Judith Bodendörfer

„Glaubt mir, als ob ich euer Sektenführer bin!“

Ein Erfahrungsbericht von der Live-Tour des Podcasts „Hoss & Hopf“

Schon seit längerem wird dem Finanzpodcast „Hoss & Hopf“ die Verbreitung von Verschwörungserzählungen vorgeworfen. Auf der Lesetour zu ihrem Spiegel-Bestseller Jeden Tag einen Schritt machten die beiden Podcaster nun mit Tipps zum Manifestieren Schlagzeilen. Ein Grund mehr, dem Podcast „Hoss & Hopf Live“ größere Aufmerksamkeit zu widmen.

Der 1999 geborene Kiarash Hossainpour (Hoss) und der 1984 geborene Philip Hopf (Hopf) fanden sich bei einem Gespräch zum Thema Kryptowährungen und beschlossen daraufhin, gemeinsam einen Podcast zum Thema Finanzen aufzunehmen. Seit September 2022 erscheinen regelmäßig Episoden ihres erfolgreichen Formats „Hoss & Hopf“ – über 270 Folgen sind es inzwischen. Im Juli 2025 hatte der YouTube-Kanal der Podcaster 430.000 Abonnent:innen, die Zahl der Follower:innen auf Instagram lag bei knapp 260.000. Zu Beginn des Jahres 2024 war „Hoss & Hopf“ zeitweise der erfolgreichste deutschsprachige Podcast auf Spotify.

Wer auf dem Kanal allerdings tatsächlich Finanztipps erwartet, wird enttäuscht. Hatten sich Hossainpour und Hopf in der ersten Folge noch als wissbegierige Suchende vorgestellt, beschäftigte sich bereits die zweite Folge unter dem Titel „Gute Zeiten, schwache Männer, schwache Männer, harte Zeiten“ mit dem Thema der „verweichlichten“ Männlichkeit. Neben Episoden zum „Erfolgsmindset“ finden sich auch zahlreiche Beiträge, deren Inhalt von Beobachter:innen als verschwörungstheoretisch eingestuft wird, beispielsweise solche zur vermeintlichen Macht der Familie Rothschild oder zu einem angeblichen unterirdischen Tunnelsystem der US-amerikanischen Eliten. Die beiden verhandeln im Podcast zudem rechtspopulistische Themen und sprechen sich für Positionen der AfD aus.

Die Veröffentlichung ihres Buches Jeden Tag einen Schritt im Jahr 20241 nahmen Hossainpour und Hopf zum Anlass, zu einer Live-Tour aufzubrechen. Dabei traten sie jeweils mit zwei Gästen in großen Veranstaltungshallen auf, unter anderem in Berlin, Köln, Mannheim, München und Zürich. In München mischte ich mich am 4. Juni 2025 selbst unter das Publikum.

„Hoss & Hopf Live“ in der Münchner Olympiahalle

Die Stimmung bei „Hoss & Hopf Live“ in der Münchner Olympiahalle ist an diesem verregneten Abend ruhig und unaufgeregt. Sie hat etwas von einem Businessseminar: viel weniger knallig und aufgeheizt als Veranstaltungen anderer Erfolgscoaches wie beispielsweise die „Power-Days“ von Jürgen Höller, die ebenfalls hier stattfinden.2 Etwa 3.000 Fans des Podcasts sind gekommen, um die beiden Hosts live zu erleben. Damit ist die Halle, die über knapp 12.600 Sitzplätze verfügt, allerdings nicht einmal zu einem Viertel gefüllt. Die Ambitionen waren, wie es scheint, größer. Viele Menschen in der Halle sind überraschend jung, mehr Männer als Frauen, und auffallend viele von ihnen tragen blütenweiße Hemden. Die Karten für das Event waren nicht billig. Die Preise lagen zwischen knapp 70 und 110 Euro. Auch ein teureres VIP-Paket wurde angeboten. Für viele der jungen Besucher:innen dürfte das eine echte Investition gewesen sein. Und auch der zeitliche Aufwand ist beachtlich: Vier Stunden dauerte die Veranstaltung an diesem Mittwochabend.

