Esoterik
Linke Esoterik auf dem „Pioneers of Change Online Summit“?
Beim Online-Kongress „Pioneers of Change“ trafen im März 2024 bereits zum achten Mal politische Utopien aus dem „grünen“ und „linkspolitischen“ Spektrum auf die Versprechen spiritueller, alternativ-religiöser und esoterischer Praxis. Diese Melange aus politischen, ökologischen und spirituellen Impulsen macht eine intensivere Debatte über „linke Esoterik“ und die „spirituelle Linke“ nötig.
„Pioneers of Change“ – eine attraktive Mischung
Der britische „Defender of Faiths“, König Charles III., ist für seine ausgeprägte „Öko-Spiritualität“ bekannt.1 Bei Charles III. kommen nicht nur Politik und Religion zusammen, sondern auch Spiritualität, Sinn für Ökologie und ein Faible für alternative Heilverfahren. Dass eine solche Mischung nicht bloß für Monarchen jenseits der siebzig attraktiv ist, beweist aktuell der achte „Pioneers of Change Online Summit“. Organisiert wird dieses „Fest der Ermutigung & Inspiration“ von einem gemeinnützigen Verein – just im antimonarchistisch verfassten Österreich.
Der „Pioneers of Change Online Summit“ lässt sich am besten als Online-Kongress beschreiben. Geboten werden Videos, Online-Workshops und digitale Events – dazu kommen (selbstorganisierte) Vernetzungstreffen.2 Seit 2017 soll das Format nach Angaben der Veranstalter bereits 100.000 Menschen begeistert haben. Vom 7. bis 19. März 2024 ging der Online-Kongress in die achte Runde. Das erklärte Ziel des Online Summits war es, von „herausragenden Pionier*innen zu lernen, wie wir jetzt die Welt von Morgen gestalten“. Selbst nach dem offiziellen Ende können die digitalen Vorträge noch angesehen werden, sofern man – natürlich für den guten Zweck – etwas Geld investiert. Für den Erwerb des (mittlerweile rabattierten) Kongresspakets mit allen Videointerviews und Bonusmaterial wird in Kenia über „Eden Reforestation Projects“ ein Baum gepflanzt, außerdem erhält man Rabatt auf ökologisch hergestellte Schuhe und Nahrungsmittel.
Prominente Vertreter:innen der Grünen …
Auf den ersten Blick liegt die Vermutung nahe, dass der „Pioneers of Change Online Summit“ eine Veranstaltung der Grünen Partei und anderer linkspolitischer Gruppen und ihrer Sympathisant:innen ist. Direkt auf der Startseite des Online-Kongresses findet sich das Konterfei des österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Dieser war Bundessprecher der Grünen in Österreich und auch Klubobmann. Mit einer Videobotschaft unterstützt er das Anliegen des Kongresses. Auch auf der allgemeinen Website der Initiative3 stellt er sich hinter das Anliegen, einer vielfältig bedrohten Gesellschaft Mut zur Zukunft zu geben. Scrollt man durch die Seiten, so trifft man rasch auch auf die amtierende Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, die als „eine der wichtigsten politischen Gestalter:innen Österreichs“ vorgestellt wird. In ihrem Video wirbt sie für Klimaschutz-Engagement, etwa durch biologisches und regionales Essen, den Kauf eines Klimatickets oder den Einsatz für Photovoltaikanlagen. Die „Lobau Bleibt“-Aktivistin Lena Schilling, die für die österreichischen Grünen ins Europaparlament einziehen will und kürzlich wegen fehlender Europakenntnisse einen Shitstorm erntete,4 war bereits im Vorjahr beim „Pioneers of Change Online Summit“ dabei. In ihrem Video plädierte Schilling leidenschaftlich für eine Haltung der Naivität im Kampf für eine bessere Welt. Weitere Namen wie Erik Marquardt, der für die Partei „Die Grünen“ im Europäischen Parlament ist und in Deutschland auch Bundessprecher der Grünen Jugend war, könnten ergänzt werden. Der Online-Kongress wäre in seiner Ausrichtung jedoch missverstanden, würde man ihn „bloß“ oder auch nur „primär“ als politische Plattform „der Grünen“ und linkspolitischer Multiplikator:innen, Sympathisant:innen und Stakeholder:innen begreifen. Martin Kirchner, der österreichische Mitgründer von „Pioneers of Change“, verortet sich selbst auf der Website ausdrücklich jenseits von links und rechts (dabei folgt er der „Theorie U“ von Otto Scharmer) und kritisiert das „‚Funktionärswesen‘ der sozialistischen Parteien“ (hierbei folgt er der Einschätzung von Freda Meißner Blau, der Gründerin der Grünen Partei in Österreich) aufgrund der vielen „Eisenärsche“.5
… treffen auf spirituelle und esoterische Akteur:innen!
