Dietrich Hellmund

So wurden aus Bibelforschern die Zeugen Jehovas

Zur Geschichte der Wachtturm-, Bibel- und Traktatgesellschaft

Dietrich Hellmund, So wurden aus Bibelforschern die Zeugen Jehovas. Zur Geschichte der Wachtturm-, Bibel- und Traktatgesellschaft, Books on Demand, Norderstedt 2015, 408 Seiten, 19,50 Euro.

Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas (ZJ) steht nach Meinung von Beobachtern derzeit unter finanziellem Druck. Dies hat auch zur Folge, dass die Zeitschriften nicht mehr regelmäßig als Printausgaben erscheinen können. Dafür hat die Wachtturmgesellschaft die Internetpräsenz stark ausgebaut. Viele ZJ nutzen ihr Smartphone inzwischen auch als Missionsmedium. Dass diese umstrittene Gemeinschaft seit ihren Anfängen Wert auf eine endzeitlich ausgerichtete Publizistik gelegt hat, belegt die vorliegende Studie. Es handelt sich um die erweiterte und verbesserte Fassung einer Dissertation, die 1971 von der Theologischen Fakultät der Universität Hamburg angenommen wurde. Der Autor war Gemeindepastor in Hannover und Hamburg sowie über viele Jahre Mitglied im Arbeitskreis „Religiöse Gemeinschaften“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands. Er hat lange Zeit bei der Erarbeitung der verschiedenen Auflagen des „Handbuchs Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen“ mitgewirkt.

Die Quellenlage für diese Untersuchung ist, wie er zu Beginn einräumen muss, dürftig. Kein Archiv, keine Bibliothek außerhalb der Gemeinschaft hat die Publikationen der ZJ systematisch erfasst. Die Gemeinschaft selbst zeigt keinerlei Interesse, ihr Archiv für Außenstehende zu öffnen. So war der Autor gezwungen, auf anderem Wege ältere Quellen zu erschließen. Er stützt sich auf ältere Publikationen, teils von Aussteigern, teils von damaligen Kollegen (u. a. das Archiv von Friedrich-Wilhelm Haack in München), persönliche Gespräche mit Zeugen Jehovas, Besuche von Vorträgen und Großveranstaltungen.

Die Ernsten Bibelforscher waren zunächst eine endzeitlich ausgerichtete publizistische Bewegung. Ihr vorrangiges Ziel war die Verbreitung der neuen, angeblich biblisch gewonnenen Erkenntnisse durch Traktate und modernste zeitgenössische Medien, wie z. B. das aufwendig konzipierte und kostspielige „Photodrama der Schöpfung“. Bei dem 1912 veröffentlichen Werk handelte es sich um eine Kombination von Lichtbildern und Filmen, die mit Musik und sog. „Sprechplatten“ unterlegt wurden.

Hellmund konzentriert sich in seiner Untersuchung auf den Gründer, den Kaufmann Charles Taze Russell (1852 – 1916), und dessen Nachfolger, den Juristen Joseph Franklin Rutherford (1869 – 1942). Detailliert zeichnet der Verfasser die vielfältigen Lehrveränderungen dieser Glaubensgemeinschaft nach. Die Unterschiede zwischen der Lehre des Gründers Russell und den mit Rutherford veranlassten neuen Richtlinien könnten nicht größer sein.

Der wohlhabende Geschäftsmann Russell trat 1870 von der presbyterianischen Kirche zu den „Second Adventists“ über und übernahm damit das fundamentalistische Bibelverständnis und die ausgeprägte Naherwartung, ohne jedoch weitere typische adventistische Glaubensauffassungen zu teilen (64). Neu war der von ihm initiierte Personenkult: Russell gerierte sich als Künder göttlicher Geheimnisse (68).

Mit Änderung der Selbstbezeichnung von „Bibelforschern“ zu „Jehovas Zeugen“ wurde unmittelbar nach dem Tod des Gründers nach außen hin eine Trennung von dessen geistigem Erbe vollzogen. 1931 ist die neue Namensgebung auch formal vollzogen. Lediglich die seit 1879 erscheinende Zeitschrift „Wachtturm“ bildete noch ein Kontinuum zur Anfangssituation (318). 1917 wurde der Jurist Joseph Franklin Rutherford zum Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft und damit zum Nachfolger Russells gewählt. Mit dem Wechsel an der Spitze gingen massive Lehrveränderungen einher. Seinen Anhängern pflanzte er ein: „Fehler zugeben ist Schwäche zeigen: Offensive ist Stärke“ (227). So nahm er eine Korrektur der Endzeitberechnungen vor. Außerdem entwickelte Rutherford eine neue Lehre: „Kriegsdienst-Verweigerung aus Gewissensgründen“. Sie stand offenbar in engem Zusammenhang mit der Kriegserklärung der USA von 1917. Zuvor hatte bis 1916 – so der Verfasser – kein Zeuge Jehovas den Wehrdienst verweigert (274). Mit Rutherford eskaliert die polemische Auseinandersetzung mit anderen christlichen Bekenntnissen, es erfolgt die Ablehnung des Kreuzes, christlicher Feste, Geburtstage sowie von Bluttransfusionen. Der Gründer Russell würde heute vermutlich angesichts der von Rutherford willkürlich vorgenommenen und bis in die Gegenwart bestehenden Lehrveränderungen ausgeschlossen werden. Auf S. 335ff überprüft der Autor den Selbstanspruch der Wachtturm-Gesellschaft und unterzieht deren Lehraussagen zu Taufe, Gottesnamen, Sündenvergebung u. a. einer biblisch-theologischen Kritik. Das mündet in einen direkten Aufruf Hellmunds an die Mitglieder der Leitenden Körperschaft der ZJ, worin er von ihnen ein positives Verhältnis zur ökumenischen Bewegung der Kirchen einfordert. Abgerundet wird die Untersuchung mit einer Dokumentation von Originalmaterial.

Der Stil des Verfassers mutet stellenweise eigenwillig an. So hat die Darstellung an manchen Stellen eher den Charakter eines mündlichen Vortrags. Bisweilen werden in der Studie auch innere Widersprüche deutlich: So erwartet der Verfasser in seiner Darstellung noch die staatliche Bewilligung der Körperschaftsrechte der ZJ, dann werden sie später – wenngleich in Parenthese (43) – als Faktum vorausgesetzt.

Diese Untersuchung hätte an Aktualität und Brisanz gewinnen können, wenn der Autor einen abschließenden Blick auf das heutige Erscheinungsbild der ZJ geworfen hätte. Dabei hätte deutlich werden können, dass die ZJ für die Verbreitung ihres antimodernistischen Weltbilds noch immer modernste technische Mittel nutzen. Der Internetauftritt www.jw.org ist dafür ein anschauliches Beispiel. Bislang interne Literatur, z. B. der Wachtturm für Studienzwecke oder „Der Königreichsdienst“, ist seit Längerem auf der Internetseite zugänglich, was Hellmund offensichtlich entgangen ist (58). Trotz dieser Mängel handelt es sich bei dieser Studie um einen interessanten wie kenntnisreichen Beitrag zur Erforschung der Frühgeschichte der Zeugen Jehovas.


Matthias Pöhlmann, München