Longevity

Das Programm beginnt nach einem Countdown mit einem Einspieler, der die beiden Hosts noch einmal vorstellt. Es wird betont, dass es sich hier um mehr handle als um einen Podcast. Es sei eine „Community“ entstanden. Dann erscheinen die beiden Protagonisten auf der Bühne und erzählen zunächst die Entstehungsgeschichte ihres Podcasts. Hossainpour habe die Idee gehabt. Nachdem er nach Dubai ausgewandert sei, hätten ihm nicht nur tiefsinnige Gespräche auf Deutsch gefehlt. Zugleich habe er das Gefühl gehabt, dass nach der Covid-Pandemie viele Themen nicht mehr angesprochen würden. Eine Sprachnachricht an Hopf, aus der ein Ausschnitt vorgespielt wird, sei der Funke gewesen, der alles in Bewegung gesetzt und die Podcaster zu ihrem Erfolg geführt habe. Wichtige Grundlagen für Erfolg seien aber in erster Linie gewisse Routinen und eine gute Praxis. Damit kommen die beiden auf ihr Buch Jeden Tag einen Schritt zu sprechen, das zu dieser Praxis anleiten soll. Hopf fragt ins Publikum, wer das Buch bereits gelesen habe oder gerade lese und wer bereits eine Veränderung in seinem Leben wahrgenommen habe. Einige Hände gehen in die Höhe. Der Klappentext beschreibt die Zielrichtung des Buches mit folgenden Worten:

Wie du täglich erfolgreicher wirst! Die Erfolgsstrategien des No. 1 Podcasts mit Kiarash Hossainpour und Philip Hopf (Hoss & Hopf). Werde dein bestes Selbst!

Das Buch erinnert an ein Losungsbuch: Es hat 365 kurze Kapitel, eines für jeden Tag des Jahres. Die Kapitel beinhalten je eine Inspiration, ein Zitat oder eine kurze Geschichte, mit einer kurzen Erläuterung im Anschluss. Zudem gibt es jeweils einen Infokasten mit Hinweisen, worüber an diesem Tag auf Grundlage des Zitats reflektiert werden soll. Im Gegensatz zum herkömmlichen Losungsbuch enthält Jeden Tag einen Schritt aber ein klares Erfolgsversprechen: Bei konsequenter Anwendung soll nach Ablauf eines Jahres ein mentaler Wandel eingetreten sein, der das Potential hat, den Leser zu seinem besten Selbst zu führen.

Hossainpour liest das Kapitel für den 22. November mit dem Titel „Das Morgen-Ich“ vor. Der Eintrag dreht sich um die Auffassung, dass man von seinem Ich aufgrund trügerischer chemischer Signale angelogen werde. Es geht um innere Schwäche und darum, wie diese überwunden werden könne.

Überall lauere die Verführung, setzt Hossainpour den Gedanken fort, zum Beispiel in den sozialen Medien, die Hopf als „Satanszeug“ bezeichnet, obwohl sie den Erfolg der beiden Podcaster gewährleisten. Aufgrund der vielen Versuchungen sei es für das Ich „noch nie so schwer gewesen, gesund zu bleiben“.

Damit ist zum ersten Gast des Abends übergeleitet, dem österreichischen Fitness- und Gesundheitscoach Nick Haasmann, der diesen Leitsatz vertritt. Man findet ihn auch auf Haasmanns Website, dort mit einer weiterführenden Erläuterung:

Ich bin der festen Überzeugung, dass Fitness und vor allem Gesundheit nicht von Ärzten oder Gesundheitssystemen“ [sic] kontrolliert werden sollten und dass jeder die Verantwortung für seine eigene Gesundheit übernehmen kann. Von schlechter Lebensmittelqualität über unausweichliche Umweltgifte bis hin zu einem modernen Lebensstil, der unsere Biologie zerstört – es war noch nie so schwer, gesund zu bleiben. Und es ist klar, dass die aktuell bestehenden Institutionen NICHT funktionieren. Lebensmittel- und Pharmaunternehmen monetarisieren unsere Krankheiten, und niemand hat dein bestes Wohl im Sinn.3

