Seelenverwandtschaft und vollendete Liebe online
Das Twin Flames Universe von Jeff und Shaleia Ayan
Es begann mit einer Sehnsucht und einer Überzeugung: Die wahre Liebe, den perfekten Partner, gibt es auch für mich. Es endete für viele aber im Unglück: finanzieller und seelischer Ruin, soziale Isolation und Vereinsamung, Abhängigkeit und Fremdbestimmung. Das Twin Flames Universe (TFU) ist eine 2017 von Jeff und Shaleia Ayan gegründete Online-Plattform, auf der Menschen die harmonische Einheit mit ihrer Dualseele („Harmonious Twin Flame Union“) versprochen wird.
Seit dem Herbst 2023 sind gleich zwei Doku-Serien über TFU bei großen Streaming-Plattformen verfügbar: „Escaping Twin Flames“ bei Netflix1 sowie „Desperately Seeking Soulmate“ bei Amazon Prime.2 Die beiden Dokumentationen erheben umfassende Kritik an den Inhalten und Methoden der TFU-Gründer und belegen durch zahlreiche Originaldokumente die bereits seit 2020 erhobenen Sektenvorwürfe gegenüber der Gemeinschaft.3
Anfänge, Weltanschauung und Geschäftsmodell
Jeff und Shaleia Ayan lernten sich 2012 im Internet kennen. Damals hatte sich Shaleia, geboren als Megan Plante, nach eigenen Angaben gerade aus einer toxischen Beziehung befreit, und Jeff arbeitete an seinem Traum, mit wenig Mühe ein erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Ihre entstehende Beziehung deuteten die beiden als vollkommenes Beispiel einer völlig harmonischen „Dualseelenvereinigung“ und sie bauten einen Youtube-Kanal unter dem Titel „Twin Flames Universe“ auf.
Im Mittelpunkt der Weltanschauung von TFU steht das sogenannte Dualseelenkonzept, also die in der gegenwärtigen Esoterik weit verbreitete Vorstellung, dass es im Universum stets zwei Seelen gibt, die füreinander geschaffen sind und nach Vereinigung streben.4 Jeder Mensch habe demnach einen kosmisch vorbestimmten, perfekten Partner, seine sogenannte „Twin Flame“ (deutsch: „Dualseele“). Diese müsse er oder sie finden, um in einer immer harmonischen, perfekten Vereinigung zu leben.
Die Dualseelenvorstellung wurde von den Ayans vorausgesetzt und erweitert: Eine solche Vereinigung bestehe immer aus einer göttlichen männlichen und göttlichen weiblichen Energie („divine masculine and feminine energies“), welche perfekt miteinander harmonierten. Im Zusammenspiel dieser beiden Energien würden dann nicht nur wahres Glück und wahre Liebe entstehen, sondern auch eine spirituelle Transformation der Individuen zu ihrem wahren Selbst sowie weitere positive Folgen wie die Vermehrung von Wohlstand und verbesserte Gesundheit.
Das Paar präsentiert sich selbst als Garanten für den Erfolg und behauptet, es besäße die Fähigkeit, Dualseelen bei anderen zu erkennen und den passenden, perfekten Partner für sie zu bestimmen.
Der Erfolg schien den beiden Gründern zunächst Recht zu geben: Ansprechbar für ihre hoffnungsvolle Botschaft von der perfekten Liebe waren überraschend viele Menschen, die in sich eine tiefe Sehnsucht nach wahrer, ewiger Liebe spürten, sowie Menschen, die bisher eher toxische Beziehungen erlebt hatten oder die unglücklich verliebt waren und sich eine Bestätigung erhofften, dass ihr Traumpartner tatsächlich doch für sie vorherbestimmt war.
