Ingvild Flaskerud / Richard J. Natvig (Hg.)

Muslim Pilgrimage in Europe

Ingvild Flaskerud / Richard J. Natvig (Hg.): Muslim Pilgrimage in Europe, Routledge Studies in Pilgrimage, Religious Travel and Tourism, Routledge, Abingdon 2018, 204 Seiten, 119,41 Euro.

Der vorliegende Band über islamische Wallfahrt in Europa präsentiert elf unverbundene Aufsätze und eine Einleitung. Diese verweist bereits darauf, dass die Beiträge sich nicht nur mit der Hadsch, also einer der fünf Säulen des Islam, sondern auch mit anderen Formen von Wallfahrten befassen, die Muslime in Europa ausüben. So thematisiert das Buch einerseits die Hadsch europäischer oder in Europa lebender Muslime und andererseits muslimische Wallfahrten, die sich um Orte in Europa gebildet haben. Letztere können lokalen, aber auch transnationalen Charakter besitzen. Zwei der Essays weichen thematisch etwas von den übrigen ab: Ein Aufsatz befasst sich mit einer interreligiös angelegten Wallfahrt (184-198), und einer ist im Gegensatz zu den anderen Essays rein historisch ausgerichtet. Er stellt die Mekka-Pilgerfahrten britischer Islam-Konvertiten in der Zwischenkriegszeit dar (70-82).

Die ersten drei Beiträge stellen die Erfahrungen und Erinnerungen heutiger Mekka-Pilger aus Europa in den Mittelpunkt. Sie fragen auch nach der Bedeutung, die diesem Erlebnis durch die Wallfahrer zugesprochen wird. So kommt Marjo Buitelaar anhand seiner Forschungen unter niederländischen Muslimen mit Migrationshintergrund, die sich weder in westeuropäischen Ländern noch in den Herkunftsländern ihrer Eltern oder Großeltern vollständig integriert fühlen, zu dem Schluss, dass sie Mekka als ein spirituelles Heimatland sehen, in dem es nur zählt, Muslim zu sein (38). Mekka wird zu einem Sehnsuchtsort verklärt, der eine utopische Heimat bieten soll.

Dženita Karić befasst sich mit Hadsch-Berichten, die bosnische Pilger online veröffentlichen. Am Ende fasst sie zusammen, dass die neuen technischen Möglichkeiten zur Veröffentlichung von Hadsch-Berichten breit und in kompetenter Weise genutzt werden. Diese Entwicklung interpretiert die Autorin als eine Form der Demokratisierung des Genres der Hadsch-Berichte, da nun jeder seinen Blog erstellen oder andere Online-Publikationsformen nutzen kann. Letztlich bleiben inhaltlich starke Kontinuitäten zu den älteren, in Buchform publizierten Berichten bestehen. Die Konventionen des Genres werden in den online publizierten Berichten nicht in grundlegender Weise übertreten oder neu ausgehandelt (66).

Vier Beiträge wenden sich muslimischen Wallfahrtsorten auf dem Balkan zu. Hierbei ist insbesondere Ajvatovica in Bosnien im Blick, das auch als das „Mekka des Balkans“ bezeichnet wird (90). Dieser Wallfahrtsort befindet sich etwa 85 Kilometer westlich von Sarajevo in einem Gebirgszug und bildete früh einen Kristallisationspunkt für das bosnisch-muslimische Selbstbewusstsein nach dem Fall der kommunistisch-laizistischen Regierung Jugoslawiens. Der Ort ist ein Gedächtnisort für den islamischen Mystiker und Gelehrten Ajvaz Dedo, mit dem ein Quellwunder verbunden wird und der zur osmanischen Zeit im nahegelegenen Prusac lebte. Heute dient der Ort auch als Erinnerungsort an die an Muslimen während des Bürgerkriegs begangenen Kriegsverbrechen und zieht jährlich über 500 000 Pilger an. Dabei besitzt er überregionale oder transnationale Bedeutung, da beispielsweise auch Pilger aus der Türkei und der bosnischen Diaspora zu den Besuchern zählen.

Die Präsenz türkischer Flaggen und offizieller Delegationen aus der Türkei während der Festtagsprozession sieht Sara Kuehn als Zeichen für das stetig wachsende (kultur-)politische Engagement der Türkei in Bosnien-Herzegowina (106). Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass die Wallfahrt auch Kritik vonseiten in Bosnien ansässiger wahhabitischer Aktivisten ausgesetzt ist und sich im Jahr 2010 im Umfeld der Wallfahrt ein Bombenanschlag ereignete, dem Polizisten zum Opfer fielen (109). Mit diesen Verweisen thematisiert die Autorin die politische Dimension dieser Wallfahrt.

