Neue religiöse Bewegungen

"Jetzt ist die Zeit der Ernte": Die Neureligion Shincheonji wird sichtbarer

(Letzter Bericht: 3/2020, 226–229) Es ist eigentlich nichts Besonderes, wenn eine Religionsgemeinschaft eine Internetseite betreibt, dort ihre Lehren und Glaubensüberzeugungen darstellt, eine Kontaktadresse angibt und zu Seminaren einlädt. Im Fall der koreanischen Neureligion Shincheonji (auch: Shinchonji, das bedeutet „Neuer Himmel und neue Erde“) ist dies jedoch höchst beachtenswert. Denn seit ihrer Gründung ist Shincheonji weltweit besonders durch die Missionsmethode der Tarnung und Täuschung, durch ihre Intransparenz und hohe Konfliktivität aufgefallen. Wollte man Hintergründe zu Theologie oder Organisationsstrukturen erfahren, Informationen über einen Bibelkursanbieter erhalten oder einfach nur einen Ansprechpartner ausfindig machen, ähnelte die Recherche bisher einer detektivischen Ermittlung. Es gibt kaum eine Beratung zu Shincheonji, in der nicht folgender Satz fällt: „Ich habe erst nach einiger Zeit herausgefunden, dass das ein Bibelkurs von Shincheonji ist, in den ich da hineingeraten bin!“ Ist diese Zeit nun vorbei?

Seit Anfang des Jahres ist die erste offizielle Homepage einer Shincheonji-Gemeinde in Deutschland online:1  Der sog. „Stamm Simon“ hat seinen Hauptsitz in Frankfurt am Main und ist mit der Seite „www.shincheonji-frankfurt.de“ sichtbar geworden. Der besagte Stamm expandiert nach eigener Aussage weltweit und hat unter anderem Dependancen in Frankreich, Österreich, Tschechien, Madagaskar und den USA. Es gibt auch Gemeinden in Südkorea. Die Internetseite ist mit auffälligen gelben Blickfängern gestaltet (der Farbe des Stammes) und liefert umfangreiche Informationen zu Lehre, Theologie und Ausrichtung der Neureligion. Auch Ansprechpartner, Namen von GemeindeleiterInnen oder Kontaktadressen sind zu sehen, daneben Links zu einem Imagevideo, diversen Belehrungsvideos auf YouTube, dem Instagram-Kanal und der Vorstellung des Kurssystems von Grund-, Mittel- und Hauptstufe.

Der Launch der Homepage wurde von einem Veranstaltungsprogramm umrahmt. So wurde breit zu einer Zoom-Pressekonferenz mit vorgeschalteter „Belehrung“ eingeladen (genannt „Open Seminar“, mit dem Titel: „Wen sendet Jesus in der Offenbarung?“). Dazu kontaktierte Shincheonji diverse kirchliche Einrichtungen, Freikirchen, Pfarrerinnen und Pastoren, ja auch kirchenleitende Personen und einige JournalistInnen. In der Einladungsmail heißt es, man wolle „von nun an jedem Menschen, der sich für die Wahrheit interessiert, die Möglichkeit geben, ein neutrales Bild über unsere Gemeinde zu bekommen und die Lehre zu prüfen, welche in Shincheonji vermittelt wird“.

