Marianne Brandl, Oliver Koch, Matthias Pöhlmann, Michael Utsch

Im Land der religiösen Vielfalt

Eindrücke von einer Studienreise in den Westen der USA (Teil I)

Vier Weltanschauungsbeauftragte unternahmen vom 23. April bis zum 4. Mai 2016 eine Studienreise in den Westen der USA. Sie besuchten zahlreiche religiöse Gruppen, Bewegungen und Zentren und führten Gespräche. In ihrem Reisebericht, den wir in zwei Teilen abdrucken, lassen sie uns an ihren Eindrücken teilhaben.

Bei unserer zehntägigen Studienreise durch die amerikanischen Staaten Kalifornien und Utah haben wir bei zahlreichen Begegnungen die sprichwörtliche amerikanische Kontaktfreudigkeit kennen und schätzen gelernt. Wir führten Gespräche mit Professoren evangelikaler Hochschulen und einer buddhistischen Achtsamkeits-Lehrerin. Wir besuchten u. a. einen enthusiastischen Gottesdienst in einer schwarzen Mega-Church, ein Meditations-Event in einem Yogananda-Ashram, das Zentrum des Human Potential Movement, einen Freimaurer-Tempel des schottischen Ritus, die „Christliche Wissenschaft“ und das größte Vipassana-Zentrum der USA, Spirit Rock. Wir tauchten in die vielfältigen Angebote einer kalifornischen Esoterik-Messe ein und in die besondere Welt eines Rosenkreuzer-Parks. Wir nahmen an den Angeboten neopaganer Gruppen teil, erlebten hermetisch abgeriegelte Scientology-Häuserblocks und besuchten die Hauptstadt der Mormonen. Die Vielfalt der Erlebnisse kann nur angedeutet werden. Bevor wir exemplarisch auf einige Begegnungen eingehen, stellen wir allgemeine Eindrücke von der amerikanischen Religionskultur voran.

Die amerikanische Religionskultur

Besonders ist uns aufgefallen, dass die ethnisch-kulturelle Durchmischung der Bevölkerung in den USA viel stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. Asiatische, afrikanische, lateinamerikanische und osteuropäische Einwanderer mit ihren jeweiligen ethnischen Prägungen und Traditionen haben die USA zu einer kulturell bunt gemischten Gesellschaft gemacht. Das Zusammenleben in kultureller Vielfalt setzt aber eine interreligiöse Verständigung voraus. Ein wichtiges Übungsfeld und eine Vorstufe für den interreligiösen Dialog ist das Gespräch mit Glaubensgeschwistern aus anderen Kulturen. Wenn schon in der eigenen Konfessionsfamilie festzustellen ist, dass die Glaubenspraxis stark kulturell eingefärbt ist und sehr unterschiedlich gelebt wird, öffnet diese Einsicht das Verständnis für andere Religionen. Die große interreligiöse Offenheit und ausgeprägte Gesprächskultur haben wir geschätzt und meistens vorgefunden.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die größere Vielfalt an religiösen Konfessionen und Gruppierungen. Nicht drei große Milieus – katholisch, evangelisch und konfessionslos – sind wie in Deutschland grob zu unterscheiden, sondern ein unübersichtliches Puzzle ganz verschiedener Traditionen prägt die amerikanische Gesellschaft. Da heißt es genau hinschauen!

