„In Zeiten wie diesen“ – Teil II
Theologische Beobachtungen zum evangelikalen Erfolgspodcast von Jana Highholder und Jasmin Neubauer
Die moralischen Kosten biblizistischen Christentums1
Moralische Exklusion
Das Thema Homosexualität, in Debatten über den Evangelikalismus oftmals zentraler Streitpunkt, ist hier sogleich noch einmal aufzugreifen.2 Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang der Bericht von Jasmin, sie habe mit der evangelikalen Missbilligung der Homosexualität von Anfang an „gehadert“ (2, 33:44) – und hadere immer noch damit. Nach eigenem Bekunden voller Liebe auch für homosexuelle Menschen und mit vielen von ihnen befreundet,3 schwankt Jasmin zwischen der für sie eindeutigen Aussage der einschlägigen Bibelstellen – „Homosexualität entspricht nicht dem Herzen Gottes“ (2, 42:05), oder schärfer formuliert: „Gott sagt, er verachtet Homosexualität“ (2, 32:14) – und dem humanen, aber aus ihrer Sicht „welthaften“ Impuls, homosexuellen wie heterosexuellen Menschen gleichermaßen die Erfüllung einer sexuellen Liebesbeziehung zuzubilligen: „Was spricht denn dagegen, wenn sich zwei Menschen lieben und dasselbe Geschlecht haben, wer bin ich denn, dass ich das jetzt verurteile?“ (2, 32:56).4 Jasmin versucht, diesen inneren Konflikt mit einem biblizistischen Machtwort zum Schweigen zu bringen: „Aber es steht da doch so!“ (2, 38:25).5 Und das heißt für die Bewertung homosexuellen Lebens: Gott „meint es nicht böse, aber es entspricht einfach nicht seiner Ordnung“ (2, 33:17).
Jana rückt dem moralischen Stachel der biblisch-evangelikalen Ablehnung praktizierter Homosexualität mit zwei Zusatzargumenten zu Leibe. Diese Ablehnung sei zum einen durchaus keine Herabsetzung der entsprechenden Person, denn: „Sexualität definiert nicht deine Identität, sondern aus Identität heraus entspringt Sexualität“ (1, 22:55). Aber betrifft die Kritik an einer vermeintlich „falschen“ Sexualität dann nicht erst recht die Identität der Person, aus der sie entspringt? Auch die zweite Strategie verfängt nicht. Demnach schließt Liebe nicht den Imperativ zur Veränderung aus, weil „echte Liebe dich nicht sein lässt, wie du bist, sondern echte Liebe verändert und verwandelt“ (3, 47:29). Das bedeutet umgekehrt: „Ich muss nicht alles gutheißen, nur damit ich liebevoll bin“ (1, 23:54). Das mag sein; es ist aber ein Unterschied, ob ich jemanden wegen bestimmter Handlungen oder Angewohnheiten zurechtweise oder wegen der Realisierung einer humanen Grundanlage und der aus ihr erwachsenden Bedürfnisse, zumal wenn für deren Nichtrealisierung keine anderen Gründe genannt werden als einige Bibelstellen und der darin niedergelegte unergründliche Wille Gottes.6
Die übergriffige, herabsetzende und ausgrenzende Wirkung der biblischen Verbote und Negativurteile bei betroffenen Menschen lässt sich so einfach nicht aus der Welt schaffen. Darum werden Beziehungen zwischen Homosexuellen und Menschen bzw. Gemeinschaften, die aus der Bibel eine göttliche Herabsetzung von Homosexualität ableiten, zwangsläufig belastet. Ob man kraft wechselseitiger Toleranz dennoch miteinander auskommen kann, hängt davon ab, in welchem Maße beide Seiten in der Lage sind, die religiöse Identität, in der die Ablehnung begründet ist, beim anderen oder bei sich selbst gleichsam einzuklammern.
Die moralische Fragwürdigkeit des Christentums von „Jana & Jasmin“
Überblickt man die Äußerungen des Podcasts zum paradigmatischen Problem der Homosexualität, treten am Biblizismus Janas und Jasmins schwerwiegende moralische Folgekosten zutage. Er versieht das Christentum erstens mit dem gravierenden Makel, bestimmte Menschengruppen ethisch-religiös zu diskriminieren, indem er eine ihrer grundlegenden psychophysischen Anlagen als etwas Gottmissfälliges und Weltordnungswidriges abwertet. Diskriminiert werden die betroffenen Personen zwar nicht in umfassender Weise, aber doch hinsichtlich einer elementaren Dimension ihres Personseins. Nach dem hierzulande weithin geteilten Wert freier Persönlichkeitsentfaltung verleiht der Biblizismus dem Christentum folglich einen unmoralischen Zug.
Indem er die unmittelbare Geltung der infrage stehenden Bibelstellen bejaht, zeichnet der Biblizismus zweitens ein Moment von Fremdheit in das christliche Gottesbild ein, das in Spannung zu Jesu Verkündigung des barmherzigen Vaters im Himmel steht: Gott ist hier ein Gott, der Homosexuelle „verachtet“ (2, 32:14). Auch Jasmins rührender Versuch einer Ehrenrettung – „er meint es nicht böse“ (2, 33:18) – kann daran nichts ändern. So bleibt nur die Flucht zum Gedanken der letzten Unbegreiflichkeit Gottes nicht nur hinsichtlich seines Handelns, sondern auch und gerade hinsichtlich seines „Herzens“: „Wie kann ein guter Gott einen Menschen einfach hassen?“, fragt Jasmin in diesem Zusammenhang, und führt das Maleachi-Zitat in Röm 9,13 an: „Er sagt, Jakob habe ich geliebt, Esau habe ich gehasst“ (2, 35:20). Das Herz des Vaters verdunkelt sich – was den biblizistischen Anspruch seiner klaren Offenbarung ebenso klar konterkariert.
Drittens legt der Biblizismus den Gläubigen einen tiefgreifenden moralisch-religiösen Zwiespalt ins Herz, der auch mit dem Aufruf zu frommer Verleugnung des eigenen Willens und seiner ureigenen humanen Strebungen nicht aufzuheben ist. Infolge gegenläufiger biblischer Aussagen steht der Wille zum Schriftgehorsam (samt widerstrebender Bejahung des Verdammungsurteils über die Homosexualität) gegen den Willen zur ungebrochenen Nächstenliebe (samt Bejahung der entsprechenden biblischen Gebote). In der Tat: „Alles kostet einen Preis“ (1, 42:00), wie Jana mit Blick auf die moderne „Fake-Freiheit“ sagt (1, 42:18). Jasmin hat durch ihre Konversion zum evangelikalen Christentum die unbefangene Liebe zu ihren homosexuellen Freundinnen und Freunden eingebüßt. Das ist kein geringer, ein hässlicher Preis. Es ist der Preis der biblizistischen Gehorsamsforderung. Wo die Liebe Christi lebendig ist, kann ihm allenfalls ein Gehorsam mit schlechtem Gewissen entsprechen.