Aus Youtube-Videos entstand so recht schnell eine Online-Gemeinschaft, die von wenigen Mitgliedern auf mittlerweile über 60.000 Abonnenten angewachsen ist. Für diejenigen, die die Sache ernst nehmen, gibt es täglich stundenlange Videokonferenzen, in denen sie angeleitet werden, ihre innersten Gedanken und Gefühle offenzulegen. Zusätzlich zu kostenlosen Angeboten für Einsteiger bietet TFU bis heute kostspielige Online-Coachings und Kurse an, zum Beispiel die „Twin Flame Ascension School“ oder ein derzeit erhältliches „All-Inclusive-Paket“ für 8.888 US-Dollar.
Im Zentrum des Coachings steht die sogenannte Spiegel-Übung. Dabei sollen die Teilnehmenden alle negativen Gefühle oder Einstellungen, die sie im Moment empfinden, auf sich selbst spiegeln, indem sie die Personalpronomen/Namen der anderen Person mit den eigenen austauschen. Ist jemand zum Beispiel über seine Dualseele verärgert, weil diese ihn oder sie ignoriert, dann solle er oder sie diesen Ärger auf sich selbst übertragen. Also statt zu denken „Ich bin wütend auf Mike, weil er mich ignoriert“, solle der Gedanke umformuliert werden zu: „Ich bin wütend auf mich selbst, weil ich mich ignoriere.“ Denn Gefühle wie diese zeigten angeblich nichts als fehlende Liebe zu sich selbst an und könnten folglich auch nur von einem selbst aufgelöst werden. Nachdem dieses Gefühl – als fehlende Liebe zu sich selbst – wahrgenommen und anerkannt worden sei, könne dem Bedürfnis nach Zuneigung von innen heraus Raum gegeben werden. Diese Übung könne so lange wiederholt werden, bis die Person fühle, dass er oder sie alles empfangen habe, was er oder sie brauche.
Erweitertes „Universe“ und eine schleichende Radikalisierung
Das persönliche Coaching von Jeff und Shaleia Ayan, die mittlerweile den selbst verliehenen Nachnamen „Divine“ führen, blieb allerdings nicht lange die einzige Einnahmequelle des Ehepaars. Verschiedene Erweiterungen wurden entwickelt, teils beinahe kurios, teils hochproblematisch: Eine davon ist die Firma „Divine Dish“, die durch vorherbestimmte Essenspläne spirituelle, emotionale und körperliche Bedürfnisse umfassend abdecken will. Eine andere Entwicklung ist die Gründung einer „Kirche“, allem Anschein nach aus dem einfachen Grund, dann keine Löhne zahlen zu müssen, sondern alle Mitarbeitenden als Freiwillige führen zu können. Die so entstandene „Church of Union“5 glaubt, dass Jeff und Shaleia von Gott auf diese Erde gesandt wurden, um die Lehre der Einheit zwischen den Dualseelenpartnern zu verbreiten und den Himmel auf Erden zu schaffen. Jeff Ayan geht so weit, eine Identität seiner Person mit Jesus Christus zu behaupten, vornehmlich deswegen, weil er angeblich genauso aussehe wie der historische Jesus. Eine dritte Erweiterung ist der sogenannte „Mind Alignment Process“ (MAP), ein pseudowissenschaftliches Programm zur Heilung von Traumata. Es besteht aus einer einzigen „healing session“ und zwölf Folgeterminen zur Überprüfung des Ergebnisses.
Die zunächst lockere Beziehungsstruktur im TFU verfestigte sich innerhalb weniger Jahre: Es wurde zunehmend davon ausgegangen, dass Jeff und Shaleia als von Gott Gesandte absolute Deutungsmacht besäßen: Sie bestimmen, welche Dualseelen zusammengehören, wie Mitglieder sich im Alltag zu verhalten haben (z.B. dass sie das Essen von „Divine Dish“ kaufen sollen), was in Wahrheit ihre Probleme seien oder welche Lebensaufgaben sie zu bewältigen hätten. Die asymmetrischen Strukturen sind auch im Einzelcoaching festzustellen: Der Coachee wird vom Coach geleitet und geschult, alle Deutungsmacht liegt beim Coach. Zudem könnten Dualseelenpartner angeblich nur noch innerhalb der Gruppe gefunden werden, was die Kontrolle der Führungsfiguren deutlich erweitert.
