Claudia Jetter

New Thought / Neugeist

„Entdecke die verborgenen Schätze in deinem Inneren und erschaffe dir ein außergewöhnliches, erfülltes und erfolgreiches Leben.“1  Sätze wie dieser begegnen auf Reklametafeln, in Lifestyle-Magazinen oder in den Sozialen Medien. Sie suggerieren die Möglichkeit, Bereiche unseres Lebens zu verbessern, und stellen einen harmonischeren Alltag, mehr Selbstwirksamkeit und größeren Erfolg in Beruf und Beziehung in Aussicht. Solche Versprechen machen neugierig, da Optimierung jeglicher Art, gerade wenn es um die eigene Lebensführung geht, in der westlichen Leistungsgesellschaft positiv konnotiert ist. Mal ist die Rede von Energieströmen, die genutzt werden sollen, mal sind es die verborgenen Kräfte prāṇa oder qì (tʃiː), die durch bestimmte Atemtechniken oder spezielle Meditationspraktiken aktiviert werden sollen. Immer sind es jedoch lebenspraktische Angebote, die auf das richtige Zusammenwirken von Geist und Körper verweisen und das geistige Selbst durch bestimmte Aufmerksamkeitsübungen und Meditationspraktiken stärken sollen.

Oft wird der Ursprung dieser spirituellen Lebenshilfeangebote, zu denen auch die allgegenwärtigen Achtsamkeitspraktiken gehören, in den 1970er Jahren in den USA verortet, nicht zuletzt wegen Jon Kabat-Zinns „Mindfulness-Based Stress Reduction“-Programm, welches den Beginn der weltweiten Achtsamkeitsbewegung begründete.2  Die eigentliche Wegbereiterin und Voraussetzung für den Erfolg vieler „neuer“ spiritueller Praktiken im New Age war jedoch die Neugeist-Bewegung (New Thought), eine religiöse Reformbewegung, die zwischen den Polen von Spiritismus, Christian Science und Mesmerismus3  entstanden ist und heute noch als Unterströmung in der spirituellen Lebenshilfe mit Praktiken zur Förderung des ganzheitlichen Wohlbefindens weiterwirkt.

Ursprünge

Als Vater des New Thought wird meist Phineas Parkhurst Quimby (1802 – 1866) genannt. Der ehemalige Uhrmacher unterhielt eine Praxis, in der er PatientInnen heilte, indem er sie von krankmachenden Gedanken befreite. Infolge einer Tuberkulose-Erkrankung in der Jugend, die mit dem damals gängigen Hornquecksilber behandelt wurde, was seinen körperlichen Zustand erheblich verschlechterte, lehnte Quimby eine einseitig naturwissenschaftliche Medizin ab und wandte sich stattdessen alternativen Heilungsansätzen zu, wie sie im Bereich des Spiritismus oder des animalischen Magnetismus (Mesmerismus) vorzufinden waren.

Als erster, der versuchte, den direkten Zusammenhang zwischen Geist und Körper im Heilungsprozess therapeutisch umzusetzen, entwickelte Quimby seine Theorie des mentalen Heilens (mental healing). Seine Annahme, dass Gedanken physische Formen annehmen können und körperliche Krankheiten somit das Resultat schädlicher Gedanken seien, begründete er mit den Beobachtungen, die er während der Zusammenarbeit mit einem spiritistischen Medium machte, das vor Publikum heilte. Für Quimby schienen die Heilungserfolge auf der Bühne weniger an den übersinnlichen Fähigkeiten des Mediums zu liegen als an der engen Vertrauensbeziehung zwischen Heiler und PatientInnen, welche den Grundstein legte für eine erfolgreiche Behandlung von Körper und Geist. Quimby schloss daraus, dass fehlgeleitete Gedanken die Ursache für Krankheit seien und die Behandlung körperlicher Leiden deswegen in der Behandlung des Geistes bestehen müsse. Durch Suggestionstechniken könnten nicht zu erklärende Wunderheilungen geschehen, wenn es den Heilenden gelinge, die fehlgeleiteten Gedanken der kranken Person auszulöschen und die Konzentration auf Heilung zu lenken.

