Michael Utsch

Kirchen

Neue Studienergebnisse zum geistlichen Missbrauch in Freikirchen

Kaum ein kirchliches Thema steht in den letzten Jahren derart im Fokus der Öffentlichkeit wie die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Es ist vor allem ein Recht der Betroffenen, ihre Erfahrungen publik zu machen, sich auf Wunsch therapeutisch begleiten zu lassen, finanziell entschädigt zu werden sowie mit ihren Berichten dazu beizutragen, systemische Missstände in den Kirchen zu ändern. Ihre Zahl ist nicht nur in der katholischen Kirche hoch, sondern auch in den evangelischen Landeskirchen und diakonischen Einrichtungen deutlich höher als weithin angenommen. Dies belegt die Veröffentlichung der ForuM-Studie im Januar 2024:1 In fünf Teilprojekten wurden verschiedene Aspekte sexualisierter Gewalt in einigen Landeskirchen und diakonischen Einrichtungen untersucht, etwa systemische Bedingungen, die Aufarbeitungspraxis sowie das Erleben von Betroffenen.

Weil sexualisierte Gewalt im kirchlichen Kontext in vielen Fällen überhaupt erst durch subtile Prozesse des Missbrauchs pastoraler Macht möglich wird, rückt mittlerweile verstärkt das Thema „spiritueller Missbrauch“ in den Kirchen in den Fokus. Das Forschungsprojekt „Hidden Patterns of Abuse“ an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Regensburg untersucht die latenten kirchlichen Missbrauchsmuster, durch die spirituelle und sexuelle Übergriffe an erwachsenen Frauen in der katholischen Kirche stattgefunden haben.2 Die Analyse von Betroffenenberichten spiritualisierten Machtmissbrauchs hat ergeben, dass Täter:innen häufig „die besondere Sehnsucht nach einem geistlichen Leben oder krisenhafte Situationen von Menschen ausnutzen“.3 Deshalb ist es erfreulich (und längst überfällig), dass die Kommission für geistliche Berufe und kirchliche Dienste der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) am 1. März 2024 erstmals eine Rahmenordnung für öffentlich angebotene Exerzitien vorgelegt hat.4 Exerzitien seien als Übung geistlichen Lebens und Ort der Seelsorge eine besondere Gelegenheit, so die Kommission im Vorwort, um den Glauben zu vertiefen. Allerdings bringe eine derartige Intensivzeit auch Gefahren mit sich: „Für die Begleitung von Exerzitien sind deshalb eine geeignete Ausbildung, ein verbindliches Ethos und fachliche Professionalität seitens der Seelsorgerinnen und Seelsorger notwendig. Die Erkenntnisse der letzten Jahre zu missbräuchlichem Verhalten in Seelsorgebeziehungen unterstreichen dieses Erfordernis.“5

Im Abschlussbericht vom Forschungsverbund ForuM, der von der EKD beauftragt wurde, kommt die Problematik des spirituellen Missbrauchs nur im Exkurs „Evangelikale Kontexte und Freikirchen“ vor.6 Wenn man sich jedoch vor Augen hält, dass evangelikal orientierte Christ:innen einen großen Anteil der engagierten landeskirchlichen Mitglieder ausmachen, verdient die Analyse des geistlichen Missbrauchs auch im evangelischen Bereich mehr Aufmerksamkeit.

Eine neue Studie liefert hier erhellende Erklärungen über Formen und Auswirkungen von spirituellem Missbrauch bei Betroffenen aus Freikirchen.7 Nach Angabe der Autoren handelt es sich dabei um die umfangreichste empirische Untersuchung des Phänomens „spiritueller Missbrauch“ im deutschsprachigen Raum. Sie wurde im Rahmen einer Masterarbeit am Institut für Gemeindebau und Weltmission in Zürich durchgeführt. Diese Einrichtung ist eine evangelikal orientierte Ausbildungsstätte, die der Evangelischen Allianz nahesteht und in ihrer Arbeit der Lausanner Verpflichtung folgt. Seit 2019 trägt sie die offizielle Bezeichnung „Institut für gemeindeorientierte Weiterbildung“ (IGW). Bei der Studie wurden 105 Personen aus dem freikirchlichen Umfeld befragt, die in einer Online-Umfrage angaben, von spirituellem Missbrauch betroffen zu sein. Der schwer zu erfassende Bereich spirituellen Missbrauchs wird von den Autoren definiert als „Machtausübung im Namen Gottes“. Doris Wagner spricht aus der Betroffenenperspektive von der Verletzung der spirituellen Selbstbestimmung.8 Die Befragten in der Stichprobe waren (ehemalige) Mitglieder charismatischer Freikirchen (34 %), traditioneller Freikirchen (28 %), evangelischer Landeskirchen, der römisch-katholischen Kirche (je 15 %) und zu einem kleinen Anteil auch anderer Gemeinschaften. Die Stichprobengewinnung war einfach, weil der Erstautor als Gemeindegründer selbst aus dem untersuchten Milieu stammt und über gute Feldkenntnisse verfügt. Auf Basis der einschlägigen Literatur sowie eigener Erfahrung wurde ein Online-Fragebogen erstellt und auf verschiedenen Plattformen sozialer Medien geteilt. Bei sieben Befragten führten die Autoren ein ausführliches narratives Interview durch, das dann systematisch ausgewertet wurde.

