Shincheonji
„Shincheonji“ ist eine aus Südkorea stammende Neureligion; der Name bedeutet übersetzt „Neuer Himmel und neue Erde“. Auch im deutschsprachigen Raum haben die missionarischen Aktivitäten ihrer Mitglieder in den letzten Jahren zugenommen. Vor allem junge Menschen fühlen sich durch Themen wie Frieden, Gemeinschaft oder Spiritualität angesprochen und werden später in Bibelkurse gelockt. Wie ist diese Neureligion entstanden und aufgebaut? Worin unterscheidet sich diese Gemeinschaft von anderen Kirchen und Freikirchen? Warum berichten ehemalige Mitglieder von Täuschung und Manipulation, und wie geht man angemessen mit Angehörigen und Betroffenen um?
Entstehung und Verbreitung in Deutschland
Die „Shincheonji Kirche Jesu, Tempel des Zeltes des Zeugnisses“ wurde 1984 in Südkorea von Man-Hee Lee (geb. 1931) gegründet. Sie entstand in einem religiös sehr aktiven und vielgestaltigen Umfeld. Ab den 1960er Jahren expandierte das Christentum in Asien stark. Um charismatische Gründerpersonen bildeten sich zahlreiche Gruppen, die auf je spezifische Weise die Bibel auslegten. Anfang der 1980er Jahre soll es in Südkorea über siebzig solcher Gemeinschaften gegeben haben (vgl. Pöhlmann und Jahn 2021, 89f.). In dem religiös sehr pluralistischen Land war Lee zunächst Mitglied einer Baptistengemeinde, bevor er ab 1957 in der sogenannten Olivenbaum-Heilsbewegung aktiv wurde (Koch und Lorenz 2025, 21–29). Von dort übernahm er die Überzeugung, dass die Bibel aus verschlüsselten Texten bestehe, die nur derjenige enthüllen könne, der ihre Geheimnisse verstanden hätte. Zehn Jahre später schloss er sich der „Tabernakelzelt-Gemeinschaft“ an. In dieser Bewegung wurde der Endzeittermin für 1984 prophezeit. Nachdem das Jahr verstrichen war, sammelte Man-Hee Lee rund fünfzig enttäuschte Anhänger, indem er das Datum als Neuanfang und irdische Erfüllung der biblischen Prophezeiungen deutete. Am 14. März 1984 habe das Universum seinen Lauf vollendet und eine neue Schöpfung mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde („Shincheonji“) begonnen. Als wichtiges Strukturmerkmal übernahm Shincheonji von der Mutterreligion die Auffassung, dass sich die Autorität ihrer Führerpersönlichkeit der göttlichen Berufung verdanke, die sie durch eine Vision erhalten habe. Darüber hinaus war Lee davon überzeugt, dass das Endgericht in einem Tal in der Nähe Seouls stattfinden und bald eintreffen werde (vgl. Pöhlmann und Jahn 2021, 92f.).
Ab dem Jahr 2006 begann Shincheonji in Deutschland aktiv zu werden. Seitdem ist die Zahl der Shincheonji-Mitglieder hierzulande kontinuierlich gewachsen. Nach eigenen Angaben ist die Gemeinschaft mittlerweile in 66 Ländern vertreten und hat heute etwa 270.000 Mitglieder. Um der Gemeinschaft offiziell beizutreten, lässt man seinen Namen nach der Absolvierung aller Bibelkurse mit zusätzlichen Angaben zur Person in ein sogenanntes „Buch des Lebens“ einschreiben und wird damit „versiegelt“ (vgl. Pöhlmann und Jahn 2021, 97). In Deutschland existieren drei Hauptgemeinden in Frankfurt am Main, Berlin und Essen mit weiteren Standorten in Stuttgart, Hamburg, München und anderen Großstädten. Die Gruppe organisiert ihre Mitglieder symbolisch in zwölf „Stämmen“, angelehnt an die biblische Geschichte des Volkes Israel. Das erklärte Ziel besteht darin, 12.000 Mitglieder pro Stamm zu sammeln. Nach Asien ist Europa der Kontinent mit den meisten Anhängern. Drei „Stämme“ missionieren in Deutschland: in Frankfurt am Main der Stamm „Simon“, in Essen der Stamm „Andreas“ und in Berlin der Stamm „Matthäus“ (Koch und Lorenz 2025, 30). Nach Schätzungen kirchlicher Weltanschauungsbeauftragter sind derzeit rund 3.000 Mitglieder in Deutschland aktiv.