In seiner Praxis in Portland, Maine, konzentrierte sich Quimby auf die lebenspraktische Umsetzung dieser Erkenntnis, jenseits von spiritistischen Vorannahmen. Franz Anton Mesmers Theorie folgend, glaubte er, die fluidale Atmosphäre eines Menschen in einer Art hellseherischem Zustand erkennen und nachempfinden und sogar riechen zu können. Dies ermögliche es ihm, den krankmachenden Gedanken zu analysieren und ihm entgegenzuwirken. Durch ausführliche Gespräche und lange Sitzungen in Stille, während derer Quimby die heilenden Ströme übertrug, verhalf er, seinen AnhängerInnen zufolge, zu überraschend schneller Genesung.

Quimbys Praktiken waren eingebettet in das Weltbild einer göttlichen Immanenz, welche die Materie in unterschiedlichen Graden durchdringe und zu höheren Formen entwickeln könne. Ziel des Menschen war für Quimby die Befreiung vom Fokus auf das Nicht-Geistige, um für die göttliche Kraft, die alles umgibt und durchdringt, empfänglicher zu werden. Ob Materie für ihn nun wirklich existierte oder nur ein Fehlkonstrukt des Geistes war, geht aus seinen Manuskripten nicht klar hervor. Das hatte jedoch den Vorteil, dass es seinen SchülerInnen die Freiheit gab, hierzu je nach eigenem Verständnis Stellung zu beziehen (vgl. Baier 2009, 439).

Christliche Einflüsse

Die beiden bekanntesten SchülerInnen Quimbys vertraten eine christlich orientierte Neugeist-Philosophie. Mary Baker Eddy (1821 – 1819), die Begründerin der Christlichen Wissenschaft (Christian Science), hat auf der einen Seite die Überzeugung vertreten, dass Materie und demnach auch Krankheit nicht existieren, da alles aus Geist bestehe. Demgegenüber behielt Warren Felt Evans (1817 – 1889), der „Theologe“ des New Thought, das Stoffliche als die durch den Heiligen Geist verwirklichte göttliche Idee bei. Evans’ christliche Auslegung überrascht wenig, war er doch über Jahrzehnte erst als methodistischer Pastor und später als Pfarrer in der „Neuen Kirche“ (Swedenborgianer) tätig. Dementsprechend belebt und heilt der Heilige Geist für Evans Welt und Mensch als alles durchdringendes universales Lebensprinzip, das die göttliche Idee vom Menschen in körperliche Repräsentation übersetzt.

Wie für andere frühe Neugeist-AnhängerInnen stand für Evans Heilung als wiederhergestellte Gabe Gottes im Zentrum. Vorbild für ihn war dabei Jesus Christus, der mächtigste aller Heiler, dem es durch die Konzentration weniger Worte gelang, all seine (göttliche) mentale Kraft zu binden und so durch Gebet und Affirmation Krankheit und Tod zu überwinden. Worte dienten demnach als Medium, um die göttliche Kraft in den irrenden und darum kranken Geist zu lenken und diesen zu heilen, mit der Folge, dass physische Genesung eintreten wird (vgl. Albanese 2007, 306).

Stark beeinflusst von der Lektüre christlicher MystikerInnen, der Transzendentalisten und später von asiatischer Philosophie, muss Evans auch als „Wegbereiter der Meditationspraxis“ (Baier 2009, 441) herausgestellt werden. Seine Heilungssitzungen bestanden aus gemeinsamem Beten und aus Stilleübungen, die den PatientInnen helfen sollten, sich durch Kontemplation auf die göttliche Idee des Selbst zu fokussieren. So sollte die göttliche Seele im Selbst freigelegt werden, die den menschlichen Körper formt, jedoch häufig durch fehlgeleitete Gedanken überschattet wird. Aufgabe des Heilers war es darum, auf den Geist der Kranken inspirierend und beruhigend einzuwirken (vgl. Baier 2009, 443 – 450).

New Thought Movement

Während Quimby und Evans als Vordenker der Neugeist-Bewegung angesehen werden müssen, hat Emma Curtis Hopkins (1849 – 1925) als „Lehrerin der Lehrer“ (Satter 1999, 79 – 80) mehr als die erste Generation des New Thought maßgeblich geprägt. Verheiratet mit einem hoch verschuldeten Mann und kränklich, kommt Curtis 1883 zum ersten Mal mit Mary Baker Eddys Christian Science in Berührung. Nach einer erfolgreichen Behandlung durch eine praktizierende Christliche Wissenschaftlerin geht Curtis nach Boston zu Eddy, um sich von ihr ausbilden zu lassen. Schnell übernimmt sie Tätigkeiten im Umfeld Eddys und wird Redakteurin des „Christian Science Journals“, bis sie 1885 aus nicht eindeutig geklärten Gründen plötzlich von all ihren Aufgaben entbunden wird und nach Chicago, Illinois, zieht. Dort eröffnet sie nach kurzer Zeit eine Praxis und wenig später auch ein College, an welchem sie jährlich hunderte von SchülerInnen ausbildet.