Die religiösen Kosten biblizistischen Christentums
Religiöse Exklusion
Eines der dominantesten Themen des Podcasts – neben allem, was mit Partnerschaft und Sex zu tun hat – ist die Auseinandersetzung mit „liberalem“ Christentum und innerevangelikalen Liberalisierungsprozessen, die in der Szene unter den Stichworten „Dekonstruktion“ und „Post“- bzw. „Ex-Evangelikalismus“ verhandelt werden. Die dualistische Tendenz evangelikaler Frömmigkeit, ihre Neigung zu einem Lagerdenken ohne Vermittlung und Übergänge (wahr/unwahr, fromm/gottlos etc.), tritt beim innerchristlichen Richtungsstreit sozusagen in Reinform hervor.
Hier gewinnen die Äußerungen der beiden Christfluencerinnen zuweilen beträchtliche Schärfe. Der Grund dafür ist Wut,7 nämlich über die Abkehr von der biblischen und die Verbiegung der christlichen Wahrheit, die man in liberaler Theologie generell erblickt und die man als Angriff auf den eigenen Glauben empfindet.8 Eine nähere Auseinandersetzung mit jeweils infragestehenden Streitpunkten findet nicht statt, weil für Jana und Jasmin im Prinzip fraglos feststeht, was biblisch und christlich wahr ist. Dieser Anspruch auf Wahrheitsbesitz bleibt auch seltsam unberührt von dem gelegentlichen Eingeständnis, selbst auch nur „Stückwerk zu erkennen“ (1, 42:53)9 – es bezieht sich augenscheinlich nur auf Nebensächliches.
Das Bild vom Lager der „Liberal-Progressiven“ (3, 38:39) ist dabei allem Anschein nach stark von gewissen Social-Media-Stimmen geprägt, bleibt aber relativ unscharf. Sie haben „den Begriff christlich ausgedehnt […] zu diesem: Liebe, Toleranz und Akzeptanz für alle“ (3, 38:52) und sind ansonsten solche, die Christus und die Bibel nicht „ernst nehmen“ (3, 40:00). Sie „meinen, möglicherweise sogar, gläubig zu sein“ (10, 29:21), sind aber „eigentlich Gottlose; sie nennen sich Christen, aber sie kennen Gott nicht“ (3, 42:05). Die Landeskirchen sind voll von solchem Scheinchristentum, die EKD rangiert als ihr Inbegriff.10 Darum kann man es gar nicht oft genug sagen, „nur dass alle das wissen: Das sind keine Christen!“ (3, 43:10). Die evangelikalen Freundinnen sind sich daher völlig einig, wie sie in der fiktiven Situation entscheiden würden, müssten sie wählen, ob sie „lieber gar nicht gläubig oder progressiv-liberal gläubig“ sein wollten. Jasmin:
„Also hundert Prozent gar nicht gläubig. Hundert Prozent. Also bevor ich sage: ‚Gott hat das nicht gesagt‘, oder: ‚So meint Gott das nicht‘ und ramme dem Christentum oder der Bibel so ein Messer einfach ins Buch rein, würde ich einfach sagen: Ich habe so viel Respekt und Anstand und Ehrerbietung einer anderen Religion gegenüber, dass ich auf jeden Fall Atheist wäre, ohne irgendwie die Religion zu beschmutzen.“ (3, 05:37)
Die Empörung gegenüber solchem Pseudochristentum kann sich auch in drastischen biblischen Metaphern ausdrücken. Jana zu zeitgeistangepassten kirchlichen Amtsträgern: Da „hab ich wirklich das Gefühl: Sie bespucken meinen Jesus“ (2, 53:56). Jasmin geht noch einen Schritt weiter in der Applikation der biblischen Passionserzählung. Über Menschen, die ihren evangelikalen Glauben „dekonstruiert“ haben, heißt es bei ihr (mit Hebr 6,6): „Sie nageln den Sohn Gottes praktisch noch einmal ans Kreuz“ (2, 51:17).
Auch die gegenläufigen Bemerkungen zu Liebe,11 Mitleid12 und notwendiger Fürbitte13 für die liberalen „Namenschristen“ können den polemisch-aggressiven Gesamteindruck der mannigfachen Urteile im Podcast zum Lager der christlichen Opponenten evangelikalen Christentums nicht nachhaltig abmildern. Wenn nicht alles täuscht, ist bei diesem Konfliktfeld die persönliche Betroffenheit von Jana und Jasmin deutlich größer als beim Thema Homosexualität: Während man sich dort aus Treue zur Bibel zur Ansage einer fremden göttlichen Wahrheit genötigt sieht, geht es bei der Alternative „liberal/progressiv“ vs. „konservativ/evangelikal“ direkt um die eigene Glaubensidentität. So wird den theologischen Gegnern nicht nur das Christsein abgesprochen, sondern sie werden darüber hinaus als Christuslästerer und -mörder, als Gottlose und Christentumsfeinde deklariert, deren Schicksal im göttlichen Gericht feststeht: „Sie gehen alle verloren, sie werden alle sterben, sie werden Jesus nicht sehen“ (2, 55:18). Das ist starker Tobak. Bei der Aburteilung der andersglaubenden Christen fallen alle Hemmungen religiöser Demut und Sanftmut.
Die religiöse Selbstgerechtigkeit des Christentums von „Jana & Jasmin“
Die antiliberalen Invektiven, die der Podcast in ungeschminkter Direktheit darbietet, zeigen erstens: Der Exklusivismus des Wahrheitsbesitzes, der „nach innen“ eine beeindruckend starke religiöse Identität und Kohäsion erzeugt, hat zugleich eine drastische aversive Außenseite. Der exklusive „Wahrheitsanspruch“ (10, 36:59) impliziert aggressive religiöse Intoleranz – aber nicht etwa gegenüber anderen Religionen oder areligiösen Zeitgenossen, sondern vornehmlich gegenüber den missratenen Geschwistern der eigenen Religion. Das setzt der propagierten Menschenliebe eine empfindliche Schranke, ausgerechnet innerhalb des Christentums. Weil man den Glauben unter der Dauergefährdung durch moderne Irrlehren stehen sieht, gehört zum „fundamentalen“14 Evangelikalismus die andauernde Habachtstellung eines Wächteramtes für biblische Orthodoxie. Daraus erwächst der Gestus kompromissloser Wahrheitsansage und Irrtumsverwerfung, der dem Christentum Janas und Jasmins – gegenläufig zu allen glaubhaften Liebesansagen – ein Moment unerbittlicher Härte einschreibt.