Die Missionierung erfolgt meist verdeckt durch Tarnorganisationen: Bibelkurse, Referatsanfragen oder Umfragen dienen als Einstiege, ohne dass die Verbindung zu den Sonderlehren dieser religiösen Gemeinschaft transparent gemacht wird. In Städten wie Frankfurt am Main hat Shincheonji in der Vergangenheit gezielt und strategisch Kirchengemeinden angesprochen, um sich als Dialogpartner zu präsentieren. Nach öffentlicher Kritik an der Gruppe wurden die Namen im Vereinsregister geändert. In Frankfurt heißt der Verein seit 2021 „Deutschland Zion Gemeinde“, in Berlin „SCJ Berlin e.V.“ und in Essen „Vereint in Jesus e.V.“
Lehre und Aufbau der Bewegung
Lee bezeichnet sich selbst als „Pastor der Endzeit“, der in der Offenbarung des Johannes prophezeit wird (Offb 22). Er fühlt sich dazu berufen, das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, neu zu entschlüsseln und dadurch den wahren Weg zum Heil zu zeigen. Die Ablösung von der Gruppe „Tempel des Zeltes des Zeugnisses“ zog sich über mehrere Jahre hin und verlief konfliktreich. Im Jahr 1980 wurde Lee zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er den Leiter der Gruppe verleumdet haben soll. Lee verstand sich jedoch als Überwinder der angeblich korrupten Vorgängerorganisation. Er verglich seine Situation mit der Bildvision aus der Johannesoffenbarung (Offb 13), nach der das siebenköpfige Tier mit den zehn Hörnern überwunden und besiegt werden würde. Zusammen mit Vertretern anderer neuer Gemeinschaften gelang es ihm, die sieben leitenden Pastoren des „Tempels“ abzusetzen und die sogenannte Bewegung zu zerschlagen. Von den neuen religiösen Gruppen, die damals entstanden, ist Shincheonji bis heute mit Abstand die erfolgreichste. In juristische Konflikte war Shincheonji auch während der Covid-Pandemie verwickelt. Im Jahr 2020 kam es in Südkorea bei Veranstaltungen der Gruppierung zu massiven Ausbreitungen des Corona-Virus. Im Sommer 2020 sollen 36 Prozent der Infizierten in Südkorea mit Shincheonji verbunden gewesen sein. Lee wurde verhaftet und 2021 zu einer Bewährungsstrafe von vier Jahren verurteilt, weil er Spendengelder von Mitgliedern veruntreut hatte.1
Aufgrund ihrer Endzeitlehre in der spezifischen Interpretation von Lee kann die Gruppe als eine Neuoffenbarungsreligion eingeordnet werden. Lee ist davon überzeugt, dass er beauftragt sei, Gottes Reich auf Erden zu errichten und einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen. Er sei der einzige Mensch, der das letzte Buch der Bibel vollständig verstanden und erfüllt habe. Seine konkrete Absicht besteht darin, den Anweisungen des biblischen Textes Folge zu leisten und 144.000 Auserwählte zu sammeln, um die Prophetie der Johannesoffenbarung zu erfüllen und auszubreiten. Durch Bibelkurse und Lehrprogramme sollen Mitglieder anderer Kirchen unterwiesen werden mit dem Ziel, eine „religiöse Wiederherstellung“ in Gang zu setzen. Nur wer das Shincheonji-Bibelstudium durchlaufen habe und versiegelt worden sei, gehöre zum neuen geistlichen Israel. Alle anderen Kirchen gelten als fehlgeleitet und vom Satan beeinflusst (vgl. Pöhlmann und Jahn 2021, 93f.). Deutlich wird dieses Selbstbild etwa in einer Pressemitteilung, die Shincheonji Ende April 2025 veröffentlicht hat. Darin behauptet der Berliner Ableger der Gruppe, man sei „die einzige Gemeinschaft weltweit, die die Offenbarung vollständig versteht.“ Und weiter: Es gebe „unter allen Christen weltweit, außer den Mitgliedern von Shincheonji, […] keinen einzigen Menschen, der die Offenbarung nicht verändert“ habe.2
Wie löst die Leitung der aktuell 270.000 Mitglieder den Widerspruch auf, dass die Zahl der 144.000 Erwählten längst überschritten ist? Natürlich soll im Missionseifer um neue Mitglieder nicht nachgelassen werden. Ein versiegeltes Mitglied ist aber nicht automatisch Teil der Erwählten. Vielmehr kann sich das Mitglied in Zeiten der Bedrängnis durch gute Lebensführung und Gehorsam, regelmäßige Teilnahme an den Gruppenveranstaltungen sowie erfolgreiche Anwerbung neuer Mitglieder den Aufstieg in den erlauchten Kreis der Erwählten erarbeiten. Das Ziel, in den engsten Zirkel um Lee zu gelangen, wird damit zu einem subtilen Druckmittel innerhalb der Gemeinschaft.