Da das Geschäftsmodell wesentlich aus der Weitergabe der Lehre besteht, erfordert es ständig neue Mitglieder sowie eine stetige Erweiterung des Angebots. Mitglieder werden deshalb dazu angehalten, selbst alle verfügbaren Kurse zu buchen und eine eigene Coaching-Ausbildung bei TFU zu machen, um dann wiederum neue Mitglieder zu schulen. Ein Teil der Einnahmen aus den Coachings muss an die Leiter des TFU abgegeben werden. Damit haben sich die Ayans ein Multilevel-Marketing-System aufgebaut, in welchem ein hohes Angebot (viele Coaches) und eine geringe Nachfrage vorherrschen. Gleichzeitig ist durch die zusätzliche starke ehrenamtliche Einbindung vieler Mitglieder kaum noch die Möglichkeit gegeben, außerhalb des TFU genügend Geld zu verdienen.
Besonders bemerkenswert und gleichzeitig tragisch ist eine Entwicklung innerhalb des TFU, bei der es um die sexuelle Orientierung und das Geschlecht der Mitglieder geht. Zu Beginn gab es in den Lehren des TFU eine große Offenheit für queere Personen und ihren eigenen Weg. Mit der Zeit aber zeigte sich, dass es im TFU einen überdurchschnittlichen Frauenanteil gab, der, zusammen mit der neu eingeführten Restriktion, dass Dualseelen nur innerhalb des TFU gefunden werden könnten, zu schwelender Unzufriedenheit führte: Wann endlich lerne ich meine Dualseele kennen? Im Zuge dessen änderten Jeff und Shaleia Ayan ihren Kurs: Nun hieß es, für die Kompatibilität zweier Twin Flames sei die bisher gelebte sexuelle Orientierung einer Person völlig irrelevant, es käme allein auf die „göttliche Energie“ an, die eben „divine masculine“ oder „divine feminine“ sei. So war es Jeff und Shaleia möglich, auch solche Personen aus der Gruppe als kosmisch vorherbestimmte Paare zu verkünden, die bisher zum Beispiel beide als heterosexuelle Frauen gelebt hatten. Und weiter wurde vermittelt, dass eine Person, die in Wahrheit ein „divine masculine“ sei, auch ihr äußerliches Auftreten daran anzupassen habe, weil sie sonst ihre Twin Flame nicht anziehen könne. Einige von den plötzlich als „divine masculine“ definierten Frauen passten danach tatsächlich ihr Erscheinungsbild an, manche ließen sogar medizinische Eingriffe vornehmen. Diese Veränderungen scheinen zumindest zum Teil gerade nicht der eigenen Wahrnehmung der geschlechtlichen Identität der Betroffenen zu entspringen, sondern dem unbedingten Wunsch nach Akzeptanz in der Gruppe und Erfolg in der „harmonious union“. Es ist aus unserer Sicht nur im Zusammenhang mit den schon jahrelang laufenden intensiven Eingriffen in die Persönlichkeit durch Spiegel-Übungen etc. sowie mit der absoluten Vorrangstellung der Ayans innerhalb der Gruppe zu erklären, dass es so weit kommen konnte.
Während manche aus der Gemeinschaft diese überraschenden Zuspitzungen annahmen, führten die genannten Entwicklungen bei anderen zu Irritation und Verärgerung. Eine größere Zahl von Aussteiger:innen begann, über die destruktiven Tendenzen bei TFU im Netz zu berichten, bis es zu der oben erwähnten kritischen Medienberichterstattung kam.
