Jörg Pegelow

Eingeschränktes Wohlbefinden

Ergebnisse einer religionspsychologischen Studie zu ehemaligen Zeugen Jehovas

Kirchliche und nichtkirchliche Beratungsstellen werden regelmäßig von Aussteiger:innen aus religiös engen und sich gegenüber der Außenwelt in unterschiedlicher Intensität abgrenzenden Gemeinschaften um Informationen und seelsorgerliche bzw. psychologische Begleitung gebeten. Jedoch geben nur wenige empirische Studien valide Auskunft zu den sozialen, psychischen und religiösen Problemen, die mit einem Austritt oder gar Ausschluss aus diesen religiösen Gruppierungen verbunden sind. Eine Studie unter dem Titel „Characteristics of Health and Well-Being in Former Jehovah’s Witnesses in Austria, Germany, and Switzerland“, die durch eine internationale wissenschaftliche Kooperation erstellt und im November 2023 in Zürich veröffentlicht wurde,1 stellt Ex-Mitglieder der christlichen Sondergemeinschaft „Jehovas Zeugen“ in den Mittelpunkt und kommt zu interessanten Ergebnissen.

Ältere, inzwischen vergriffene qualitative Untersuchungen aus Nordamerika zur psychischen Gesundheit von Mitgliedern und Ex-Mitgliedern der Zeugen Jehovas basierten meist auf einer Vielzahl von Einzelinterviews. Diese älteren Studien fokussierten sich vor allem auf den Zusammenhang von Lehraussagen bzw. Lehrveränderungen der Gemeinschaft einerseits und psychischem Wohlbefinden andererseits, ohne zwischen aktiven Mitgliedern, Ausstiegswilligen und Ausgetretenen zu differenzieren.2 Ähnlich rekurrieren auch neuere Publikationen meist auf eine Vielzahl von Einzelfallerfahrungen aus Beratungskontexten bzw. auf die Fülle autobiographischer Aussteigerliteratur und ziehen daraus generalisierende Rückschlüsse zur psychosozialen Situation ehemaliger Zeugen Jehovas.3 Die in Zürich vorgelegte Studie kann eine höhere Allgemeingültigkeit beanspruchen, weil sie mit über 400 Befragten eine viel größere Erfahrungsvielfalt als die Einzelfallstudien einbezogen hat. Interessanterweise bestätigt diese methodisch abgesicherte Fragebogenuntersuchung an vielen Stellen Beobachtungen aus der Beratungspraxis, weitet zugleich aber den Blick auf bisher eher randständige Themenfelder und unterlegt diese mit empirischen Daten.
 

Datenerhebung

Konzipiert war die Züricher Studie als Erhebung „quantifizierbarer Daten zu Merkmalen von Gesundheit und Wohlbefinden von Personen […], die eine christlich-fundamentalistische Glaubensgemeinschaft in Österreich, Deutschland oder der Schweiz verlassen haben oder aus ihr ausgeschlossen wurden.“4

Für die Publikation der Studie wurde eine Stichprobe dieser Umfrage mit den Daten der 424 Teilnehmenden einbezogen, die sich selbst als ehemalige Zeugen Jehovas identifizierten. Die Erhebung der Studiendaten erfolgte von Februar bis Juni 2021 mit einem Online-Fragebogen unter volljährigen ehemaligen Mitgliedern der Zeugen Jehovas im deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Schweiz). Die Online-Befragung wurde auf unterschiedliche Weise (z.B. über soziale Medienplattformen, Selbsthilfegruppen, persönliche Kontakte, andere Gemeinschaften) beworben. Die Autorinnen und Autoren beanspruchen aufgrund der Form der Datenerhebung zwar keine Repräsentativität im Blick auf Alterskohorten, Bildung, Geschlechterverteilung etc., ziehen jedoch grundlegende Rückschlüsse zum Zusammenhang von seelischer und psychischer Gesundheit ehemaliger Zeugen Jehovas und deren früherer Mitgliedschaft in der Sondergemeinschaft.5