Hier zeigt sich ein erster Hinweis für die Anschlussfähigkeit der von Hossainpour und Hopf vertretenen Positionen an oft esoterisch geprägte Verschwörungserzählungen, wie sie seit der Covid-Pandemie vielfach zu hören sind. Doch lassen sich die Inhalte von Haasmanns Vortrag zugleich der Denkweise der mit dem Transhumanismus verwandten und libertär geprägten Longevity-Bewegung zurechnen. Nur was gemessen werden kann, lässt sich auch verbessern, sagt Haasmann. Deswegen sei es wichtig, von allen Dingen möglichst viele Kennzahlen zu haben: Alles müsse vermessen werden, weil nur so die angestrebte Transformation überhaupt möglich sei. Dabei beruft Haasmann sich auf ein buntes Potpourri aus Konzepten und Begriffen: darunter das japanische Kaizen-Prinzip, das TAO-Prinzip (test, analyze, optimize), die Via Negativa, der Slogan „Progress over Perfection“, das Pareto-Prinzip und der von Haasmann selbst entwickelte NH-Score (Nick-Haasmann-Score). Es schwirrt einem der Kopf.

Im Wesentlichen sind es zwei Punkte, bei denen Haasmann Verbesserungsbedarf sieht: beim Schlaf und in der Ernährung. Schlaf und Erholung seien nicht passiv. Man könne beim Schlafen viele Fehler machen, wenn man nicht die richtige Routine einübe und Disziplin aufbringe. Während des Schlafs gelte es, möglichst die Luft zu filtern und die Schlafphasen zu vermessen und zu überwachen, um verlässliche Kennzahlen zu haben. Hopf räumt ein, beim Thema Schlaf selbst viele Fehler gemacht zu haben, weil er dem „Wallstreet-Livestyle“ nacheifern wollte.4 Hier sei er eines Besseren belehrt worden.

Beim Punkt Ernährung betont Haasmann erneut, wie schwer es heutzutage sei, gesund zu bleiben. Weil Konzerne minderwertige Lebensmittel herstellten, bedürfe es gewisser Supplements, also Ergänzungsmittel, um die schlechte Qualität der Nahrung auszugleichen. Zudem seien Drogen und Alkohol zu vermeiden, ebenso Gluten, das zu einer Anreicherung von Schimmelpilzkulturen im Körper führe. Auf der Ticketplattform Eventim schreibt ein Nutzer, der sich selbst als „Arzt und Investor“ bezeichnet, er habe nach diesem Beitrag aufgrund der vielen darin enthaltenen Falschinformationen die Veranstaltung verlassen5

Auf den langen Vortrag folgt eine kurze Fragerunde des Publikums an die Hosts, wobei die Fragen über einen QR-Code online eingereicht werden. Eine der Fragen lautet:

Ihr wurdet medial schon vielfach auch scharf angegriffen. Woher nehmt ihr den Mut, so offen die Wahrheit auszusprechen und kritische Dinge zu sagen?

Diese Frage veranlasst Hopf, der sich bislang auffallend zurückgehalten hat, zu der Feststellung, er habe „den Fetisch, dem Staat auf die Fresse zu geben, wo es nur geht“. Das Publikum applaudiert spontan. Einige Gäste grölen, und es scheint, als hätten Teile des Publikums auf diesen Ausbruch gewartet. Ziel sei es, so Hopf, finanzielle Unabhängigkeit zu erlangen, um sagen zu können, was man denke. Aufgrund seines Erfolgs könne ihm niemand etwas anhaben, denn er sei sein eigener Chef. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich: Nur mit Geld lasse sich wahre Meinungsfreiheit erzielen. Und im Umkehrschluss: Reichtum ist dazu da, der eigenen Meinung Gehör zu verschaffen.

Während der Pause gehen einige Besucher:innen, mehrheitlich Männer, für eine Zigarette vor die Halle. Haasmanns Warnungen vor einer ungesunden Lebensweise scheinen bei ihnen wenig Widerhall gefunden zu haben. Einige unter ihnen zeigen sich zudem enttäuscht, dass es nicht krawalliger zugeht und so viel über Gesundheit und Ernährung gesprochen wird. Und doch brandet spontaner Jubel auf, als ein Mann im strömenden Regen an der Olympiahalle vorbeijoggt. Die Gruppe vor der Halle feuert ihn an. Seine Entschlossenheit, trotz des widrigen Wetters Sport zu treiben, wirkt wie eine Illustration der Werte, die auf dieser Veranstaltung vermittelt werden. Disziplin und Entschlossenheit sind hier die Kerntugenden. Zurück in der Halle höre ich eine junge Frau zu ihren Freundinnen sagen, sie werde wohl nicht bis zum Ende der langen Veranstaltung durchhalten und deshalb nun gehen. Ihre Freunde sollen mitnotieren, damit sie keine wichtigen Informationen verpasse.