Zum Zweck der Abgrenzung werden Einzelstimmen insbesondere aus dem Social-Media-Kosmos zu einem konkretions- und differenzierungsarmen Gesamtbild des Gegenlagers verarbeitet: Die biblizistische Wahrheitsbehauptung lebt zweitens von einer pauschalen Feindbildkonstruktion. Zwar wird eingeräumt, dass es subjektiv verständliche Gründe für eine Liberalisierung geben mag – die Erfahrung von Leid, insbesondere von geistlichem Missbrauch, oder die „Desillusionierung“ (2, 23:03) der Glaubensverheißungen eines gelingenden Lebens. Unter Verzicht auf ernsthafte Verständnisbemühungen wird die liberale Option am Ende aber doch nach einer einfachen Deutungsschablone beurteilt. Ausschlaggebend ist demnach die Versuchung zum einfacheren, zum „breiten Weg“ der „Anpassung“ des Glaubens sowie das Fehlen des standhaften Willens, „am Herrn festzuhalten“ (vgl. 2, 25:40).
Die Härte der Abgrenzungen und die Starrheit der dabei in Anschlag gebrachten Schematisierungen verleiht der dargestellten Frömmigkeit drittens einen starken Hang zu religiöser Selbstgerechtigkeit. Auch in dieser Hinsicht gerät der Podcast in einen schwer überhörbaren Selbstwiderspruch. Denn Jasmin selbst tut kund, „geistlichen Stolz“ zu verachten: „So eklig. Und mir wird schlecht, wenn ich darüber nachdenke, wie viele […] diesen geistlichen Stolz haben. Wir sind die Richtigen, wir sind die Wahren. So sagt die Bibel über dich, so musst du sein. Also es ist so geistlicher Stolz, es ist so, boah, Jesus hasst es, Jesus verurteilt es“ (5, 36:18). Die Sprecherin kann diese Sätze äußern, ohne an die eigenen geistlichen Urteilssprüche zu denken – die „Liberalen“ stehen offenbar so weit abseits des Wahren, dass ihre schroffe Abkanzelung den eigenen Demutsanspruch nicht gefährdet. So kommt bei ihnen nicht Jasmins Lieblingstugend zum Zuge – auch Demut hat Grenzen! –,15 sondern der unbewusste wie ungebremste religiöse Richtgeist gesteigerten Gewissheitsstolzes.
In der von religiöser Selbstzurückhaltung unangekränkelten Verurteilung alles „progressiv Christlichen“ im Namen der göttlichen Wahrheit liegt indessen noch ein weiterer Selbstwiderspruch. Wie nämlich sollte es sich auf die „Ehrfurcht vor Gott“ (3, 40:14) reimen, die von den antiliberalen Propagandistinnen eingefordert wird, dass jemand zu wissen beansprucht, wer wirklich „den Herrn kennt“ und wer infolgedessen im Gericht gerettet werden wird und wer nicht? Der biblizistische Wahrheitspositivismus verführt viertens zur Missachtung der prinzipiellen Grenzen menschlicher Einsicht in das Göttliche und folglich zur Missachtung der Souveränität Gottes.16
Die hermeneutischen Kosten biblizistischen Christentums
Hermeneutische Selektion
Die religiöse Selbstgewissheit der Podcasterinnen steht in einer eigentümlichen Entsprechung zum Mangel an Selbstdurchsichtigkeit hinsichtlich der eigenen theologischen Grundoperationen. Dies betrifft zunächst die Bibelauslegung. Jeder Biblizismus impliziert notwendig die Annahme der unmittelbaren „Klarheit“, also der im Grunde alternativlosen Verständlichkeit der wesentlichen Aussagen der Bibel. Daher kann Jasmin allen Dekonstruierenden vorwerfen, sie läsen die Bibel „aus einer neuen, nicht im Sinne der biblischen Autoren gemeinten Perspektive“ (2, 18:39). Diese Aussage enthält die Prämisse, es liege jeweils offen zutage, „was der biblische Urautor sich gedacht hat“ (2, 22:42), und jede unvoreingenommene Bibellektüre könne diesen Ursprungssinn ohne komplexere hermeneutische Operationen einfach „auflesen“.
Dass es auch in Janas und Jasmins Umgang mit der Bibel nicht ganz so schlicht zugeht, lässt sich wiederum gut an der Homosexualitätsthematik aufzeigen. Denn in diesem Zusammenhang gibt es eine zwar knappe, aber aufschlussreiche hermeneutische Überlegung, mit der die postulierte Unmittelbarkeit im Schriftzugang unmittelbar widerlegt wird. Jasmin bezieht sich dabei auf Lev 18,22 („Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“) mit dem Satz: „Gott sagt beispielsweise: ‚Homosexualität ist für mich ein Gräuel‘“ (2, 37:51). Sie tut dies im Horizont der Problematisierung einer unmittelbaren Gesamtgeltung des alttestamentlichen Gesetzes: Wenn alles gelten würde, was dort geboten wird, „dann müssten wir auch die Speisegebote halten und dies und das und das“ (2, 37:47).
Warum also gilt Lev 18,22 zeitlos, während das Verbot des Verzehrs von Hasen-, Schweine- oder Straußenfleisch (Lev 11,6.7.16) – laut dem göttlichen Gesetzgeber ebenfalls „ein Gräuel“ (11,13) – überholt sind? Wieso hat Gott hier nicht seinen ewigen Willen kundgetan? Zwei Gründe werden von Jasmin für die fragliche Unterscheidung angedeutet: Erstens wird Homosexualität zusätzlich im Neuen Testament als „schändlich“ und „widernatürlich“ beurteilt (Röm 1,26), zweitens werden in diesem Kontext die göttlichen Affekte Gräuel und Zorn (Röm 1,18) benannt. Daraus wird geschlussfolgert: „Gott sagt, er verachtet Homosexualität“ (2, 32:12) – von Hasenverzehr ist nicht die Rede.
Es dürfte ohne weitere Kommentare deutlich sein, dass die behauptete unmittelbare Klarheit des Schriftsinnes in Wahrheit eine hergestellte Klarheit ist, hergestellt durch eine Reihe von – durchaus nicht selbstevidenten – Interpretationsoperationen17 nach Maßgabe bestimmter – durchaus nicht selbstverständlicher – Interpretationsmaximen, die sich immerhin erahnen lassen. Das naive „Es steht da doch so!“ ist einfach nicht durchzuhalten. Es würde sogar „fundamental-evangelikale“ Bibelleserinnen ins Schleudern bringen, nicht zuletzt bei der Parallelstelle Lev 20,13, der zufolge der Geschlechtsakt von Männern mit dem Tode geahndet werden soll. Nähme man die Behauptung unmittelbarer Klarheit wörtlich, müsste man die Pforzheimer Radikalfundamentalisten der „Baptistenkirche Zuverlässiges Wort“, die mit Berufung auf diese Stelle die Todesstrafe für praktizierte Homosexualität fordern,18 als die eigentlichen Fackelträger aufrechter Bibeltreue preisen.