Der Online-Fragebogen erfasste in 45 Items neben sozio-demographischen Informationen zu Alter, Geschlecht, Ausbildung und Beruf, neben Angaben zur Mitgliedschaft, zum Austritt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft sowie Auskünften zur aktuellen Lebenssituation auch Selbsteinschätzungen zur subjektiven Beurteilung von Stress und traumatischen Erfahrungen sowie zum allgemeinen Wohlbefinden und zur körperlichen und seelischen Gesundheit. Abgesehen vom Geschlecht (65% der Teilnehmenden waren weiblich und 35% männlich) und vom Beziehungsstatus (33% der Teilnehmenden waren ledig, getrennt lebend, geschieden oder verwitwet; Gesamtbevölkerung: 23%) betrachten die Autor:innen die sozio-demographischen Merkmale der untersuchten Stichprobe als vergleichbar mit der deutschen Allgemeinbevölkerung. Da 87 Prozent der teilnehmenden Personen in Deutschland lebten, wurden die aus Studien zur deutschen Gesamtbevölkerung bekannten psychosozialen Daten (Stress, Trauma, allgemeines Wohlbefinden, körperliche und seelische Gesundheit) zur deutschen Gesamtbevölkerung zum Vergleich herangezogen.6 Zur Datenanalyse wurden die Teilnehmenden nach Art ihres Ausscheidens bei Jehovas Zeugen in drei Gruppen eingeteilt: Ausschluss, traumatische Erfahrungen, persönliche Gründe.7

Dabei nimmt die Studie nicht nur potentielle psychosoziale und gesundheitliche Konsequenzen des Ausstiegs aus einer Sondergemeinschaft wie die der Zeugen Jehovas in den Blick. Es werden auch mögliche Folgen analysiert, die je unterschiedliche Ausstiegswege (unfreiwillig oder selbstgewählt) und Ausstiegsgründe sowie die Erfahrungen emotionaler Vernachlässigung bzw. emotionalen, physischen oder sexualisierten Missbrauchs für das seelische und körperliche Wohlbefinden nach dem Ausstieg haben können.
 

Mitgliedschaft, Austritt und Gesundheit

Der überwiegende Teil der Befragten war in die Gemeinschaft hineingeboren (66%) oder als Kind bzw. Jugendliche:r der Gemeinschaft beigetreten (23%); nur 11 Prozent der Befragten hatten sich im Erwachsenenalter der Gemeinschaft angeschlossen. Als Gründe für die Hinwendung zu Jehovas Zeugen in Kindheit oder Jugend wurden Eltern oder andere nahestehende Personen genannt. Weitere Gründe für den Beitritt waren die Attraktivität des Glaubens, die Ermöglichung der Lösung von Problemen, Antworten auf (Lebens-)Fragen, ein überzeugender Lebensstil, ferner die Aufrechterhaltung des Kontaktes zu Familienmitgliedern oder Freunden, die Suche nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit sowie Trost durch die Glaubensgemeinschaft nach einem Schicksalsschlag. Bei einer deutlichen Mehrheit der Studienteilnehmenden gehörten viele Familienmitglieder ebenfalls der Gemeinschaft an (62%), wurden Freundschaften fast ausschließlich innerhalb der Gemeinschaft gepflegt (71%) und Kontakte zu Außenstehenden reduziert (75%). Die hohe Verbundenheit zur Glaubensgemeinschaft (62%) war bei vielen mit einem großen zeitlichen Engagement (knapp 16 Stunden je Woche) bei Versammlungen, Missionsarbeit, Literaturstudium oder Ähnlichem verknüpft. Im Rückblick sagten 70 Prozent der Teilnehmenden, dass ihnen nie oder selten hinreichend Zeit und Energie für anderes und andere Menschen blieb. Mehr als die Hälfte (56%) gab an, dass sie der Glaubensgemeinschaft Geld für die Arbeit und die Ziele zur Verfügung gestellt hatten, 8 Prozent sind durch ihr finanzielles Engagement in leichte oder große finanzielle Schwierigkeiten geraten.

