Machtmissbrauch im Spirituellen Coaching
Phänomene, Gegenmaßnahmen, Prävention
Spirituelles Coaching – was ist das?1
Im April 2024 begann in München der Prozess gegen einen Coach und „Hellseher“, der eine Frau psychisch von sich abhängig gemacht haben soll, indem er ihr suggerierte, dass ihr schweres Unglück drohe und allein er in seiner Eigenschaft als „Medium“ dies abwenden könne. Seine „spirituellen Dienstleistungen“ ließ er sich mit sage und schreibe 1,6 Millionen Euro vergüten – aus Sicht der Staatsanwaltschaft ein Fall von emotionalem und spirituellem Missbrauch. Ein sicher extremes Beispiel, das aber zeigt, welche manipulative Macht vermeintlich spirituellen Angeboten am Coachingmarkt innewohnen kann; am Ende steht mitunter nicht nur der seelische, sondern auch der finanzielle Ruin.
Doch spirituelle Coachings boomen. Das bestätigen nicht nur die Trefferlisten beim Eingeben des Begriffs in diverse Suchmaschinen. Auch Beratungsstellen für Sekten- und Weltanschauungsfragen verzeichnen eine stark wachsende Zahl von Anfragen zu dem Thema. Aber was ist das eigentlich – spirituelles Coaching? Vordergründig liegt die Antwort nahe: Es handelt sich um Interventionen, die nicht wie im klassischen Coaching nur einen Teilaspekt der Existenz eines Menschen in den Blick nehmen – zum Beispiel Beruf und Karriere –, sondern umfassende Fragen zum Lebenssinn stellen – und im Idealfall beantworten. Lebenskrisen wie Krankheiten, Arbeitslosigkeit oder gescheiterte Beziehungen werden dabei typischerweise nicht als Pech oder Unglück oder als Ausdruck einer unvollkommenen Welt gedeutet, sondern als Teil eines größeren Sinnzusammenhangs gesehen, der im Rahmen des Coachings aufgedeckt und verstanden werden könne. In entsprechenden Angeboten geht das oft mit großen Versprechungen einher wie dem eines befreiten und erfolgreichen neuen Lebens. Bei der spirituellen Coachin Angelika Gulder liest sich das zum Beispiel so:
Wir sind alle spirituelle Wesen […]. Wir alle bestehen zum größten Teil aus Schwingung […]. Seele, Geist und Körper, die beruflichen, persönlichen, spirituellen und energetischen Themen, das ist aus meiner Erfahrung alles gleichermaßen wichtig […]. […] Du [hast] jetzt die Chance, Dich […] auf all diesen Ebenen umfassend und nachhaltig weiterzuentwickeln. […] So erschaffst Du Dir ein Business, das Dich glücklich macht und gleichzeitig anderen dient.2
Immer wieder stößt man auf die Behauptung, dass solche spirituellen Coachings „neutral“, also weltanschaulich ungebunden seien. Das Coaching-Institut „Onaris. Konzept für persönliche Entwicklung“ erklärt:
Sie wünschen sich den Aufstieg in eine bessere Position, müssen am Arbeitsplatz mit Konflikten umgehen, oder wollen andere berufliche Ziele erreichen? Das spirituelle Business Coaching begleitet Sie […] durch neutrale Impulse.3
Doch Zweifel an der „Neutralität“ spiritueller Coachingangebote sind angebracht. Wenn etwa die zitierte Angelika Gulder sagt, dass „wir aus Schwingung“ bestünden, wird doch sehr deutlich, dass ihr Menschenbild offensichtlich esoterisch geprägt ist. Das bestätigt sich auch bei der weiteren Auswertung ihres Instituts „Coaching Up“. Gulder beschäftigt als „Senior Coach“ eine Mitarbeiterin mit Kompetenzen in „Rückführungstherapie“, „Erdenengel-Coaching“ und „Seelen-Navigation“, und die Institutschefin selbst weist sich mit Qualifikationen wie „Tarot-Kartenlegerin“, „spirituelle Lehrerin“ und „Medium“ aus.4
Spiritualität mag individuell sein – neutral ist sie nicht. Sie kommt notfalls ohne festes Glaubensgebäude und ohne Dogmatik aus. Doch die Antworten, die im Zuge einer spirituellen „Bewusstseinserweiterung“ entstehen, dürften sich schwer von den weltanschaulichen und religiösen Prägungen der beteiligten Personen trennen lassen. Wer etwa ein neurobiologisches Menschenbild vertritt, wird die Grundfragen des Seins anders beantworten als jemand, der von „kosmischen Schicksalsgesetzen“ überzeugt ist. Und dessen Antworten werden sich wiederum unterscheiden von denen einer Person, die an die Einmaligkeit jedes Menschen, die Hoffnung auf ein Jenseits oder eine Gottesbeziehung glaubt. Der Religionssoziologe Anton Bucher, Verfasser des Handbuchs Psychologie der Spiritualität, definiert Spiritualität als „Verbundenheit […] zu einem den Menschen übersteigenden, umgreifenden Letztgültigen, […] das für viele nach wie vor das Göttliche ist.“5 Das bedeutet: Jede spirituelle Herangehensweise zielt auf den privatesten Kern einer Person mit ihren Werten, Überzeugungen und Erfahrungen. Hier scheinen denn auch die ersten Risikofelder eines Machtmissbrauchs auf: Tritt der Coach selbstbewusst auf und begreift sich als „spirituellen Lehrer“, während der Klient oder die Klientin infolge einer Krise unsicher und suchend sind, entstehen asymmetrische Beziehungen, in denen die Versuchung für den Coach groß sein kann, das Gegenüber in Richtung der eigenen Weltanschauung zu beeinflussen. Spirituelle Interventionen beinhalten deshalb per se die Gefahr von Grenzüberschreitungen, ob bewusst oder unbewusst, ob religiös eingebunden oder nicht.
