Neue fachliche Kritik an der Rituelle-Gewalt-Theorie
Die öffentlichen Kontroversen um die Rituelle-Gewalt-Theorie sind in der ZRW in den letzten Jahren wiederholt dokumentiert und kritisch reflektiert worden.1 Die erwähnte Theorie wird nicht nur einigen psychotraumatologischen Behandlungsansätzen zugrunde gelegt, sondern mittlerweile auch in verschwörungstheoretischen Kreisen und christlich-fundamentalistischen Gruppen aufgegriffen und verbreitet.2 Ergänzend zu der massiven medialen Kritik an der Rituelle-Gewalt-Theorie im letzten Jahr3 haben sich im April 2024 auch renommierte ärztliche und psychotherapeutische Fachleute zu diesem heiklen und umstrittenen Thema positioniert.
Im Nervenarzt, dem wichtigsten deutschsprachigen Psychiatrie- und Neurologie-Fachjournal, greift Jörg Fegert, einer der bekanntesten deutschsprachigen Experten für sexualisierte Gewalt und Traumafolgestörungen, zusammen mit seinem Schweizer Kollegen Frank Urbaniok die mediale Debatte der letzten Monate auf und stellt die Rituelle-Gewalt-Theorie in den Kontext eines Verschwörungsnarrativs.4 Das ist bemerkenswert und kann als Zeichen der Verunsicherung der Berufsgruppe verstanden werden. Denn es kommt nur selten vor, dass in Fachorganen polarisierende öffentliche Kontroversen aufgegriffen und diskutiert werden. Man kann diesen öffentlich zugänglichen Text so lesen, dass sich die beiden Experten aufgrund der ausufernden Debatten auch innerhalb des eigenen Berufsstandes dazu genötigt sahen, die dort verhandelten Phänomene fachlich einzuordnen.
Sachlich weisen sie darauf hin, dass der unkritische Glaube an die „Satanic Panic“-Verschwörungstheorie mit dem ihr zugrundeliegenden Konzept eines „Mind Control“ einerseits zu Fehlbehandlungen von Patienten, andererseits zu einem grundlegenden Misstrauen gegenüber deren Aussagen geführt habe. Insofern dadurch den ohnehin vulnerablen Patienten weiterer Schaden drohe, widerspreche eine derartige unkritische Haltung dem Grundprinzip medizinischer Ethik.
Die Autoren konstatieren in diesem Streit um „rituelle Gewalt“ eine verhärtete Lagerbildung, die mit vorschnellen Zuordnungen in eine Form von „Glaubenskrieg“ münde und damit letztlich allen schade. Als erfahrene Wissenschaftler und gefragte forensische Gutachter versuchen sie, eine differenzierte Einschätzung jenseits der polarisierten Debatte zu geben. Sie weisen darauf hin, dass sich, anders als in Bezug auf sexualisierte Gewalt mit einer fulminant angestiegenen Forschungsliteratur, im Bereich sogenannter „ritueller Gewalt“ und in der sogenannten „False-Memory-Debatte“ in den letzten dreißig Jahren wissenschaftlich kaum etwas getan habe.
Frank Urbaniok positionierte sich schon in der Vergangenheit sehr nachdrücklich gegen die verschwörungstheoretischen Inhalte in Traumatherapien. Jörg Fegert hingegen gehörte selbst einmal zu den Verteidigern der Existenz „ritueller Gewalt“ als Verbrechensform; mit dieser Veröffentlichung räumt er nun aber den Einfluss suggestiver Faktoren in einschlägigen Psychotherapien ein und spricht sich unmissverständlich gegen die Mind-Control-These aus. Als weiterführende Literatur wird explizit auf den Endbericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ aus dem Jahr 1998 hingewiesen. Es ist erfreulich, dass endlich auch in der psychotherapeutischen Fachdiskussion auf Beiträge zurückgegriffen wird, die sich schon früher mit „ritueller Gewalt“ und der Mind-Control-Theorie kritisch auseinandergesetzt haben. Fegert und Urbaniok bemängeln, dass viele Studien auf selektiven Stichproben betroffener Patienten und Fachkräfte basieren, und weisen zudem auf experimentelle Untersuchungen hin, die darauf schließen lassen, dass „false memories“ induziert werden können. Im Rückgriff auf einen ZRW-Artikel von Andreas Hahn5 wird auf die Diskrepanz zwischen der Glaubwürdigkeit, die Therapeuten den Aussagen ihrer Patienten zuschreiben, und den fehlenden Ermittlungsergebnissen vonseiten der Strafverfolgungsbehörden hingewiesen. Ausführlich wird außerdem das Fallbeispiel aufgegriffen, das Bianca Liebrand von der Sekten-Info NRW vorgestellt hat.6 Wenn in einem Erstgespräch von einer Verschwörung, einer mächtigen Elite und deren obskuren Praktiken berichtet wird, sollte sich die psychiatrische Anamnese, so die Empfehlung der beiden Experten, auch intensiv mit dem Medienkonsum des Klienten oder der Klientin und mit seiner oder ihrer Beeinflussung durch soziale Netzwerke beschäftigen.
