Kirchen
Reconquista-Konferenz in Wittenberg
Vom 31. Oktober bis 2. November 2025 findet in Wittenberg eine sogenannte „Reconquista-Konferenz“ statt. Durchgeführt wird das Treffen von den „Crossbearers“. Für den 1. November ist innerhalb der Tagung eine Veranstaltung in der Wittenberger Stadtkirche angekündigt, bei der unter anderem Stefan Felber auftritt, der Leiter des Gemeindehilfsbundes.1 Die Crossbearers sind der europäische Zweig der Reconquista-Bewegung, die ihre Wurzeln in den USA hat. Ihr Gründer ist der Gamingstreamer „Redeemed Zoomer“, mit bürgerlichem Namen Richard Ackerman.2 Ackermann studiert Theologie und verfolgt mit seiner Initiative das Ziel, die traditionellen protestantischen Denominationen (Lutheraner, Anglikaner, Reformierte etc.) für die wahre, rechtgläubige Lehre, für eine protestantische „Orthodoxie“ zurückzugewinnen. In ihrer Selbstvorstellung sieht sich die Reconquista-Bewegung in einem „spiritual warfare against demonic forces that have infiltrated our churches“.3 Hauptzielgruppe ist die Generation Z, also die Alterskohorte der ungefähr zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Die interne Kommunikation und der Austausch mit den Anhänger:innen werden sowohl in den USA als auch in Europa über einen nichtöffentlichen Discordserver koordiniert.
Zur Bewegung der „Crossbearers“
In Deutschland existieren die Crossbearers noch nicht sehr lange. Näheres kann man beispielsweise im Podcast „On the Reconquista – ft. Bob from Speaking Corner“ erfahren.4 Jorge Mario Monsalve Guaracao, Diakon in Ausbildung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und Mitleiter der europäischen Crossbearers,5 und ein gewisser Martin Petersen entfalten in diesem Gespräch die Ziele und Strategien der Bewegung. Den negativen Ausgangspunkt bildet die kritische Diagnose, die protestantischen Landeskirchen seien theologisch „tief von einer Liberalismus-Pandemie kompromittiert“ („deeply compromised by a pandemic of liberalism“),6 genauer: von den „Lügen“ („lies“) oder dem „Betrug der liberalen Theologie“ („deceit of liberal theology“).7 Der Begriff „liberale Theologie“ wird dabei sehr pauschal als Kampfbegriff verwendet. Auf ihrer Homepage bestimmen die Crossbearers die abgelehnte theologische Strömung folgendermaßen:
Theologischer Liberalismus/Progressive Theologie ist eine Form von Theologie und eine Art, seinen Glauben zu leben, bei dem traditionelle Autoritäten wie die Heilige Schrift, Bekenntnisschriften und die Schriften der Kirchenväter abgelehnt oder ignoriert werden. Ebenfalls gibt es oft einen „pick and choose“ (Aussuchen und auswählen) Glauben [sic], bei welchem essenzielle Aussagen des Evangeliums einfach ignoriert oder durch unsaubere Hermeneutik verdreht werden, mit denen sich die Befürworter unwohl fühlen.8
Die Bewegung zehrt von einem Bild der liberalen Theologie, das innerhalb gewisser konservativer Strömungen des Christentums geläufig ist (und das weithin ohne nähere theologiegeschichtliche oder systematisch-theologische Kenntnisse auskommt). Aus der liberal-theologischen Überzeugung, Bibel und kirchliche Tradition seien im Lichte des gegenwärtigen Wahrheitsbewusstseins kritisch anzueignen, wird die blanke „Ablehnung“ sämtlicher geistlicher Autoritäten. Leitend sei dabei die Beliebigkeit subjektiver Auswahl, um sich unangenehme oder allzu fordernde „Aussagen des Evangeliums“ vom Leib zu halten, unter skrupelloser „Verdrehung“ der zeitlosen christlichen Wahrheit. Der fragliche Typus aufgeklärter Theologie wird folgerichtig als „Lüge“, „Betrug“ oder auch, mit dem klassischen Ausdruck totaler theologischer Verdammung, als „Häresie“ inkriminiert.9
Weiter ist für die Crossbearers die Unterscheidung zwischen „orthodoxen“, „häretischen“ und „moderaten“ Gemeinden zentral.10 In einem ersten Schritt sollen Mitglieder und Anhänger der Bewegung „orthodoxe“, also rechtgläubige Gemeinden identifizieren und melden. Diese werden dann auf einer Karte markiert, die der Orientierung und der weiteren Vernetzung dienen soll.11 Das Motto lautet „Revolution durch Gemeinschaft“ („revolution through communion“); durch Vernetzung soll eine „bekennende Kirche innerhalb der kompromittierten Kirche“ („a confessing church within a compromised church“) entstehen.12 Ausgehend von diesen Gemeinden soll dann die gesamte Denomination von der liberalen Korruption befreit und für die protestantische Rechtgläubigkeit zurückerobert werden.