Nicht nur spirituelle Coachings sind spirituell
Noch einen weiteren Punkt sollte man sich bewusst machen: Coachings besitzen generell eine Nähe zum Spirituellen, sogar dann, wenn dies nicht explizit kommuniziert wird. Einfach deshalb, weil die Fragen dieselben sind, die auch in religiös-spirituellen Kontexten gestellt werden (und übrigens auch in psychologischen und philosophischen). Es sind die Grundfragen des Seins: Wer bin ich? Warum bin ich? Wo will ich hin? Was macht mich glücklich? Was ist der Lebenssinn? Die Seele ist also immer involviert, der Übergang zu einer wie auch immer gearteten „Seel-Sorge“ fließend. Das gilt auch für viele der Methoden, die heute im Coaching zur Anwendung kommen. Zum Beispiel die Meditation, die inzwischen inflationär in immer mehr säkularen Bereichen auftaucht, etwa in der Gesundheitsprävention – und nicht immer so harmlos ist, wie man meint. Neuere Studien haben nachgewiesen, dass Meditation und „Achtsamkeitsübungen“ bei labilen oder traumatisierten Menschen durchaus relevante Nebenwirkungen haben können, die allerdings selten kommuniziert werden.6
Ein weiteres Bindeglied zwischen Religion, Spiritualität und Coaching ist das Thema Glauben. Denn darum geht es ja letztlich auch in Mentaltrainings: Um die „Glaubenssätze“ der Klientinnen und Klienten. Viele Coachs gehen davon aus, dass Problemen ein sogenanntes „negatives Mindset“ in Form von Zweifeln oder pessimistischen Sichtweisen zugrunde liege. Also zum Beispiel „Ich schaffe das nicht“ oder „Als über 50-Jähriger mit einer Behinderung habe ich auf dem Arbeitsmarkt doch sowieso keine Chance“. Statt die Frage zu stellen, ob solche „negativen“ Überzeugungen nicht durch die reale Lebenserfahrung der Betroffenen mitbegründet sein könnten, werden im Coaching häufig „negative Einstellungen“ – und damit letztlich die Betroffenen selbst – als Ursache von Arbeitslosigkeit, Einsamkeit, Krankheit etc. identifiziert. Eine Ursache-Wirkung-Umkehr sozusagen: Jeder trage die Lösung seiner Probleme bereits in sich, heißt es dann – indem er seine „negativen Glaubenssätze“ im Zuge des Coachings durch positive ersetze und so den Weg frei machen könne für eine Veränderung hin zu Gesundheit, Arbeit, Erfüllung usw. Das „alte Ich“ muss sozusagen sterben, damit ein „neues Ich“ voller „Energie“, Positivität und Erfolg geboren werden kann. Es ist dasselbe Muster wie bei einer religiösen Bekehrung; und es findet sich denn auch in den Entstehungslegenden mancher Coachingmethode. Prominentes Beispiel ist der mittlerweile verstorbene Gründer und „Übervater“ der Positiven Psychologie, Martin Seligman. Als Klinischer Psychologe hatte er sich einst einen Namen mit der Erforschung von Depressionen gemacht. Seine Wandlung zum Positiven Psychologen habe sich in nur einem einzigen Moment vollzogen – als ihn seine Tochter gefragt habe, „wie lange er noch Griesgram“ sein wolle. Dadurch sei ihm klargeworden, dass er bisher in Finsternis gelebt habe. Seligman: „In diesem Augenblick beschloss ich, mich zu ändern.“ Das bedeutete, fortan nur noch für positive Emotionen zu leben und allen Menschen die Botschaft der Positiven Psychologie zu verkünden.7 Hier wird klar der Topos einer „Umkehr“ bemüht – inklusive eines anschließenden ausgeprägten Missionsdrangs.
Spiritualität im Coaching ist keine Einbahnstraße
Solche Vermischungen von Coachingangeboten mit religiösen Anleihen sind jedoch keine Einbahnstraße, die nur von den Coachs ausginge – auch dieser Punkt erscheint mir wichtig. Sie sind vielmehr ein wechselseitiger Prozess, in dem auch Klientinnen und Klienten eine Rolle spielen. Wir erleben seit Jahren einen Wegfall traditioneller religiöser Bindungen; heute ist weniger als die Hälfte der Deutschen Mitglied einer Religionsgemeinschaft. Das heißt aber nicht, dass damit auch das Bedürfnis nach spiritueller Orientierung verschwunden wäre. Interessant sind Umfragen, in denen sich eine Mehrheit zwar nicht als religiös, jedoch als spirituell bezeichnet.8 Insofern halte ich die verbreitete These von der „Säkularisierung der Gesellschaft“ für zwiespältig. Treffender erscheint mir Habermas’ Begriff des Postsäkularismus: Was wir erleben, ist in Wahrheit eine hochgradige Individualisierung des Spirituellen, die sich unter anderem in einem verstärkten Zulauf zu sogenannten Sekten und fundamentalistischen Gruppen, einer Überhöhung von Lebensstilen zu Ersatzreligionen – ich denke an extreme Formen des Veganismus und des Gesundheitskults – und nicht zuletzt in einem Boom esoterischer Seminare und Literatur offenbart. Hinzu kommt, dass wir in der wohl am meisten krisengeschüttelten und in der instabilsten Zeit seit 1945 leben und diese Unsicherheit erstmals auch die vermeintlich gesicherten westlichen Gesellschaften erfasst.
In dieser Lage haben manche Menschen eine hohe – und mitunter „spirituelle“ – Erwartungshaltung an ein Coaching und sehen in Coachs so etwas wie Ersatzseelsorger. Letztere nehmen diese Rollenzuschreibung mitunter dankbar an, beziehen einen Teil ihres Selbstverständnisses daraus und erkennen überdies den lukrativen Markt, der sich da auftut. So kommt eine wechselseitige Dynamik in Gang, an deren Ende die Aufgabe eines zentralen Prinzips professioneller Beratung stehen kann: nämlich zwischen der Arbeit als Coach und den eigenen Glaubensüberzeugungen zu trennen. Im Extremfall stehen dann nicht mehr die Sorgen und Nöte der Klientinnen und Klienten im Mittelpunkt, sondern das Bedürfnis des Coachs nach Selbstvergewisserung und Bestätigung.