Francesco Piraino fragt in seinem Beitrag nach der Bedeutung von Wallfahrten, nicht nur derjenigen nach Mekka, für Anhänger von Sufi-Orden, deren persönlicher Hintergrund westlich-europäisch ist (157-169). Er kommt zu dem Schluss, dass die etwa für südasiatische Anhänger von Sufi-Gemeinschaften zentralen Wallfahrten zu den Schreinen mit den Gräbern der Sufi-Heiligen für westliche Anhänger zumeist weniger Bedeutung haben. Diese zieht es primär zu den lebenden Sufi-Meistern der Gemeinschaften, denen sie persönlich begegnen möchten (166). Infolge einer solchen Begegnung kann sich dann auch die besondere Bedeutung eines Schreins als Ort der intensiven Segenskraft (baraka) erschließen.

M. Amer Morgahi stellt eine Wallfahrt zu dem Schrein eines Sufi-Meisters mit pakistanischem Hintergrund in England dar, wobei die Besucher insbesondere auch aus den Niederlanden und Surinam anreisen. Morgahi bietet im Gegensatz zu Piraino ein direktes Fallbeispiel und nicht eine allgemeine Darstellung.

Der abschließende Aufsatz führt in die Bretagne. Manoël Pénicaud stellt in seinem Beitrag „Muslim pilgrims in Brittany: Pilgrimage, dialogue and paradoxes“ eine von dem berühmten Islamwissenschaftler und Wegbereiter christlich-muslimischen Dialogs Louis Massignon (1883 – 1962) in den 1950er Jahren initiierte christlich-muslimische Wallfahrt vor, die an der auch im islamischen Kontext bekannten Legende der Heiligen Sieben Schläfer von Ephesus anknüpft (184-198). Der Autor verfolgt die Geschichte dieser Wallfahrt und analysiert die gegenwärtige Situation, indem er ein Profil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erstellt und versucht, die Beweggründe für die Teilnahme zu erheben. Dabei zeigt er, dass es eine klar katholisch geprägte Veranstaltung ist, zu der muslimische Teilnehmer hinzukommen, etwa auch gemischtreligiöse Paare. So formuliert Pénicaud, wobei hier im englischen Original zitiert werden muss, um das Wortspiel beibehalten zu können: „Islam becomes the ‚invited religion‘ in an ‚invented pilgrimage‘“ (193). Abschließend stellt der Autor die Frage, ob diese Wallfahrt, die einmal als Gelegenheit gemeinsamer devotion gedacht war, sich in Zukunft immer stärker hin zu einem Forum für intellektuellen interreligiösen oder interkulturellen Dialog entwickeln wird (196).

Der Sammelband beleuchtet Aspekte muslimischen Wallfahrtswesens, die in der breiten Öffentlichkeit wenig wahrgenommen werden und bisher auch wenig erforscht sind. Natürlich stellt die Wallfahrt nach Mekka einen der bekanntesten Aspekte des Islam dar. In öffentlichen Diskursen erscheint sie im Blick auf ihre spezifische Aneignung durch europäische Muslime gegenwärtig jedoch primär Debatten zugeordnet, die um die Stichworte Identität oder gar Radikalisierung kreisen. Die mit der Hadsch-Rezeption befassten Beiträge eröffnen andere Aspekte und können ein Gegengewicht zu der genannten einseitigen Betrachtungsweise bilden.

Die Existenz muslimischer Wallfahrtsorte in Europa ist einer breiten Öffentlichkeit fast vollständig unbekannt. Hier eröffnet das Buch Blicke auf jüngste Entwicklungen, aber auch auf Zeugnisse der jahrhundertealten Präsenz des Islam in Europa. Das Buch, das leider keine speziellen Beträge zum deutschsprachigen Raum enthält, lädt aber dazu ein, die entsprechenden Themen auf die Situation in Deutschland zu übertragen und zu untersuchen. Dass sich der abschließende Betrag einem Dialogprojekt widmet, das auf einer christlich-muslimischen Wallfahrt basiert, mag dazu animieren zu fragen, welche Rolle Wallfahrten und die mit ihnen einhergehende emotionale Dimension, die in vielen Beiträgen des Bandes hervorgehoben wird, für den christlich-muslimischen Dialog spielen.

Abschließend ist an den Verlag die Frage zu stellen, warum er ein Buch, das über 100 Euro kostet, zwar als Hardcover, aber dennoch in einer wenig überzeugenden Druckqualität ausliefert. Bei diesem hohen Preis wären durchgehend gute Abbildungen und ein Schriftsatz, der den Text konstant in sattem Schwarz bietet, eigentlich selbstverständlich.


Harald Grauer, Sankt Augustin