Gesellschaft
Studien zum Ressentiment unter Muslimen in Deutschland
Zur Erklärung von Radikalisierungstendenzen unter Muslimen hat die sozialwissenschaftliche Präventionsforschung bisher vor allem auf islamfeindliche Einstellungen und Vorurteile gegenüber Muslimen sowie Mechanismen kultureller Ausgrenzung und sozialer Diskriminierung verwiesen. Was bislang jedoch kaum in den Blick genommen wurde, sind die emotionalen und affektiven Befindlichkeiten von Muslimen als Nährboden für Polarisierungs- und Radikalisierungsprozesse. Um diese Forschungslücke zu schließen, hat ein interdisziplinäres Projektteam der Universität Münster im Kontext der BMBF-Förderlinie „Gesellschaftliche Ursachen und Wirkungen des radikalen Islam in Deutschland und Europa“ mehrere Studien zum „Ressentiment als affektive Grundlage von Radikalisierung“ durchgeführt.1 Die zwischen 2021 und 2025 erarbeiteten Ergebnisse wurden in einem Sammelband gebündelt, der im August 2025 erscheinen soll.2 „Ressentiment“ bezeichnet hier in Anlehnung an die psychologische Emotionsforschung die Verfestigung eines Gefühls der Kränkung, das negative soziale Erfahrungen in den Mittelpunkt stellt, positive Erfahrungen hingegen entwertet.
Zur Verbreitung von Ressentiments unter Muslimen in Deutschland
Der Zusammenhang zwischen den emotionalen Verfasstheiten von Radikalisierten einerseits und islamistischen Rekrutierungsbestrebungen und -strategien andererseits wurde dabei über mehrere quantitative und qualitative Teilprojekte analysiert. Der quantitative Teil der Forschung versuchte mit Hilfe des Instituts für angewandte Sozialwissenschaft (infas) von Juli 2023 bis April 2024 über die Befragung von insgesamt 1.887 Muslimen mit Migrationshintergrund sozialstrukturelle, integrationsspezifische und religiöse Faktoren zu erfassen, die zu einer „ungünstigen Affektlage“ beitragen können. In weiteren qualitativen Teilprojekten wurden unter anderem 160 leitfadengestützte Interviews mit türkisch- und arabischstämmigen Muslimen geführt, um zu ergründen, unter welchen Umständen Gefühle der Zurückweisung oder Kränkung zu Ressentiments führen.
Einem zentralen Ergebnis der quantitativen Studien zufolge verspürt rund ein Fünftel der befragten Muslime Ressentiments, die in Kombination mit anderen Faktoren eine Radikalisierung begünstigen können. Die Ergebnisse offenbaren dabei „eine gefährliche Nähe zu religiös motivierten Ansprachen von Islamisten, die gezielt Menschen mit Ressentiments ansprechen, um sie gegen die deutsche Gesellschaft zu mobilisieren“.3 Obwohl sich 90 Prozent der Befragten in Deutschland wohlfühlen und 80 Prozent der Demokratie positiv gegenüberstehen, nehmen sich knapp die Hälfte (48 %) von ihnen als Teil eines diskriminierten Kollektivs wahr. Die emotionale Situation von 20 Prozent der Befragten lässt sich dem „Ressentiment“ zuordnen, jener Affektlage also, die der Beschreibung der Wissenschaftler zufolge mit starken Kränkungsgefühlen und Feindbildern sowie einer geringen kollektiven Lernbereitschaft und Kritikfähigkeit einhergeht. Die Ressentiment-Gruppe ist signifikant jünger, weist seltener eine höhere Bildung auf und gehört häufiger zur zweiten und dritten Migrantengeneration. Von den betreffenden Muslimen wünschen sich 55 Prozent den Islam als „führende Ordnung“ und befürworten 33 Prozent die Anwendung von Gewalt im Falle einer „Bedrohung des Islam durch den Westen“, wofür 16 Prozent den Koran als Legitimationsgrundlage sehen. Ressentiment erweist sich somit als „eigenständiger und hochsignifikanter Prädiktor für Radikalisierung ohne und mit Gewalt“.4
Zur Einordnung und Repräsentativität der Forschungsergebnisse
In Presseberichten wurden die bereits Anfang 2025 verfügbaren Daten5 mit eigenen Hochrechnungen und Zahlenspielen dramatisiert.6 Dies veranlasste die beteiligten Wissenschaftler dazu, auf einer Pressekonferenz im Juni 2025 eine präzisierende Einordnung der Ergebnisse vorzunehmen: So betonte der Religionssoziologe Detlef Pollack ausdrücklich, dass diejenigen, die dem Ressentiment anhängen, zwar mit „höherer Wahrscheinlichkeit“ zur Radikalisierung neigen, also als „anfälliger“ gelten können. Der Faktor Ressentiment dürfe jedoch nicht im Sinne eines deterministischen Zusammenhangs von Ressentiment und Radikalisierung verabsolutiert werden. Was sich hingegen bei allen radikalisierten Interviewpartnern zeige, ist „eine stark anti-westliche Großerzählung, die sich auf Ungerechtigkeiten durch den Westen bezieht, denen Muslim:innen weltweit ausgesetzt seien, und die als Begründung für die eigene radikale Haltung dargelegt wird“.7 Zur Repräsentativität der Ergebnisse machte die Religionspsychologin Sarah Demmrich darauf aufmerksam, dass die Sozialstruktur von Muslimen in Deutschland bislang noch zu wenig erforscht und daher kaum bekannt sei, was