Wie erwähnt folgt die Lehre einer speziellen Version der Apokalypse, wonach die Endzeit 1984 in Südkorea begonnen habe (Koch und Lorenz 2025, 46f.). Die konfessionellen Kirchen hätten nicht erkannt, dass mit dem Erscheinen Man-Hee Lees die Erfüllung der Offenbarung in Südkorea ihren Anfang genommen habe. Den Endkampf versteht die Gemeinschaft als eine geistige Überwindung des Bösen, insbesondere der falschen Kirchen. Dementsprechend stünden für die Shincheonji-Mitglieder Exklusivrechte auf das neue Jerusalem in Aussicht, während Andersgläubige verdammt seien. Mit Lees Anspruch der exklusiven Deutungshoheit über die Johannesapokalypse und mit der Übertragung und Anwendung der biblischen Bilder auf Südkorea weist diese Gruppe ein zentrales Sektenmerkmal auf.
Organisationsstruktur und Bibelkurse
Die Gemeinde ist weltweit vernetzt und umfasst über 300 Bibelschulen in Südkorea, in den USA, in China und mehreren europäischen Staaten, darunter auch in Deutschland. Die zentrale „Shincheonji Bible Organisation“ unterhält diverse Lernplattformen, Videokanäle, Online-Bibelkurse sowie einen eigenen Fernsehsender. Das „Bible Center“ in Frankfurt, die „Gemeinde im Licht“ in Berlin oder „Vereint in Jesus“ in Essen stellen regionale Ableger der zentralen Organisation in Südkorea dar. Mitglieder führen mit Interessierten Bibelkurse durch, um sie in die „Geheimnisse des Himmelreichs“ aus der Johannesoffenbarung einzuweihen. Die Kurse bestehen aus drei Teilen und sollen in sechs Monaten absolviert werden. Am Ende eines jeden Teils steht eine Graduierungsprüfung mit jeweils einhundert bis dreihundert Fragen. Shincheonji ist der Überzeugung, als einzige Gemeinschaft den Code zur Entschlüsselung der Bibel zu besitzen. Der Lernstoff muss daher wortwörtlich auswendig gelernt werden, Interpretationsspielräume gibt es nicht. Nur wer die Prüfung besteht, gilt als versiegelt und gehört dann zu sogenannten „weißen Schar“. Die Prüfung ist nicht nur ein Wissensnachweis, sondern vor allem ein Loyalitätstest.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gemeinschaft wird durch starke Dualismen in der Lehre hergestellt und gefestigt. Es gebe nur die „wahre“ Innengemeinschaft und eine äußere Welt, die durch Satan gesteuert sei. Um nicht in den „Sog des Bösen“ zu geraten, müssen die Gemeinschaftsregeln strikt befolgt werden. Die Bildsprache in den Werbevideos zeigt hochmotivierte, junge und fröhliche Menschen, die sich in geschlossener, militärisch gleichförmiger Gemeinschaft dem hohen Ziel einer neuen Erde und eines neuen Himmels verschrieben haben.3 Kritische Rückfragen oder alternative Wertvorstellungen werden als satanisch abgelehnt. Die Abwertung der Umwelt und die uniforme Gleichschaltung im Denken erlebten viele ehemalige Mitglieder als starken sozialen Druck, der nicht selten zu Angstgefühlen, Selbstzweifeln und tiefen Schuldgefühlen führte. Aufgrund von erlebten Enttäuschungen in Freundschaften, die zu Missionszwecken vorgespielt sind, kommt es häufig zu sozialen Problemen und Vertrauensverlust.