Der Austritt aus der Gemeinschaft erfolgte bei den Teilnehmenden durchschnittlich nach knapp dreißig Jahren Mitgliedschaft und rund zwölfeinhalb Jahre vor der Online-Umfrage. Aus eigenem Antrieb verließen 47 Prozent der Befragten die Gemeinschaft, 30 Prozent entzogen sich durch die Nichtteilnahme an gemeinschaftlichen Aktivitäten, und 21 Prozent wurden ausgeschlossen. Hauptgründe für das Verlassen der Gemeinschaft waren Zweifel an der Lehre oder der Lebensweise (83%), zu viele Einschränkungen in verschiedenen Lebensbereichen (57%), abweichende ethisch-moralische Vorstellungen (56%), das eigene Erleben von Missbrauch und Misshandlung (31%) sowie das Beobachten solcher Übergriffe (23%), Konflikte mit anderen Mitgliedern (19%) und ein veränderter Lebensfokus (15%). Nur 1 Prozent hat die Gemeinschaft aufgrund der Hinwendung zu einer anderen Glaubensgemeinschaft verlassen. Für 16 Prozent der Ex-Mitglieder führte der Austritt zur Beendigung einer Partnerschaft.8

Durch den selbstgewählten Austritt oder den von der Gemeinschaft vollzogenen Ausschluss haben sich psychische und körperliche Gesundheit für eine Mehrheit der Befragten zwar verbessert, immerhin 29 Prozent erlebten allerdings eine Verschlechterung der psychischen und 20 Prozent eine Minderung der physischen Gesundheit. Ein Drittel der ehemaligen Zeugen Jehovas berichteten von Suizidgedanken und jede:r Zehnte von Suizidversuchen. Diese Ergebnisse korrespondieren mit denen einer qualitativen, auf Einzelinterviews basierenden Studie von 2021, in der Suizidalität und selbstzerstörerisches Verhalten der Interviewpartner als mögliche Folgen des Gemeinschaftsentzugs interpretiert wurden.9

Als Umstände, die die Situation nach dem Ende der Mitgliedschaft erschwerten, gaben 77 Prozent der Teilnehmenden die Ächtung durch aktive Mitglieder,10 71 Prozent die Beendigung von Beziehungen zu Mitgliedern der Gemeinschaft an. Und 36 Prozent fürchteten eine Bestrafung durch Gott, obwohl knapp drei Viertel der Ex-Mitglieder bei sich eine starke (59%) oder mäßige (13%) Abnahme des Glaubens an Gott konstatierten. Nur 7 Prozent der Ex-Mitglieder meinten, dass es keine erschwerenden Umstände bei der Bewältigung des Ausstiegs gab. Zugleich berichteten 58 Prozent von reaktivierten oder neu geknüpften Freundschaften und Kontakten sowie 37 Prozent vom Lebensgenuss „in vollen Zügen“ nach der selbstgewählten oder durch Ausschluss vollzogenen Beendigung der Mitgliedschaft.11