Aus weltanschaulicher Sicht ist nun weniger die Präsenz der Grünen und anderer linkspolitischer Akteur:innen und Aktivist:innen interessant, sondern vor allem ihr gemeinsamer Auftritt mit Vertreter:innen des spirituell-weltanschaulichen und auch esoterischen Felds, die sich teilweise ausdrücklich als spirituelle Lehrer:innen begreifen.
Sylvester Walch sprach beim aktuellen Summit als „Pionier für Holotropes Atmen und Transpersonale Psychologie“. Sein Beitrag beinhaltete ein starkes Plädoyer für Stille sowie für innere Einkehr und Innehalten. Durch achtsames „In-sich-Lauschen“ könne man nämlich der Weisheit des Herzens auf die Spur kommen und der inneren Stimme folgen. Was das konkret bedeutet, wird nicht näher spezifiziert. Dieter Duhm hat mit seiner Partnerin Sabine Lichtenfels ein „Heilungsbiotop“ und „Friedensdorf“ mit dem Namen „Tamera“ in Portugal gegründet. Sie sind als Ideengeber sozialutopischer Gemeinschaften bekannt geworden,6 wobei eine Tochter der (ehemaligen) evangelischen Theologin heute zum Leitungsteam von „Tamera“ gehört. Durch spezielle Zentren wie diese könne man, so Duhms Überzeugung, von der „Matrix der Gewalt“ zur „Matrix des Lebens“ durchstoßen. In seinem Video spricht er ausdrücklich von „höherer Führung“ und stößt gerade damit auf Resonanz. Shia Su spricht als „Zero-Waste Pionierin“ und Vertreterin des Minimalismus. Sie erklärt in ihrem Video, wie man zu mehr Freude, mehr Zeit und mehr Gesundheit kommen und zugleich etwas zur Bewahrung der Natur beitragen könne. Die Lösung liegt für sie in der Erkenntnis, dass „weniger“ zu viel „mehr“ führt.
Der „Pioneers of Change Online Summit“ bleibt sich mit derartigen Referent:innen insgesamt treu und kann direkt an die Kongresse der letzten Jahre anschließen. Hier traten etwa Bryon Kathie, Thomas Hübl, Sabine Lichtenfels oder David Steindl-Rast auf. Sie alle finden über die Websites bis heute geneigte Hörer:innen, denn ihre Gesprächsbeiträge sind in Auszügen weiterhin abrufbar und zum Teil auch in ganzer Länge im Kongresspaket inkludiert. Wer sind diese Personen? Byron Katie ist die Gründerin von „The Work“. Ihr Ansatz verspricht, durch einen kraftvollen Prozess und mithilfe von vier einfachen Fragen mehr Klarheit ins Leben zu bringen, belastende Themen aufzulösen, nachhaltig zu neuen Denkweisen zu gelangen und so dem Leid der Welt zu entkommen. In ihrem Video für den Summit hielt sie programmatisch fest: „Pain isn’t necessary.“7 Heike Dierbach hat das populäre Verfahren von „The Work“ in ihrem Buch Pseudo-Therapien, die krank machen neben Ansätzen wie Rebirthing, Festhaltetherapie oder Fernheilungen kritisch analysiert.8 Thomas Hübl will seine durch ein energetisches Netz verbundenen Anhänger dabei begleiten, in ihre Gegenwart einzutreten, um gemeinsam ein neues Wir-Gefühl der Erwachten zu entwickeln.9 In seinem Beitrag für den Summit plädierte er für kleine Schritte, um verletztes Leben gemeinschaftlich anzuerkennen und in sicheren Räumen Verletzungserfahrungen in Verbundenheit heilen zu lassen. Sabine Lichtenfels ist Mitgründerin der sozial-utopischen und als „Heilungsbiotop“ verstandenen Lebensgemeinschaft „Tamera“, von der bereits weiter oben die Rede war. Sie trat vor ihrem Partner, Dieter Duhm, beim Summit auf und plädierte damals in ihrem Video für vernetzte Intelligenz, Gewaltfreiheit und eine von Herzen gesteuerte Netzwerkarbeit. Der mittlerweile 97-jährige Benediktinermönch David Steindl-Rast kombiniert Zen und Katholizismus. Schon in den 1980ern ließ er dabei auch Nähe zur New-Age-Bewegung erkennen.10 Auf der Website wird er als „einer der bekanntesten spirituellen Lehrer der Gegenwart“ bezeichnet. In seinem Video betont er persönliches Wachstum und Aufmerksamkeit für den Augenblick.