Man sieht: Der fromme Umgang mit der Bibel ist immer „Auslegungssache“ (2, 36:26). Interpretation ist unverzichtbar, zur Ermittlung ihres Ursprungssinnes und zur Erhebung ihrer gegenwärtigen Geltung. Man könnte über die abmildernden, gewichtenden und auswählenden Deutungsoperationen Janas und Jasmins auch diskutieren. Das Problem ist, dass solche Diskussionen mit dem Verweis auf die vermeintliche Klarheit der Bibel gerade unterbunden werden19 – obwohl sich diese Klarheit schnell als Postulat erweist, das sich in keiner Weise einlösen lässt.
Sofort dürften die beiden Interpretationsverächterinnen bei derlei Aussagen alle Alarmglocken läuten hören, die vor ermäßigender Willkürauslegung warnen. Aber hörten sie genauer hin, würden sie merken: Der schrille Ton tönt auch für uns! Dass selbstverständlich auch Janas und Jasmins Umgang mit der Bibel ein Moment der Willkür hat, ließe sich weiter daran zeigen, bei welchen der im Podcast angesprochenen Themen biblische Weisungen zu Wort kommen – und wo nicht. So kann Jasmin auf die Frage, ob sie lieber reich sein möchte oder berühmt, unumwunden für Reichtum plädieren.20 Jesu drastische Problematisierung des Reichtums – man denke an Kamel und Nadelöhr (Mk 10,25 par.) – kommt ihr dabei anscheinend gar nicht in den Sinn, und auch sonst lassen die beiden erfolgreichen und vermutlich relativ wohlhabenden Frauen nicht erkennen, dass diese Offenbarung des „Herzens Gottes“ sie irgendwie in Gewissensnöte brächte.21
Betrachtet man die Auswahl biblischer Themen, die im Podcast (bisher) präsent sind, kann man die eminente Konzentration auf eine Reihe von lebensphasentypischen Fragen junger, unverheirateter Frauen (zumindest einer bestimmten „Bubble“) kaum überhören. Das ist an sich auch legitim. Aber es bestätigt, dass der in der Bibel offenbare Wille Gottes de facto auch von Jana und Jasmin nur selektiv wahrgenommen wird, was der biblizistischen Idee von der Autorität der gesamten Bibel zuwiderläuft.
Die hermeneutische Naivität des Christentums von „Jana & Jasmin“
Nimmt man die ausgeführten hermeneutischen Beobachtungen zusammen, ist erstens ein neuerlicher Selbstwiderspruch zu konstatieren: Der Biblizismus Janas und Jasmins lebt von einem Grundpostulat biblischer Selbst-Verständlichkeit, das beide in ihrer konkreten Schriftauslegungspraxis selber widerlegen. Infolgedessen sind sie zur Verschleierung der kritisch-hermeneutischen Operationen gezwungen, ohne die sie nicht zu den Auslegungsergebnissen kommen würden, die sie als unbestreitbare biblische Wahrheiten behaupten, sondern vermutlich zu völlig kruden und gesteigert inhumanen Resultaten.
Mithilfe dieser Verschleierung verschaffen sie der eigenen „Lehre“ (ein Lieblingswort Jasmins) den Schein hermeneutischer Alternativlosigkeit und folglich einen Anspruch göttlicher Autorität, der ebenfalls scheinhaft ist. Der unbestreitbare menschliche Anteil am Zustandekommen dieser Lehre, der auch durch das unermüdliche Wiederholen des unhaltbaren Grundpostulats nicht zu übertünchen ist, erweist den Anspruch als „erschlichen“ (um einen Begriff aus der Schlusslogik zu gebrauchen). Mit seinen notwendigen, aber uneinlösbaren Prämissen verführt der Biblizismus Jana und Jasmin zweitens zu einer (verdrängten) hermeneutischen Unwahrhaftigkeit, die auf ihre gesamte Theologie und Frömmigkeit ausstrahlt.
Zieht man den unbewussten Eklektizismus beim Gebrauch biblischer Weisungen in Betracht, der im Gespräch der frommen Freundinnen zu erkennen ist, zeigt sich schließlich eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch auf umfassende biblische Lebensorientierung und der faktischen Orientierungspraxis. Die Lebensweisungsautorität der Bibel wird drittens durch den Lebenshorizont ihrer Auslegerinnen beträchtlich eingegrenzt. Denn die Bibel antwortet natürlich nur auf das, was man sie und wie man sie fragt. Diese unumgängliche Perspektivierung wirkt im Falle von Jana und Jasmin befremdlich, weil sie verleugnet wird. Aber der Befund des Podcasts erscheint recht klar: Die dort präsentierte Bibel ist eine Bibel für einen begrenzten Personenkreis, nämlich für gutverdienende, unverheiratete, sich nach einer Ehe sehnende Mittelklassefrauen.
Die fundamentaltheologischen Kosten biblizistischen Christentums
Theologische Selbstimmunisierung
Wie sich beim Umgang mit der Bibel die Verweigerung ausmachen ließ, den unverzichtbaren Beitrag hermeneutischer Erwägungen offenzulegen, so durchzieht die Podcast-Gespräche ein generelles Misstrauen gegenüber rationaler Reflexion in Glaubenssachen. Die Ratio wird mit Glaubenszweifel, Dekonstruktion und willkürlicher Ermäßigung von Glaubensforderungen assoziiert.22 Diese Reserve, Ausdruck des evangelikalen Antimodernismus, ist bei Jana und Jasmin aber nicht nur faktisch wirksam; sie ist theologisches Programm. Mit vollem Bewusstsein wird das sacrificium intellectus, das Opfer des Verstandes (oder der Vernunft), als Zugangsbedingung und Selbstimmunisierungsstrategie des Glaubens propagiert.