Für Europäer bleibt es oft ein Rätsel, wie Amerika eine hochmoderne und gleichzeitig eine hochreligiöse Gesellschaft sein kann. Während sich in Deutschland 18 Prozent der Bevölkerung als hochreligiös einschätzen, bezeichnen sich 68 Prozent der Amerikaner so. Die Säkularisierung ist in Europa deutlicher fortgeschritten als in „God‘s own country“, obwohl dieser Trend auch dort unübersehbar wächst. Eine Begründung liefert der „American way of life“, den uns ein Gesprächspartner anhand der drei Säulen Individualismus, Pragmatismus und Unternehmergeist erläuterte. Amerikaner verstehen ihr Leben oft als eine Firma, die mithilfe von Glaubensüberzeugungen erfolgreich funktionieren soll/muss. Der Unternehmergeist, der die kalifornische Religionskultur prägt, bewirkt etwa das offensichtlich gute Management des Vermögens der Gemeinschaften, ein erfolgreiches Fundraising und eine hohe finanzielle Eigenbeteiligung der Mitglieder. Ein Beispiel: Die Vorsitzende des Goddess Temple in Irvine, Priesterin Ava, berichtete von 6000 Dollar Monatsmiete für 300 Quadratmeter Büroräume. Zur Finanzierung trägt die Vermietung an andere religiöse Gruppen bei. Wir trafen ausnahmslos auf gut ausgestattete und sehr gut gepflegte Gebäude (allerdings gehören keinem der von uns besuchten religiösen Zentren vorwiegend sozial benachteiligte Menschen an).

In den USA wird weniger auf einen institutionellen Rückhalt gesetzt, sondern allein das persönliche Engagement zählt. Auch in Deutschland ist diese Verschiebung von den Institutionen zum Individuum zu beobachten. Besondere Bedeutung fällt hierbei den Mitgliedern mit ihrer finanziellen Verantwortungsübernahme zu, die eine Grundlage für die wachsende Zahl unabhängiger Freikirchen bildet.

Deutschland und die USA können in ihrer Unterschiedlichkeit voneinander lernen. In den Vereinigten Staaten ist der Prozess der interkulturellen Durchmischung der Gesellschaft weiter fortgeschritten als in den meisten europäischen Ländern. Andererseits interessieren sich viele Amerikaner dafür, wie sich die europäischen Gesellschaften verändern, wenn säkulare Überzeugungen und Werte an Bedeutung gewinnen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Mentalitäten sind damit zwei Lernfelder beschrieben, auf denen die USA und Europa voneinander profitieren können.

Esalen – Zentrum des Human Potential Movement

Ganz abgelegen, etwa auf halbem Weg zwischen Los Angeles und San Francisco, nur zugänglich über den legendären Highway 1, haben wir eine Wiege der humanistischen und transpersonalen Psychologie besucht, das Esalen-Institut. 1962 von Michael Murphy und Richard Price gegründet, ist es weltweit als ein Zentrum experimentell-alternativer Bildung und Erziehung bekannt geworden. Bis heute finden jährlich etwa 500 Workshops und Tagungen statt. Zu den berühmtesten Dozenten aus früheren Zeiten zählen Joan Baez, Paul Tillich, Henry Miller, Fritz Perls, Carl Rogers und Timothy Leary. Wir waren beeindruckt von der wilden Schönheit dieses großen Küstengeländes, den heißen Quellen und der freundlichen Atmosphäre auf dem Esalen-Gelände. Voll Begeisterung erzählte uns Gordon Wheeler, ein bekannter amerikanischer Gestalttherapeut, Geschäftsführer des Instituts, vom Ursprungsmythos der Esselen-Indianer, die schon vor vielen Jahrhunderten die Heilkraft der heißen Quellen genutzt hätten. In der Sprache der indianischen Ureinwohner bedeute Esalen „Sammlungsort der Seelen“. Es sei schon die Vision der indianischen Ureinwohner gewesen, an diesem Kraftort mit heißem Quellwasser und einem betörenden Blick auf den Pazifik am westlichen Ende der Welt die Seelen zu sammeln und Frieden zu stiften. Dies sei auch die Mission von Michael Murphy (geb. 1930), der nach seinem Harvard-Studium zwei Jahre im Ashram von Aurobindo gelebt und von dort die beiden Leitideen der sozialen Gerechtigkeit und der Spiritualität mitgebracht habe. Bei einem späteren Spaziergang sind wir auf dem weitläufigen Gelände an dem Holzhaus vorbeigekommen, in dem Murphy bis heute lebt.