Tarnorganisationen
Eine Besonderheit dieser Gruppe sind Tarnorganisationen. Andere hochmissionarische christliche Sondergemeinschaften wie Jehovas Zeugen oder die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) geben sich zu Beginn jeden Gesprächs klar zu erkennen. Mormonenmissionare sind an Namensschildern identifizierbar, Zeugen Jehovas an ihren Trolleys oder den einschlägigen Schriften, deren Autorenschaft und Absicht offensichtlich sind. Dagegen versucht Shincheonji, zunächst über nicht religionsbezogene Aktivitäten in Sport, Musik oder Theater persönliche Kontakte herzustellen. Der Gruppe ist es gelungen, sich verdeckt an öffentlichen Friedens- und Dialoginitiativen zu beteiligen und damit Kontakte für Missionsgespräche zu knüpfen. Unter dem Deckmantel von Organisationen wie HWPL („Heavenly Culture, World Peace, Restoration of Light“) versucht Shincheonji, in der Zivilgesellschaft Fuß zu fassen. Als NGO konnte HWPL in der Vergangenheit immer wieder gemeinsame Veranstaltungen mit prominenten Politikern durchführen. Wenigen ist bekannt, dass der Vorsitzende dieser internationalen „Friedensinitiative“ Man-Hee Lee selbst ist. Das Logo der Organisation zeigt eine weiße Taube vor der Erdkugel, auf der Unterseite sind zwölf verschiedenfarbige Herzen abgebildet, die auf die zwölf Stämme Shincheonjis hinweisen. Die im Namen enthaltene Formel „restoration of light“ kann als Anspruch von Shincheonji verstanden werden, durch die eigene Organisation die Herrschaft Gottes auf der Erde vorzubereiten.
Mit religionsfernen Themen soll zunächst Vertrauen aufgebaut werden, um in lockerer Atmosphäre und neutralen Räumen zu einem Bibelkurs einzuladen. Dort finden die Gäste dann ein ausgeklügeltes und strategisch durchgeplantes Kurssystem vor, das vor allem an die persönlichen Schwächen der Interessenten anknüpft. Die Schwächen wurden zuvor in persönlichen Gesprächen eruiert und dokumentiert, deren Ergebnisse allen Mitarbeitern zu Verfügung stehen. Ein Kurs findet in der Regel mit etwa zwanzig Personen statt, von denen die Hälfte lediglich vorgibt, neu zu sein. In Wirklichkeit ist diese Hälfte Berichten zufolge schon länger dabei (vgl. Koch und Lorenz 2025, 67–73). Ihre Aufgabe besteht darin, die wirklichen Neulinge in das Lehr- und Denksystem der Gruppe einzuführen und durch persönliche Beispiele zu bestätigen, was in der Lehre vermittelt wird. Kritiker haben die Missionierungsmethoden als „Tarnung und Täuschung“ kritisiert; zugunsten des höheren Ziels der Errettung einer verlorenen Seele werde eine „heilige Lüge“ (Koch und Lorenz 2025, 74ff.) als gerechtfertigt betrachtet.
Theologische Kritik
In Shincheonjis Lehre übernimmt der Gründer Lee die Rolle des in der biblischen Offenbarung angekündigten „neuen Hirten“. Damit weist er sich eine zentrale, ja die entscheidende Rolle in Gottes Heilsgeschichte zu. Lee behauptet, nicht Jesus, sondern er selbst erfülle die prophetische Rolle des „Siegers“, des „Offenbarungsvermittlers“ und des „Versieglers“. Aus theologischer Sicht fragwürdig ist dabei vor allem die Auffassung Lees, die exklusive Auslegungsinstanz der Johannesapokalypse zu sein. Lee ersetzt die heilsgeschichtlichen Funktionen der Person Jesu Christi sowie des Heiligen Geistes mit seiner eigenen Person. Die Trinitätslehre lehnt er ab, weil sie nicht explizit in der Bibel stehe und entsprechend als eine menschliche Idee zu gelten habe. Nach seiner Auffassung sind Vater, Sohn und Heiliger Geist funktional getrennte Instanzen, nicht eine ewige Gottheit in drei Personen. Vor den traditionellen Kirchen wird als satanischen Institutionen ausdrücklich gewarnt. Das schließt eine ökumenische Zusammenarbeit grundsätzlich aus.