Zugangsbedingung zum Glauben ist die Selbstverleugnung des Verstandes, insofern die biblizistische Frömmigkeit die zeitlose Autorität der gesamten Bibel als Wort Gottes voraussetzt, die dem geschichtlichen Bewusstsein gebildeter Europäerinnen stracks zuwiderläuft – man weiß und merkt beim Lesen einfach, dass dieses Buch nicht „vom Himmel gefallen“ ist, sondern von Menschen geschrieben, redigiert, zusammengestellt sowie nach und nach kanonisiert wurde. Das vernünftige Bewusstsein vom geschichtlichen Gewordensein der Bibel und vom historischen Abstand der biblischen Welt von unserer Welt muss zum Schweigen gebracht werden, um das Basispostulat dieser Bibelfrömmigkeit teilen zu können. Aber der Verstand lässt sich nicht leicht zum Schweigen bringen, wenn man ihn im Alltag, im Arbeitsleben und in der Teilhabe an der umgebenden Kultur selbstverständlich betätigt. Er stellt Fragen, weil er verstehen will. Das bestätigt Jasmin und erklärt daraufhin:
„Okay, und ich weiß, viele sagen so: Hey, du kannst nicht einfach deinen Verstand ausschalten, wenn du die Bibel liest. Aber eines kann ich sagen: Ich habe Jesus kennengelernt und ich weiß, dass Jesus Christus lebt. Und Jesus Christus sagt: Ich bin das Wort Gottes. Alles, was er bezeugt in seinem Wort, muss der Realität entsprechen. Es muss wahr sein. Es muss wahrhaftig sein. Und deswegen glaube ich das.“ (2, 35:42)
Kommen Zweifelsfragen an die Bibel und den Glauben auf, fungiert die Verleugnung des Verstandes als Mittel ihrer Blockade. Viele sagen, so Jasmin, man kann nicht einfach den „Verstand ausschalten“. Sie hingegen tut und empfiehlt offenbar genau dies. Es wird von ihr die eigene religiöse Erfahrung und die subjektive Gewissheit, mit dem lebendigen Jesus Christus in einer lebendigen Glaubensbeziehung zu stehen, zusammen mit der Selbstbezeugung der Bibel als Wort Gottes mobilisiert, um sich der Wahrheit von Bibel und Glaube zu vergewissern – und die Verstandesfragen zu verdrängen. Die Vergewisserung des Glaubens erfolgt durch die entschiedene Besinnung auf die eigene subjektive Gewissheit, man könnte auch sagen: durch deren Beschwörung, zwecks Abblendung von kritischen Einreden des Verstandes.
Ein dunkles Bewusstsein davon, dass eine Bestärkung des Glaubens durch den festen Willen zum „Glauben trotzdem“ (2, 40:33) (und durch den Unwillen, Fragen des Verstandes zuzulassen) etwas Zirkuläres und Gewaltsames hat, deutet sich in einzelnen Formulierungen an, zum Beispiel wenn Jasmin die nackte Berufung auf die Bibelautorität – wohlgemerkt nicht kritisch, sondern affirmativ (wenn auch mit ironischem Lachen) – als „Totschlagargument“ (2, 37:33) apostrophiert. Aber dass die Gewissheit des Glaubens in der Anfechtung letztlich vollständig vom eigenen Willen, von der eigenen Entscheidung für diese Gewissheit abhängt und zudem von der Entscheidung, die Stimme des fragenden Verstandes zu überhören, bleibt als problematische Selbstbegründungsoperation unbegriffen – man wähnt sich ungebrochen im Besitz der objektiven Wahrheit.23
Wie diese Selbsttäuschung über längere Strecken aufrechterhalten werden kann, ist das große Rätsel derartiger Frömmigkeit. Hilfreiche Dienste mag dabei die Dämonisierung von Zweifel und Verstand leisten – denn der „Teufel versucht“ andauernd, „Zweifel zu säen“ (8, 1:05:18) –, außerdem die Dämonisierung von deren externen Repräsentanten: liberalen Theologen, die „der Teufel nutzt“ (3, 42:24), um den „Hass auf Jesus“24 zu säen und „das Evangelium zu unterbinden“ (6, 13:58). Aber diese Hilfsstrategien verkleinern das Rätsel nicht. Sie lassen nur ersichtlich werden, welchen Aufwand der Selbstimmunisierungs- und Selbstsicherungswille solchen Glaubens betreiben muss, um den eigenen Verstand immer und immer wieder zum Verstummen zu bringen.
Die fundamentale Unwahrhaftigkeit des Christentums von „Jana & Jasmin“
Die verstreuten antirationalen Äußerungen des Podcasts belegen die fundamental antirationale Verfassung biblizistischen Glaubens. Eines seiner grundlegenden Kennzeichen ist erstens die Verleugnung des freien Verstandesgebrauchs in Glaubensfragen. Die Abschottung gegen gefährliche rationale Argumente stellt seine Zugangs- und Erhaltungsbedingung dar, weil ansonsten die Bibel als direkte Quelle und Garantin von Wahrheit und Heil ausfiele. Der durch das sacrificium intellectus erlangte Wahrheits- und Heilsbesitz wird auf diese Weise abhängig von einer subjektiven Leistung des oder der Glaubenden. Somit erhält der biblizistische Glaube den Charakter einer eigentümlichen Leistungsreligion oder, in der reformatorischen Terminologie, einer Werkgerechtigkeitsfrömmigkeit. Nur sind es hier nicht fromme Werke wie Bußleistungen oder andere Heiligkeitserweise,25 mit denen sich Menschen Gerechtigkeit bei Gott zu erkaufen suchen. Vielmehr wird der Glaube selbst ein menschliches Werk, insofern er die Leistung des Verstandesopfers fordert.
Näherhin geht es dabei um die Leistung des Willens, Einwände des Verstandes von außen oder innen nicht zur Geltung kommen zu lassen und sich stattdessen ganz auf die objektive Wahrheit der Bibel und die subjektive Gewissheit des eigenen Glaubens zu verlassen. Weil aber die objektive Wahrheit sich auch nur einer subjektiven Zuschreibung verdankt – ich halte sie für objektiv wahr oder schenke entsprechenden Bibelworten Glauben –, bleibt für die Vergewisserung des Glaubens am Ende nur der subjektive Wille zum Glauben. Der biblizistische Wahrheitsobjektivismus oder -positivismus entpuppt sich bei näherem Hinsehen zweitens als verschleierter Subjektivismus: als Resultat eines subjektiven Willens- oder Entscheidungsaktes, der entschiedenen Behauptung oder Beschwörung von Objektivität.26
Drittens trägt der Biblizismus mit der Grundforderung des sacrificium intellectus einen weiteren inneren Zwiespalt in das gläubige Subjekt ein, den Zwiespalt zwischen dem (Glaubens-)Willen und der Weltorientierung des Verstandes. Damit geht jede Unbefangenheit im verstehenden Weltverhältnis verloren, weil von den Einsichten des Verstandes her stets Gefahr für den Glauben droht. Näher betrachtet handelt es sich auch um einen Zwiespalt innerhalb des Willens selbst, sofern der menschliche Geist unaufgebbar danach strebt, sich in der Welt verstehend zu orientieren. Der Zwiespalt ist daher unauflösbar.
Das heißt: Die geforderte Opferleistung kann eigentlich gar nicht vollbracht werden. Psychoanalytisch gesprochen kann der Wille die Stimme des Verstandes allenfalls zeitweise verdrängen. Sie bleibt lebendig und meldet sich immer wieder, im Bewussten oder Unterbewussten, von außen oder von innen. Daraus folgt viertens: Die durch die Verdrängung von Verstandeseinwänden erreichte Wahrheits- und Heilsgewissheit kann erneut nur eine Gewissheit mit schlechtem Gewissen sein, hier: mit einem schlechten und ängstlichen Wahrheitsgewissen. Der biblizistische Glaube muss insgeheim spüren, dass er seinen Wahrheitsbesitz einer unvollziehbaren Selbstverleugnung verdankt, nämlich der Verleugnung der für Wahrheit wenigstens mitverantwortlichen Subjektinstanz, des Verstandes. Ihre Verleugnung bedeutet Unwahrhaftigkeit im Zugriff auf die Wahrheit.