Manifestieren

Der zweite Teil des Events beginnt wieder mit einem Denkspruch aus Jeden Tag einen Schritt. Dieses Mal ist es der vom 17. Dezember. Unter der Überschrift „Der japanische Soldat“ wird die Geschichte von Hiroo Onoda erzählt, der über Jahrzehnte hinweg Meldungen vom Ende des Zweiten Weltkriegs für falsch hielt und deshalb weiterkämpfte, bis er schließlich im Jahr 1974 von seinem eigens angereisten Vorgesetzten offiziell den Befehl erhielt, sich zu ergeben. Die Geschichte von Onoda sieht Hopf als ein Beispiel für grenzenlose Willenskraft und unbedingtes Durchhaltevermögen.

Die Willenskraft sei, so Hopf, die „wichtigste aller Tugenden“ und „die mächtigste Waffe, die es im Universum gibt“. Willenskraft sei sogar sehr viel wichtiger als Intelligenz, nur müsse sie trainiert werden. Wer arm ist, habe hier oft einen Vorteil, weil die Willenskraft dann bereits stärker ausgebildet sei. Es gehe darum, einen Sinn für die eigene Existenz zu finden, ein Ziel. Im Vordergrund stehe dabei die Dankbarkeit für alles, was man habe: Obwohl es viel „Böses“ gebe, sei das Leben doch schön.

Nach dieser Einleitung steht das Thema Manifestieren auf dem Programm. Die Presse könne es nicht nachvollziehen, sagt Hopf, und rede davon, dass „geschwurbelt“ werde. Mit „Schwurbeln“ aber habe das Manifestieren nichts zu tun. Hopf empfiehlt, den modernen Esoterik-Klassiker The Secret6 „zu lesen wie die Bibel“.7 Die Erwähnung von The Secret führt zu spontanem, wenn auch etwas verhaltenem Applaus im Saal. Das Buch scheint vielen Besucher:innen zumindest nicht unbekannt zu sein. Er selbst habe das Buch viel zu spät entdeckt, räumt Hopf ein. Man müsse früh mit dem Lesen anfangen. Doch sei das Manifestieren für ihn selbst in erster Linie Erfahrungswissen, das er sich selbst angeeignet habe.

Nach dieser Einführung tritt der zweite Gast des Abends auf, nun eben der Experte für das Manifestieren: Max Gotzler aus Weilheim. Gotzler wirkt locker, ein Surfer-Typ mit weißem Longsleeve, langer Lederkette mit Anhänger und verstrubbelten Haaren. Gotzler war früher Leistungssportler, und aus dieser Zeit stammt auch sein Interesse für die Vermessung des Körpers. Später gründete er in Berlin das Diagnostikunternehmen Biotrakr und schrieb das Buch Biohacking – Optimiere dich selbst.8 Er schickt seinem Part eine Körperaktivierung voraus: Das Publikum soll aufstehen, sich bewegen.

Dann beginnt sein Input: Manifestation sei keine Esoterik, sondern Neurowissenschaft. Und in der Tat ist das, was Gotzler anschließend beschreibt, wiederum recht nah am Weltbild der Longevity-Bewegung. Beim Manifestieren gehe es darum, den eigenen Körper zu besiegen und das verführbare Ich zu manipulieren. Gedanken seien elektrische Impulse, durch die das neuronale Netzwerk trainiert werde. Deshalb sei es wichtig, das Denken auf die eigenen Ziele und auf das Positive im Leben zu lenken. Das Gehirn müsse darauf trainiert werden, was es für wichtig halten soll, um so die wichtigen Gedanken mit „Value Tags“ versehen zu können. All dies funktioniere, so Gotzler, nach demselben Mechanismus, der auch in der Werbung angewendet wird. Er vergleicht das Vorgehen mit einer pawlowschen Konditionierung des Ichs.