Natürlich ist das nur eine Auswahl eines deutlich größeren Reigens: Mit dem Präsidenten von „Demeter International“, Helmy Abouleish, war etwa auch biologisch-dynamischer Landbau bereits am Summit vertreten und damit die anthroposophische Weltanschauung. Prominente Namen wie Gerald Hüther oder Otto Scharmer, die mit einer spirituell offenen Weltdeutung verbunden sind, fehlen natürlich ebenfalls nicht.
„Linke Esoterik“?
In den aktuellen Debatten um „rechtes Christentum“, die im Bereich der Weltanschauungsarbeit und an der EZW intensiv geführt werden,11 wird häufig auf die gesamtgesellschaftlich bedeutsame Vermengung von „rechten“ politischen Ideologien, konservativ-bürgerlichen Traditionen und (vermeintlich) christlichen Werten hingewiesen. Ungleich weniger intensiv wird bisher die Diskussion um so etwas wie „linke Esoterik“ geführt. Die Vermengung von politisch „linken“ Utopien (einer besseren, gerechteren, nachhaltigeren Welt), öko-spirituellen Wertvorstellungen und alternativ-religiösen bzw. esoterischen Praxisimpulsen zur Gesellschafts- und Persönlichkeitsoptimierung scheint insgesamt weniger zu interessieren. Dass es durchaus einigen Anlass für ein intensiveres Nachdenken über solche Phänomene gäbe – ganz gleich, wie sie bezeichnet werden –, beweist aber nicht nur der „Öko“-König Charles III., der seine Krebserkrankung als Schirmherr der „Londoner Fakultät für Homöopathie“ laut Medienberichten wohl derzeit alternativmedizinisch behandeln lässt.12 Auch die Melange aus „grüner Prominenz“ und spirituell-esoterischen Akteur:innen von Rang und Namen, wie sie beim jüngsten „Pioneers of Change Online Summit“ erneut zu beobachten war, zeigt den Bedarf an einem verstärkten Nachdenken über „linke Esoterik“ und/oder eine „spirituelle Linke“ durchaus an. Immerhin versuchen hier Akteur:innen aus dem politischen Feld und aus dem spirituell-esoterischen Spektrum in einer gemeinsamen Kraftanstrengung, einen (angeblich) drohenden Systemkollaps durch einen praktizierten Bewusstseinswandel zu verhindern.
In weltanschaulichen und politischen Debatten zur Esoterik dominiert bislang der Fokus auf „das rechte Lager“. Einschlägig ist hierzu die Studie zur Rechten Esoterik von Matthias Pöhlmann,13 der als landeskirchlicher Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen in Bayern aus reicher Erfahrung weiß, dass das esoterische Feld nicht auf den rechtspolitischen Bereich beschränkt ist. Auch er hält in einem Interview zum Thema ausdrücklich fest, dass es ebenfalls „linksorientierte Esoteriker“14 gibt, fokussiert in seiner Studie jedoch auf die rechte Seite des politischen Spektrums. Auch Pia Lamberty und Katharina Nocun betonen mit ihrem Buch über Gefahren der esoterischen Gedankenwelten15 vor allem die große Offenheit der Esoterik nach rechts.16 In den politikwissenschaftlichen Debatten stellt sich die Lage noch schärfer dar: Die österreichische Rechtsextremismus-Expertin und Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl argumentiert prominent, Esoterik habe mit einer linken Weltanschauung überhaupt nichts zu tun. Eine linke Weltanschauung schließt für sie Esoterik grundsätzlich aus.17 Könnte sie eine Teilnahme am nächsten „Pioneers of Change Online Summit“ eines Besseren belehren?