Ein knappes Drittel der ehemaligen Mitglieder nahm nach dem Austritt oder Ausschluss professionelle Unterstützung in Anspruch, bei 41 Prozent war eine psychische Störung diagnostiziert worden, 28 Prozent befanden sich in psychotherapeutischer Behandlung, 36 Prozent nahmen wegen körperlicher und 20 Prozent aufgrund psychischer Beschwerden regelmäßig Medikamente ein.12 Dementsprechend diagnostiziert die Studie für den Durchschnitt der Teilnehmenden im Vergleich zur deutschen Gesamtbevölkerung „einen mäßigen allgemeinen Gesundheitszustand“ in körperlicher und „ein relativ hohes Stressniveau“ in psychischer Hinsicht. Dabei hatten die Länge der Zeit seit dem Austritt wie auch der eigene Entschluss, die Gemeinschaft zu verlassen, positive Auswirkungen auf die aktuelle psychische Gesundheit zum Zeitpunkt der Erhebung.13 Dieser Befund modifiziert die Ergebnisse der erwähnten älteren Studie zu den negativen Erfahrungen nach Verlassen der Zeugen Jehovas (soziale Ächtung, Kontaktabbrüche) und zum Einfluss der Art und Weise des Ausstiegs auf die psychische Gesundheit.14 Während die interviewbasierte Studie von 2021 schlussfolgerte, dass vor allem der Gemeinschaftsentzug ernsthafte negative Auswirkungen auf die physische und mentale Gesundheit sowie das Selbstwertgefühl von Ex-Mitgliedern hat,15 konstatiert die Züricher Studie diese negativen Auswirkungen insbesondere für ehemalige Zeugen Jehovas, die die Gemeinschaft aufgrund eines erlebten persönlichen Traumas verließen: Diese „berichteten signifikant mehr psychische und psychosomatische Symptome sowie mehr persönliche Misshandlungen in Kindheit und Jugend“.16
 

Kindesmisshandlung

Auffällige Daten liefert die Studie hinsichtlich des Themas Kindesmisshandlung. Als Grund für den Austritt wurde häufig eigenes Erleben oder Beobachten von Missbrauch oder Misshandlung genannt. Die Autor:innen weisen darauf hin, dass sowohl die Methode der Teilnehmerrekrutierung wie auch die hohe Bereitschaft zur Teilnahme an der Studie zu einer Verzerrung der Studienergebnisse geführt haben könnten und dass „das vergleichsweise hohe Maß an Kindesmisshandlung in der aktuellen Stichprobe möglicherweise nicht mit der Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas zusammenhängt.“17

Die Studie hält als Ergebnis aus den erhobenen Daten gleichwohl fest, dass das Beobachten oder Erleben möglicher Formen von Kindesmisshandlung und Kindesvernachlässigung signifikant häufiger als in einer repräsentativen Stichprobe der Gesamtbevölkerung beschrieben wurde. Von emotionaler Vernachlässigung berichteten 81 Prozent der Befragten (Gesamtbevölkerung: 13,9%), von emotionalem Missbrauch 65 Prozent (Gesamtbevölkerung: 10,2%), von körperlichem Missbrauch 34 Prozent (Gesamtbevölkerung: 12%) und sexuellem Missbrauch 18 Prozent (Gesamtbevölkerung: 6,2%). Gegensätzlich ist der Befund bei körperlicher Vernachlässigung, von der nur 33 Prozent (Gesamtbevölkerung: 48,4%) berichteten.18 Trotz der oben genannten Einschränkungen merken die Autor:innen an, dass die erhobenen Daten sowohl für die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas wie auch für die Forschung Anlass bieten, sich mit dem hohen Maß an Kindesmisshandlung auseinanderzusetzen, über das ehemalige Mitglieder berichten.19
 

