Finn Schwartz

„Fundamental frei“

Wege aus christlichem Fundamentalismus

Viele Menschen haben negative Erfahrungen mit Fundamentalismus in evangelikalen Gemeinschaften oder Freikirchen gemacht. Wenn sie diese Gemeinschaften verlassen, haben die Personen oft Schwierigkeiten, das Erlebte zu verarbeiten. Zudem verlieren sie mit dem Ausstieg häufig ihr gesamtes soziales Umfeld. Der Wegfall vertrauter Kontakte und das plötzliche Fehlen eines unterstützenden Netzwerks können zu Einsamkeit und Isolation führen, sodass Betroffene niemanden haben, mit dem sie über ihre Verletzungen und den damit verbundenen Schmerz sprechen können.

So ging es auch einer Gruppe von Menschen, die sich 2021 über die sozialen Medien zusammenfand. Die Beteiligten fühlten sich durch ihre Begegnungen mit christlich-fundamentalistischen Strömungen und durch ihre spätere Distanzierung verbunden. Auf der Suche nach Gleichgesinnten erlebten sie, wie wertvoll der Austausch mit anderen Betroffenen sein kann. Um entsprechende Angebote für Menschen zu schaffen, die aus Freikirchen ausgestiegen sind, gründeten sie „fundamental frei“. Der Verein setzt sich für Aufklärung über Fundamentalismus in evangelikalen Glaubensgemeinschaften oder Freikirchen ein und bietet Unterstützung bei der Emanzipation von ihnen. Sein Ziel ist es, Wege aus dem Fundamentalismus aufzuzeigen und Perspektiven für ein Leben außerhalb fundamentalistischer Kontexte zu eröffnen.
 

Gründungsgeschichte

Die Anfänge des späteren Vereins liegen in der Corona-Pandemie 2021, in der sich soziale Kontakte zunehmend in den virtuellen Raum verlagerten. Christliche Influencer:innen, besonders solche mit evangelikalem Profil, erlangten in dieser Zeit eine größere Reichweite. Gleichzeitig äußerten sich zunehmend auch kritische Stimmen in den Kommentarspalten ihrer Beiträge. Eine eigens gegründete WhatsApp-Gruppe half den Kritiker:innen bei der Vernetzung und beim Austausch über ähnliche Erfahrungen. Die Gruppe wuchs rasch, und es wurden weitere Gruppen gegründet, weil immer mehr Menschen über die Profile der Beteiligten auf sie aufmerksam wurden. Es entstand die Idee, ein Instagram-Profil zu erstellen, das zeitgleich mit der Veröffentlichung einer Dokumentation online ging, die über eine Aussteigerin und ihre Erfahrungen berichtete. Durch diese Verknüpfung wurden die „Aussteigergruppen“ schnell bekannt und bekamen immer mehr Anfragen. Offenbar fanden sich viele Menschen in der Problematik wieder.

Mit der wachsenden Zahl der Teilnehmenden stieß die Form der WhatsApp-Gruppen allerdings bald an ihre Grenzen. Die thematische Vielfalt machte die Kommunikation unübersichtlich, und unterschiedliche Bedürfnisse führten zu Spannungen, insbesondere zwischen Personen, die sich aufgrund ihrer Erfahrungen gänzlich vom Christentum abgewandt hatten, und solchen, die an ihrem Glauben trotzdem grundsätzlich festhielten. Um den wachsenden Bedarf zu decken, wurde eine digitale Plattform geschaffen, die themenspezifische Kanäle für einen gezielten Austausch bereitstellte. Sie eröffnete separate Bereiche für Menschen „mit Glauben“ („faith space“) und für solche „ohne Glauben“ („no-faith space“). Zugleich förderte diese Plattform in einem gemeinsamen Bereich den Dialog zwischen beiden Gruppen. Außerdem wurden verschiedene Kategorien und Kanäle eingerichtet, die Diskussionen über Themen wie „Purity Culture“, „Hölle“ und „Rollenbilder“ ermöglichten. Mit der Einführung der Kommunikationsplattform erlebte das Projekt einen rasanten Aufschwung. Etwa 200 Personen nutzten damals die Plattform, um sich auszutauschen. Einige Personen blieben nur vorübergehend, um bestimmte Glaubensaspekte zu „dekonstruieren“, d.h. den Glauben insgesamt oder bestimmte Aspekte desselben kritisch infrage zu stellen und anschließend ihren Weg im Leben ohne „Ausstiegsvernetzung“ fortzusetzen.