Auch für Hopkins war der göttliche Geist eine alles durchdringende Macht, die durch das Herz scheinen kann. Dieses von Gott gepflanzte „Divine Within“ konnte wie durch eine Scheibe in den sterblichen Geist einer Person scheinen. Da die „Scheibe“ jedoch durch den Irrglauben an Materie, welche Hopkins’ Meinung nach nicht existierte, nicht mehr durchsichtig war, war es notwendig, durch Meditation, affirmatives Gebet und kontinuierliche Verneinung materieller Existenz die Sicht auf das göttliche Innere wiederherzustellen, indem man den sterblichen Geist (und somit die „Scheibe“) reinigte (vgl. Satter 1999, 87).

Hopkins war eine der maßgeblichen Frauen im Zentrum der frühen New-Thought-Bewegung, da sie durch die Ausbildung der vielen meist weiblichen StudentInnen stark zur Verbreitung in den gesamten USA beitrug. Dazu war sie in diversen Reformbewegungen aktiv, vor allem in der sozialen und politischen Frauenbewegung. Gleichzeitig war sie weit mehr als die Vordenker des New Thought (Quimby, Evans) an institutionalisierten Formen der Bewegung interessiert. In den 1890er Jahren ließ Mary Baker Eddy den Namen „Christian Science“ mithilfe von Gerichtsverfahren schützen. Dies zwang die fluide und hoch individualistische Neugeist-Community dazu, sich unter einem neuen Namen zu präsentieren, da viele PraktikerInnen sich bis dahin ebenfalls mit dem Namen Christian Science (oder auch Variationen wie Mental Science, Divine Science) identifizierten, auch wenn sie keine Eddy-AnhängerInnen waren. Man einigte sich auf „New Thought“ als Überbegriff für die Bewegung (vgl. Satter 1999, 3). Dazu kamen weitere Institutionalisierungsversuche innerhalb der Bewegung mit ersten New-Thought-Kongressen und der Gründung diverser Vereine und Colleges, die das Netzwerk an Neugeist-PraktikerInnen weiter vereinten.

Der Umstand, dass neben den eigentlichen Heilungsbehandlungen das Halten von Kursen wie auch das Schreiben über New Thought lukrative Einkommensquellen boten, spielte beim Erfolg der Bewegung bis zum Ersten Weltkrieg eine nicht zu unterschätzende Rolle. Gerade für Frauen, die kaum Zugang zu Ausbildungsberufen hatten, war New Thought attraktiv, ermöglichte die Neugeist-Praxis ihnen doch wirtschaftliche Unabhängigkeit, die ihnen sonst verwehrt war. Es überrascht darum auch wenig, dass gerade Frauen, die sich der Neugeist-Bewegung zuwandten, chiliastische Hoffnungen pflegten, da sie in der Bewegung den Beginn einer neuen Ära sahen, die (weiße) Frauen in die Mitte der Gesellschaft brachten und dadurch diese in Harmonie vereinen würde (vgl. Satter 1999, 84).

Affektiver Neugeist4

Hopkins’ New Thought gehört zum affektiven Teil der Bewegung, der Heilung, Gebet und Gemeinschaft betonte, mehrheitlich von Frauen geleitet wurde und noch stark christlich orientiert war (vgl. Albanese 2007, 323). Dabei wurde in diesem Strang der Bewegung nicht nur christliches Vokabular verwendet, sondern auch auf biblische Texte direkt Bezug genommen. Ein Beispiel für die neugeistliche Schriftauslegung ist der Bestseller Die Bergpredigt(1934) von Emmet Fox, der während der Great Depression als Pastor von New Yorks Divine Science Church of the Healing Christ wöchentlich vor bis zu 5500 Gemeindemitgliedern predigte.