Folgende Formen des Missbrauchs wurden beschrieben: Bevormundung und Beschämung, Kleinhalten der Person, Machtansprüche aufgrund der Position, Missbrauch der Bibel oder von „Geistesgaben“, unangemessene Einmischung ins Privatleben, Ausbeutung, Gesetzlichkeit und Vermittlung eines falschen Gottesbildes. Keine Person beschrieb einen sexuellen Missbrauch. Die Auswirkung eines spirituellen Missbrauchs zeigt sich neben verschiedenen spirituellen und psychischen Auswirkungen in einer signifikanten Verminderung des Interesses an der Kirche. Dieses sank von 82 Prozent (vor der Missbrauchserfahrung) auf 34 Prozent. Ungeachtet der Kritik an der Institution Kirche erachteten die Befragten den persönlichen Glauben weiterhin als wichtig: Während dies vor dem Missbrauch für 92 Prozent der Befragten galt, sank der Anteil danach auf 82 Prozent.

Die mit 105 Betroffenen recht breit aufgestellte Pilotstudie – im Teilprojekt „Betroffene“ der ForuM-Studie wurden nur 48 Berichte ausgewertet – liefert eindrückliche Belege für die emotionalen Folgen des Ausstiegs nach einem erlebten spirituellen Missbrauch. Dieser führte bei manchen zu einer manifesten psychischen Störung. Bei den meisten Betroffenen führte die Abkehr von der kirchlichen Gruppe jedoch nicht zum Verlust ihres Glaubens, sondern vielmehr zu seiner De- und Neukonstruktion. Hierbei erwies sich für die Betroffenen der Einbezug von Seelsorger:innen oder Psycholog:innen insgesamt als hilfreich. Es ist angesichts dieser Befunde wünschenswert, die Erforschung spirituellen Missbrauchs weiter auszuweiten, um den Betroffenen besser helfen zu können. Mithilfe von geeigneten Schulungs- und Präventivmaßnahmen wäre es möglich, diesen Schandfleck der Kirchen in seinen unterschiedlichen Formen einzudämmen.


Michael Utsch, Berlin

Anmerkungen

  1. Siehe „Aufarbeitung: EKD-Studie ForuM“, Stabsstelle Prävention – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt der Nordkirche, https://www.kirche-gegen-sexualisierte-gewalt.de/beratung-begleitung/aufarbeitung-forum (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 21.3.2024).
  2. Siehe die Projektseite unter https://missbrauchsmuster.de/.
  3. Ute Leimgruber und Barbara Haslbeck (Hg.), Spirituellen Missbrauch verstehen. Wissenschaftliche Essays zu Selbstverlust und Gottentfremdung (Ostfildern: Grünewald, 2024), 16.
  4. Sekretariat der DBK (Hg.), „‚Suchet mein Angesicht‘ (Ps 27,8). Rahmenordnung des kirchlichen Angebots von Exerzitien“, Die deutschen Bischöfe – Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste 54, Bonn 2024.
  5. Sekretariat der DBK, „‚Suchet mein Angesicht‘“, 6.
  6. Forschungsverbund ForuM (Hg.), „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“, Abschlussbericht, Januar 2024, 39–42, https://www.forum-studie.de.
  7. Raffael Sewer und Samuel Pfeifer, „Spiritueller Missbrauch. Eine qualitativ-empirische Untersuchung von 105 Betroffenen in Freikirchen“, Spiritual Care 13 (2024), 42–51, zugänglich unter https://tinyurl.com/mpw48se7.
  8. Doris Wagner, Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche (Freiburg i.Br.: Herder, 2019).