Im Mai 2021 wurde klar, dass es notwendig war, langfristige Strategien für die drei schnell gewachsenen Projekte (zwei Instagram-Kanäle und die Austauschplattform) zu entwickeln. Um die Projekte dauerhaft zu sichern, entstand die Idee, einen Verein zu gründen. Dies würde nicht nur eine Spendenakquise erlauben, sondern auch größere Projekte und eine stärkere Präsenz in der medialen Öffentlichkeit ermöglichen. So startete der Verein im September 2021 mit elf Mitgliedern unter dem Namen „fundamental frei“. Zeitgleich ging der Instagram-Account des Vereins online. Auf dem Instagram-Kanal @fundamental.frei, der inzwischen über 1.100 Follower:innen (Stand November 2024) hat, werden Informationen über den Verein und seine Aktivitäten geteilt sowie Empfehlungen zu Beiträgen, Dokumentationen oder Podcasts gegeben, die sich mit einschlägigen Themen befassen. Mittlerweile zählt der Verein über vierzig Mitglieder; auf der Austauschplattform sind mehr als 600 Personen registriert.

„Fundamental frei“ richtet sich hauptsächlich gegen fundamentalistische Ansichten in evangelikalen Gemeinden oder Freikirchen, da die meisten der Vereinsmitglieder aus dieser „Szene“ stammen. Dazu gehören neben den „Freien evangelischen Gemeinden“ (FeG) zum Beispiel pietistische, methodistische, baptistische, pfingstliche und neucharismatische Gemeinschaften, Täufer- und Brüdergemeinden sowie sogenannte Megachurches. In diesen Gemeinden begegnet ein breites Frömmigkeitsspektrum, weshalb längst nicht alle einen fundamentalistischen Hintergrund haben. Doch zeigt die Herkunft vieler Aussteiger:innen aus ebenjenen Gemeinden, dass sich in allen genannten Strömungen durchaus fundamentalistische Ausprägungen finden lassen. 
 

Vereinsziele

Unterstützung von Betroffenen

Eines der Kernanliegen des Vereins „fundamental frei“ ist es, einen Raum zu schaffen, in dem Erfahrungen mit christlichem Fundamentalismus in Freikirchen oder anderen Glaubensgemeinschaften angesprochen und verarbeitet werden können. Zu einer derartigen Verarbeitung zählen die „Dekonstruktion“, also die bereits erwähnte kritische Infragestellung fundamentalistischer Glaubensinhalte, die Loslösung von fundamentalistischen oder fundamentalismusaffinen Aspekten und Gemeinschaftsbeziehungen sowie schließlich die Neuorientierung in einem Leben danach. Weil der Ausstieg aus fundamentalistischen Glaubensströmungen oft zu Isolation führt, bietet der Verein die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Gleichgesinnte zu finden.

Der Verein möchte eine Anlaufstelle für Menschen im deutschsprachigen Raum sein, die mit christlichem Fundamentalismus konfrontiert wurden und sich mit diesen Erfahrungen auseinandersetzen möchten. Die Zielgruppe umfasst Menschen, die bereits aus ihrer Gemeinde oder Freikirche ausgetreten sind, solche, die sich gerade im Ausstiegsprozess befinden, solche, die noch in einer entsprechenden Gemeinde sind und an dem dort praktizierten Glauben und Leben zweifeln, aber auch solche, die beabsichtigen, in ihrer Gemeinde zu bleiben, um sich dort für Veränderungen einzusetzen.

„Fundamental frei“ ermöglicht Gemeinschaft, in der sich diese Menschen miteinander vernetzen, einander unterstützen und durch solches „Empowerment“ den Weg aus destruktiven christlichen Gemeinschaften und schädlichen Glaubensüberzeugungen finden können. Zudem ermutigt und stärkt der Verein Menschen, den Ausstieg aus problematischen Strukturen zu wagen. Die selbstgewählte und individuelle Auseinandersetzung mit Spiritualität und Glaubensformen in alle Richtungen wird gefördert, solange dies mit den Grundwerten des Vereins übereinstimmt. Die Berücksichtigung von „Intersektionalität“, also die Aufmerksamkeit für Überschneidungen und Wechselwirkungen verschiedener Diskriminierungsformen wie Geschlecht, Ethnizität und soziale Herkunft, ist dabei ein besonderes Anliegen.

Aufklärung über christlichen Fundamentalismus

Des Weiteren zielt der Verein darauf ab, über christlichen Fundamentalismus aufzuklären und das Schweigen über Aussteiger:innen zu brechen. „Fundamental frei“ informiert und sensibilisiert Personen, die sich Sorgen um nahestehende Menschen in fundamentalistischen Glaubensstrukturen machen, und bietet Austausch zu verschiedenen Aspekten fundamentalistischen Glaubens. Die Aufklärung erfolgt durch eigene Projekte sowie durch Vernetzung und Zusammenarbeit mit anderen Organisationen und Akteur:innen.

Die Mitglieder sehen es im Übrigen als ihre gesellschaftliche Verantwortung an, die Freiheitsrechte einer offenen Gesellschaft gegen den christlichen Fundamentalismus zu verteidigen. Sie bringen das Thema in die Öffentlichkeit und beteiligen sich aktiv am gesellschaftspolitischen Diskurs. Einige Mitglieder haben bereits in verschiedenen Medien über ihre Erfahrungen berichtet und stehen für Forschungsanfragen zur Verfügung. Zudem spricht sich der Verein entschieden gegen Übergriffigkeit, Diskriminierung, Missbrauch und Unfreiheit im evangelikal-freikirchlichen Umfeld aus.