einen Abgleich der Forschungsergebnisse mit entsprechenden Daten vorerst erschwere. Zudem könne die Studie, die sich in ihrem quantitativen Teil auf die Befragung von Muslimen im Alter von mehr als 18 Jahren stützte, keine Aussagen für die Jüngeren treffen. Bei einer Einbeziehung der Alterskohorte der Zwölf- bis Achtzehnjährigen dürfte der Prozentsatz von Muslimen, die sich aufgrund ressentimentaler Affekte „anfällig“ für Radikalisierung zeigen, wohl noch höher ausfallen, so Demmrich. Im grundlegenden Befund sind sich die gegenwärtig einschlägigen Studien zur Radikalisierung8 jedoch einig: Das Phänomen von Ressentiment und Radikalisierung wird immer jünger, und es sind immer mehr jüngere Menschen, die sich über die sozialen Medien radikalisieren.
Zu Ursachen von Ressentiments unter Muslimen in Deutschland
Als Ursachen für das Gefühl der Kränkung unter Muslimen nannte das Projektteam zunächst Diskriminierungserfahrungen im individuellen und kollektiven Kontext, dann eine Identitätsverunsicherung, die Betroffene dazu verleitet, sich ganz unabhängig von eigenen Erfahrungen über das gekränkte Muslimsein zu definieren, und schließlich das Bestreben islamistischer Gemeinschaften, jegliche Kränkung auf Seiten der Muslime zu instrumentalisieren. Die auf der Pressekonferenz im Juni 2025 präsentierte Vorabfassung der Studienergebnisse formuliert diesen Zusammenhang wie folgt: „Ressentiment bildet sich dann aus, wenn eine empfundene Kränkung nicht ausagiert werden kann, sich Betroffene in einer Ohnmachtssituation wiederfinden und dann fragen, wer Schuld an ihrer emotionalen Misere hat. Die Schuld wird dann einem bösen und abstrakten Täter oder einem abstrakten und bösen System zugeschrieben.“9 Zur Rolle der Religion lässt die Vorabfassung mit einer spannungsvollen Diagnose aufhorchen, die auch für andere religiöse Traditionen gilt: Einerseits helfe der Glaube (hier: der muslimische Glaube) der Mehrheit der Befragten, „ihre Resilienz zu stärken, Gemeinschaft zu schaffen und vor Ressentiment oder gar vor Radikalisierung zu schützen“. Andererseits erweise es sich bei der Verarbeitung von Kränkungserfahrungen und bei der Positionierung zur Gesellschaft als entscheidend, welche Lesart den Gläubigen angeboten wird und welcher sie individuell folgen: „Fundamentalistische Lesarten bestärken ressentimentale Affektlagen.“10
Zu Handlungsempfehlungen
Die Forschungsgruppe, die bei der Pressekonferenz federführend von Mouhanad Khorchide vom Münsteraner Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) vertreten wurde, empfiehlt fünf Gegenmaßnahmen und -strategien, um den Konnex von Ressentiment und Radikalisierung zu unterbrechen: (1) eine vertiefte Wahrnehmung der emotionalen Aspekte der Islamismusprävention, die deren einseitige Konzentration auf die sicherheitspolitischen Aspekte überwindet, (2) eine Bestärkung der Zugehörigkeit der Muslime zur Gesellschaft durch den Ausbau von Anerkennungs- und Teilhaberäumen, (3) eine gezielte Förderung von Projekten, die konstruktive Erzählungen für das Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen generieren, (4) eine stärkere mediale Sichtbarmachung positiver Erfahrungen von Muslimen in Deutschland und schließlich (5) die Irritation negativer Erzählungen durch positive Gegenerzählungen. Khorchide zufolge bedarf es einer neuen Großerzählung, die gegen antiwestliche Stereotype ein neues Bild vom Islam als weltoffener Religion etabliert und präventiv ein positives Bild von der deutschen Mehrheitsgesellschaft vermittelt. Muslime sollten, so Khorchide, nicht nur über den Westen und über die nichtmuslimische Gesellschaft reden und lamentieren, sondern sich selbst als Bereicherung für die Gesellschaft und damit zugleich als Teil der gesamtgesellschaftlichen Lösung sehen. „Innerislamisch liegt eine wichtige Aufgabe bei den Moscheegemeinden: Sie sollten positive lebensweltliche Erfahrungen von Musliminnen und Muslimen sichtbar machen und die Chancen betonen, die das Leben in Deutschland bietet.“11
Diese Neuausrichtung innermuslimischer Perspektiven auf die Herausforderung religiöser Radikalisierung ist zweifellos sinnvoll. Sie bleibt aber unterkomplex, solange sie nicht zugleich von einer selbstkritischen Reflexion des Zusammenhangs von Ressentiment, Religiosität und religiöser Hermeneutik begleitet wird. In den hier genannten Teilprojekten blieb dieser Zusammenhang ebenso unterbelichtet wie die Beobachtung, dass es gegenwärtig insbesondere Angehörige des muslimischen Glaubens sind, die sich gegenüber Ressentiments und religiösen Radikalisierungsprozessen als besonders anfällig erweisen. Es ist davon auszugehen, dass der angekündigte Sammelband, der weitere Projektberichte der erwähnten BMBF-Förderlinie enthält,12 hierzu noch tiefergehende Einblicke und Antworten zu geben vermag.