Nach der Überzeugung der Esalen-Gemeinschaft sprengen die unglaublichen menschlichen Möglichkeiten unsere gewöhnliche Vorstellungskraft. Um das volle menschliche Potenzial realisieren zu können, müssten wissenschaftliche und religiöse Dogmen überwunden werden. Dazu will Esalen mit seinen experimentellen Workshops und Tagungen beitragen. Die individuelle Bewusstseinstransformation sei die Grundlage für die gesellschaftliche Transformation der Welt. Nach Wheeler müsse die herkömmliche Dreiteilung des Menschen in Körper, Seele und Geist um die Dimension der Gemeinschaft erweitert werden. Von Anfang an habe sich Esalen deshalb als eine Gemeinschaftsbewegung verstanden. Gute Kontakte nach Europa bestünden zur Findhorn-Gemeinschaft und zum ZIST in Bayern (www.zist.de). Heute leben in Esalen ca. 100 Mitglieder der Gemeinschaft und kümmern sich um das Gelände mit 140 Gästebetten, die größtenteils ökologische Selbstversorgung und die Betreuung der 17 000 Seminarteilnehmer pro Jahr. Auf unsere Frage, wie Esalen denn mit der Gefahr des Guruismus in der Seminar-Szene umgehe, schmunzelte Wheeler. Das sei ein reales Problem, das aber die Gemeinschaft selbst regeln könne, weil die Wachheit und das gegenseitige Korrektiv Scharlatane schnell bloßstellen würden: „Das reguliert der Markt allein, ein Guru kommt kein zweites Mal auf das Gelände.“

Nach einem spektakulären Sonnenuntergang an der Steilküste verließen wir Esalen nachdenklich. Wird in Esalen Gemeinschaft nicht zu stark idealisiert und utopisch überhöht? Wann schlägt Spiritualität um in Ideologie? Das Ziel eines evolutionären Bewusstseins erscheint uns eher ein individuelles als ein kollektives Ziel zu sein. Ob die beiden Leitideen – soziale Gerechtigkeit sowie Spiritualität ja, Religion nein – ausreichen, um eine neue Gesellschaft zu gestalten, blieb für uns offen. Wir hatten jedenfalls den (ersten) Eindruck, dass dort viele individuelle Sinnsucher nach ihrem eigenen Weg suchen und dafür den Gemeinschaftsrahmen nutzen.

Church of Christ, Scientist / Christliche Wissenschaft (CW)

Mitten in einem wohlhabenden Wohngebiet San Franciscos, zwischen dem Sunset District und den Ingleside Terraces, findet man die Liegenschaften der Ninth Church of Christ, Scientist. Alle Gebäude beeindrucken durch ein gepflegtes sakrales Erscheinungsbild sowie eine überraschende Größe und fast schon erdrückenden Luxus. Wir besuchten das Kirchengebäude am Junipero Serra Boulevard, bestehend aus dem theaterartigen Gottesdienstraum, der Sonntagsschule und Konferenzzimmern, sowie die Pflegeeinrichtung „Arden Wood“ in der Wawona Street. In der Nähe befindet sich auch der CW-typische Leseraum.

Das Gespräch mit Mitgliedern der Gemeinde war geprägt von Offenheit und herzlicher Gastfreundschaft. Man freute sich und war sichtlich stolz, die Räumlichkeiten zeigen zu können. Dass diese bei Weitem nicht mit Mitgliedern gefüllt werden können, wurde offen angesprochen. Der hohe Altersdurchschnitt der Mitglieder zeigt sich an der geringen Auslastung der Sonntagsschule und nicht zuletzt an unseren Gesprächspartnern: Alle waren deutlich im reifen Alter. Die Sonntagsschulräume sind riesig für eine Handvoll Kinder und Jugendlicher, die zusätzlich noch in einzelnen Lernnischen unterrichtet werden können. Der geringen Auslastung, aber sicher auch dem unbefangenen Umgang mit religiösem Pluralismus ist es zuzurechnen, dass die Gemeinde einen Großteil ihrer Räumlichkeiten unter der Woche an einen Kindergarten vermietet, der inhaltlich nichts mit der Gemeinde zu tun hat, mit den Lehren der CW aber auch keine Schwierigkeiten zu haben scheint.