In seiner Auslegung der Bergpredigt stellt Fox den biblischen Text als „praktische Methode“ vor, „welche zur Entwicklung der Seele und zur Gestaltung unseres Lebens und unseres Schicksals führt, wie wir es wirklich wünschen“. Nach Fox zeigt Jesus Christus durch sein Beispiel, „wie alle diese Übel [Krankheit, Armut, Alter] überwunden werden können, wie wir Gesundheit, Glück und wahren Wohlstand in unser Leben sowie in das Leben anderer bringen können, wenn sie es auch wirklich wünschen“ (Fox 2011, 8f). In seinem Buch kritisiert Fox die wortfundamentalistische wie auch die historisch-kritische Auslegung der Bibel, da beide die eigentlich geistige Botschaft verkennen. Wunder, allen voran Heilungswunder, sind nach Fox tatsächlich geschehen, da die uns bekannten physischen Gesetze nur einen Teil des Universums betreffen, es jedoch Gesetze höherer Ordnung gebe, die diese brechen können. Darum sei die wahre Wissenschaft und Kunst, die Jesus lehrte, die Art, wie diese uns bekannten Gesetze gebrochen werden können – nämlich durch Gebet (16). Wenn die Welt das Resultat unserer Gedanken ist, welche sie formen, dann sind äußere Dinge „die Verbildlichung unserer inneren Gedanken und Anschauungen“ (39). Die „heiligste Pflicht“ von ChristInnen sei es darum, fortwährend nach vollkommenem Glück zu streben, anstatt zu „sündigen“, indem man Krankheit und Disharmonie einfach hinnimmt (146). Für Fox gilt darum „der Mensch als Baumeister“ (162), dem „unendliches Wachstum“ (143) zuteilwerden kann, wenn er sich für die Wahrheit entscheidet und mithilfe des Gebets christliche Sanftmut kontinuierlich trainiert und so Meister über das Leben wird, indem er dem Göttlichen im Menschen näherkommt (37).

Prosperity New Thought

Während bei Fox die inneren Wünsche noch christlich eingebettet waren und der Fortschrittsgedanke wie auch die Selbstwirksamkeit nicht (primär) auf materiellen Wohlstand ausgerichtet waren, vertraten andere Neugeistler, wie die Hopkins-Schülerin Helen Wilmans (1831 – 1907), eine nicht theistische Spielart und propagierten offen die Vermarktung von Neugeist-Praktiken als professionelles Geschäftsmodell, das innere Selbstbeherrschung (self-mastery) zum Gegenstand hatte. Für Wilmans war Materie nicht nur existent, sondern auch intelligent und konnte kultiviert werden, wenn sie von innerem Wollen geleitet wurde. Dabei bildete der Wunsch den Grundstein des Egos, der einen Menschen von toter Materie zu lebendigem Geist werden lassen konnte, wenn er den Wunsch denn annähme. Nicht Demut, sondern die Förderung des wahren Selbst durch eine bewusste Vergegenwärtigung der eigenen Wünsche und die Fokussierung darauf waren positiv konnotiert, unterstützte sie doch die eigene innere göttliche Kraft, die wie ein Brunnen in jedem Menschen sprudelt.

Für Wilmans, eine Farmersfrau, die über Jahrzehnte in Armut an der westlichen Grenze der USA (Frontier) gewohnt hatte, stand nun nicht mehr körperliche Heilung im Zentrum, sondern die Förderung persönlichen Wohlergehens, was finanziellen Wohlstand ausdrücklich einschloss. Sie teilte die Idee des Gedankens als Zentrum jeder Veränderung mit den Neugeist-VertreterInnen des affektiven Strangs. Der Gedanke wurde bei ihr jedoch in sozialdarwinistischer Färbung, ohne den Gottes- und Gemeinschaftsbezug, zum alleinigen Motor individueller, zu Wachstum, Leben und Freiheit führender Selbstverwirklichung (vgl. Satter 1999, 177).