Das Open Seminar, dem weitere Seminare mit dem Titel „Ende der Welt“ oder „Jetzt ist die Zeit der Ernte“ in zweiwöchigem Rhythmus folgten, ist als YouTube-Premiere angelegt und frei einsehbar.2  Die Seminare folgen immer derselben Dramaturgie: Begrüßung und Einladung zu „Questions & Answers“ (Q&A) im Anschluss, Belehrung (ca. 45 min) durch einen Shincheonji-Lehrer, Gebet, Vaterunser, Verabschiedung. Wie ehemalige Mitglieder berichten, laufen andere Bibelkurse von Shincheonji ähnlich ab. Dabei kommt eine typische Fragetechnik zum Einsatz („Wir haben gelernt, dass … Ist es dann nicht so, dass …?“). Es werden einzelne Bibelstellen aus dem Zusammenhang gerissen, mit starker Präferenz für die Johannes-Offenbarung. Dem entspricht überhaupt eine dominierende Endzeitbezogenheit, mit klarem Dualismus zwischen den exklusiv zum Heil Berufenen und den Verworfenen. Durch das YouTube-Seminar bekommt man nun einen realistischen Einblick in die Alltagspraxis der Bibelkurse bei Shincheonji, allerdings noch ohne den sonst üblichen Gruppen- und Prüfungsdruck. Auch der zentrale Glaubensinhalt wird deutlich formuliert: dass Man-Hee Lee als verheißener Pastor der Endzeit aus Korea nunmehr die Völker für die Wiederkunft Jesu sammelt. Gerade der apokalyptische Zug spielt offenbar eine immer größere Rolle. Dies bestätigen Aussagen von ehemaligen Mitgliedern, die teils von großen Ängsten vor dem Eintreten der Endzeit berichten und von der Sorge, nicht genug „gelernt“ zu haben oder nicht würdig zu sein, errettet zu werden.

Zu den an die Belehrung anschließenden Q&A musste man sich anmelden und seine Frage vorher einreichen. Zumindest zur ersten „Pressekonferenz“ wurde man auch nur zugelassen, wenn man der Weiterverwertung der aufgenommenen Bilder zustimmte und lediglich „eine einzige Frage“ stellte. Wer sich als Privatperson anmeldete, erhielt eine Mail mit dem Betreff „Einladung zu einem Einzeltreffen“, die mitteilte, man könne leider nicht an den Online-Q&A teilnehmen. Aber „da uns auch Ihre persönlichen Fragen sehr am Herzen liegen und wir diese ebenfalls unbedingt beantworten möchten, würden wir gerne noch zusätzlich einen Termin mit Ihnen machen. Ein VIP Termin quasi, extra für Sie.“

Was ist nun die Motivation für Shincheonji – oder zumindest für den „Stamm Simon“ (ähnliche Aktionen anderer Stämme sind mir nicht bekannt) –, sich öffentlich darzustellen? Laut Selbstauskunft sowohl auf der Homepage als auch in den „Open Seminars“ geht es darum, falschen und einseitigen Medienberichten entgegenzutreten. Dass allerdings KritikerInnen und ehemalige Mitglieder, die sich in der Selbsthilfe engagieren, zu einem „Interview“ in den Tempel eingeladen werden, während auf das Angebot eines kritischen Gesprächs in einem anderen Setting nicht geantwortet wird, legt doch die Vermutung nahe, dass die Absicht eines konstruktiv-kritischen Gesprächs nicht ernst gemeint ist. Jahrelange Erfahrungen mit den intransparenten Methoden dieser konfliktiven Neureligion lassen noch weitere Interpretationen der Motivation zu: Die Aufklärungs- und Präventionsarbeit kirchlicher und staatlicher Stellen könnte dazu geführt haben, dass Gemeinden und Bibelkurse – auch wenn sie noch so gut getarnt waren – immer wieder „aufgeflogen“ sind, sodass sich die „Früchte“ (so nennt Shincheonji neu missionierte Mitglieder) enttäuscht und desillusioniert abgewendet haben. Vielleicht dient die Transparenzoffensive also dem Zweck, solche (Ent-)Täuschungen künftig zu vermeiden.

