Eva-Maria Kreitschmann

Grenzgänger zwischen Mystik und Tiefenpsychologie

Symposium zur Erinnerung an Gerhard Wehr

Unter dem Titel „Mystik und Tiefenpsychologie“ lud der „Freundeskreis Gerhard Wehr“ am 20. April 2024 zu einem Symposium in das Studienzentrum Rummelsberg ein. Im Mittelpunkt stand das Gedenken an Gerhard Wehr (1931–2015), den Diakon der Rummelsberger Brüderschaft, der sich als Theologe und Autor zahlreicher Beiträge im Bereich der christlichen Mystik, Anthroposophie und Tiefenpsychologie einen Namen gemacht hat. Das Symposium thematisierte dabei auch die Frage, wie das Werk des „Grenzgängers und Brückenbauers“ – so der Titel der umfangreichen postum zusammengestellten Bibliographie Wehrs – in der kirchlichen Gegenwart mit ihren Krisen fruchtbar gemacht und fortgeführt werden kann. Mit dem Theologen und Psychotherapeuten Ludwig Frambach sowie dem Psychoanalytiker Martin Schimkus sprachen zwei ehemalige Freunde und Weggefährten Gerhard Wehrs. Beide haben durch dessen Wirken wichtige Impulse und Anregungen für ihr eigenes Schaffen erhalten.

Frambach, der selbst mit einer Arbeit zum Thema „Identität und Befreiung. Gestalttherapie, Zen und christliche Spiritualität“ promoviert wurde, zeichnete die Lebenslinien Wehrs nach, indem er sich an den Schwerpunkten seines Werkes orientierte. Das Interesse an christlicher Mystik und Spiritualität scheint bei dem 1931 in Schweinfurt geborenen Wehr schon früh präsent gewesen zu sein, wie Frambach anschaulich darlegte. So habe der spätere Diakon bereits mit 17 Jahren in einer Buchhandlung nach dem Werk „Aurora oder Morgenröte im Aufgang“ des Mystikers Jakob Böhme gefragt und mangels Geldes seine Ziehharmonika zum Tausch angeboten. Hier werde sichtbar, so Frambach, dass Wehr „schon früh jene geistige Spur aufgenommen“ habe, der er „sein Leben lang treu geblieben“ sei. In der Tat gab er später das Werk Jakob Böhmes in einer kommentierten Gesamtausgabe heraus (1975–1980), die „für die Böhmeforschung einen nicht zu unterschätzenden Wert darstellt“.1

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Wehrs Interesse an Böhme, dem Schuhmachermeister aus Görlitz und theologischen Autodidakten, auch in biographischen Parallelen begründet lag: Wehr, dessen im Krieg verstorbener Vater Bautechniker und dessen Mutter Schneiderin war, blieben aus finanziellen Gründen der Besuch des Gymnasiums sowie ein Studium verwehrt. Umso mehr beeindruckt die große geistige Spannweite der Themen aus Theologie, Mystik und Psychologie, denen er sich als Rummelsberger Diakon und Erwachsenenbildner, später dann als freier Schriftsteller forschend und publizierend widmete. Mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Augustana-Hochschule im Jahr 2002 – Wehr war damals 71 Jahre alt – fand dieses Werk schließlich die verdiente akademische Anerkennung. Dabei war Wehrs Arbeit, wie Frambach ausführte, in der evangelischen Kirche nicht unumstritten. Im Gefolge der Dialektischen Theologie herrschte in der Evangelisch-Lutherischen Kirche bis in die 1980er Jahre eine Reserve gegenüber mystischen Traditionen der Christentumsgeschichte vor. Mystik und göttliches Wort galten durch die Rezeption der Barth’schen Worttheologie vielfach als scharfe, einander ausschließende Alternativen. Emil Brunners Schrift Die Mystik und das Wort (1924), in der er den prägnanten Gegensatz „Entweder die Mystik oder das Wort“2 formulierte, ist ein pointiertes Beispiel für diese Haltung. Die neuere protestantische Theologie hat diese vereinseitigenden Gegensätze weithin aufgegeben; ab den 2000er Jahren entdeckt sie etwa verstärkt die mystischen Wurzeln der Reformation wieder (u. a. Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Johannes Tauler). Gerhard Wehrs bleibendes Verdienst ist es, als „Vorkämpfer und Pionier“ (Frambach) für die mystische Dimension im Protestantismus gewirkt zu haben, als dieses Thema akademisch noch kaum wahrgenommen wurde.

In seinen Büchern „Esoterisches Christentum“ (1975) und „Europäische Mystik“ (1995) weitete Wehr den Blick dann auf die Mystik als inter- bzw. außerreligiöses Phänomen. So untersuchte er das geistige Vorfeld der Mystik in der Antike, etwa in der Philosophie Platons, und zog die Linie über die Wüstenväter und die Kabbala bis hin zu Figuren der Moderne wie dem jüdischen Anarchisten und Pazifisten Gustav Landauer oder den Schriftstellern Rainer Maria Rilke, Herrmann Hesse und Robert Musil. Auch die Anthroposophie Rudolf Steiners verstand Wehr als „esoterische“ Form des Christentums, wobei der Begriff des „Esoterischen“ bei ihm mit dem Begriff des „Mystischen“ beinahe deckungsgleich wird. Dieser Zug, sich auch an heiklen konfessionell-dogmatischen Grenzen zu bewegen und unkonventionelle Allianzen zu suchen, gehört zu den Aspekten im Wehr’schen Werk, deren kritisch-konstruktive Reflexion der christlichen Theologie angesichts einer pluralen Religionskultur bleibend aufgegeben ist.