Im nächsten Schritt erklärt Gotzler, wie man „Affirmations“ formuliert. „Affirmations“ seien „neurologische Impulse, die die Realität beeinflussen“, steht auf der Präsentation, die den Vortrag begleitet. Man solle sich immer wieder Dinge sagen wie „Ich habe es verdient“ oder „Ich liebe es, meine Ziele zu erreichen“. Dabei sei es sehr wichtig, sich die Frage zu stellen: „Was will ich wirklich?“

Einen wesentlichen Bestandteil gelungener „Affirmations“ bildeten zudem die Emotionen, so Gotzler weiter. Emotionen seien elektromagnetische Energien, die im Gehirn besonders deutlich ankommen. Das Gesetz des Universums laute deshalb: Ein mit genügend intensiver Emotion ausgesendeter Wunsch wird wahr. Spontaner Applaus brandet auf. Allerdings betont Gotzler, dass es ebenso wichtig sei, ins Handeln zu kommen.

Auf Gotzlers Input hin schaltet sich erneut Hopf ein und betont, wie sehr ihm das Manifestieren geholfen habe. „Glaubt mir, als ob ich euer Sektenführer bin“, sagt er. Ziel sei es, sich jeden Morgen selbst zu besiegen. Am besten mit „Affirmations“, die man 21 Tage am Stück wiederhole: Nach 21 Tagen würden die Gedanken vom Bewusstsein in das Unterbewusste wandern.

Lebenshilfe

Am Abschluss der Veranstaltung steht nochmals eine Fragerunde. Acht online eingesandte Fragen werden von Hossainpour und Hopf beantwortet. Und zum ersten Mal an diesem Abend wird der Grund für den Erfolg, den die beiden als Podcaster haben, wirklich nachvollziehbar. Sie wirken nahbar, freundlich, zugewandt. Sie gehen auf die Sorgen und Nöte des Publikums ein, das offenkundig nach Orientierung sucht. „Wo sollte man im Leben mit Anfang 30 stehen?“, lautet die erste Frage. Man solle sich niemals mit anderen vergleichen, geben die beiden Podcaster zurück. „Wie kann ich mich als alleinerziehende Mutter mit einem Vollzeitjob, der mich nicht erfüllt, selbst verwirklichen, ohne meine Familie zu gefährden?“, lautet eine weitere Frage. Hossainpour und Hopf stimmen ein Lob auf die Mütter an. Einen konkreten Tipp für die Selbstverwirklichung aber bleiben sie an dieser Stelle schuldig. Man solle sich eben jeden Tag eine halbe Stunde Zeit nehmen, um sich auf die eigenen Ziele zu konzentrieren. Eine halbe Stunde am Tag sollte doch wohl jeder zur Verfügung haben. Bei aller Zugewandtheit zeigt sich hier deutlich, wie weit die beiden von der Lebensrealität einer alleinerziehenden Mutter entfernt sind. Eine Besucherin wird dies später auf dem Weg zur U-Bahn ausdrücklich anmerken.

Andere Fragen richten sich darauf, wie man es schaffe, trotz Erfolg nicht abzuheben, wie man den eigenen Kindern die richtigen Werte beibringe, wie man sich von der Meinung anderer emanzipiere und worin Hossainpour und Hopf den Sinn für ihr Leben sähen. Ganz traditionell antworten die beiden an dieser Stelle, der Sinn des Lebens liege für sie darin, sich um andere Menschen zu kümmern, vor allem um die Familie, die Eltern, die Frau, die Kinder. Kinder solle man unbedingt haben, betonen sie, sonst bestünde die Gefahr des Aussterbens. Ziel sei es, sein bestmögliches Selbst zu sein, in Frieden und Prosperität zu leben. Doch ziehe am Horizont eine Gewitterfront auf, die diesem Ziel entgegenstehe: Kriegstreiberei und Angstmache prägten die Welt. Es wird deutlich, dass damit der Staat gemeint ist, der diesen Rückzug auf das Innerliche, auf den eigenen Erfolg und die eigene Familie unterbinde. Es sind nicht der Klimawandel und unberechenbare Staatsoberhäupter, die Hopf und Hossainpour Sorge bereiten, sondern die Presse und vor allem ein übergriffiger Staat. Dieser störe den gewohnten Gang der Dinge, das friedliche, auf finanziellen Erfolg ausgerichtete Leben. Geopolitische Zusammenhänge, wirtschaftliche Ausbeutung, Naturkatastrophen – all das bleibt hier vollständig ausgeblendet. Im Zentrum steht eben das Ich, und diesem Ich gegenüber gibt es nur die unendliche Fülle des Universums. Alles, was sich nicht in diese Auffassung fügt, gilt als feindlich. Man nimmt den beiden ab, dass sie diese naive Weltsicht aufrichtig vertreten.