Es existieren also strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Coachingskripten und religiösen Skripten. Und deshalb ist es naheliegend, dass auch die Mechanismen des Machtmissbrauchs ähnlich aussehen können. Einige davon möchte ich im Folgenden darstellen.^
Phänomene des Machtmissbrauchs im spirituellen Coaching
Strukturelles Machtgefälle
Die Fälle sexualisierter Gewalt, mit denen wir uns in den letzten Jahren in vielen Bereichen der Gesellschaft auseinandersetzen mussten, haben eines verdeutlicht: Missbrauch geschieht meist dort, wo Personen sich nahe sind, sich aber nicht auf Augenhöhe begegnen. Abhängigkeiten psychologischer oder materieller Natur, verschiedene Positionen innerhalb einer Gruppe oder ein unterschiedlicher seelischer, geistiger, körperlicher oder rechtlicher Status schaffen oft erst die Voraussetzungen, unter denen Einzelne dann ihre Position missbräuchlich nutzen können. Diese Erkenntnis lässt sich auf Formen nichtsexualisierten Missbrauchs übertragen – also auf das, was wir emotionalen, psychologischen oder spirituellen Missbrauch nennen.
Im Coaching haben wir es in fast unvermeidlicher Weise mit einem Machtgefälle zu tun: Wer einen Coach aufsucht, befindet sich in einer – relativ gesehen – abhängigen Position. Wer etwa im Rahmen einer Personalentwicklungsmaßnahme in ein Coaching geschickt wird, wird sich kaum verweigern, wenn er seinen Job und seine Karriere nicht gefährden will. Noch mehr gilt das für Menschen, die im Zuge eines Transferbezugs wie zum Beispiel Bürgergeld mit Coaching in Berührung kommen. Hier können bei Ablehnung sogar Sanktionen greifen. Von einer Freiwilligkeit, wie sie vom Deutschen Bundesverband Coaching e. V. (DBVC) – einem der wenigen seriösen Dachverbände der Branche – als unbedingte Voraussetzung für erfolgreiches Coaching gefordert wird, kann in der Praxis daher nicht immer ausgegangen werden.
Erfolgt die Buchung eines Coachings hingegen auf eigene Initiative, kann man vordergründig natürlich von einer freien Entscheidung sprechen. Doch wer sich derartige Hilfe sucht und dafür aus eigener Tasche viel Geld zu zahlen bereit ist, hat vermutlich ein Problem, ist also möglicherweise in einer vulnerablen Lebenslage. Sucht jemand speziell ein spirituelles Coaching auf, deutet dies darauf hin, dass er eine umfassende Orientierung braucht, sich also möglicherweise in einer Sinnkrise befindet. Coachs sind daher strukturell fast immer in einer Position der Überlegenheit, was ein hohes Maß an Verantwortung bedeutet.
Die „Hiobsfalle“
Der Einstieg in eine psychologische Abhängigkeit erfolgt oft über etwas, das ich die „Hiobsfalle“ nenne. Wir alle kennen die Geschichte von Hiob, der ein rechtschaffenes Leben führt und trotzdem vom Schicksal hart getroffen wird. Warum? Es ist die ewige Frage nach dem Grund des Leidens. Haben wir etwas falsch gemacht, haben wir uns „versündigt“? Sind wir somit selbst die Ursache unseres Schicksals? Das ist die Position, die Hiobs Freunde einnehmen: Irgendwas kann mit deinem Leben nicht stimmen, du musst irgendwo die falsche Abzweigung genommen haben, sonst könnte es gar nicht sein, dass das so schlecht läuft bei dir. Die „Freunde“ repräsentieren damit die Position, die, übertragen auf unser Thema, „Seelenfänger“ jeglicher Couleur einnehmen: Sie tasten das Leben einer Person systematisch nach Schicksalsschlägen, offenen Flanken, Wunden und gescheiterten Projekten ab. Und werden dabei immer fündig – weil es in einer unvollkommenen Welt wie unserer kaum ein Leben gibt, in dem keine schmerzhaften Erfahrungen, keine Defizite, keine Nöte, keine geplatzten Hoffnungen oder unerfüllten Sehnsüchte vorkommen. Sie gehören zum Erfahrungshintergrund menschlichen Seins und entziehen sich einer eindeutigen Erklärung. Das bestätigt auch Hiobs Geschichte, in der sich Gott am Ende zuschaltet, aber mit keinem Wort die These von einer vermeintlichen Strafe aufgreift oder gar unterstützt: Die Schöpfung ist viel zu komplex, als dass wir sie überall durchschauen könnten. Die Frage des Leidens bleibt daher rätselhaft und für die Betroffenen – so quälend dies ist – nicht auflösbar.
Doch genau das – das Schicksal eines Menschen genau durchschauen und auflösen zu können – geben Seelenfänger vor. Bei christlichen Fundamentalisten liegt die Ursache für das Leid einer Person dann darin, dass sie sich „nicht bekehrt und mit Gott versöhnt“ habe, „Jesus nicht kennt“ oder – angeblich – „von Gott getrennt“ lebe. In esoterischen Narrativen wiederum haben die Betroffenen gegen „kosmische Gesetze“ verstoßen, tragen „negative Energien“ in sich, müssen „schlechtes Karma“ aus „früheren Leben“ abtragen oder eine vom „Universum“ gestellte „schwere Lernaufgabe“ erfüllen, um „spirituell zu wachsen“. In allen Fällen sind die Betroffenen am Ende immer selbst verantwortlich für ihr gesamtes Leid – und auch für ihre Erlösung. Die Organisation „Yoga-Vidya“, einer der größten Yoga-Anbieter in Deutschland, dem Kritikerinnen und Kritiker sektenartiges Gebaren vorwerfen, hat zur Hiobsfrage eine klare Position:
Warum gibt es Unrecht auf dieser Welt? Antwort: Es gibt nicht wirklich Unrecht auf dieser Welt. Von einem höheren Standpunkt aus kommt genau das auf uns zu, was wir brauchen […]. Vom kosmischen Standpunkt geschieht das, was geschehen soll.9
Das würde konkret bedeuten, dass etwa die Menschen, die in der Ukraine von Putins Bomben getroffen werden, das so „brauchen“ und die Gewalt, die sie erleben, „kosmisch“ betrachtet, „geschehen soll“. Eine zynische Täter-Opfer-Umkehr, die in spirituellen Coachingkonzepten aber leider viel zu oft vorkommt und meines Erachtens bereits eine Form der Übergriffigkeit darstellt: Wenn ich jemandem sage, dass er seine Krankheit oder ein ihm widerfahrenes Unrecht quasi „gesetzmäßig“ verdiene und es sogar seine „Aufgabe“ sei, das zu erdulden, mache ich ihn zum Objekt. Mehr noch: Wem ich sowas erfolgreich einrede, dem entziehe ich jeden Impuls, sich zu wehren. Eine hochwirksame – und hochgradig missbräuchliche – Strategie der Macht.