In jüngster Zeit haben die Ayans Pläne geäußert, eine Art Lebensgemeinschaft gründen zu wollen. Dieser Ort solle zukünftig auch eine Heimat für die aus den Twin-Flame-Paaren entstehenden Kinder sein, die „goldene Kinder“ genannt werden. Ob diese Pläne auch zur Realität werden, ist derzeit noch unklar.
In einer Presseerklärung gaben die Ayans bekannt, sie seien betrübt über die mit so großem Aufwand betriebenen Angriffe auf ihre Organisation, die sich doch ausschließlich auf Liebe und gegenseitigen Respekt gründe.6
Fazit und Einordnung
Jeff und Shaleia Ayan berufen sich für TFU auf ein höheres, nur ihnen zugängliches Wissen über Dualseelen, dass durch spezielle göttliche Offenbarungen legitimiert wird. Die Dualseelenvorstellung wirkt als überaus attraktiver Pull-Faktor für Menschen, die auf der Suche nach der wahren Liebe sind. Anstatt in liebevolle und stabile Beziehungen führt das System von TFU allerdings in soziale und finanzielle Abhängigkeiten sowie zu spirituellem Missbrauch. Die TFU-Gründer sehen sich selbst als göttliche Einheit, deren Licht weit in die Welt hinausstrahlt. Die neuen Dokumentationen hingegen weisen vor allem auf den langen Schatten hin, den dieses Licht wirft. Sie zeigen auf anschauliche Weise die inneren Dynamiken einer esoterischen Online-Gemeinschaft, die sich unter geldgieriger Führung innerhalb weniger Jahre radikalisiert. Durch die Vielzahl von zugespielten Originalvideos aus dem inneren Kreis kann man hier geradezu einer Gemeinschaft bei ihrer „Versektung“ zuschauen. Es wird in den Filmen sowohl deutlich, welche Anziehungskräfte TFU entwickelt, als auch, wie sehr sich Menschen verändern, die ihr Leben dieser Organisation widmen, und welchen großen Herausforderungen sie sich stellen müssen, um sich davon wieder zu befreien.
Philipp Kohler und Svenja Hardecker, Stuttgart (März 2024)
Anmerkungen
- „Escaping Twin Flames“, Dokumentation von Cecilia Peck, Netflix, 8.11.2023. Vgl. Amanda Richards, „‚Escaping Twin Flames‘ Is a Sinister Love Story for the Digital Age“, Tudum by Netflix, 9.11.2023, www.netflix.com/tudum/articles/escaping-twin-flames-release-date-trailer-news (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 8.1.2024).
- „Desperately Seeking Soulmate. Escaping Twin Flames Universe“, Dokumentation von Marina Zenovich, Amazon Prime Video, 6.10.2023, vgl. https://press.amazonstudios.com/us/en/original-series/desperately-seeking-soulmate-escaping-twin-flames-/1
- Vgl. Alice Hines, „‚Everywhere I Went, They Went With Me, Because They Were on My Phone‘. Inside the Always Online, All-Consuming World of Twin Flames Universe“, Vanity Fair, 3.12.2020, https://www.vanityfair.com/style/2020/12/inside-the-all-consuming-world-of-twin-flames-universe, sowie Sarah Berman, „This YouTube School Promised True Love. Students Say They Got Exploited Instead“, Vice News, 5.2.2020, https://www.vice.com/en/article/v747x4/this-youtube-school-promised-true-love-students-say-they-got-exploited-instead
- Vgl. Philipp Kohler, „Dualseelen – Partnerschaften in und aus einer anderen Dimension“, MdEZW 82,3 (2019), 98–102.
- Vgl. die Website unter https://unionism.org.
- „Media Statement“ auf der Website des TFU, „Twin Flames Universe Responds to Recent Media Articles and Productions“, https://twinflamesuniverse.com/media-statement/: „We take seriously recent allegations implying we wield inappropriate control over our community members. After a careful review of both media coverage and recent productions, we are saddened that so much effort has gone into taking swipes at an organization and community founded on love and mutual respect.“