Der allgemeine Fokus auf „rechts“, wenn es um Esoterik geht, ist angesichts des Bemühens um Prävention und Aufklärung durchaus nachvollziehbar. Und er ist angesichts der Entwicklungen nach der Pandemie plausibel. Er ist aber auch eine logische Konsequenz aus dem Umstand, dass sich die Aufmerksamkeit vornehmlich auf die Phänomene mit dem größten Gefährdungspotential richtet. Dem komplexen Feld der „Esoterik“ in ihren vielschichtigen Spielarten wird man damit jedoch nur teilweise gerecht. Der „Pioneers of Change Online Summit“ macht deutlich, dass esoterische Überzeugungen und Lösungsansätze sowohl an rechte als auch linke Positionen anschlussfähig sind.
Bernhard Lauxmann, Berlin (März 2924)
Anmerkungen
- Kai Funkschmidt, „The Queen Is Dead. God Save the King! Kirche, Thron und Staat im Vereinigten Königreich“, ZRW 85,2 (2022), 414–423, 417.
- Siehe die Website des Kongresses unter https://pioneersofchange-summit.org/ (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetseiten am 15.3.2024).
- Siehe https://pioneersofchange.org/.
- „Lena Schilling zu Europakunde-Fauxpas bei ORF-Satiriker Klien: ‚Fehler passieren‘“, Der Standard, 3.3.2013, https://tinyurl.com/256y38uv.
- Martin Kirchner, „Jenseits von Links und Rechts. Ein neues Koordinatensystem für den Wandel unserer Gesellschaft“, https://pioneersofchange.org/jenseits-von-links-und-rechts/.
- Vgl. Matthias Pöhlmann und Christine Jahn (Hg.), Handbuch Weltanschauungen. Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2015), 788f.
- Siehe https://pioneersofchange-summit.org/slp/byron-katie, Min. 00:05–00:09.
- Heike Dierbach, Die Seelenpfuscher. Pseudo-Therapien, die krank machen (Reinbek: Rowohlt, 2009). Vgl. die Rezension von Michael Utsch in MdEZW 73,2 (2010), 77f.
- Vgl. Michael Utsch, „Ein neuer Stern der Satsang-Szene“, MdEZW 71,1 (2008), 33–35.
- Vgl. Joachim Keden und Hansjörg Hemminger, „Neue Formen des esoterischen Christentums. Das Ökumenische Zentrum Neumühle – ein Beispiel“, MdEZW 65,2 (2002), 35–46, 35f.; ferner Wilhelm Knackstedt und Hans-Jürgen Ruppert, „Die New Age-Bewegung. Darstellung und Kritik“, EZW-Information 105, Stuttgart 1988.
- Vgl. Martin Fritz, „Rechtes Christentum“, ZRW 87,1 (2024), 65–74.
- Vgl. „Blindes Vertrauen? Auf diesen umstrittenen Arzt schwört Charles“, Das Erste (Brisant), 4.3.2024, https://tinyurl.com/3p2wue9r.
- Matthias Pöhlmann, Rechte Esoterik. Wenn sich alternatives Denken und Extremismus gefährlich vermischen (Freiburg i.Br.: Herder, 2021).
- Oliver Marquart, „Experte für Verschwörungstheorien: ‚Esoterik wird als trojanisches Pferd für rechtsextremes Denken genutzt‘“, Interview mit Matthias Pöhlmann, Sonntagsblatt, 6.11.2021, https://tinyurl.com/25tymv4w.
- Pia Lamberty und Katharina Nocun, Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik (3. Aufl., Köln: Quadriga, 2022).
- Vgl. Daniel Leisegang, „‚Die Verharmlosung der Esoterik ist extrem gefährlich‘“, Interview mit Katharina Nocun, netzpolitik.org, 3.10.2022, https://tinyurl.com/bdu7tyeb.
- Natascha Strobl, „Was ist Esoterik? Vieles, aber nicht links“, Moment.at, 12.10.2022, https://tinyurl.com/4x4pru74.