Weltanschauliche Einordnung

Auch wenn Hossainpour und Hopf keine klar zu benennende Weltanschauung vertreten, lassen sich doch einzelne Versatzstücke der Veranstaltung bestimmten weltanschaulichen Systemen zuordnen.

Vom Transhumanismus zum New Thought

Explizit wird immer wieder der Bezug zur noch recht jungen Longevity-Bewegung hergestellt, die den Tod als eine Krankheit ansieht, welche durch das ständige Vermessen des Körpers und seiner Umwelt sowie mit technischen Hilfsmitteln wie KI überwunden werden kann. Das Ziel, den Tod und jedes menschliche Leid mit Hilfe des technischen Fortschritts zu bemeistern, hat die Longevity-Bewegung mit dem Transhumanismus gemein. Doch im Gegensatz zum klassischen Transhumanismus spielt die Intelligenz, die diese technischen Hilfsmittel entwickelt, keine entscheidende Rolle.9 In der Longevity-Bewegung ist stattdessen die Willenskraft, die es schafft, sich der Technik völlig unterzuordnen, die „wichtigste Tugend“. Sie äußert sich vor allem in eiserner Disziplin, die sich dann auch in den gestählten Körper einschreibt. Das Ich, der Geist, spaltet sich dabei auf in einen verführbaren Anteil, der kurzfristigen Versuchungen wie Fast Food oder Alkohol nachgeben möchte, und einen starken Anteil, der langfristige Ziele im Blick behält und den schwachen Anteil durch Routine und Disziplin beständig überwinden muss.

An dieser Stelle weist die Longevity-Bewegung große Parallelen zum New Thought10 auf, der die Praxis des Manifestierens durch „Affirmations“ hervorgebracht hat. Im Zweig des New Thought, der besonders die Coaching-Szene und den sogenannten „Cult of Success“ geprägt hat, wird die Willenskraft als zentrale göttliche Kraft gedeutet, die jedes Leid bis hin zum Tod überwinden kann. Auch hier wird eine Spaltung des Geistes in einen starken und schwachen Anteil angenommen. Über diese Spaltung wurden historisch auch immer wieder Fragen der Geschlechterrollen verhandelt: So verbanden sich mit dem schwachen, verführbaren Anteil des Geistes weibliche Konnotationen, mit dem willensstarken Anteil männliche.11 Dadurch wurde aus einer ursprünglich überwiegend von Frauen getragenen Bewegung eine Denkweise, die eher Männer ansprach. Diese explizite Deutung begegnet uns bei Hossainpour und Hopf zwar nicht, doch ist die Verbindung von Disziplin und Männlichkeit ein beständiges Thema, sowohl im Podcast als auch in der Longevity Szene allgemein. Sie schlägt sich zudem im überwiegend männlichen Publikum der Live-Veranstaltung nieder.

Traditionell versteht sich die Neugeistbewegung, wie viele esoterischen Systeme, als eine Synthese aus Wissenschaft und Religion. Dies zeigt sich schon in den Bezeichnungen der ersten neugeistig geprägten Gruppierungen wie zum Beispiel der Christian Science von Mary Baker Eddy.12 Wenn auf der Live-Veranstaltung in München also beständig die Wissenschaftlichkeit der Vorträge betont wird, steht dies nicht im Widerspruch zu klassischen neugeistlichen Strömungen, sondern ist eine Fortführung esoterischer Tradition. So scheinen zum Beispiel immer wieder die Wurzeln der Neugeistbewegung im Mesmerismus durch, wenn etwa Emotionen als elektrische Impulse bezeichnet werden, die den eigenen Wünschen eine energetische Aufladung verleihen, durch die das Universum die Wünsche umsetzen kann. Der gleichzeitige Verweis auf die Notwendigkeit zu handeln, zeigt allerdings, dass dies nicht mit einer vollständigen Ablehnung der Materie als überwindbarer Illusion verbunden wird. Das Denken allein führt noch nicht zu einer Verbesserung, wie dies in manchen Neugeistsystemen gesehen wird.