Vernetzung

Um Betroffenen auch vor Ort Unterstützung zu bieten, strebt „fundamental frei“ die Vernetzung mit Personen und Initiativen aus Politik und Zivilgesellschaft sowie aus nichtfundamentalistischen Freikirchen an. Dazu gehören beispielsweise Weltanschauungs- oder Sektenberatungsstellen und psychosoziale Anlaufstellen. Auf der Website des Vereins sind Beratungsangebote im gesamten deutschsprachigen Raum sowie Medientipps zu finden. Auch mit anderen Organisationen, die sich gegen christlichen Fundamentalismus engagieren und/oder ein liberales Christentum fördern, bestehen enge Kooperationen.
 

Organisation und laufende Projekte

Der Verein „fundamental frei“ bietet Unterstützung im deutschsprachigen Raum an. Innerhalb des gegenwärtig aus sieben Personen zusammengesetzten Vorstands besteht zugleich für jedes Land (Deutschland, Österreich, Schweiz) eine Landesvertretung, welche die Interessen der Mitglieder aus diesen Ländern vertritt. Der Verein organisiert sich in selbstverwalteten Arbeitsgruppen, die gemeinsam verschiedene Aufgaben wie die Öffentlichkeitsarbeit oder die Umsetzung von Projekten übernehmen. Die Mitgliederversammlungen finden online statt.

Austauschplattform

„Fundamental frei“ bietet eine kostenfreie Austauschplattform zur Vernetzung von Menschen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, die am Glauben zweifeln, die ihn kritisch in Frage stellen oder die aus fundamentalistischen Strukturen aussteigen wollen. Die Plattform unterstützt als digitale Selbsthilfegruppe den Austausch und die gemeinsame Reflexion über die Dekonstruktion fundamentalistischer Glaubenssätze. Ziel ist es, einen geschützten, ausschließlich für Betroffene zugänglichen Raum zu schaffen, der einen konstruktiven Austausch unter Gleichgesinnten zu gewährleisten vermag.

Dieser Raum des Austausches zeichnet sich durch eine große Vielfalt aus, da der Prozess des Hinterfragens und Dekonstruierens von Dogmen und Glaubenssätzen individuell sehr unterschiedlich verläuft. Während einige ihren Glauben an Gott oder auch neue Formen von Spiritualität in einer freieren, liberaleren und progressiveren Lesart wiederentdecken, entscheiden sich andere bewusst gegen den Glauben und distanzieren sich vom Christentum. Auch Haltungen wie „Apatheismus“, also die Gleichgültigkeit gegenüber einer möglichen Existenz Gottes, oder Agnostizismus, das Offenlassen der Gottesfrage, sind vertreten. Das Netzwerk bietet somit ein breites Spektrum an Überzeugungen, jedoch keinen Raum für Fundamentalismus.

Instagram-Kanal @freikirchen.ausstieg

Das Instagram-Projekt @freikirchen.ausstieg beschäftigt sich mit der Dekonstruktion fundamentalistischer Glaubenserfahrungen. Die Arbeitsgruppe hinter dem Kanal versteht sich als öffentliche Stimme gegen christlichen Fundamentalismus und veröffentlicht Texte von Autor:innen aus der gesamten Community. Das Projekt gibt Menschen, die aus fundamentalistischen Glaubensströmungen ausgestiegen sind, eine Stimme. In den Beiträgen berichten sie über ihre persönlichen Erlebnisse im Zusammenhang mit ihrem Ausstieg aus diesen Gemeinschaften. Ziel der Beiträge ist es, auf systemische Missstände aufmerksam zu machen und Aussteiger:innen zu zeigen, dass sie mit ihrem Weg nicht allein sind. Der Kanal hat mittlerweile über 4.700 Follower:innen (Stand November 2024).

Instagram-Kanal @glaubensweite

Das zweite Instagram-Projekt des Vereins, @glaubensweite mit ebenfalls über 4.200 Follower:innen (Stand November 2024), widmet sich der Rekonstruktion des Glaubens nach dem Ausstieg aus fundamentalistischen Strukturen. Im Mittelpunkt steht nicht nur das kritische Hinterfragen und Ablegen alter Überzeugungen, sondern auch die Erkundung dessen, was danach kommen kann, sofern man den Wunsch verspürt, weiter zu glauben. Das Team von @glaubensweite sucht nach neuen Glaubensformen, die befreien und in die Weite führen. Dieses Projekt richtet sich an all jene, die nach einem offeneren und freieren Zugang zum Glauben suchen und dabei auch Zweifel, Kritik und Ängste zulassen möchten. Die Beiträge sollen ermutigen, den eigenen Glauben – wenn gewünscht – neu zu entdecken und alternative Perspektiven auf das Christentum kennenzulernen.

Weitere Informationen sowie Kontaktmöglichkeiten finden sich auf der Website des Vereins: https://fundamental-frei.org.


Finn Schwartz (Augsburg), Februar 2025