Konsequenzen und offene Fragen

Internationale Studien haben ein hohes Konfliktpotential und den großen Bedarf an professioneller Beratung bei Ex-Mitgliedern geschlossener, exklusiver Heilsgemeinschaften und deren Angehörigen nachgewiesen.20 Die hier referierte Züricher Studie hat den deutschsprachigen Raum im Blick. Mit dem Fokus auf den psychosozialen Auswirkungen der Mitgliedschaft in einer neureligiösen Gruppe nimmt sie sich eines Desiderates in der hiesigen religions- und sozialpsychologischen Forschung an. Sie schärft den Blick für die differenzierte Wahrnehmung des Ausstiegsprozesses aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas und der je individuellen Herausforderung, anschließend eine (neue) Identität zu gewinnen. Durch die Ergebnisse zur psychischen und physischen Gesundheit von Ex-Mitgliedern lenkt die Studie die Aufmerksamkeit zugleich auf die hohe Relevanz einiger Themenfelder bei der Beratung von Ex-Mitgliedern und Unterstützung sekundär Betroffener (Familie, Freundeskreis, berufliches Umfeld). Denn ehemalige Zeugen Jehovas können zur Konstituierung ihrer neuen Identität zumeist nicht oder nur sehr eingeschränkt auf ein soziales Netz zurückgreifen und müssen sich zugleich angesichts des möglichen Verlustes von Familie und früherem Freundeskreis einem Trauerprozess stellen. Bedeutsam für Beratungskontexte ist das Studienergebnis, dass die zurückliegenden Erfahrungen innerhalb der Gemeinschaft wie auch die oftmals isolierte soziale Situation nach dem Austritt oder Ausschluss bei den Betroffenen deutlich häufiger als beim Durchschnitt der Gesamtbevölkerung dazu führt, im Bereich seelischer und körperlicher Gesundheit und im subjektiv wahrgenommenen Wohlbefinden eingeschränkt zu sein. Auch die Suizidgefährdung ist signifikant höher ausgeprägt als in der Gesamtbevölkerung.

Der Befund, dass nahezu ein Drittel der Ex-Mitglieder professionelle Begleitung gesucht hat, signalisiert nicht nur einen hohen Bedarf an Unterstützungsangeboten. Er macht auch deutlich, dass nach Austritt oder Ausschluss aus der Gemeinschaft für die längere Reise zurück in ein selbstbestimmtes Alltagsleben mit selbstgewählten Lebens- und Glaubensentscheidungen offenbar verlässliche Bezugspersonen notwendig sind – gerade weil selten auf stabilisierende soziale Netze zurückgegriffen werden kann. Dieser Befund aus dem deutschsprachigen Raum korrespondiert mit aktuellen Studienergebnissen aus den USA, aus Schweden, Großbritannien und Norwegen.21

Auch weisen die Studiendaten darauf hin, dass erlernte und als traumatisierend erlebte Glaubensvorstellungen zum Teil lange Zeit nach der Abkehr von der Gemeinschaft nachwirken und im Verbund mit der sozialen Ächtung nach dem Ausstieg die physische und psychische Gesundheit bis hin zu einer signifikant höheren Suizidgefährdung beeinträchtigen können. Auffällig ist in diesem Zusammenhang die Diskrepanz in der Selbstwahrnehmung der Studienteilnehmenden, deren Großteil eine mäßige bis starke Abnahme des eigenen Glaubens konstatierte, zugleich aber eine Bestrafung durch Gott fürchtete. Nach dem Verlassen der Zeugen Jehovas können erlernte Glaubensvorstellungen also virulent bleiben. Es sollte demnach nicht vorschnell von einer erfolgreichen Überwindung vormals prägender, destruktiver Gottes- und Glaubensbilder zugunsten neuer lebensfördernder religiöser Vorstellungen ausgegangen werden. Vielmehr legen die Studienergebnisse nahe, dass sich religiöse Prägungen und Überzeugungen nicht einfach „abschalten“ lassen. Darum sollten religiöse Fragestellungen in Beratungs- und Therapiekontexten nicht ausgeklammert, sondern behutsam aufgegriffen werden. Ex-Mitglieder bedürfen einer empathisch zugewandten Begleitung, die ihnen eigene neue Entscheidungen zum Glauben oder auch Nichtglauben zutraut und zumutet.