Auch den „moderaten“ Gemeinden, die zwar selbst noch nicht alle Auffassungen der Crossbearers teilen, aber konservative Positionen immerhin zulassen, kommt eine wichtige Rolle zu. Es wird angestrebt, die Mehrheiten in den Leitungsgremien dieser Gemeinden zu gewinnen und damit einen theologischen Richtungswechsel zu erzwingen. Mit den „häretischen“ Gemeinden hingegen wird keine Kooperation gesucht. Dies wird als unnötig eingeschätzt, weil jene Gemeinden von selbst aussterben würden, wie die Orthodoxie-Aktivisten prognostizieren. Mittelfristig soll eine europäische Synode mit rechtgläubigen Gemeinden entstehen, um später die Mehrheiten in den nationalen Kirchen zu übernehmen. Das strategische Vorgehen, das im Podcast auch mit 3D-Schach verglichen wird,13 begründet man damit, dass man sich am Handeln des liberalen Gegners orientieren müsse, der ähnlich gezielt operiere.
Die Karte mit den „rechtgläubigen“ Kirchengemeinden in Europa existiert bereits.14 Eine Stichprobe zum Gebiet der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, der Nordkirche, der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig und der EKBO hat ergeben, dass die betreffenden Kirchengemeinden größtenteils nicht über ihre Listung auf der Karte informiert wurden. Es wurde auch nicht abgeklärt, ob die Gemeinden hinter den Anliegen der Bewegung stehen. Der Bitte um Löschung von der Karte haben die Crossbearers allerdings in allen Fällen direkt entsprochen. Es gibt laut der Kirchenkarte zwei Kirchengemeinden, die die Crossbearers und ihre Anliegen aktiv unterstützen – sogenannte „Endorsementgemeinden“. Dazu gehören die St. Martini Gemeinde zu Bremen und die Evangelische Kirchengemeinde Winterlingen.
95 neue Thesen
Maßgeblich für das Selbstverständnis der Crossbearers und der Reconquista-Bewegung sind neuformulierte „95 Thesen“, die „an die evangelischen Landeskirchen in Europa“ gerichtet sind.15 Die Thesen werden auf einem Discordserver entwickelt und jeweils an die entsprechende Denomination angepasst. Im Podcast berichten die Initianten, dass man mit Stefan Felber vom Gemeindehilfsbund im Gespräch sei und auf ein endorsement, eine öffentliche Billigung, hoffe.16 Unterdessen haben die Crossbearers mitgeteilt, dass Felber die Thesen geprüft habe und nun auch öffentlich unterstütze.17 Die 95 Thesen sind klar gegliedert: Einer Einleitung (Nr. 1–9) folgen Thesen zum Wesen der Kirche (10–22), zum Evangelium (23–35), zur Autorität der Schrift (36–54), zum Wort und Sakrament (55–67), zur menschlichen Natur (68–83) und zur weltlichen Obrigkeit (84–95).
Im Zentrum der Thesen steht das Verständnis von Jesu Kreuzestod als stellvertretendes Sühneopfer. So heißt es in These 23: „Am Karfreitag wurde Jesus Christus um unserer Übertretungen willen durchbohrt, indem er sich selbst Gott als Opfer an unserer Stelle dargebracht hat.“ Das durch diesen Tod erworbene Heil wird exklusiv gedacht, weshalb auch Juden aufgerufen sind, Jesus als Messias anzunehmen (These 10). Einzelne der Thesen nehmen direkt auf Gegenwartsphänomene Bezug. So heißt es beispielsweise, dass ein „Bethaus“, in dem zum dreieinigen Gott und zu anderen Göttern gebetet wird, kein „House of One“, sondern eine „Höhle von Dämonen“ sei (These 7).