„Bewusstseinsstufen“ und hierarchisches Denken
Das obige Yoga-Vidya-Zitat enthält noch einen weiteren Baustein der Macht, der uns in spirituellen Angeboten begegnet: Da ist von einem „höheren Standpunkt“ die Rede, von dem aus betrachtet „es kein Unrecht“ gebe. Damit wird eine Ethik der Unterscheidung von Recht und Unrecht, wie sie der Aufklärung, der Demokratie und der Idee der Menschenrechte zugrunde liegt, negiert. Wer in einem brutalen Gewaltakt etwas „Positives“ sieht, hätte im Gegenteil nach diesem Modell eine „höhere Erkenntnis- und Bewusstseinsstufe“ erreicht. Ein hierarchisches Denken mit der Einteilung von Menschen in Vertreter „niedrigerer“ und „höherer“ „Bewusstseinsstufen“ ist ein Merkmal, das wir von sogenannten Sekten und Sondergemeinschaften nur zu gut kennen – und das jedem demokratischen und menschlichen Miteinander widerspricht. Denn wer hätte die Kompetenz und das Recht, in einer offenen Gesellschaft festzulegen, welche „Bewusstseinsstufe“ der jeweils andere gerade hat? In vielen spirituellen Coachingangeboten geschieht jedoch genau das. Die eingangs zitierte Coachin Angelika Gulder etwa stellt eine ganze Skala von „Seelenstufen“ auf, die von der „ängstlichen Baby-Seele“ und „trotzigen Kind-Seele“ über die produktive „reife Seele“ bis hin zur „alten Seele“ führt: Erst wer dorthin „aufgestiegen“ sei, habe „die wesentlichen Schritte verstanden“.10 Viele „Medien“ und „spirituelle Lehrer“ befänden sich auf dieser höchsten Entwicklungsstufe. Das Berliner Coaching-Institut Nielsen zielt in dieselbe Richtung und skizziert die Entwicklung der Menschheit nach einem Modell des amerikanischen Psychologen Clare W. Graves in acht Stufen. Während Demokratie, Frauenemanzipation und Menschenrechtsfragen niedrigen „mangelorientierten“ Stufen der „Bürokratie“ und „Gemeinschaft“ zugeordnet werden, steht als Ziel am Ende ein sogenanntes „delphinisches“ und „holistisches Zeitalter“, das durch „natürliche Rangordnungen“ und die „Auflösung von Pluralitäten“ gekennzeichnet sein werde; diese höchste Entwicklungsstufe habe bisher aber nur ein Prozent der Menschheit erreicht.11 Spirituelle Coachs wähnen sich selbst oft auf einer vermeintlich „höheren Bewusstseinsstufe“ – während sie ihr Gegenüber mit solchen hierarchischen Modellen jederzeit zum Beispiel als „trotzige Kinderseele“ auf die Plätze verweisen können. Besser kann man psychologische Machtausübung eigentlich nicht beschreiben: Wem es gelingt, den eigenen Klientinnen und Klienten ein solches Denken erfolgreich zu vermitteln, kann sich beruhigt zurücklehnen. Denn Einwände, Kritik oder Erfahrungen, die nicht in das vom Coach favorisierte Muster passen, kann dieser einfach als Ausdruck einer „niedrigeren Bewusstseinsstufe“ abqualifizieren. Spirituelle Systeme, die mit Hierarchien von „Bewusstseinsstufen“ arbeiten, sind daher grundsätzlich als machtmissbräuchlich anzusehen.
Binäre Codes
Ein viertes Element der Machtstrategie im spirituellen Kontext nenne ich „binäre Codes“. Darunter verstehe ich (Schein-)Wahlmodelle, vor die Menschen gestellt werden, in denen es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder-oder, Schwarz oder Weiß, Null oder Eins. Doch bei genauerer Betrachtung gibt es nicht einmal diese – weil eine der beiden Optionen mit so furchteinflößenden Konsequenzen für die Betroffenen belegt ist, dass ihnen am Ende eigentlich gar nichts anderes übrig bleibt, als sie zu verwerfen. Es ist das, was man in der Theologie ein „exklusives Heilsverständnis“ nennt: Es gibt nur einen Weg zur (Er-)Lösung, den man annehmen oder ablehnen kann. Wir haben es hier also mit einem „binären Code“ zu tun: kein Aber, kein Vielleicht, keine Alternativen, keine Differenzierung. Zwar wird suggeriert, dass es sich um eine „freie“ Entscheidung handele, zugleich aber klargestellt, dass all jene, welche die Option „Ablehnen“ wählen, sich damit selbst vom Heil ausschlössen. Wir kennen solche binären Codes unter anderem aus der fundamentalistisch-freikirchlichen Szene: Entweder man „übergibt sein Leben“ dem „Herrn Jesus“ und erlangt ewige Glückseligkeit im Himmel. Oder man „entscheidet“ sich gegen das „Angebot“ zur „Umkehr“ und wird dem Tode oder gar ewiger Verdammnis überantwortet. Manchmal wird Letzteres auch nochmals ausdrücklich konkretisiert: Höllenqualen bis in alle Ewigkeit, ewiges Getrenntsein von den Liebsten, eine nicht mehr endende, „ewige Finsternis“. Doch man habe es ja selbst in der Hand und könne „frei“ wählen: Null oder Eins, Erlösung oder Verdammnis. Man ist selbst der Schöpfer des eigenen Lebens und sogar der eigenen Ewigkeit. Es ist fast wie im Coaching.
Es versteht sich von selbst, dass ein solches binäres Modell in Wahrheit natürlich nichts mit Freiheit zu tun hat. Denn jemanden vor ein System mit zwei Optionen zu stellen und ihm für den Fall der einen mit ultimativen Konsequenzen zu drohen, ist eine ultimative Form der Machtausübung. Mit diesem Narrativ kann man – insbesondere über seelisch vulnerable Menschen – die Kontrolle übernehmen und dabei schwere psychische Verletzungen verursachen. Mir wurde der Fall eines Mädchens berichtet, dem in einem fundamentalistischen Milieu „erfolgreich“ eingeredet wurde, ihre an Krebs verstorbene „nicht bekehrte“ beste Freundin sei nun unwiderruflich „verloren“ und in der Hölle; die junge Frau glaubte die „Botschaft“ und war darüber so verzweifelt, dass sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. Ich würde so weit gehen, binäre Codes, insbesondere wenn sie mit Drohungen wie einer „ewigen Verdammnis“ verknüpft sind, als eine Form psychischer Gewaltausübung einzustufen. Sie haben deshalb in einer religiösen oder spirituellen Praxis mit menschlichem Antlitz nichts zu suchen.