Deswegen ist es interessant, dass es Hossainpour und Hopf nicht einfach bei Begriffen wie „Longevity“ oder „Biohacking“ (wie Max Gotzler seine Praxis nennt) belassen, sondern dezidiert auf Konzepte und Literatur aus dem esoterischen Bereich verweisen. Mit den Begriffen „Manifestieren“ und „Affirmations“ sowie dem Hinweis auf den esoterischen Bestseller The Secret schlagen die Podcaster selbst die Brücke zur Esoterik und zur Alternativmedizin, trotz der Technikbegeisterung der Longevity-Bewegung. Damit laufen sie einerseits Gefahr, Teile ihrer Fangemeinde zu verlieren, können aber andererseits auch neue, eher esoterisch ausgerichtete Zielgruppen ansprechen.

Eine evangelikale Blaupause

Verweise auf Religion werden von Hossainpour und Hopf sonst nur ironisch gebrochen („Lest dieses Buch wie die Bibel“, „Glaubt mir, als wäre ich euer Sektenführer!“). Allerdings lassen sich neben der inhaltlichen neugeistigen Prägung strukturelle Parallelen zum evangelikalen Christentum ausmachen. Geht man von den Kennzeichen Christozentrismus, Biblizismus, Konversionismus und Dualismus13 aus, so finden sich vergleichbare Strukturen auch in der von Hossainpour und Hopf vermittelten Praxis.

Das persönliche Verhältnis zu Christus im evangelikalen Christentum wird bei den Podcastern durch das Verhältnis zu sich selbst ersetzt. Immer wieder muss das Ich nach seinen Wünschen und Zielen befragt werden. Nur der, dem es gelungen ist, ein gutes Verhältnis zum Universum aufzubauen – wovon das Ich ein Teil ist – hat Zugriff auf dessen unendliche Fülle. Und nur in diesem guten Verhältnis wird das Ich seine Ziele auch umsetzen können. Die Unterwerfung unter die Autorität der Bibel wird hier zur Unterwerfung unter die Autorität der Kennzahlen und der wissenschaftlichen oder zum Teil pseudowissenschaftlichen Systeme zur Verbesserung des Lebens. Wie im evangelikalen Christentum steht dabei die Entscheidung im Zentrum. Auf die Entscheidung für das Ich, die immer wieder bekräftigt werden muss, folgt die Konversion zu einem neuen besseren Ich, zur besten Version des Selbst. Dabei hilft die Reflexion über die Tageslosungen in Jeden Tag einen Schritt ebenso wie die täglichen „Affirmations“, die 21 Tage lang wiederholt werden sollen. Dieser 21-Tage-Rhythmus erinnert an das „Daniel Fasten“, wie es häufig bei evangelikalen Gruppen, beispielsweise bei der „International Christian Fellowship“ (ICF),14 praktiziert wird. Während sich Hossainpour und Hopf auf angeblich neurowissenschaftliche Erkenntnisse beziehen, werden die 21 Tage beim „Daniel Fasten“ mit der Bibelstelle Dan 9–11 begründet.

Auch der Dualismus als eine Abkehr von der modernen Welt findet sich bei „Hoss & Hopf“. Einerseits vertritt der Podcast vordergründig ein szientistisches Weltbild. Andererseits wird die Welt als korrumpierter Zusammenhang beschrieben, in dem Konzerne und selbstsüchtige Interessen herrschen, womit auch das Vertrauen in wissenschaftliche Autoritäten infrage gestellt ist.