Einen großen Raum nehmen sexualethische Themen ein. Das Verständnis von Geschlecht und Sexualität, das in den Thesen 68–83 entfaltet wird, baut auf der Idee einer binären und heteronormativen Ordnung auf. Dabei wird die Existenz von Intergeschlechtlichkeit geleugnet (These 71); Transgeschlechtlichkeit wird als widernatürlich und als Abweichung von Gottes Ordnung dargestellt (These 72). Sexualität gilt ausschließlich innerhalb einer heterosexuellen Ehe als legitim; Homosexualität wird dementsprechend als moralisch defizitär betrachtet und Enthaltsamkeit als einziger Ausweg für homosexuelle Menschen propagiert. Queere Lebensweisen sowie die „Ehe für alle“ lehnen die Thesen als Verstoß gegen die göttliche Ordnung ab: „Der öffentliche Bund einer widernatürlichen sexuellen Vereinigung wird vom Herrn verdammt; wer ihn segnet, begeht Verrat, indem er sich über das göttliche Gesetz erhebt“ (These 83). Zu diesen Positionen passt der Umstand, dass sich die Crossbearers mit Olaf Latzel, dem durch queerfeindliche Äußerungen aufgefallenen Pastor der St. Martini Gemeinde zu Bremen, solidarisieren.18
Die abschließenden Thesen loten das Verhältnis zwischen Kirche und Staat aus. Grundsätzlich halten sie fest, dass sich Christen der Obrigkeit unterzuordnen haben und sich für die Ärmsten einsetzen sollen. Widerstand ist geboten, wenn der Staat „Böses vorantreiben will“ (These 89). Die Beurteilung dieser These hängt davon ab, was in diesem Kontext unter dem staatlichen Engagement für das „Böse“ verstanden wird. Wäre hier etwa an den totalitären NS-Staat gedacht, könnte man dem Gesagten uneingeschränkt zustimmen. Problematisch hingegen würde die These, zielte sie ganz allgemein auf staatliches Handeln, das nicht mit der eigenen Weltanschauung übereinstimmt. Hier wäre eine Konkretisierung wünschenswert.
Geistlicher Kampf statt Dialog
Die Crossbearers verfolgen insgesamt das Ziel, einen fundamentalen theologischen Richtungswechsel innerhalb der protestantischen Landeskirchen zu erzwingen. Die vermeintlich dominanten liberalen Prägungen sollen überwunden und stattdessen Mehrheiten für konservative Positionen gewonnen werden. Dieses Ziel ist zunächst sicher nicht illegitim. Die aggressiv-kämpferische Rhetorik und die „Dämonisierung“ der Gegenposition (liberale Theologie) tragen allerdings populistische Züge und sind zu kritisieren. Die Crossbearers entwerfen das Bild einer durch die liberale Theologie korrumpierten Kirchenelite, die die Machtzentren der Kirchen besetzt. Sie sehen sich hier in einem geistlichen Kampf, aus dem sie nur durch strategisches Handeln als Sieger hervorgehen können. Die Leugnung von Intergeschlechtlichkeit sowie die Abwertung von Transgeschlechtlichkeit und Homosexualität kommt als weiterer Kritikpunkt hinzu. Die von den Crossbearers entfaltete Weltsicht lässt wenig Raum für einen offenen und kritischen Dialog über theologische und ethische Positionen. Bemerkenswert ist die Verbindung der jungen Bewegung mit älteren Netzwerken wie dem Gemeindehilfsbund. Es wird interessant sein zu sehen, ob diese Kooperation den Resonanzraum für die gemeinsamen Ansichten erweitert. Kirchengemeinden, die von den Crossbearers auf die Kirchenkarte aufgenommen werden, sollten sich intensiv damit auseinandersetzen, ob sie die „95 Thesen“ und die Sicht besagter Orthodoxiebewegung auf die Landeskirchen wirklich teilen wollen.