Ahmad Mansour, dessen vor allem auf den islamistischen Extremismus bezogene Analysen durchaus auch auf andere machtmissbräuchliche Systeme übertragbar sind, erklärt, der Missbrauch beginne eigentlich bereits da, wo Menschen in „Gläubige“ und „Ungläubige“ unterteilt werden:
„Wenn ich diesen Exklusivitätsanspruch, der im konservativen und radikalen Islam, aber auch im Christentum und Judentum vorhanden ist – wenn wir anfangen, Menschen in Gläubige und Ungläubige zu teilen, dann muss ich sagen, dass diese Art und Weise von Religiosität Rassismus und Vorurteile zementiert.“12
Ich würde dem uneingeschränkt zustimmen. Binäre Codes und binäres Denken gibt es aber nicht nur in der Religion, sondern auch im spirituellen Coaching. Das bekannteste Beispiel ist das sogenannte „Gesetz der Anziehung“. Ihm liegt die – esoterische und wissenschaftlich durch nichts beweisbare – Vorstellung zugrunde, dass man mit der „Entscheidung“ für die „richtigen“ (positiven) oder eben „falschen“ (negativen) Gedanken das eigene Schicksal selbst bestimme. Laura Malina Seiler, Herausgeberin der in hoher Auflage erscheinenden Zeitschrift I am – Magazin für persönliche und spirituelle Weiterentwicklung, vertritt diese Idee offensiv:
Das Gesetz der Anziehung matched […] immer das, was du auf einer tieferen Ebene glaubst und wovon du überzeugt bist. Denn das, wovon du überzeugt bist, […] ist die Energie, die du nach draußen sendest – und auch wieder empfängst! […]. Lass […] die negativen Glaubenssätze und Überzeugungen los und transformiere sie in positive, damit du dir das Leben erschaffen kannst, das du dir wirklich wünschst.13
Ich muss meine Überzeugungen „transformieren“ und ab jetzt „richtig“ glauben – dann werde ich erlöst und alles wird gut. Die Analogie zu einem religiösen Bekehrungsakt ist offensichtlich. Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wem es nicht gelingt, an das Richtige zu glauben, den erwartet sein – selbstverantworteter – Ausschluss vom Heil. Das Coaching-Institut „HOCHiX Akademie für außergewöhnliche Menschen“, das unter anderem „Blitzcoachings“ anbietet, um Transformation mit nur „einem Impuls“ in Gang zu setzen, deutet denn auch Lebenslagen wie Armut und Scheitern als durch „falsches“ Denken von den Betroffenen selbst verantwortete Phänomene und untermauert dies mit einer Geschichte von zwei Brüdern:
Paul und Otto sind erwachsene Zwillingsbrüder. Ihr Elternhaus war […] geprägt von Gewalt, Drogen und Ängsten. Paul ist heute ein glücklicher, gesunder, erfolgreicher Geschäftsmann. […] Otto lebt auf der Straße […]. Paul […] hat seine Gedanken […] darauf gerichtet, ein Leben nach seinen Vorstellungen aufzubauen. […] In sein Leben [ist deshalb das] getreten, worauf er sich fokussiert hat.14
Jeder bekommt in diesem Modell das, was er selbst gewählt hat: Die Welt wird auf einmal wunderbar einfach und unkompliziert. Das dürfte auch der Grund sein, warum solche binären Codes immer wieder so verfangen und vielen attraktiv erscheinen. In Wahrheit sind sie jedoch in jedem Fall einschränkend und intolerant und werden dem menschlichen Maß nicht gerecht – weil der Mensch niemals binär ist, sondern hochkomplex und individuell. Binäre Codes in spirituellen und religiösen Kontexten müssen daher ebenfalls als autoritäres Machtinstrument betrachtet werden.
Glauben als „Willensakt“
Untrennbar damit verbunden ist die Vorstellung, dass Glaube – sowohl der an Gott in der Religion als auch der „an sich selbst“ oder „an das Positive“ im Coaching – keine Frage des Könnens, sondern eine des Wollens sei. Also etwas, für oder gegen das man sich jederzeit „frei entscheiden“ könne. Eine fragwürdige Vorstellung. Schon Arthur Schopenhauer stellte fest: „Der Glaube ist wie die Liebe: Er lässt sich nicht erzwingen.“ Manche Religionen wie das Judentum definieren sich deshalb stärker über Glaubensrituale als über eine persönliche „Glaubensentscheidung“ – eben weil diese sich oft der Verfügbarkeit entzieht. Eine Jüdin aus Niedersachsen erzählt:
„Was mich an dem jüdischen Glauben fasziniert? Dass du nicht jüdisch sein musst, um ein guter Mensch zu sein. Das Judentum ist keine Religion, die dich missioniert. Im Gegenteil: Die Religion nimmt dich so hin, wie du bist.“15
Der jüdische Publizist Günther Bernd Ginzel ergänzt, dass „Zweifel und die aus dem Zweifel resultierende Form des Nachdenkens […] konstitutiv ist fürs Judentum“.16 Der erste Bundeskanzler und bekennende Katholik Konrad Adenauer war der Meinung, dass Glauben-Können eine Gnade sei. In einem Gespräch mit dem amerikanischen Baptistenprediger Billy Graham grenzte er sich 1963 von dessen Vorstellung vom Glauben als einem Willensakt ab:
„Nehmen Sie mir bitte die Bemerkung nicht übel, aber wenn ich sehe, wie sicher Sie im Glauben sind, dann bin ich froh, daß ich katholisch bin. Wissen Sie, als Katholik muss man nicht so sicher sein. […] Glaube ist eine Gnade, die man nicht erzwingen kann.“17
Es spricht viel dafür, dass er recht hatte und Glauben-Können etwas ist, das ganz viel mit Persönlichkeitsstrukturen, Lebenshintergründen und individuellen Prägungen eines Menschen zu tun hat, zum Teil sogar mit unseren Genen, wie neuere Forschungen nahelegen.18 Wie auch immer man aber zu der Frage steht, über eines sollte Einigkeit bestehen: Eine Struktur, in der jemandem eine Entscheidung für oder gegen den Glauben an etwas in einer ultimativen Form abverlangt wird, indem ihm Strafe oder Unglück im Falle des Unglaubens angedroht wird, ist übergriffig – und damit machtmissbräuchlich.