Rüdiger Braun (Berlin), Juli 2025
Anmerkungen
- Zur Forschungsgruppe gehören Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Prof. Dr. Detlef Pollack, Prof. Dr. Levent Tezcan, Dr. Olaf Müller, Dr. Evelyn Bokler-Völkel, Dr. Sarah Demmrich sowie Dr. Özkan Ezli.
- Vgl. neben der im Springer-Verlag angekündigten Studie (S. Abdellah u.a. [Hg.], Islamismus als gesellschaftliche Herausforderung. Ursachen, Wirkungen, Handlungsoptionen, https://tinyurl.com/4b2k3trp) die gleichnamige „Kurzfassung“, https://tinyurl.com/bp773zuu (letzter Abruf aller im Beitrag genannten Internetquellen am 15.7.2025).
- „20 Prozent der Muslime verspüren Ressentiments. Forschungsteam legt Studie vor: Kränkungen und mangelhafte Integration können Radikalisierung befördern“, Universität Münster, 11.6.2025, https://tinyurl.com/5a84j6sy.
- Evelyn Bokler u.a., „Kränkungserfahrungen, Ressentiment und Radikalisierung in der muslimischen Bevölkerung“, in der „Kurzfassung“ der Studienergebnisse (s. Anm. 2), 44–48, 46.
- Eine Abschlusstagung fand im Februar 2025 an der Universität Münster statt, vgl. die betreffende Ankündigung „Abschlusstagung Ressentiment als affektive Grundlage von Radikalisierung (BMBF-Projekt 2021–2025)“, https://tinyurl.com/3nzs89s3.
- Vgl. exemplarisch Lucas Wiegelmann, „Warum Muslime wirklich radikal werden. Deutsche Islam-Forscher finden ‚starken‘ Gefühlsfaktor“, Neue Osnabrücker Zeitung (noz), 1.6.2025, https://tinyurl.com/2j7hryea; „Studie der Uni Münster kommt zum Schluss: Über eine Million Muslime in Deutschland anfällig für Radikalisierung“, NIUS, 1.6.2025, https://tinyurl.com/2nu9x84j.
- Bokler u.a., „Kränkungserfahrungen“, 46.
- Vgl. dazu bspw. die Studien von Peter Neumann u.a., „Lagebild Extremismus und Migration. Fallstudien aus vier österreichischen Migrations-Communitys“, Panta Rhei Research Ltd., 2022, https://tinyurl.com/2m3z6cr9, und Michael Maurer, „Radikalisierung im Jugendalter. Begriffe, Phänomene, Faktoren und Verlauf am Beispiel salafistisch geprägter Radikalisierung“, SIAK-Journal. Zeitschrift für Polizeiwissenschaft und polizeiliche Praxis 3/2024, 85–99, http://dx.doi.org/10.7396/2024_3_G.
- Bokler u.a., „Kränkungserfahrungen“, 46.
- Bokler u.a., „Kränkungserfahrungen“, 46.
- Zit. in „20 Prozent der Muslime verspüren Ressentiments“ (siehe Anm. 3).
- Eine Darstellung des RADIS-Forschungsnetzwerkes (https://www.radis-forschung.de), dem neben dem hier erwähnten Projekt weitere Teilprojekte der BMBF-Förderlinie zugeordnet sind und das nicht nur die wissenschaftliche Diskussion zum Thema voranbringen, sondern auch die Radikalisierungsprävention stärken soll, erfolgt im nächsten Heft, ZRW 88,6 (2025).