Daniel Rudolphi und Hannah Schünemann (Hannover), Juni 2025
Anmerkungen
- Vgl. das Programm auf der Konferenzseite „Echoing Wittenberg. Reconquista Konferenz 2025“, https://echoingwittenberg.de/ (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 8.7.2025).
- Vgl. etwa den YouTube-Kanal von Ackerman alias Redeemed Zoomer, https://www.youtube.com/@redeemedzoomer6053.
- So die Erläuterung „What does Reconquista mean?“ auf der Startseite der „Operation Reconquista“, https://www.operationreconquista.com/.
- Crossbearer, „On the Reconquista – ft. Bob from Speaking Corner“, YouTube, 4.5.2025, youtu.be/gbJpgehdB5M. Der im Titel genannte „Bob“ nennt sich eigentlich „Bob of Speaker’s Corner“. Er tritt regelmäßig als konservativer christlicher und namentlich islamkritischer Apologet an der Londoner Speakers’ Corner auf und betreibt einen eigenen YouTube-Kanal: https://www.youtube.com/@bobofspeakerscorner1099.
- Vgl. die Angaben zum Autor des Beitrags „95 Thesen für heute – Ein erneuter Impuls für unseren Glaubenskampf“, Gemeindenetzwerk, 26.5.2025, https://tinyurl.com/2hp9vvsj.
- Crossbearer, „On the Reconquista“ (s. Anm. 4), Min. 4:47.
- Crossbearer, „On the Reconquista“, Min. 10:00; „Bob of Speaker’s Corner“ (s. Anm. 4) stimmt mit den beiden Interviewten insbesondere in der Einschätzung überein, es müsse die „Geißel“ oder „Seuche der liberalen Theologie“ („scourge of liberal theology“, Min. 6:53) zurückgedrängt werden.
- So unter „Über uns“ auf der Website der Crossbearers, https://crossbearers.eu/de/.
- Vgl. zum Kontrast Martin Fritz, „Liberale Theologie“, ZRW 87,5 (2024), 395–407 (https://tinyurl.com/3p83u9za). Gerade das Grundanliegen liberaler Theologie, Glauben und Vernunft miteinander ins Benehmen zu setzen, begründet ein nachhaltiges Streben, die „Essenz des Evangeliums“ oder das Wesentliche des Christentums so herauszuarbeiten, dass es unter Gegenwartsbedingungen ohne gewaltsame Verleugnung des Wahrheitsgewissens bejaht werden kann.
- Vgl. Crossbearer, „On the Reconquista“ (s. Anm. 4), Min. 16:30.
- Vgl. Crossbearer, „On the Reconquista“, Min. 8:44.
- Crossbearer, „On the Reconquista“, Min. 8:09–8:17.
- Vgl. Crossbearer, „On the Reconquista“, Min. 21:02.
- „Kirchenkarte“ auf der Website der Crossbearers, https://crossbearers.eu/de/find-a-church/.
- „95 Thesen an die evangelischen Landeskirchen in Europa“ vom 23.4.2025 auf der Website der Crossbearers, https://crossbearers.eu/de/95-theses/.
- Vgl. Crossbearer, „On the Reconquista“ (s. Anm. 4), Min. 46:40. Der Gemeindehilfsbund ist ein in Walsrode ansässiger und deutschlandweit agierender Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, Kirchengemeinden biblisch-theologische Orientierung anzubieten. Innerhalb des Gemeindehilfsbundes wird eine fundamentalistische Bibelhermeneutik vertreten; der Verein ist Teil rechtschristlicher Netzwerkstrukturen. Vgl. Daniel Rudolphi, „Der Staat als ‚Tyrann‘ – Kirche und Staat im rechten Christentum. Eine Netzwerkanalyse“, ZRW 86,5 (2023), 359–375.
- Guaracao, „95 Thesen für heute“.
- Vgl. Kreuzträger/Crossbearer (@kreuztraeger.de/@crossbearer.en), „We stand with pastor Olaf Latzel“, Instagram, 21.5.2025, tinyurl.com/ycyf5x8c; zum einschlägigen Prozess vgl. Martin Fritz, „Sündenpredigt oder Sünderhetze? Zu den Volksverhetzungs-Verfahren gegen den bremischen Pastor Olaf Latzel“, ZRW 85,4 (2022), 252–260 (https://tinyurl.com/5n6f9ywm).