Der innere Zwiespalt zwischen Glauben- und Verstehenwollen teilt sich auch dem Gesamtleben des Glaubenden mit, nämlich fünftens als Zwiespalt zwischen seinem verstandesgeleiteten Alltags- und Kulturleben und seinem verstandesabgewandten Glaubensleben. Seine oder ihre Welt fällt gleichsam in zwei Welten auseinander, zwischen denen er oder sie Tag für Tag „switchen“ muss: die moderne Alltagswelt, deren festen Rahmen rationale Gesetze abgeben, und die biblische „Hinterwelt“ des Glaubens, wo etwa die Anschläge des Satans drohen. Der Biblizismus führt zwangsläufig in ein solches „Doppelleben“ zwischen zwei Welten; die Flucht daraus zwecks Wiedergewinnung eines einheitlichen und unbefangenen Weltverhältnisses dürfte eines der stärksten Motive für die Dekonstruktion biblizistischen Glaubens sein.
Innerprotestantisches Befremden
Die Analyse der Frömmigkeit und Theologie, die im Podcast kommuniziert werden, hat auf vier exemplarischen Feldern problematische Aspekte aufgewiesen, die allesamt mit der inneren Logik des evangelikalen Biblizismus zusammenhängen. Ein Feld, das momentan im Zentrum der öffentlichen Kritik an „Jana & Jasmin“ steht, wurde dabei ausgeklammert, obwohl es auch hier Bezüge zu evangelikalen Kernmerkmalen gibt: die Politik. Mehrfach ist den beiden Protagonistinnen vorgeworfen worden, mit ihrer Social-Media-Aktivität überhaupt und auch mit dem besprochenen Podcast „rechte Inhalte zu verbreiten“,27 damit „als Brückenbauerinnen für rechtskonservative bis rechtsextremistische Positionen [zu] fungieren“28 und letztlich „demokratiezersetzende Tendenzen“29 zu fördern. Das sind gravierende Vorwürfe. Sie seriös zu beurteilen und an den politischen Botschaften des Podcasts zu überprüfen, erfordert besonders viel Sorgfalt und Differenziertheit und daher eine entsprechend ausführliche Behandlung. Dies würde den Rahmen dieses Artikels sprengen.
Was die genuin religiöse und theologische Charakteristik angeht, der die vorliegende Darstellung gilt, ist Jana und Jasmin zum Schluss noch einmal Recht zu geben, und zwar hinsichtlich ihrer Feststellung einer großen Fremdheit zwischen dem „fundamental-evangelikalen“ und dem „liberalen“, aufgeklärten Christentum:30 „Also wenn wir von Gott sprechen und von unserem Glauben an Gott, wenn wir davon sprechen, dass wir Christen sind, dann meinen wir was völlig anderes“ (4, 35:42). Wiederholt plädieren die Christfluencerinnen daher für eine klare Scheidung und fordern, die „Liberalen“ sollten doch besser auf den Begriff des Christentums verzichten.31
In der Tat, auch aus „liberaler“ Perspektive sind die Differenzen beträchtlich, das dürfte deutlich geworden sein. Dies betrifft viele Elemente, vor allem aber die beschriebene Isolation des Glaubens gegenüber der „weltlichen“ Vernunft. Die strikte Absage an alles unbefangene Verstehenwollen im Glauben verleiht dem biblizistischen Evangelikalismus eine hermetische „Weltfremdheit“, die für viele Zeitgenossen fast unheimlich anmutet. Den „Verstand auszuschalten“, um entschieden Christ zu sein, ist für viele eine geradezu groteske Forderung. Sollte Gott vom Menschen verlangen, für die Beziehung zu ihm seine geschöpfliche Vernunftnatur abzulegen? Und wie sollte das gehen? Für die meisten Zeitgenossen hierzulande klingt solches ähnlich absurd wie die Aufforderung, auf der Stelle den eigenen Namen zu vergessen. Man sollte denen, die dem nicht folgen wollen und können, nicht kurzerhand vorwerfen, „Jesus zu hassen“.32
Eine derartige Selbstverleugnung im Namen des Glaubens ist eine inhumane Zumutung, die auch das Bild des Gottes entschieden verzerrt, der sie angeblich verlangt. Eine solche Sicht des Christentums als die einzig wahre anzusehen, verrät nicht nur ein erstaunliches Maß an Ungeschichtlichkeit – sollte dies gelten, wäre das wahre Christentum frühestens mit der Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts auf den Plan getreten.33 Das Entscheidende aus liberaltheologischer Sicht ist dies: Mit der Basisforderung der Selbstverleugnung des Verstandes, die vornehmlich in Gestalt der Forderung auftritt, die Heilige Schrift durchgängig als Wort Gottes anzuerkennen, wird eine Zugangshürde zum Glauben errichtet, die für viele Zeitgenossen prinzipiell unübersteigbar ist.
Erst wer dies verstanden hat, hat den klaffenden Graben zwischen „liberalem“ und biblizistischem Christentum verstanden: Die liberale Basis-„Anpassung“ an den „Zeitgeist“, sich mit der modernen Vernunft grundsätzlich ins Benehmen zu setzen und alle Fragen des aufgeklärten Verstandes zuzulassen, zielt nicht darauf ab, den Glauben irgendwie bequemer oder leichter zugänglich zu machen; sie versuchen, den Zugang für Zeitgenossen überhaupt offen zu halten, nämlich für all jene, die das Kunststück nicht zu vollbringen vermögen, das eigene Wesen abzustreifen – ob sie es wollten oder nicht. Wer dennoch unbekümmert die Anerkennung der totalen Bibelautorität fordert, versündigt sich am Christentum, weil er oder sie ein obskures Bild davon verbreitet, das vielen Menschen den Zutritt schlechthin unerschwinglich werden lässt. Auch wenn ihnen dieses Christentum mit Engelszungen gepredigt würde – sie wüssten sich von vornherein ausgeschlossen.
