Gesellschaft

Neues Magiemuseum in Berlin

In Berlin hat ein neues Magiemuseum eröffnet (www.magicum-berlin.de). Wer allerdings eine ernsthafte Auseinandersetzung mit einem der dominierenden religiösen Phänomene der Menschheit in seiner Geschichte oder Gegenwart erwartet, wird hier enttäuscht. Statt historischer und sozialer Aspekte geht es vor allem um Unterhaltung, vermischt mit klassischen Vorurteilen.

Das „Magicum“ verspricht Aufschluss über die „Rätsel der Magie“, „ungewöhnliche Antworten und neue Fragen“ rund um „magische Kraftorte“ sowie Wissen über die „mystischen Ursprünge der verschiedenen Religionen“. In der Reihe weltweit bedeutsamer Kraftorte findet sich neben Chartres und den Pyramiden überraschenderweise auch der ehemalige Flughafen Berlin-Tempelhof, was die Einheimischen freuen wird.

Ob die Besucher „ausgeglichen und in innerer Harmonie mit guter Energiebalance“ sind, wird am Museumseingang geklärt – mit einer zur „Chinesischen Glücksschale“ erklärten gewöhnlichen Wasserklangschale. Als Ort hat man sich einige Kellerräume im touristisch beliebten Stadtteil Berlin-Mitte ausgesucht. Die Gestaltungsspielräume des Ortes voller Nischen und Winkel werden mit düsterer Beleuchtung atmosphärisch genutzt.

Die Sammlung selbst kommt ursprünglich aus den Niederlanden und ist von einer gewissen Heterogenität gekennzeichnet. Man könnte aber auch „Beliebigkeit“ sagen. So findet sich eine Reihe Tierskelette und Kadaver, deren Bezug zum Thema wie bei vielem anderen rätselhaft bleibt. Ob ein mittelalterliches Alchemistenlabor tatsächlich mit dem Schädel eines Wasserbüffels angemessen dargestellt ist? Nach Auskunft eines Mitarbeiters wurde dieser einst von Vorfahren der Museumsbetreiber aus Afrika mitgebracht, wo es die Tiere allerdings nicht gibt. Andere Asservate seien im Laufe der Jahre hier und da aus alten Häusern und Dachböden zusammengetragen worden. Das gilt offenbar auch für eine ganze Reihe von Informationstafeln, die ziemlich mitgenommen aussehen und noch in alter deutscher Rechtschreibung verfasst sind.

Leider geht manches in der Ausstellung über harmlosen Touristennepp hinaus und führt zu Desinformation und der Bestätigung von Vorurteilen. So wird die Astrologie als eine Wissenschaft auf derselben Ebene mit der Astronomie vorgestellt, die okkulte Lehre der Hermetik präsentiert sich in pseudowissenschaftlichem Gewand, vermengt mit moderner Physik, und es wird über Ufo-Kontakte afrikanischer Völker spekuliert, was angeblich auf ethnologischen Forschungen gründe. Die Ableitung des Begriffs „Magie“ von „Ma“ = Allmutter und „Gaia“ = Erde ist eher humoristischer Natur. Daneben aber zieht sich ein antiaufklärerisches und antichristliches Moment durch die Ausstellung, insofern die Rationalität der Moderne, vor allem aber die Kirche nur als Quellen für Diskriminierung, Verfolgung und mörderische Ausrottung der Magie in den Blick genommen werden. Dabei darf auch eine übertrieben hohe Zahl „im Mittelalter“ (sic) verbrannter Hexen nicht fehlen, bei der es sich (im Widerspruch zu historischen Erkenntnissen) vorrangig um die Verfolgung weiser, heilkundiger Frauen und Hebammen durch eine patriarchale Kirche und profitgierige Ärzte gehandelt habe. Hier werden altfeministische Legenden auf dem Niveau von Reader`s Digest popularisiert. Dazu liefert die Schreckenskammer mit Folterinstrumenten (darunter mehrere fiktive wie die „Eiserne Jungfrau“) als ein Herzstück der Ausstellung den passenden Schauder. Schade, dass die Chance verpasst wurde, etwas historisch Substanzielles zu diesem Kapitel europäischer Geschichte zu zeigen.

Ebenso vermisst man Substanzielles zur vielfältigen Rezeption von Magie in den sogenannten Weltreligionen, wo zahlreiche Riten, Gesten sowie der Gebrauch heiliger Bücher bis heute die kreative Integration von Magie bezeugen. Die gegenwärtige Praxis von Magie, nicht zuletzt auch in neureligiösen Bewegungen Europas, taucht so gut wie gar nicht auf.


Kai Funkschmidt