Das Gespräch lief nicht anders ab, als wir das auch sonst bei Mitgliedern der Christian Science gewohnt sind: Recht zügig wurde von eigenen Heilungserlebnissen berichtet, und man bemühte sich, Zeugnis abzulegen. Das war für uns das Eintrittstor in den theologisch kontroversen Teil der Begegnung. Angesprochen auf Probleme, wie etwa Abhängigkeiten, Heilungsdruck oder missglückte Beratung durch Praktiker bzw. Praktikerinnen1, die uns in unserer Beratung immer wieder begegnen, zeigte man deutliche Betroffenheit. Man räumte ein, dass in den USA ebenfalls Fälle vorkämen, in denen die Heilung durch Gebet nicht funktioniere. Für solche Fälle mit betroffenen Kindern verwiesen unsere Gesprächspartner zum einen auf die Fürsorgepflicht der Eltern, die letztendlich entscheiden müssten, ob das Gebet helfe oder ob ein Arztbesuch nötig sei, und zum anderen darauf, dass Missverständnisse bestehen würden, wenn keine Heilung durch das Gebet erfolge. Immer aber wurde kritischen Anfragen mit persönlichen erfolgreichen Heilungserfahrungen der Wind aus den Segeln genommen. Es wäre zu wünschen, dass es Mitgliedern der CW gelänge, auf Kritik anders reagieren zu können als mit einem persönlichen Heilungsbericht.

In der theologischen Diskussion wurde deutlich, dass unsere Gesprächspartner große Schwierigkeiten mit der Figur des leidenden Christus, des mitfühlenden Gottessohns haben. Aus der Sicht der CW sind Krankheit und Tod gar nicht real und damit auch nicht wichtig. Dieser Gesprächsgang zeigte deutlich das Verhaftetsein im Kontext der Auslegungen von Mary Baker Eddy. Ein kritischer Diskurs darüber hinaus ist ungewohnt und nur eingeschränkt möglich.

Wir folgten der freundlichen Einladung zu einer Besichtigung der nahegelegenen Pflegeeinrichtung „Arden Wood“, in der man sich „bei einer Heilung auf christlich-wissenschaftliche Behandlung und durch geistige Bestärkung und praktische körperliche Pflege vonseiten CW-Pfleger/-innen“ verlassen könne.2 Es gibt ca. zwanzig solcher Pflegeeinrichtungen in den USA, nur drei in Europa (in England und der Schweiz). Man betonte, dass in dieser Einrichtung kein Arzt tätig sei. Die pflegerisch Tätigen werden „nurses“ genannt. Der Rundgang durch das schlossähnliche, sehr exklusive Gebäude vermittelte den Eindruck einer zugewandten und wertschätzenden Umgebung. Die Atmosphäre war weit entfernt von der mancher steril-krankenhausähnlicher Pflegeeinrichtungen, die man aus Deutschland kennt. Es fiel auf, dass viele (Öl-)Gemälde von Mary Baker Eddy in den Fluren hingen, gepaart mit Dutzenden ihrer Sinn- und Glaubenssprüche. Verpflichtend und Voraussetzung für die Möglichkeit, hier zu wohnen, ist die Bejahung der Glaubenssätze der CW. Als Kosten für ein durchschnittliches Zimmer inklusive Pflege nennt die Homepage der Einrichtung Beträge zwischen 4800 und über 8000 Dollar. Damit ist die Zielgruppe der „Klienten“ eingegrenzt: Sie müssen Mitglieder der Christlichen Wissenschaft und zahlungskräftig sein.

Unser Eindruck von den Besuchen und den Gesprächen mit Mitgliedern der Christlichen Wissenschaft in San Francisco: Man hat hier mit ähnlichen demografischen Problemen wie in Europa zu kämpfen, scheint dies aber bejahend anzunehmen: So findet die von uns besuchte Gemeinde ihre Nische und Identifikation im pflegerischen und betreuerischen Kontext. Die großen und repräsentativen Gebäude sind nicht leicht zu unterhalten und verlangen nach alternativen Einkommensquellen, die im pluralistisch-amerikanischen Kontext unproblematisch und angstfrei genutzt werden und sich in der zahlungskräftigen Klientel der Upper-Class finden. Auf inhaltlicher Ebene sind uns die Gesprächspartner mit großer Offenheit und Freundlichkeit begegnet, die theologischen Konflikte aber bleiben unübersehbar und der Wissenschaftsbegriff divergent.