Psychologische Kritik
In den Beratungsstellen für Weltanschauungsfragen sind in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Shincheonji vermehrt Konfliktfälle begleitet worden, in denen Betroffene über soziale Isolation, den zunehmenden Druck auf Mitglieder, tiefgreifende familiäre Konflikte bis hin zu psychischen Krisen und psychiatrischen Störungen berichtet haben. In einem neuen Fachbuch über die Gruppe sind typische Beratungsfälle dokumentiert und die besonderen Herausforderungen in der Begleitung betroffener An- und Zugehöriger beschrieben worden (Koch und Lorenz 2025). Übereinstimmend berichten Aussteiger:innen von „perfiden“ Missionsmethoden, emotionaler Manipulation und langfristigen Ängsten. Viele ehemalige Mitglieder kämpfen auch nach ihrer Distanzierung von Shincheonji noch lange Zeit mit Ängsten und existenzieller Unsicherheit. Sie fühlen sich nach eigener Aussage geistlich missbraucht und benötigen häufig professionelle Unterstützung durch psychologische oder seelsorgerliche Beratung. Der Anspruch der Gemeinschaft auf absolute Wahrheit und Exklusivität führt zu sektenähnlichen gruppendynamischen Abhängigkeiten. Zwar behauptet Man-Hee Lee nicht, unsterblich zu sein, obwohl die Mitglieder davon überzeugt sind.4 Seine Lehre geht aber davon aus, dass durch und mit dem Endzeitpastor Gottes Reich vollständig verwirklicht und erfüllt sein wird. Wie sich die Gruppe in naher Zukunft nach dem Ableben seines heute 94-jährigen Gründers entwickelt, ist völlig offen und ungewiss.
Umgang mit Betroffenen
Zunächst ist es sicher zu begrüßen, wenn Menschen sich (wieder) intensiv mit der Bibel beschäftigen. In einer säkularisierten Gesellschaft können Bibel- und Glaubenskurse ein wichtiges Instrument sein, um sich über die Geschichte und die Lehre des Christentums zu informieren und sich persönlich mit dem Anspruch des christlichen Glaubens auseinanderzusetzen. Kirchen und Freikirchen haben in den letzten Jahrzehnten sehr unterschiedliche Formate von Glaubenskursen entwickelt, um Sinnsuchende individuell anzusprechen und bei ihrer spirituellen Suche zu unterstützen. Unverzichtbare Voraussetzungen dafür sind aber die Transparenz des Veranstalters, offene Kritikmöglichkeiten und Meinungsfreiheit ohne moralischen Druck.
Die verdeckte Werbestrategie von Shincheonji macht es schwierig, Veranstaltungen der Gruppe als solche zu erkennen. Ein Bibelkurs findet zunächst in einer gemieteten Wohnung oder öffentlichen Einrichtung statt. Hinweise auf die Organisation fehlen und diesbezügliche Rückfragen werden in der Regel ausweichend beantwortet. Später werden die Kurse im sogenannten „Tempel“ abgehalten, den man an der weißen Ausstattung und am Predigtpult mit dem Gruppensymbol erkennt. Der Saal ist in der Regel mit Bildschirmen und Smartboards ausgestattet. Besucher bekommen einen Platz und eine persönliche Betreuungsperson zugewiesen. Man wird angehalten, weder mit der Familie noch mit Freunden über den Bibelkurs zu reden. Dies bringe die Gefahr mit sich, von „Satan verführt zu werden“ (Koch und Lorenz 2025, 111). Kritische Berichte in Zeitungen oder im Internet solle man ignorieren, weil sie falsch seien und von der göttlichen Wahrheit ablenken würden.
Wer als Teilnehmer feststellt, dass ein Bibelkurs von Shincheonji veranstaltet wird, sollte sich über die Hintergründe der Gruppe informieren. Man sollte sich gut überlegen, wie viele persönliche Informationen man über sich preisgibt. Schweigeaufforderungen müssen nicht befolgt werden. Das Gespräch mit Freunden und Familienmitgliedern kann die persönliche Entscheidungsfindung fördern. Möchte man den Bibelkurs fortsetzen, kann eine persönliche Selbstverpflichtung vor Manipulation schützen: Man kann schriftlich festhalten, wo man etwa in einem halben Jahr stehen möchte und welche Dinge unbedingt vermieden werden sollen (vgl. Koch und Lorenz 2025, 113). Ein fester Termin kann zur kritischen Realitätsprüfung beitragen. Durch die Einbindung einer vertrauten Person lässt sich dieser Prozess nochmals verstärken. Damit können Ängste, Schuldgefühle und Identitätskrisen vermieden werden, von denen viele Aussteiger berichten. Wer während eines Bibelkurses in einem festen Gruppensetting die ehrliche Selbstprüfung im Blick behält, ist gegen unbemerkte Einflussnahme besser gewappnet.
