläubiger keine Erwartungen beim Betreten der Bauwerke hatte. Auch wenn ihn die christlichen oder buddhistischen Lehren nicht überzeugten: In den Religionen stieß er auf wirkungsvolle Methoden, Missstände des säkularen Lebens zu lindern, an denen er mit der bloßen Vernunft gescheitert war. Religionen seien unübertreffliche Vorbilder darin, zwei elementare menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, auf die auch die säkulare Gesellschaft keine Antwort wisse: Wie können wir trotz unserer tief verwurzelten egoistischen und gewalttätigen Impulse harmonisch in Gemeinschaften zusammenleben? Und wie können wir unsere Endlichkeit, das ungerechte Leiden und den Schmerz aushalten, ohne zu verzweifeln?

Demografischen Berechnungen zufolge wird bis 2060 die deutsche Bevölkerung von 82 auf etwa 65 Millionen geschrumpft sein. Manche Experten bringen das – man höre und staune – mit der wachsenden Religionslosigkeit in Zusammenhang. Es ist nämlich wissenschaftlich belegt, dass sich nichtreligiöse Populationen in der Regel verkleinern. Deshalb nimmt die Bevölkerung in säkularisierenden (Deutschland oder Japan) oder zwangssäkularisierten (Russland, China) Gesellschaften ab. Mit dem Abschmelzen des religiösen Lebens scheint ein Rückgang an kollektiven Sinnerzählungen, an Gemeinschaften und Familien verbunden zu sein – Nichtreligiöse haben normalerweise weniger Kinder als ihre religiöseren Nachbarn.

Clevere amerikanische Kognitionspsychologen haben nun in einer Studie die vorliegenden empirischen Untersuchungen der Atheismusforschung daraufhin ausgewertet, warum es trotz des unbestreitbaren evolutionären Vorteils der Religiosität noch Atheisten gibt (Ara Norenzayan/Will M. Gervais, The Origins of Religious Disbelief, in: Trends in Cognitive Sciences 1/2013, 20-25). Bei näherem Hinsehen zeigte sich dabei, dass aus der von außen so homogen wirkenden Gruppe der Konfessionslosen sehr unterschiedliche Gründe für den Unglauben angegeben wurden. Folgende vier Gruppen von Nichtreligiösen haben die Forscher unterscheiden können: 1. Atheismus aufgrund eines fehlenden Vorstellungsvermögens für eine höhere Wirklichkeit – die „religiös Unmusikalischen“: In einem von Wissenschaft und Technik geprägten Alltag haben es andere Sichtweisen als die naturalistische schwer und müssen eingeübt werden. 2. Gleichgültigkeit gegenüber Religion aufgrund des Gefühls andauernder existenzieller Sicherheit: Gerade in Deutschland, das von der Wirtschaftskrise weitgehend verschont geblieben ist, breitet sich ein (trügerisches) Gefühl andauernder existenzieller Sicherheit aus. 3. Fehlende kulturelle Anregungen durch religiöse Rituale und Symbole: Die Prägekraft der christlichen Kultur, wie sie z. B. in ihren Feiertagen zum Ausdruck kommt, hat in den letzten Jahrzehnten massiv abgenommen. 4. Begründeter Atheismus: Schlüssige Argumente überzeugen dessen Anhänger, dass die Vorstellung eines Schöpfergottes als kindliches Wunschdenken abzulegen sei.

Aufgrund der Ergebnisse dieser Überblicksstudie kann man also sagen, dass nur ein kleiner Teil der Konfessionslosen ihren Unglauben rational begründet. Vielmehr prägen die Gewöhnung an das Vordergründige, fehlende Anschauungsbeispiele für gelebten Glauben und mangelnde Anlässe zum Ausprobieren von Gottvertrauen die Motivlage der Konfessionslosen. Damit bringt die Studie erhellende Details über die offensichtlich sehr heterogene Gruppe der Konfessionslosen zum Vorschein. Es gilt, im Gespräch herauszufinden, ob religiöser Glaube argumentativ abgelehnt wird oder nicht viel eher ein Gewohnheitsatheismus oder fehlende Vorstellungskraft für eine unsichtbare Wirklichkeit vorliegen. Aufmerksames Interesse für das Weltbild Nichtglaubender und genauere Kenntnisse ihrer Beweggründe ermöglichen kirchlichen Initiativen, diese größer werdende Gruppe nicht aus den Augen zu verlieren und im Gespräch mit Nichtglaubenden die Bedeutung des christlichen Glaubens verständlicher zu vermitteln.


Michael Utsch