Eine weitere kritische Stellungnahme zur Rituelle-Gewalt-Theorie wurde Mitte April von zehn deutschen Universitätsprofessoren für Psychologie in Form eines gemeinsamen Positionspapiers veröffentlicht.7 Sie richtet sich hauptsächlich gegen die durch das Bundesfamilienministerium geförderten Forschungsprojekte zu diesem Thema. Die EZW hatte die zweifelhaften „Studien“ schon früher in Frage gestellt.8
Folgende Punkte werden in dem Positionspapier bemängelt: die fehlende Befassung mit kritischer Literatur zu „ritueller“ sexueller Gewalt, die ungeprüfte und selektive Übernahme von Angaben zu psychischen Störungen, gedächtnispsychologisch unplausible Angaben, die Darstellung der intentionalen Herbeiführung einer Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) als Faktum und die fehlende Auseinandersetzung mit der Möglichkeit von Suggestionsprozessen. Wie in akademischen Kontroversen üblich, wurde in derselben Ausgabe der Fachzeitschrift eine Replik der kritisierten „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ veröffentlicht.9 Leider unterscheidet sich diese Stellungnahme nicht von früheren Abwehrversuchen. Erneut wird auch in diesem Kommentar „rituelle Gewalt“ mit den Machenschaften organisierter sexueller Gewalt ohne ideologische Motive gleichgesetzt, und weiterhin wird die sehr spezifische These eines möglichen Mind Control mit dem allgemeinen Phänomen psychologischer Manipulation in eins gesetzt. Damit verfehlt die Replik die geäußerte Kritik.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass durch die beiden fachlich profunden Kritiken die Position der Anhänger der Rituelle-Gewalt-Theorie aufs Deutlichste hinterfragt wird. Den Sympathisanten für diesen Erklärungsansatz ist zu wünschen, dass sie die dort verwendeten Argumentations- und Denkmuster auf Grundlage der kritischen Einwände aus den beiden neuen Stellungnahmen erneut prüfen und danach vorsichtiger mit Behauptungen über die Existenz von ritueller Gewalt umgehen.
Michael Utsch, Berlin (Mai 2024)
Anmerkungen
- Zuletzt Kai Funkschmidt, „Schweizer Dokumentarfilm löst heftige Reaktionen aus“, ZRW 85,1 (2022), 23–27; Andreas Hahn, „Neue Entwicklungen im Streit um ‚Rituelle Gewalt‘“, ZRW 86,3 (2023), 204–213.
- Vgl. Bernd Harder, „Die Verkommenheit der Eliten. Satanic Panic als die ‚Big Lie‘ der deutschen Reichsbürger“, GWUP | Die Skeptiker, 6.4.2024, https://blog.gwup.net/2024/04/06/die-verkommenheit-der-eliten-satanic-panic-als-die-big-lie-der-deutschen-reichsbuerger/ ; Sonja Mühlemann, „Glaube an Teufel: Verschwörung verbreitet sich im Berner Oberland. Die Verschwörungserzählung um satanistische Täter und ferngesteuerte Frauen hält Einzug in religiöse Kreise“, SRF, 14.6.2024, https://www.srf.ch/news/schweiz/satanic-panic-glaube-an-teufel-verschwoerung-verbreitet-sich-im-berner-oberland (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten: 24.5.2024).
- Vgl. den Bericht von Andreas Oelze in dieser Ausgabe.
- Jörg M. Fegert und Frank Urbaniok, „Ritueller sexueller Missbrauch. Orientierung am Patientenwohl in einer polarisierten Debatte“, Der Nervenarzt, 17.4.2024, https://doi.org/10.1007/s00115-024-01652-2.
- Siehe Anm. 1.
- Bianca Liebrand, „Zersplitterung nach Therapie. Bedenkliche Auswirkungen der ‚Rituelle Gewalt Mind-Control‘-Theorie“, Sekten-Info NRW, 16.4.2024, https://sekten-info-nrw.de/information/artikel/esoterik/zersplitterung-nach-therapie---bedenkliche-auswirkungen-der-%E2%80%9Erituelle-gewalt-mind-control%E2%80%9C-theorie
- Andreas Mokros u. a., „Rituelle sexuelle Gewalt. Eine kritische Auseinandersetzung mit fragwürdigen empirischen Belegen für ein fragliches Phänomen“, Psychologische Rundschau, 15.4.2024, https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000663.
- Kai Funkschmidt, „‚Erklärvideo‘ des BMFSFJ zur sexualisierten Gewalt gegen Kinder verbreitet Verschwörungstheorie“, EZW, 24.3.2020, https://www.ezw-berlin.de/aktuelles/artikel/erklaervideo-des-bmfsfj-zur-sexualisierten-gewalt-gegen-kinder-verbreitet-verschwoerungstheorie-news/
- Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, „Kommentar zum Positionspapier von Mokros, A. et al. (2024), Rituelle sexuelle Gewalt“, Psychologische Rundschau, 15.4.2024, https://doi.org/10.1026/0033-3042/a000676.