Fazit
Das Grundrecht auf Religionsfreiheit ermöglicht es allen religiösen und spirituellen Gruppen, für ihre Überzeugungen, Gemeinschafts- und Lebensformen zu werben. Dieses hohe Gut freiheitlich-demokratischer Ordnung muss unbedingt geschützt bleiben. Problematisch sind manipulative Rekrutierungsmethoden, wie sie bei Shincheonji eingesetzt werden. Deshalb haben auch staatliche Stellen diese Gruppe mittlerweile kritisch im Blick.5
Eine Mitgliedschaft in dieser Gruppe führt aus zahlreichen Gründen zu Konflikten. Die verdeckte Anwerbung durch kulturelle Aktivitäten wird von vielen als Tarnung und Täuschung erlebt. Die bewusste Unterwanderung von anderen Kirchen ist intransparent und unfair. Lees Anspruch auf die Deutungshoheit über die Bibel, besonders die Johannesapokalypse, und seine Positionierung in der Heilsgeschichte Gottes sind theologisch nicht haltbar, dürfen jedoch in der Gruppe selbst keinesfalls in Frage gestellt werden. Von den Mitgliedern wird bedingungslose Unterordnung unter die Ziele der Organisation gefordert und hohes Engagement erwartet. Nach Berichten von Aussteigern werden Shincheonji-Mitglieder angewiesen, ihr soziales Umfeld über die Organisation und deren Ziele anzulügen (Koch und Lorenz 2025, 74). Wer sich aus der Gemeinschaft zurückzieht, wird, wie Ehemalige berichten, über einen längeren Zeitraum moralisch unter Druck gesetzt. Bleiben diese Bemühungen fruchtlos, folgt der Kontaktabbruch. Ausstiegswilligen wird damit gedroht, dass sie nie mehr Mitglied werden könnten und damit ihre Erlösung und das Himmelreich verlören.
Michael Utsch (Berlin), Juli 2025
Literatur
Koch, Oliver (2023), „Empfehlungen zum Umgang mit Shincheonji“, Zentrum Oekumene, Frankfurt a.M., https://tinyurl.com/25ubvp6d.
Koch, Oliver und Johannes Lorenz (2025), Die Seelenfänger von Shincheonji. Wie eine koreanische Neureligion Menschen manipuliert, Freiburg i.Br.: Herder.
Kohler, Philipp (2017), „Die neureligiöse Gruppe ‚Shincheonji‘ expandiert“, Arbeitsstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Rundbrief Sommer 2017, 5–9.
Pöhlmann, Matthias und Christine Jahn (Hg.) (2021), Handbuch Weltanschauungen, religiöse Gemeinschaften, Freikirchen. Ergänzungsheft, Hannover: VELKD.
Rollmann, Jasmin (2018), „Shincheonji – eine neu-religiöse Bewegung aus Südkorea“, in: Michael Klöcker und Udo Tworuschka (Hg.), Handbuch der Religionen, 57. Ergänzungslieferung, Hohenwarsleben: Westarp, IX–29.
Anmerkungen
- Vgl. den Eintrag zu „Shincheonji“ bei relinfo, tinyurl.com/zjxd2ynh (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetseiten am 17.7.2025).
- SCJ Berlin e.V., „Shincheonji Gemeinde von Jesus: Die einzige Gemeinschaft weltweit, die die Offenbarung vollständig versteht“, OpenPR, 29.4.2025, https://tinyurl.com/2k4hykt2.
- Vgl. z.B. Shincheonji Church of Jesus, „100.000 Graduation Ceremony of the 12 Tribes of Shincheonji 2023“, YouTube, 6.2.2024, https://youtu.be/fnKF8yRkaHs.
- Vgl. „Unsterblichkeit, die erste Auferstehung & Lee, Man-Hee“, Shincheonji geprüft, https://tinyurl.com/2afv988e.
- Vgl. etwa den Verweis der SektenInfo Berlin auf die „Empfehlungen zum Umgang mit Shinchonji“ des Zentrum Oekumene, die auf der Website des Berliner Senats als „Materialien zum Download“ angeboten werden: https://www.berlin.de/sen/jugend/familie-und-kinder/sekteninfo-berlin/.