Spirituelles Coaching als Social-Media-Geschäftsmodell
Durch die Corona-Pandemie sind zahlreiche Seminare, Workshops, Fortbildungen und Veranstaltungen ins Internet verlegt worden. Viele dieser Online-Strukturen sind nach dem Ende der Pandemie geblieben. Zugleich hat die Corona-Zeit Phänomene wie Vereinsamung, Ängste und Sinnkrisen und damit die Nachfrage nach spiritueller Orientierung noch einmal gewaltig anschwellen lassen. Diese Entwicklungen bilden den Nährboden für einen neuen Trend am Coaching- und Spiritualitätsmarkt: der Verbindung von Coaching und Social Media. Ein Musterbeispiel dafür ist die schon erwähnte Laura Malina Seiler, die bisweilen als „Superstar der spirituellen Coachingszene“ gefeiert wird. Bei Auftritten, etwa in der Münchener Olympiahalle, wird sie von Tausenden wie ein Popidol bejubelt. Auch Seiler bietet ihre Spiritualitätsworkshops über soziale Netzwerke im Internet an. Der Journalist Martin Gommel hat ausgerechnet, dass schon ein einziges Online-Seminar zum Preis von 111 Euro angesichts von 4.000 Teilnehmenden 444.000 Euro einbringt. Wie hehr die Absichten auch sein mögen, es ist in jedem Fall zugleich ein großes Geschäft.19 Bei Seilers Angeboten kann man überdies einige der Mechanismen psychologischer Macht und Beeinflussung wiederfinden, die ich oben beschrieben hatte. Am Beginn ihres Kurses werden Fragen gestellt wie „Hast du den Eindruck, nicht gut genug zu sein? Hast du Geldsorgen? Bist du neidisch auf das, was andere erreicht haben?“ Da treffen wir auf die „Hiobsfalle“: Unser Leben wird systematisch nach wunden Punkten abgetastet, für die Seiler sich dann als Heilerin anbietet und „Transformation in allen Lebensbereichen“ verspricht. Es folgt eine Meditation, zu der „alle Lichtwesen, die unterstützend wirken können“, eingeladen werden. Hier wird nochmal deutlich, dass spirituelles Coaching eben nicht „neutral“ ist, sondern sich aus einem Sammelsurium meist esoterischer Bausteine bedient. Dazu gehört fast immer, wie schon weiter oben gezeigt, das „Gesetz der Anziehung“ als eines der zentralen Elemente in Seilers Philosophie der „Transformation“:
„Du hast ja nicht nur deinen materiellen Körper […]. Du hast […] vor allen Dingen ein energetisches Magnetfeld, […] das […] alles in deinem Leben anzieht.“20
Auf dieser Linie bewegte sich auch das Massenevent in der Münchener Olympiahalle, das Arte für die Sendung „Spiritualität 2.0. Der Traum vom optimierten Ich“ kritisch begleitete. Seiler beginnt mit einer Art Meditation, bei der sie den Leuten zuruft:
„Triff jetzt hier für dich die Intention, dass du schnell in deine Schöpferkraft kommen kannst, dass Transformation schnell passieren kann, dass du da nicht lange drauf warten musst oder dran arbeiten musst, sondern es ist eine Entscheidung, die du jetzt treffen kannst!“21
Hier haben wir wieder den „binären Code“: Du bist es, der durch die eigene „Intention“ entscheidet – Null oder Eins, Glück oder Unglück, Erfolg oder Misserfolg. Der Journalist Gommel stellt die richtigen Fragen: Wenn man ein „Magnet“ ist, der „alles anzieht“, wie Seiler behauptet – was ist dann eigentlich, wenn jemand Gewalt erfährt? Oder verunglückt? Oder Krebs bekommt? Oder von Armut betroffen ist? Hat er das dann auch „selbst angezogen“? Die Botschaft laufe, so Gommel, im Prinzip auf eine Aussage hinaus: „Du allein bist verantwortlich für alles, was in deinem Leben passiert.“ Und so verbirgt sich hinter der glitzernd-lockeren Fassade spiritueller Positivität als Kehrseite eine Empathielosigkeit gegenüber Schwächeren und Erfolglosen – denn warum sollte man empathisch sein mit Menschen, die ihre Situation selbst zu verantworten haben und jederzeit positiv ändern könnten? In der erwähnten Fernsehreportage wird die spirituelle Coachin mit diesen Fragen konfrontiert: Ob ihre Aussagen und Methoden nicht auch Gefühle wie Abwertung, Ohnmacht oder Selbstablehnung bei Menschen auslösen könnten? Seilers Antwort fällt knapp und lakonisch aus: „Ich bin keine Psychologin oder Psychotherapeutin, […] ich arbeite mit Menschen, die gesund sind.“22 Eine Feststellung, die sich bei Tausenden Followern in einer Halle und nochmal so vielen im Internet wohl nur schwer halten lässt. Doch das Abschieben der Verantwortung für die Wirkungen der eigenen Inszenierung ist durchaus typisch für einen Teil der Coachingszene, nicht nur im Bereich des spirituellen Coachings.
Aufschlussreich ist die Tatsache, dass Seiler, bevor sie „Coach“ wurde, Influencerin war. Denn genau das setzt sie im Grunde fort: Spiritualität wird hier vermarktet – und zwar mit exakt denselben Mechanismen und Praktiken, mit denen Konzerne auf Social Media per Influencing Kosmetika oder Markenklamotten unter die Kundschaft bringen. Und wie im Produkt-Influencing wird auch im spirituellen Influencing ohne allzu viel Skrupel mit den Sehnsüchten, Hoffnungen und Nöten der Menschen gespielt.
Gegenmaßnahmen und Prävention
Was lässt sich nun gegen psychologische Abhängigkeit und Machtmissbrauch im expandierenden spirituellen Coaching unternehmen? Ich würde die Antwort zweiteilen: Was kann der Einzelne tun? Und was können Gesellschaft und Politik tun?