In jüngster Zeit veränderte die Leitung von Jehovas Zeugen ihre Anweisungen zum Umgang mit und Verhalten gegenüber Menschen, deren Mitgliedschaft beendet wurde. So wird nun bei Verfehlungen und einem daraufhin vollzogenen Ausschluss nicht mehr vom „Gemeinschaftsentzug“ gesprochen, sondern davon, dass jemand „aus der Versammlung entfernt werden muss“.22 Auch die bisher praktizierte Ächtung von Ex-Mitgliedern soll nicht mehr grundsätzlich davon abhalten, sie zu begrüßen, falls sie wieder zu einer Versammlung kommen und teilnehmen – es sei denn, die „Abtrünnige[n] und andere“ würden „falsches Verhalten aktiv fördern“.23 Auch zukünftig soll die Ältestenschaft der Versammlungen auf Fehlverhalten reagieren: Wenn „jemand in der Versammlung schwer gesündigt“ hat, „wählt die Ältestenschaft drei befähigte Brüder aus ihrer Mitte aus, die ein Komitee bilden.“ Ausdrücklich wird betont, dass der bisher gebrauchte Begriff „Rechtskomitee“ keine weitere Verwendung finden soll.24 Es bleibt abzuwarten, ob sich diese Neuerungen gegenüber einer jahrzehntelang geübten Praxis nur als Begriffskosmetik erweisen oder ob daraus sowohl im internen Umgang mit sogenannten Sündern als auch in alltäglichen Kontakten mit ehemaligen Mitgliedern nachhaltige Änderungen entstehen. Im aktuellen Ältestenhandbuch Hütet die Herde Gottes wird jedenfalls nach wie vor an vielen Stellen von einem „Rechtskomitee“ gesprochen, das gegebenenfalls von der Ältestenschaft der Versammlungen zu wählen ist.25

Besonderes Augenmerk legte die Züricher Studie auf das Thema Kindesmisshandlung. Hier weisen die Ergebnisse gegenüber Erhebungen zu emotionaler Vernachlässigung, körperlichem oder sexuellem Missbrauch in der Gesamtbevölkerung auf eine höhere Gefährdung und auf „signifikante geschlechtsspezifische Unterschiede bei allen Arten von Kindesmisshandlung“ hin; nur im Bereich körperlicher Vernachlässigung werden im Vergleich geringere Werte ermittelt. Zwar schließen die Autor:innen nicht aus, dass beobachtete oder selbsterlebte Formen von Kindesmisshandlung in der Gemeinschaft zur Teilnahme an der Studie motiviert haben und somit statistische Verzerrungen möglich sind. Entsprechend vermuten die Autor:innen, dass „das vergleichsweise hohe Maß an Kindesmisshandlung nicht mit der Mitgliedschaft bei den Zeugen Jehovas zusammenhängt.“ Trotz dieser Einschränkungen kommt die Studie gleichwohl zur Annahme, „dass die Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas in der vorliegenden Stichprobe mit einem höheren Risiko verbunden war, Opfer von Kindesmisshandlung zu werden“. Zugleich benennt sie mit dem „hohen Maß an Kindesmisshandlung, über das ehemalige Mitglieder berichten, ein wichtiges Thema, mit dem sich die Glaubensgemeinschaft und die Forschung auseinandersetzen müssen.“26 Der Umgang der Zeugen Jehovas mit dem Thema Kindesmissbrauch ist in den vergangenen Jahren auch medial wiederholt kritisch thematisiert worden. Angesichts dessen wäre eine offene und transparente Informations- und Aufklärungsarbeit durch die Glaubensgemeinschaft wünschenswert.