Wilmans’ persönliche Biografie, die sie aus der Armut auf dem Land und der Abhängigkeit von ihrem Ehemann in ein selbstbestimmtes Leben führte, diente ihr als Leitfaden in ihrer Überzeugung, dass ein Gefühl der Selbstwirksamkeit nur dann entstehen könne, wenn man Wünsche bewusst visualisiert und dann aktiv umsetzt. Dementsprechend begann Wilmans, nachdem sie bei Hopkins einen Kurs absolviert hatte, sich als Heilerin finanziell auf eigene Füße zu stellen. Außer den Heilungssitzungen bot sie Fernheilungen durch Briefwechsel an und gab Kurse im selbst gegründeten College. Die Kurse verschriftlichte sie zusätzlich und offerierte sie als Fernkurse in flexiblen Paketen. Außerdem veröffentlichte sie eine eigene Zeitschrift, die durch Anzeigenschaltung ebenfalls Einnahmen generierte (vgl. Satter 1999, 150 – 180). Stück für Stück baute sie so ein Geschäftsmodell auf, mit dem sie sich und ihre Familie finanzierte.

Während auch die VertreterInnen des affektiven New Thought mit dem Vertrieb von Kursen, Literatur und Präsenzsitzungen durchaus erfolgreich waren, entwickelten Wilmans und die nachfolgende Generation eine dem Wohlstand zugeneigte Einstellung, die sich – wie die Titel der Bestseller Think and Grow Rich(1937) von Napoleon Hill oder The Power of Positive Thinking(1952) von Norman Vincent Peale, die beide dieser Linie angehören, erkennen lassen – in einer mehr und mehr durch eine offen zur Schau getragene erfolgsorientierte Wohlstands-Neugeist-Philosophie zeigte. Auch wenn umstritten ist, wann und durch wen die Grundgedanken dieser Linie des New Thought im evangelikalen und pfingstcharismatischen Spektrum aufgenommen wurden, so lassen sich auch im zeitgenössischen Prosperity Gospel die Spuren dieser Philosophie wiedererkennen (vgl. Bowler 2013).

Verbreitung und Vernetzung

Nach 1900 war der auf inneres und äußeres Wohlbefinden ausgerichtete New Thought, der in einem professionalisierten Geschäftsmodell Selbstverwirklichung und Wohlstand mithilfe von zielgerichtetem Denken propagiert, der dominante Teil der Bewegung, und seine Spuren sind bis heute sichtbar im Milieu des spirituellen Coachings. Zentral für den Erfolg der Bewegung waren dabei, neben regelmäßigen Kongressen und neu gegründeten Organisationen wie der International New Thought Alliance (1914), auch einzelne Kirchengründungen, welche die fluide und äußerst individualistische Gruppe von New-Thought-PraktikerInnen vereinen sollten. Ein Beispiel ist die Unity Church of Christianity (kurz „Unity“), die 1889 von den Hopkins-Schülern Myrtle und Charles Fillmore gegründet wurde und die heute die größte noch bestehende Neugeist-Kirche ist mit (nach Selbstauskunft) ca. einer Million Mitgliedern weltweit.5

Gleichzeitig war es die rege Publikationstätigkeit, die sich um 1900 in hunderten von Wochen- und Monatsschriften bemerkbar machte oder mit Bestsellern wie Ralph Waldo Trines (1866 – 1958) In Tune with the Infinite (1897),der sich millionenfach verkaufte. Durch liberale Protestanten wie Max Heinrich Christlieb, der Trines Buch übersetzte (die Übersetzung verkaufte sich fast 100 000 Mal), fanden Neugeist-Ideen auch in Deutschland Verbreitung, wenn auch in überschaubarem Maße (vgl. Baier 2009, 432). Bestseller wie der von Trine, die Meditationen wie das „Eintreten in die Stille“ beschreiben, popularisierten meditative Praktiken und waren dadurch grundlegend für den späteren Erfolg von Meditation, wie wir sie im New Age und der Achtsamkeitsbewegung vorfinden (vgl. Baier 2009, 432ff). Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bildeten sich deutschlandweit Neugeist-Zirkel, darunter der Deutsche Neugeistbund, der um 1930 bis zu 500 Ortsgruppen umfasste. Dazu zirkulierten unter AnhängerInnen auch hier Zeitschriften wie „Die Weiße Fahne“, und Bücher wie Hermann Graf Keyserlings Reisetagebuch eines Philosophen(1918) wurden schnell zu Verkaufsschlagern, bis die Neugeist-Literatur unter dem nationalsozialistischen Regime 1939 verboten wurde.