Fazit: Asymmetrische Toleranz
Der Graben zwischen biblizistischem und „liberalem“ Christentum ist tief, die wechselseitige Fremdheit groß. Wie dennoch miteinander umgehen? Natürlich möglichst mit Respekt und Toleranz, trotz allem Befremden und aller Kritik. In dieser Hinsicht kann man sich vielleicht ein Vorbild an Jasmin nehmen, die ungeachtet aller religiösen Verurteilungen sagen kann:
„Ich hab auch schon viele Liberale kennengelernt, die ich richtig gern mag. […] Wir haben gerade gesagt, was wir darüber glauben, aber der Mensch dahinter – mich würde es interessieren, die Menschen einfach mal kennenzulernen, einfach mal zu knuddeln und zu sagen: Ey, alles gut, mach mal dein Ding, alles ist gut.“ (4, 36:55)
Toleranz fällt leichter, wenn man einander kennen- und verstehen lernt. Daher ist der innerprotestantische Dialog zwischen den polaren Lagern notwendig und sinnvoll. Allerdings gibt es beim wechselseitigen Verstehen auch Grenzen. Denn zu verstehen und verstehend zu akzeptieren, warum andere Gläubige nicht in der Lage sind, den Sprung in die Selbstverleugnung der Vernunft zu tun und damit die eigene Wahrhaftigkeit aufzugeben, würde bereits einen Schritt aus dem hermetischen Gebäude der „fundamentalen“ Frömmigkeit bedeuten, der ihre Fundamente gefährlich unterlaufen würde. Und umgekehrt würde ein echtes Verstehen dieses Gebäudes womöglich nur durch eine wunderhafte Bekehrung möglich.
Toleranz fällt leichter, wenn man sich trotz aller normativen Negativurteile übereinander auf einen gemeinsamen Grund beziehen kann, der verbindet. Und sind wir nicht alle Christen, verbunden in der Beziehung auf Christus und als Kinder Gottes? Hier liegt offensichtlich ein weiteres Problem: Im Falle von Jana und Jasmin wird den „Liberalen“ das Christentum ja gerade abgesprochen (um die drastischeren Urteile hier nicht noch einmal zu wiederholen) – während umgekehrt wohl kaum ein „Liberaler“ oder eine „Liberale“ hinsichtlich der „fundamental Evangelikalen“ auf eine derartige Idee käme. Jana und Jasmin würden den meisten Liberalen nicht einmal zugestehen, mit Ernst Christen sein zu wollen. Erstere bekundet, dass „die liberalen Stimmen“ bei ihr längst „den Respekt verloren“ haben (4, 34:58), und Letztere schließt so etwas wie christliche Verbundenheit aufgrund der liberalen Ablehnung der Irrtumslosigkeit der Bibel explizit aus: „Deswegen lohnt sich hier eine Debatte gar nicht, weil wir gehen von zwei ganz unterschiedlichen Standpunkten aus“ (11, 13:04).
Es ist also eine Toleranz mit asymmetrischen Voraussetzungen gefragt: Während die einen sich dabei auf das gemeinsame Christsein berufen können, kommt für die anderen immerhin noch das gemeinsame Menschsein als „Toleranzboden“ infrage – und, wenn es gut geht, ein Quäntchen Sympathie. Das mag genügen, um es immer wieder einmal mit der innerprotestantischen Duldung zu versuchen und den Ton des Streits wieder in Richtung einer respektvollen Auseinandersetzung abzumildern. Denn wer weiß? Vielleicht begegnet man sich doch einmal, unvermutet, und muss miteinander auskommen. Zumal wenn sich dereinst Janas hellsichtige Ahnung bewahrheiten sollte: „Ich glaube, wir werden echt verwundert sein, mit wem wir nachher im Himmel sitzen“ (7, 1:13:14).
Martin Fritz (Berlin), Februar 2025
Anmerkungen
- Der erste Teil erschien im vorigen Heft (ZRW 88,1 [2025], 3–16). Der gesamte Beitrag ist auf der Website der EZW verfügbar, https://tinyurl.com/3znbtthh (letzter Aufruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 25.11.2024). Zitatnachweise aus dem Podcast erfolgen durch Nennung der Folgennummer plus Zeitangabe.
- Der folgende Abschnitt versucht, eine Antwort auf die (eigentlich rhetorische) Frage Jasmins zu geben (10, 49:42): „Wo ist das Problem, wenn ich sage: ‚Ich liebe dich, ich lebe nicht so wie du, und ich glaube, dass Gott etwas anderes für dich gedacht hat, und ich glaube, dass Gott eine Perfektion hat sozusagen, dass er eine Vorstellung hat von dem, was richtig ist; ich glaube, dass Sünde Zielverfehlung ist, und ich glaube, dass ich ein Sünder bin, genauso wie ich glaube, dass du ein Sünder bist, egal, welche Sexualität du hast‘?“
- Vgl. z.B. 1, 20:12: „Menschenfeindlich klingt auch schon irgendwie böse […]. Und ich finde es voll schade, weil ich voll eine große Liebe habe für Menschen, wirklich auch für Menschen, die anders denken als ich, das ist mir komplett egal, wie jemand denkt, den liebe ich nicht mehr oder weniger, weil er sich entscheidet, […], das gleiche Geschlecht zu lieben.“
- Vgl. 2, 35:02: „Ich kann nicht glauben, dass ein liebender Gott Sexualität ablehnt. Wenn zwei Menschen sich lieben, was soll dabei sein?“
- Vgl. 2, 34:20: „Ich musste einfach zu dem Schluss kommen, dass ich sage: Okay, es gibt viele Themen in der Bibel, die ich nicht akzeptiere, so, aber ich muss sie stehen lassen, ich muss sie stehen lassen.“
- Hinzu kommt, dass eine historische Perspektive – sobald man sie einen Moment lang zulässt – sogleich klar macht, dass im Hintergrund der einschlägigen biblischen Verbote archaische Reinheitsvorstellungen und Vermischungstabus stehen, die der Vergangenheit angehören.
- Vgl. 2, 55:47. Dort sagt Jana über Kirchenvertreter, die öffentlich den Sühnetod Jesu bestreiten: „Ich würde sagen, was es in mir auslöst: Es macht mich wütend, dass die Menschen erzählen, das sei die Wahrheit.“
- Vgl. zu Begriff und Phänomen Martin Fritz, „Liberale Theologie“, ZRW 87,5 (2024), 395–407, https://tinyurl.com/3p83u9za.
- Vgl. 5, 36:45.
- Vgl. z.B. 3, 39:52–45:36.
- Jasmin (2, 49:24): „Ich lieb dich, egal, was du glaubst, egal, was du denkst.“
- Jasmin (2, 55:13): „Ja, es wird ein ganz schlimmes Gericht geben, deswegen: Eigentlich muss man Mitleid haben mit den Seelen.“
- Vgl. 2, 50:04 und 50:29.
- Der Ausdruck „fundamental“ (nicht: fundamentalistisch) wird im Podcast gegenüber „evangelikal“ häufiger als Selbstbezeichnung gebraucht; vgl. 3, 43:27 („fundamental oder konservativ“); 4, 34:28 u.ö.