Eine kalifornische Esoterik-Messe

Slogans wie der folgende sind wie Lockrufe für Weltanschauungsbeauftragte: „New Living Expo provides a harmonious forum that honors spiritual expression, artistic creation, ancient wisdom, education, and positive social transformation.“3 Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, sich auf einer amerikanischen Esoterik-Messe über die neuesten Trends zu informieren? Im Event Center von San Mateo, einem Vorort von San Francisco, fand diese dreitägige Messe statt. War das Messegelände von außen eher unspektakulär, so erwartete einen im Inneren ein konzentriertes Happening unterschiedlichster spiritueller, alternativtherapeutischer und äußerst illustrer Provenienz. 162 Aussteller wetteiferten um die Gunst der vornehmlich weiblichen Kundschaft. Ergänzt wurden die Messestände durch begleitende Events, die extra bezahlt werden mussten. Die schiere Fülle an Angeboten verbietet hier eine schlichte Aufzählung.4 Eine Beobachtung sei vorweggeschickt: Was in San Francisco im Vergleich zu deutschen Esoterik-Messen überrascht, ist die unverhohlene Neugierde und Probierfreude der Besucherinnen und Besucher. Ohne Scheu wird sich in eine lange Schlange gestellt, um zu Messepreisen ein Aura-Foto von sich anfertigen zu lassen – inklusive kostenfreier Deutung –, um seine Füße in energetisiertem Wasser zu baden, Single-Schwitzhütten zu testen, mit Energiepyramiden auf dem Kopf die kosmische Strahlung abzuschirmen oder einzufangen und so weiter. Und alles unter den interessierten Blicken der übrigen Besucher. So etwas wie Scheu scheint es hier nicht zu geben. Die Angebote lassen sich in vier inhaltliche Kategorien einteilen:

1. Alternative Lebensberatung: Wahrsager, Kartenleger, Zukunfts- und Lebensberater werden in den USA unter dem großen Begriff der „Psychic“ zusammengefasst. In vielen belebten Straßenzügen wird man von Leuchtreklame für die Dienstleistungen angelockt, und auch auf der „New Living Expo“ gibt es Lebensberatung am laufenden Band: zweimal Handlesen für 25 Dollar, Numerologie und monatliche Jahresvorhersage (man erhält 20 gedruckte Seiten) für 65 Dollar. Geworben wird für Magical Readings mit großen Plakaten und 90-prozentiger Trefferwahrscheinlichkeit der Vorhersagen. Pärchen sitzen gebannt am Tisch des Magiers, der in der Regel seine „Krafttiere“ und Energiesteine um sich herum gesammelt hat, die ihm zweifelhafte Autorität verleihen. Interessant zu sehen ist, dass die Psychics in offener Konkurrenz zueinander stehen und versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. So wirbt zum Beispiel einer mit großen Plakaten damit, dass er „winner of the best talkshow entertainment“ und „winner of the best show special audiance“ ist. Ob dies nun Qualitätskriterien sind, sei dahingestellt.