Was Einzelne tun können
Der Einzelne sollte vor der Inanspruchnahme eines Coachings die Angebote sehr genau studieren und auf bestimmte Punkte besonders achten:
Wertesystem hinter Coachingangeboten checken: Coachings sind in der Regel keine neutralen Veranstaltungen, sondern vermitteln immer auch Weltbilder und Visionen vom Menschsein. Voraussetzung für eine wertschätzende Zusammenarbeit ist deshalb, dass sich alle Teilnehmenden mit den vertretenen Ideen und Deutungsmustern identifizieren können. Diese lassen sich bei einer Sichtung der Webseiten von Coachs in der Regel erkennen. Man sollte sich daher immer fragen: Bin ich damit einverstanden? Treten während eines Coachings Konflikte auf, etwa bezüglich von Werten und Menschenbildern, sollte man diese offen ansprechen. Ein Coach steht nie über den Klientinnen und Klienten, er ist auch nicht per se klüger und weiser als andere Menschen. Wir sind eine offene Gesellschaft, das heißt, ich darf immer hinterfragen, Kritik üben oder auch sagen, hier kann ich nicht weiter mitgehen.
Nicht in die Hiobsfalle tappen: Wenn mich das Schicksal hart trifft, ist es wichtig, sich klarzumachen: Das geht Millionen anderen auch so. Das hat also nicht immer zwangsläufig etwas mit mir zu tun. Wir leben, warum auch immer, in einer brüchigen Welt und wissen oft nicht, warum Dinge geschehen und warum gerade uns Dinge geschehen. Wenn ein Coach behauptet, er wisse das und könne uns ganz genau sagen, wie das alles zusammenhängt und warum wir jetzt krank oder arbeitslos oder verlassen worden sind, dann ist immer Misstrauen angebracht; gegebenenfalls sollte man aus dem Coaching aussteigen.
Vorsicht vor „Bewusstseinserweiterungen“: Viele Coachings versprechen eine „Erweiterung des Bewusstseins“. Und viele verstehen auch genau das unter Spiritualität: geistig irgendwie „weiterzukommen“, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Doch ob das der Fall ist und welches „Bewusstsein“ jemand hat, kann immer nur individuell, im Blick auf die eigene Person bestimmt werden. Spätestens wenn in Coachingangeboten von „Bewusstseinsstufen“ die Rede ist, sollten die Alarmglocken angehen: Solch ein hierarchisches Denken kann schnell in Bevormundung und machtmissbräuchliche Strukturen münden.
Binäre Systeme mit ultimativen Entscheidungsforderungen meiden: Dasselbe gilt, wenn man in einem Coaching ultimativ vor „Entscheidungen“ für oder gegen bestimmte Glaubenssätze, Denk- oder Sichtweisen gestellt wird – also vor das, was ich als binäre Codes bezeichne. Insbesondere wenn für den Fall der „falschen“ Entscheidung Drohkulissen aufgebaut werden, zum Beispiel zwangsläufig folgende Schicksalsschläge, Unglücke oder Strafen, ist das absolut übergriffig: Da heißt es „die Reißleine ziehen“. Auch das esoterische (und aus wissenschaftlicher Sicht nicht existente) „Gesetz der Anziehung“ hat in seriösen Coachings nichts verloren.
Finger weg von Eingriffen in die Psyche: Immer häufiger werden im Rahmen spiritueller Coachings auch sogenannte „Rückführungen in frühere Leben“ angeboten, um so angeblich Konflikte der Gegenwart besser verstehen und lösen zu können. Selbst wenn jemand an Wiedergeburt glaubt – was in einem freien Land wie unserem selbstverständlich legitim ist –, sollte man sich klarmachen, dass es sich bei derlei „Rückführungen“ um Hypnotisierungen handelt, die von Personen durchgeführt werden, die in der Regel keinerlei medizinische oder psychologische Ausbildung besitzen. Die dabei durch Suggestionen erzeugten Bilder können völlig unkalkulierbare psychische Folgen haben; es wurden seelische Krisen bis hin zur Suizidalität beschrieben.23 Vor solchen Praktiken ist daher unbedingt zu warnen. Das gilt auch für „Jenseitskontakte“ oder „Botschaften von Verstorbenen“, die durch ein angebliches „Medium“ vermittelt werden. Es ist völlig in Ordnung, an übersinnliche Erfahrungen und Phänomene zu glauben. Wenn jedoch aus übersinnlichen Erfahrungen übersinnliche und exklusive Fähigkeiten abgeleitet und an einer anderen Person praktiziert werden, entsteht ein Machtverhältnis, das schnell missbräuchlich werden kann. Wie wenig sich Anbieterinnen und Anbieter „übersinnlicher“ Verfahren dieser Machtverhältnisse bewusst sind, offenbart ein erschreckendes Statement des spirituellen Coachs und „geistigen Heilers“ Otmar Jenner: Es sei gar nicht nötig, dass diejenigen, an denen er „Rückführungen“ in frühere Leben durchführe, selber an Reinkarnation oder Karma glaubten; es reiche völlig aus, dass er sich damit auskenne.24
Was die Gesellschaft tun kann
Schwieriger wird es, wenn es um die Frage geht, was die Gesellschaft tun kann, um Menschen besser vor Schäden durch unseriöse Coachings zu schützen. Zwar hat erfreulicherweise die Zahl kritischer und aufklärender Publikationen zum Thema zugenommen. Darunter sind wichtige Beiträge wie Das Glücksdiktat von Eva Illouz und Edgar Cabanas,25 Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik von Pia Lamberty und Katharina Nocun,26 die Streitschrift Ich möchte lieber nicht der Autorin Juliane Marie Schreiber27 und die kürzlich erschienene Kritik der Positiven Psychologie der Psychologin Senta Brandt.28 Gleichzeitig ist aber auch der „Urwald“ an spirituellen Angeboten zur Selbstoptimierung noch einmal gewaltig gewachsen. Mit Referenz auf den Esoterik-Kritiker und Autor des Schwarzbuchs Personalentwicklung Viktor Lau beklagt Walter Simon, dass die Mitarbeiterentwicklung in Deutschland inzwischen einem „Verladeplatz für esoterischen Mumpitz“29 gleiche. Führungskräfte und auch Betriebsräte würden sich viel zu wenig für das interessieren, was inhaltlich auf Fortbildungen und Personalschulungen vermittelt werde. Genau da liegen die Aufgaben für die Zukunft: Es braucht deutlich mehr Aufklärung darüber, dass Coachings mit Wertesystemen einhergehen und dass diese Werte nicht immer demokratisch und menschengemäß sind. Auch die Politik könnte einiges unternehmen – von der Aufnahme der Auseinandersetzung mit fragwürdigen Glücksversprechen in die Lehrpläne von Schulen über die Stärkung der wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet bis hin zur besseren Beratung und Betreuung von Opfern unseriöser Coachings. Hier hängt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinterher. In Österreich existiert etwa eine direkt beim Bundeskanzleramt in Wien angesiedelte Bundesstelle für Sektenfragen. Das größte Netz zur Beobachtung von weltanschaulichen Angeboten betreiben in der Bundesrepublik derzeit die großen Kirchen, die hier wichtige Arbeit leisten. Und die wird, so steht angesichts des anhaltenden Coachingbooms zu befürchten, auch in den nächsten Jahren nicht weniger werden.