- Vgl. 5, 36:40: „Das, was Jesus von dir möchte, ist Demut, Demut, Demut.“
- Man könnte diesen Aspekt noch religionsphilosophisch-religionskritisch vertiefen. Denn man kann in Janas und Jasmins Kombination von Biblizismus und Dezisionismus eine religiös illegitime Absolutsetzung irdischer Instanzen erblicken, die „Vergötzung“ von Bibelwort und Menschenwille, womit die Teilhabe am Göttlichen in eigene, menschliche Regie genommen wird. Diesen Abweg von Religion hat der Theologe Paul Tillich in klassischer Weise ins Auge gefasst. Siehe dazu Martin Fritz, „Rausch des Unbedingten. Tillichs Theorie ‚dämonisch‘ verzerrter Religion“, in: Christian Danz und Werner Schüßler (Hg.), Tillich in Dresden. Intellektuellen-Diskurse in der Weimarer Republik, Tillich Research 27 (Berlin: de Gruyter, 2023), 211–228, https://tinyurl.com/3mfpbcbz. Jana und Jasmin stehen nach Tillich’schen Kategorien idealtypisch für die protestantische Spielart „dämonisierter“ Religion.
- Dazu gehört die Eintragung des „für mich“ in Lev 18,22 (Jasmin: „für mich ein Gräuel“). Das steht nicht da, jedenfalls nicht im hebräischen Urtext. Die Vokabel für „Gräuel“ fällt im Übrigen ebenso bei vielen Speisevorschriften und anderen Geboten, sie ist kein besonderes Merkmal von Lev 18,22. Als solches Besonderungskennzeichen bleibt allenfalls die Forderung der Todesstrafe in Lev 20,13, die aber etwa auch bei Kinderopfer (20,2), Verfluchung von Eltern (20,9), Ehebruch (20,10) und Beischlaf während der Menstruation (20,18) erhoben wird.
- Siehe zu dieser Extremgruppierung, die nichts mit den Baptisten im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) zu tun hat, IDEA-Pressedienst Nr. 64 vom 21.3.2023, 6f.
- Auch in dieser hermeneutischen Frage gibt es im Podcast Ansätze einer relativierenden Reflexivität, die aber nicht auf die Ebene der Grundpostulate durchschlagen; vgl. z.B. 7, 1:02:25: „Jana, ich kenne kein Buch, was so radikal klar ist; aber auch natürlich in manchen Bereichen nicht offensichtlich klar ist.“
- Vgl. 2, 3:45.
- Ferner hätte man bei dem Vorschlag, bis auf Weiteres die deutschen Grenzen für alle Flüchtlinge zu schließen (4, 24:54), vielleicht erwarten können, dass bei den frommen Frauen kurz die Frage aufkommt, ob das im Sinne des biblischen Gottes wäre oder nicht. „Denn der HERR, euer Gott, […] hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr auch die Fremdlinge lieben; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland“ (Dtn 10,17–19).
- Vgl. z.B. 2, 28:51. Gelegentlich propagiert Jana auch einen verstandesmäßigen Zugang zum Glauben; allerdings ist damit nicht ein kritischer Verstand gemeint; vgl. 11, 47:02: „Ich glaube, Gott kann und will verstanden werden“ – man darf im Sinne Janas hinzufügen: auf der Grundlage seiner unhinterfragbaren Offenbarung in der Bibel.
- Im Livepodcast (ab 11, 47:40) avisiert Jana „Akademiker und Intellektuelle“ als vernachlässigte Evangelisierungsobjekte, weil von selbigen ein besonders wirksamer christlicher Einfluss auf die Gesellschaft ausgehen könnte. Die Aussichten dieses Programms dürften alles andere als gut sein: Mit einem religiösen Vernunftverleugnungsprogramm wird man nicht viele Intellektuelle gewinnen können. Denn sie müssten dafür eben ihre Intellektualität und die darin enthaltene Bereitschaft zur Reflexion auf die eigenen Geistesakte und deren Prämissen ablegen.
- Vgl. 10, 28:35 u.ö.
- Die Frage, ob das von Jana und Jasmin ins Zentrum gestellte Heiligkeitsstreben eine Tendenz zur Werkgerechtigkeit (im ursprünglichen Sinn) hat, bleibt hier ausgespart.
- Vgl. dazu Martin Fritz, „Fundamentalismus, christlicher“, in: Michael Utsch (Hg.), ABC der Weltanschauungen, 2. Aufl. (Baden-Baden: Nomos, 2024), 89–98, hier 96f., https://tinyurl.com/2nme67dm; ders., Im Bann der Dekadenz. Theologische Grundmotive der christlichen Rechten in Deutschland (Berlin: EZW, 2021), 79–82.
- Imke Plesch, „Wie christliche Influencer*innen unter dem Deckmantel der Religion rechte Inhalte verbreiten“, Sonntagsblatt, 23.10.2024, https://tinyurl.com/ykz7u7rh.
- „Statement der Evangelischen Studierendengemeinde und Katholischen Hochschulgemeinde Tübingen zu den sog. Hochschultagen“, ESG Tübingen, 10.6.2024, https://tinyurl.com/bdpzn8mk. In dem Statement protestieren die genannten Hochschulgemeinden mit ausdrücklichem Bezug auf den Podcast gegen den Auftritt Jana Highholders bei den Tübinger Hochschultagen und rufen zu einer „Gegenkundgebung“ auf. Siehe dazu die Besprechung in Folge 6, ab 01:40.
- Jason Liesendahl, „Rechtsextremes Gedankengut bei ‚Liebe zur Bibel‘?“, 13.11.2024, https://tinyurl.com/he6t9dvs.
- Der Ausdruck „liberale Theologie“ wird von Jana und Jasmin denkbar weit genommen – er umfasst im Grunde genommen jede Form von Theologie, die in irgendeiner Weise bereit ist, die Bibel sowie gewisse materiale Zentraldogmen des Christentums kritisch zu hinterfragen. Er umfasst also auch Gestalten von Theologie, die aus einer in einem spezifischeren Sinne „liberal“ zu nennenden Perspektive als „konservativ“ eingestuft würden. Vgl. zum verschieblichen Gebrauch des Begriffs Fritz, „Liberale Theologie“, 406.
- Vgl. 3, 38:22–39:52 u.ö.
- Vgl. 10, 28:35 u.ö.
- Nimmt man eine stärker historisch-typologische Perspektive ein, gibt es solche exklusiven Ansprüche auf wahres Christentum freilich schon viel länger, nämlich als Charakteristikum eines der Christentumstypen, die Ernst Troeltsch in seinen Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (1912) unterschieden hat (in seiner Terminologie: Kirche, Sekte, Mystik); vgl. Martin Fritz, „Sozialformen des protestantischen Christentums“, MdEZW 83,1 (2020), 66–73, 70f., https://tinyurl.com/2p99pef5. Jana und Jasmin verkörpern demnach den Typus hochverbindlichen und hochintensiven freikirchlichen Christentums, in Troeltschs wertfreier Terminologie: den „Sektentypus“ von Christentum. Er ist nach seiner Überzeugung auch für die Kirche ein unverzichtbarer Quell geistlichen Lebens.