Und nicht zuletzt: Man-Hee Lee wird in diesem Jahr 90 Jahre alt. Die Neureligion um den „unsterblichen“ Gründer, Leiter und „Pastor der Endzeit“ scheint nun, in Erwartung des nahen Endes, entschieden auf den „Missionierungs-Power-Knopf“ zu drücken:

„Jetzt ist die Zeit von Jesu zweitem Kommen und die Zeit der Ernte … Der verheißene Pastor hat alles aus der Offenbarung gesehen und erfüllt. Der einzige Ort, der die Bibel zwischen Himmel und Erde richtig verstanden hat, ist Shincheonji und seine Gemeindemitglieder.“3

Perspektivisch könnte mit der Kampagne auch schon die Zeit nach Man-Hee Lee vorbereitet werden. Schon länger vermuten ExpertInnen, dass es eine starke Konkurrenz unter den einzelnen Stämmen Shincheonjis gibt – sie könnten in der Post-Man-Hee-Lee-Zeit eigenständiger werden. So ergäbe auch die Vorstellung des Stammes Simon Sinn:

„Als Stamm, der unter den 12 Jüngern Jesu nach Simon benannt ist, ist es ein Stamm des Friedens, der für die Heilung aller Nationen und den Weltfrieden vorangeht. Die Mitglieder des Simonstammes, die die neun Früchte des Heiligen Geistes tragen, streben danach, ein Stamm zu werden, der um den Stammesleiter Lee, Seung-Ju herum gemeinsam wirkt.“4

Der Stammesleiter Seung-Ju Lee schreibt etwa:

„Die Shincheonji Kirche Jesu, der Tempel des Zeltes des Zeugnisses (abgekürzt als Shincheonji Kirche Jesu, Shincheonji) und die 12 Stämme des genannten Tempels (Offb 7), die Gott gegründet hat, sind etwas, das es zuvor nicht gegeben hat. Als solches ist es das einzige Reich und der einzige Tempel Gottes, die sich gemäß der Bibel erfüllt haben … All Together! Simon ist eins! Wir können es schaffen. Simonstamm: Sieg!“5 

Aus diesen Zeilen spricht das Selbstbewusstsein einer herausgehobenen Gruppe innerhalb von Shincheonji: Der Stamm Simon ist besonders und soll für nichts weniger als die Heilung aller Nationen sorgen. Auch wenn die Siegesmetapher interkulturell verstanden werden kann (in Korea sind solche Siegesbekundungen nichts Ungewöhnliches), ist und bleibt sie exklusivistisch.

Es sei deutlich gesagt, dass jede Art der Öffnung und Transparenz zu begrüßen ist. Das verringert zwar in keiner Weise die theologischen Kritikpunkte und Differenzen, die es aus evangelischer Sicht gibt, könnte aber künftig ein wenig das Leid mindern, von dem KlientInnen und Angehörige immer wieder berichten, die in den Beratungsstellen Hilfe suchen. Wenn Shincheonji die Öffnung ernst meinen sollte, wäre der Neureligion allerdings zu raten, die angedeuteten Probleme prozessual aufzuarbeiten. Bisher ist von einer solchen Einsicht nichts zu spüren. Durch eine Homepage, einige „Open Seminars“ und eine Pressekonferenz wird das über Jahre gewachsene problematische Bild dieser christlichen Sondergemeinschaft sicher nicht auf Anhieb korrigiert. 

Zurück zur Ausgangsfrage, ob die Zeit der Intransparenz nun vorbei sei. Das wird sich zeigen. Aber Zweifel sind angebracht. Gleichzeitig zur neuen Homepage ging eine andere Homepage online: „Life & Hope“ (https://lifehope.de) – eine neue Fassadenwebpage von Shincheonji.


Oliver Koch, 01.07.2021

 

Anmerkungen

1  Es gibt zwar seit einiger Zeit die Website https://shincheonji.info, sie ist jedoch bei Weitem nicht so ausführlich (Abruf der in diesem Beitrag angegebenen Internetseiten: 23.6.2021).

2  www.youtube.com/channel/UCy_NuMH8hwFco12UnqmcNEQ, auf dem YouTube-Kanal von Shincheonji Frankfurt.

3  www.facebook.com/enscjchurch (eigene Übersetzung aus dem Englischen).

4  https://shincheonji-frankfurt.de/vorstellung-des-simonstammes.

5  https://shincheonji-frankfurt.de/der-stammesleiter.