Die Beziehung Wehrs zur Psychoanalyse Carl Gustav Jungs wurde dann von dem Psychoanalytiker Martin Schimkus dargestellt. Mit seiner 1969 erschienenen Monographie über Jung machte sich Wehr auch in psychologischen Fachkreisen einen Namen. Schimkus stufte Wehr als „den Jung-Spezialisten der Nachkriegszeit in Deutschland“ ein. Dabei sei es weniger das Fach Psychologie als solches gewesen, welches das Interesse Wehrs an der jungianischen Psychoanalyse geweckt habe. Psychologische Themen in der Diakonenausbildung wie pädagogische Psychologie oder Testtheorie hätten ihn, wie von Schimkus verlesene Interviewpassagen bezeugen, nicht zu berühren vermocht. Hingegen habe Wehr all das interessiert, „was mit persönlicher Erfahrung zu tun hat, mit spiritueller, mit religiöser Erfahrung, mit Mystik und Ähnlichem“. Dementsprechend waren für ihn im Jung’schen Werk insbesondere die Ideen vom kollektiven Unbewussten, von den Symbolen und Archetypen bedeutsam. Wehr unterzog sich selbst Traumanalysen und öffnete sich dabei einem Verständnis von Träumen als „Wegweisern“ und als „lebendigen psychischen Binnenräumen zum tiefen Erleben“.

Obwohl gute Kontakte zu den Organen der Jungianer in Deutschland bestanden3 und Wehr 1974 in Ascona (Schweiz) an einer der von C. G. Jung begründeten Eranostagungen teilgenommen sowie in der Zeitschrift Analytische Psychologie veröffentlicht hatte, blieb sein Bemühen um eine Aufnahme als Mitglied bzw. Dozent im Kreis der Jungianer erfolglos. Als Hindernis erwiesen sich hier, so Schimkus, die akademischen Standesschranken gegenüber dem Autodidakten, der über keine klassische Universitätsausbildung und keinen medizinischen bzw. psychologischen Beruf verfügte. Auch der Legitimationsdruck der Analytischen Psychologie, die seit 1969 am Kassensystem beteiligt wurde und folglich eine stärker natur- und weniger geisteswissenschaftliche Begründung in der Behandlung favorisierte, spielte eine Rolle. Die Reserve der deutschen Jungianer zusammen mit der Kritik von Seiten der bayerischen Landeskirche machten Wehr in gewisser Hinsicht zu einem Heimatlosen.

Vertieft wurden Schimkus’ Darlegungen anschließend durch die Vorführung eines Ausschnittes aus dem Dokumentarfilm „Nachtmeerfahrten“ des Regisseurs Rüdiger Sünner, in dem Wehr als Jung-Experte zu Wort kommt. Hier formuliert er den Ertrag seiner Beschäftigung mit Jung für die christliche Theologie. In ihr sei eine problematische Abspaltung des Dunklen aus dem Gottesbild zu erkennen, und zwar namentlich im Zuge der Hellenisierung des Christentums, wodurch Christus mehr und mehr als Verkörperung von Licht und Heil verstanden worden sei. Das Resultat sei in der Kirchengeschichte häufig eine triumphalistische Blindheit für die eigenen Schatten gewesen, die es nun in einem Prozess der Selbsterkenntnis und eines kontemplativen Weges nach innen zu adressieren und zu integrieren gelte.

Das Symposium in Rummelsberg endete mit einer meditativen Einheit, in der Weggefährten und Schüler in selbstverfassten Texten zu Musik des Sängers und Gitarristen Chris Halmen an den Diakon, Theologen und Autor Gerhard Wehr erinnerten. In den Diskussionen zu Film und Vorträgen wurde insgesamt deutlich, dass Wehrs Mystikverständnis nicht von einer vereinseitigenden Innerlichkeit bestimmt war. Vielmehr war ihm wichtig, dass die Wendung nach innen nicht von einem gesellschaftspolitischen Engagement entbindet, sondern als widerständige Existenzweise gerade in der Ethik ihren Ausdruck findet. In diesem engen Zusammendenken von christlicher Weltverantwortung und lebendiger Spiritualität liegen bleibend wertvolle Impulse von Wehrs Werk für die (kirchliche) Gegenwart. Ebenfalls von besonderem Wert ist dabei auch die von Wehr zusammengestellte Bibliothek mit über 30.000 Bänden, die derzeit im Studienzentrum Rummelsberg in ungeordnetem Zustand eingelagert ist. Ihr künftiger Verbleib ist bislang ungeklärt. Ein geeigneter Standort nebst Katalogisierung wären wünschenswert, um Studierenden, Forschenden und Interessierten einen Zugang zu Gerhard Wehrs Erbe zu ermöglichen und in seinem Gefolge weiteres Forschen und Nachdenken über christliche Spiritualität und Mystik anzuregen.


Eva-Maria Kreitschmann, München (Mai 2024)

 

Anmerkungen

  1. So der Kirchenhistoriker Eberhard Pältz (1929–2007), der mit diesem Zitat von Prof. Wolfgang Sommer in seiner Rede zur Verleihung des Ehrendoktorats an Gerhard Wehr erwähnt wurde.
  2. Emil Brunner, Die Mystik und das Wort. Der Gegensatz zwischen moderner Religionsauffassung und christlichem Glauben, dargestellt an der Theologie Schleiermachers (Tübingen: Mohr, 1924), 5.
  3. So zum Jung-Institut in München und der Deutschen Gesellschaft für Analytische Psychologie (DGAP).