Mit Blick auf gegenwärtige Erfolgscoaches wie Deepak Chopra, die alternative Heilung mithilfe von Meditationsübungen anpreisen, oder z. B. auf die spirituelle Motivationstrainerin Laura Malina Seiler, die dazu aufruft, die innere Schöpferkraft durch Fokussierung und Stillepraktiken wiederzuentdecken, oder gar auf aktuelle Trends wie das „Manifestieren“ dürften die wenigsten vermuten, dass die Wurzeln dieser zeitgenössischen Spiritualität in einer auf Heilung und Harmonie ausgerichteten und von Frauen angeleiteten religiösen Protestbewegung liegen. Konzepte wie Quimbys fluidum werden heute als innere Energieströme bezeichnet oder mit den geheimnisvolleren asiatischen Begriffen benannt. Und doch erkennt man nach wie vor die Grundzüge des lebenspraktisch ausgerichteten New Thought, mit seinem Fokus auf den in rechter Weise ausgerichteten Geist, seiner offenen Praxis, der schlanken Metaphysik, dem hoch individualisierten Ansatz und der starken Fortschritts- und Entwicklungsbetonung. Auch die Vernetzung der AkteurInnen in diesem Feld, die starke Publikationstätigkeit wie auch das mehrgleisige Geschäftsmodell von Kursen, Literatur und „Auftritten“ bei Kongressen erinnern heute stark an den „Prosperity New Thought“, bei welchem Erfolg und Wohlstand im Zentrum standen. Dabei sind die reformerische Seite und der christliche Bezugsrahmen des ursprünglichen New Thought jedoch, abgesehen von den kleinen noch bestehenden Neugeist-Kirchen, wieder in Vergessenheit geraten, zugunsten einer auf Selbstoptimierung und Selbstverwirklichung ausgerichteten hyper-individualistischen Spiritualität, die mit der westlichen leistungs- und konsumorientierten Lebensweise kompatibler ist.


Claudia Jetter, 05.01.2023

 

Internetseiten

www.divinesciencefederation.org

https://lauraseiler.com

www.learnreligions.com/unity-beliefs-and-practices-700122

www.unity.org/leaders

 

Anmerkungen

1  https://lauraseiler.com(Abruf der Internetseiten: 16.12.2022).

2  Jon Kabat-Zinn ist ein amerikanischer Mikrobiologe, der 1971 das achtwöchige „Mindfulness-Based Stress Reduction“-Programm entwickelte, welches Aufmerksamkeitsübungen und Achtsamkeitsmeditationen aus unterschiedlichen asiatischen Traditionen miteinander verbindet. Vgl. Hickey 2019, 2f.

3  Mesmerismus wird auch animalischer Magnetismus genannt und bezeichnet Franz Anton Mesmers (1734 – 1815) Theorie, nach der ein magnetisches fluidum den menschlichen Körper durchströmt, welches bei Ungleichverteilung zu Krankheiten führen kann. Diese Ungleichverteilung kann von einem medial begabten Menschen beeinflusst bzw. harmonisiert werden. Vgl. Albanese 2007, 190 – 201.

4  Die Historikerin Catherine Albanese teilt Neugeist in eine affektive und eine noetische Richtung ein (die hier als „Prosperity New Thought“ bezeichnet wird). Vgl. Albanese 2007, 323ff.

5  Vgl. www.learnreligions.com/unity-beliefs-and-practices-700122; www.unity.org/leaders.

 

Literatur

Albanese, Catherine (2007): A Republic of Mind and Spirit. A Cultural History of American Metaphysical Religion, New Haven, MA.

Baier, Karl (2009): Meditation und Moderne. Zur Genese eines Kernbereichs moderner Spiritualität in der Wechselwirkung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien, Bd. 2, Würzburg.

Bowler, Kate (2013): Blessed. A History of the American Prosperity Gospel, Oxford.

Conkin, Paul (1997): American Originals. Homemade Varieties of Christianity, Chapel Hill, NC.

Fox, Emmet (1949/2011): Die Bergpredigt. Eine allgemeine Einführung in das wissenschaftliche Christentum, engl. Erstveröffentlichung 1934, Pforzheim.

Hickey, Wakoh Shannon (2019): Mind Cure. How Meditation Became Medicine, Oxford.

Schmidt, Leigh Eric (2012): Restless Souls. The Making of American Spirituality, with a new preface, New York City, NY.

Satter, Beryl (1999): Each Mind a Kingdom. American Women, Sexual Purity, and the New Thought Movement, 1875 – 1920, Berkeley, CA.