Georg Steinmeyer, Berlin (Juli 2024)
Anmerkungen
- Der vorliegende Artikel bildet die überarbeitete Fassung eines auf der EZW-Jahrestagung in Hofgeismar 2024 („Geistlicher Missbrauch. Ein Schlüsselthema der Weltanschauungsarbeit“, 25.–27.5.2024) gehaltenen und gleichlautend betitelten Vortrags.
- So unter der Überschrift „Was ist Spiritualität?“ auf der Webseite Coaching Up! von Angelika Gulder, https://tinyurl.com/4yue2ndj, und „Über Coaching Up!“, https://tinyurl.com/2tr3khdr (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten: 16.7.2024).
- „Spirituelles Business Coaching“, Onaris. Konzept für persönliche Entwicklung, https://tinyurl.com/mu3tah2b (Hervorhebung von mir).
- „Über Coaching Up!“ (s. Anm. 2).
- Anton Bucher, Psychologie der Spiritualität (Weinheim: Beltz, 2007).
- Judith Braun, „Laut einer Studie kann Achtsamkeit gefährliche Nebenwirkungen haben“, Frankfurter Rundschau, 20.4.2024, https://tinyurl.com/3j87saat. Vgl. außerdem Daniela Mocker, „Die negativen Seiten der Achtsamkeit“, Spektrum der Wissenschaft, 20.5.2021, https://tinyurl.com/4zjhzfhv.
- Martin Seligman, Der Glücks-Faktor. Warum Optimisten länger leben (Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005), 58f.
- „Eher spirituell als religiös“, Psychologie-Aktuell.com, https://tinyurl.com/2wpkwbe7.
- „Umgang mit Schuld, Unrecht, Leid und Sühne“, Yoga Vidya, https://tinyurl.com/4u7w6k2b.
- „Seelenalter: Wie alt ist Deine Seele? Finde es jetzt heraus!“, Coaching Up!, https://tinyurl.com/332ue9fb.
- „Die Graves-Kategorien“, NLP & Coaching Institut Berlin, https://tinyurl.com/4pr5p8z6.
- „Das Einzige, was funktioniert, ist die Begegnung auf Augenhöhe“, Interview des Deutschlandfunks mit dem Psychologen und Extremismusexperten Ahmad Mansour, 18.1.2021, https://tinyurl.com/4dmjdvhe.
- „Wie das Gesetz der Anziehung wirklich funktioniert und wie du es anwenden kannst“, Blog der Webseite von Laura Malina Seiler, 26.3.2020, https://tinyurl.com/3us3k824.
- Anne Heintze, „Dein Leben, das Resonanzprinzip und das Gesetz der Anziehung“, HOCHiX Akademie, https://tinyurl.com/2s3d56v4.
- Zit. nach Aurelia Bonn, „Der jüdische Glaube ist ein Teil von mir“, politikorange, Webseite der Jugendpresse Deutschland e. V., 2021, https://tinyurl.com/bdp2tyc6.
- „Der Zweifel ist konstitutiv fürs Judentum“, Interview des Deutschlandfunks mit dem Publizisten Günther Bernd Ginzel, 10.2.2017, https://tinyurl.com/dyajbj65.
- Zit. nach „Geistige Grundhaltung“, Konrad Adenauer. Das Online-Portal zum Leben und Werk Konrad Adenauers, https://tinyurl.com/bj4u4awn.
- Eva Stanzl, „Mit Lichtstrahlen ins Gehirn schauen“, Wiener Zeitung, 25.8.2017, https://tinyurl.com/3m3zb8ev.
- Martin Gommel, „Warum mich Laura Malina Seiler traurig und wütend macht“, Krautreporter, 17.5.2023, https://tinyurl.com/22mevru4.
- Zit. nach Gommel, „Warum mich Laura Malina Seiler traurig und wütend macht“.
- Franziska Kracht und Helge Oelert, „Spiritualität 2.0. Der Traum vom optimierten Ich“, Arte Reportage, Erstsendung am 28.11.2019, 11:33–11:54, verfügbar unter https://youtu.be/4sKtyZmLvTA.
- Kracht und Oelert, „Spiritualität 2.0“, 25:17–25:26.
- Heike Dierbach, Die Seelenpfuscher. Pseudotherapien, die krank machen (Hamburg: Rowohlt, 2009).
- Vgl. Otmar Jenner, Spirituelle Medizin. Heilen mit der Kraft des Geistes (Hamburg: Rowohlt, 2011), 113–115.
- Eva Illouz und Edgar Canabas, Das Glücksdiktat und wie es unser Leben beherrscht (2. Aufl., Berlin: Suhrkamp, 2021).
- Pia Lamberty und Katharina Nocun, Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik (Berlin: Quadriga, 2022).
- Juliane Marie Schreiber, Ich möchte lieber nicht. Eine Rebellion gegen den Terror des Positiven (München: Piper, 2022).
- Senta Brandt, Kritik der Positiven Psychologie (Gießen: Psychosozial-Verlag, 2024).
- Walter Simon, „Esoterische Quacksalberei in Training und Coaching“, LeanPublishing, 16.6.2017, https://tinyurl.com/49az7mph; vgl. Viktor Lau, Schwarzbuch Personalentwicklung (Stuttgart: Steinbeis-Edition, 2013).