2. Heil- und Gesundheitsangebote: Kaum eine Krankheit oder Einschränkung, die nicht durch „alternative healings“ in den Griff zu bekommen wäre. Besonders auffällig sind die vielen „Instant Pain-Relief“-Stände, an denen man entweder durch bestimmte Salze, „Angel Collection“-Bambuskissen oder -decken, Bio-Energie oder Alumatten, in die man sich einwickelt, seine Schmerzen loswird. Ob Arthritis, Herpes oder Krebs – alles kann auch vor Ort diagnostiziert werden. Dazu stehen diverse Verfahren zur Verfügung: Irisdiagnostik, „Live blood analysis“ oder chinesische alte Diagnose-Weisheit seien nur als Beispiele genannt. Lange Schlangen bildeten sich beim „Quantum-Resonance Crystal Bed“, das Quantenstrahlen durch verschiedenfarbige Lämpchen direkt in die Chakren strahlt, damit einen DNA-Reset im Körper anstößt und gleichzeitig gegen Jetlag wirkt, besseren Schlaf verspricht und allgemeine Kräftigung bewirkt. Das alles ist für knapp 9000 Dollar zu haben. Das Rezept zur Herstellung von MMS (Miracle Mineral Supplement) zur Behandlung von Krebs konnte man für 7 Dollar kaufen. Allgemein heilerische Fähigkeiten versprach der große Stand von „Buddha Maitreya‘s Shambhala Healing Tools“, bei dem es Energiepyramiden in unterschiedlichsten Größen zu kaufen gab. Kleine Pyramiden passen auf den Kopf, oder man hängt sie in den Raum, aber es wurden auch große Exemplare angeboten, die ganze Häuser überragen.

3. Wellness- und Beauty-Angebote:Superfood, Zahn-Bleaching, Entschlackung, holistic Skin-Cleaning, Single-Infrarot-Kabinen und Single-Schwitzhütten, energetisiertes Make-up und Anti-Aging-Produkte fanden sich an jeder Ecke.

4. Spirituelle Angebote:Unter anderem luden „Avatar. The compassion project“ zum Kaufen und Verteilen von Mitgefühlskarten ein, der Stand von Saint Germain verkaufte Bücher über die „Holy Aura“. Auch Seicho-No-Ie, eine japanische Neureligion, war vertreten. Unter Anleitung von Gail Thackray konnte man „spiritual journeys“ unternehmen, und die „International Academy of Consciousness“ bot „free lectures in personal evolution and out of body experiences“ an. Auffallend war, dass sich diverse Verschwörungstheoretiker (9/11 etc.), UFO-Gruppen und Parawissenschaftler (Unarius Academy of Science) präsentierten. Es überraschte schon gar nicht mehr, dass auch Scientology mit einem eigenen Stand vertreten war und kostenlose Auditing-Sitzungen anbot. Ein E-Meter konnte ausprobiert werden.

Die Firma „New Living Expo“ ist Organisator und Plattform für Einzelanbieter und schon lange in diesem Geschäft tätig. Früher fand die Messe in der Innenstadt von San Francisco statt. Vor einigen Jahren wurde sie in den Randbezirk verlegt, weil hier höhere Gewinne zu erzielen sind. Nach Angaben eines Mitarbeiters seien die Hallenpreise günstiger, und die Besucher würden mehr kaufen. Für das leibliche Wohl auf der Messe sorgte übrigens „Amma – embracing the world“. Eine Besonderheit und noch eine Marktlücke: Ein lustig bunt gekleideter Mann verkaufte „sacred chocolate“ (selbstverständlich biologisch, vegan, koscher und halal) unter dem Slogan „open your heart – discover the magic“. Dazu gab es das Buch von Michael Bedar: „Sweet Healing. A Whole Health Journey“. Besondere Zielgruppe dieses Buches: Menschen mit Typ-2-Diabetes.

In der nächsten Ausgabe des MD wird der Bericht fortgesetzt. Dann führt die Reise u. a. in einen Rosenkreuzer-Park, zu neopaganen Gruppen und in die Hauptstadt der Mormonen.


Marianne Brandl, Oliver Koch, Matthias Pöhlmann, Michael Utsch


Anmerkungen

  1. Praktiker bzw. Praktikerinnen sind in der Regel „hauptberuflich damit beschäftigt, anderen durch die CW zu helfen … und haben Erfahrungen in der Heilarbeit“ (Der Herold der Christlichen Wissenschaft, Anhang).
  2. Der Herold der Christlichen Wissenschaft, Anhang.
  3. http://newlivingexpo.com
  4. Die Aussteller sind auf http://newlivingexpo.com nachzulesen..