Zudem werden dem Podcast zufolge Ideale wie Frieden, Familie, Disziplin, Männlichkeit nicht mehr wertgeschätzt. Hier zeigt sich dann auch die Offenheit für Verschwörungsdenken und eine rechte Ideologie. Ängste vor einem gesteuerten Sittenverfall, vor einem staatlich geförderten und gewünschten Absterben der eigenen Kultur, vor den Machenschaften der Lebensmittel- und Pharmaindustrie – all dies schwingt auch bei scheinbar harmlosen Themen im Hintergrund stets mit. Alles, was das Ich an der angestrebten, zumeist mit Geld gemessenen Potentialentfaltung hindert, wird als feindlich angesehen. Hossainpour und Hopf reagieren auf staatliche Interventionen ebenso wie auf geopolitische Großwetterlagen, die ihr Leben beeinflussen, mit großer Wut und werten sie als persönlichen Angriff.

Fazit

Die in „Hoss & Hopf“ vermittelte Weltanschauung ist nicht dezidiert religiös, bedient sich aber bei verschiedenen philosophischen und religiösen Konzepten und Praktiken. Das Ergebnis ist ein Amalgam aus evangelikalen, esoterischen, libertär-transhumanistischen und verschwörungstheoretischen Versatzstücken, ein Amalgam, das von den Anhänger:innen gleichwohl als säkular, wissenschaftlich und „rational“ angesehen wird. Das damit verbundene Versprechen einer harmonischen Verbindung von Wissenschaft und Glauben ist für viele Menschen weiterhin attraktiv. Es scheint den Raum für eine ganzheitliche Weltdeutung zu öffnen, die im Ergebnis aber nicht selten zu gefährlichen Wahrheitszuschreibungen und moralischen Setzungen pseudowissenschaftlicher Befunde führt.


Judith Bodendörfer (Berlin), Juli 2025

 

Anmerkungen

  1. Philip Hopf und Kiarash Hosseinpour, Jeden Tag einen Schritt. Wie du täglich erfolgreicher wirst (Gräfelfing: Next Level, 2025).
  2. Vgl. die Ankündigung auf der Website von Höller, https://www.juergenhoeller.com/power-days (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 24.7.2025).
  3. So unter „Vision“ auf der Website von Nick Haasmann, https://www.nickhaasmann.com/vision.
  4. Gemeint ist ein exzessiver Lebensstil, wie er in Filmen wie The Wolf of Wall Street (2013) oder Wall Street (1987) dargestellt wird, der sich durch hohe finanzielle Gewinne bei starkem Alkohol- und Drogenkonsum und wenig Schlaf auszeichnet.
  5. Kommentar „Enttäuschende Veranstaltung“ von Arzt und Investor zum Live-Auftritt am 25.5.2025 in Zürich, in „Hoss & Hopf Fan-Report: Bewertungen und Rezensionen“, eventim, https://tinyurl.com/yyj3v8tf.
  6. Rhonda Byrne, The Secret – Das Geheimnis, aus dem Englischen von Karl Friedrich Hörner (München: Goldmann, 2007).
  7. Vgl. Matthias Pöhlmann, „Säkulares Wohlstandsevangelium. Zum Selbsthilfe-Ratgeber ‚The Secret – Das Geheimnis‘“, ZRW 70,8 (2007), 304–308, https://tinyurl.com/3p74pvc5.
  8. Vgl. die Website von Gotzler, https://www.maxgotzler.de/.
  9. Oliver Krüger, Virtual Immortality. God, Evolution, and the Singularity in Post- and Transhumanism (Bielefeld: transcript, 2021), 266.
  10. Vgl. Claudia Jetter, „New Thought/Neugeist“, ZRW 86,1 (2023), 56–64, https://tinyurl.com/296js8xv.
  11. Beryl Satter, Each Mind a Kingdom. American Women, Sexual Purity, and the New Thought Movement, 1875–1920 (Berkeley: University of California Press, 1999), 88.
  12. Michael Utsch, „Christliche Wissenschaft/Christian Science“, ZRW 71,10 (2008), 394–396, https://tinyurl.com/mssp73vj.
  13. Martin Fritz, „‚In Zeiten wie diesen‘ – Teil 1: Theologische Beobachtungen zum evangelikalen Erfolgspodcast von Jana Highholder und Jasmin Neubauer“, ZRW 88,1 (2025), 3–16, 8–14, https://tinyurl.com/bdhsdra2.
  14. Vgl. „21 days – Gebet & Fasten“, ICF München, https://www.icf-muenchen.de/de/21tage/.