Wenn man nun die deutschsprachige Homepage der Gemeinschaft heranzieht, wird zwar unter der Überschrift „Jehovas Zeugen unterstützen die Aufklärungsarbeit zum Schutz vor Kindesmissbrauch“ auf mehr als ein Dutzend eigene Artikel hingewiesen.27 Jedoch konzentrieren sich die dort verlinkten Artikel vor allem auf die Tatumstände und potentielle Täterkreise, auf familiäre Möglichkeiten zum Schutz vor Missbrauch und auf eine empathische Begleitung von Missbrauchsopfern – all dies flankiert von einer Vielzahl biblischer Zitate. Auf die Frage strafrechtlicher Verfolgung und die Möglichkeit weiterer professioneller Unterstützung wird nur am Rande eingegangen. Die Suche nach einem Schutzkonzept für Versammlungen bzw. für die Gesamtorganisation, das viele Religionsgemeinschaften bereits entwickelt haben und streng beachten, führt bei Jehovas Zeugen ins Leere. Dies verwundert umso mehr, nachdem offizielle Untersuchungsberichte der australischen „Royal Commission into Institutional Response to Child Sexual Abuse“ vom Oktober 201628 wie auch des britischen Unterhauses vom September 202129 kritische Fragen zum Umgang bei Jehovas Zeugen mit bekanntgewordenem Missbrauch gestellt haben. Auch die vom deutschen Bundestag eingesetzte „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ hielt im Anschluss an ein Gespräch mit der Leitung der Zeugen Jehovas aus dem Zweigbüro in Selters/Taunus 2021 fest: „Der Umgang mit erwachsenen Betroffenen, die Aufklärung und Aufarbeitung von zurückliegenden Fällen sexuellen Kindesmissbrauchs sowie die Umsetzung der Empfehlungen der Kommission für Aufarbeitungsprozesse in Institutionen konnten aus Sicht der Kommission von den Zeugen Jehovas nicht ausreichend dargelegt werden.“30 Ob und inwieweit das 2023 revidiert veröffentlichte und um das Kapitel „Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch“ erweiterte Ältestenbuch Hütet die Herde Gottes31 bei Jehovas Zeugen zu einem transparenteren Umgang mit diesem Thema führen wird, ist derzeit nicht abzusehen. Da dieses Ältestenbuch für die Allgemeinheit und für die meisten Mitglieder nicht zugänglich sein soll – es wird als „vertraulich“ deklariert –, erscheint die Frage berechtigt, warum nicht auch andere Publikationen der Gemeinschaft, die für jede:n erreichbar sind, mögliche straf- bzw. zivilrechtliche Konsequenzen eines Missbrauchs und professionelle Hilfsangebote für Opfer ausführlich thematisieren.

Für Beratung, Seelsorge, therapeutische Hilfe und andere Angebote professioneller Begleitung eröffnet die Züricher Studie einige interessante und weiterführende Einblicke in den Bereich der körperlichen und seelischen Gesundheit unter ehemaligen Zeugen Jehovas. Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas sollte sich durch die aktuellen Studienergebnisse auch selbst herausgefordert sehen, den bislang noch unbefriedigenden Umgang mit allen Formen von Missbrauch zu verbessern und den Schutz Minderjähriger nicht allein als vornehmlich familiäre Aufgabe, sondern zugleich als strukturelle Aufgabe der Gesamtorganisation wie der einzelnen Versammlungen zu betrachten.

Wünschenswert wären weitere Studien nicht nur zu Jehovas Zeugen, sondern auch zu anderen, sich von der Gesellschaft abgrenzenden und konfliktträchtigen religiös-weltanschaulichen Gemeinschaften, und dies mit einem Fokus sowohl auf Mitglieder als auch auf Ex-Mitglieder. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass sich solche Gemeinschaften religions- oder sozialpsychologischen Umfragen ohne weiteres öffnen werden. Denn die dann zu erwartenden Befragungsergebnisse dürften wie bei den bisher vorliegenden Studien das Potential entfalten, das Selbstverständnis und Selbstbild der betreffenden Organisationen massiv in Frage zu stellen und den Blick darauf zu lenken, dass seelische Gesundheit und physisches Wohlbefinden in geschlossenen, exklusiven Heilsgemeinschaften alles andere als selbstverständlich sind – ein Umstand mit erheblichen Konsequenzen für den Fortbestand der Gemeinschaften selbst.


Jörg Pegelow (Hamburg), November 2024

 

Anmerkungen

  1. Myriam V. Thoma u.a., „Characteristics of Health and Well-Being in Former Jehovah’s Witnesses in Austria, Germany, and Switzerland“, Mental Health, Religion and Culture 26,7 (2023), 644–662, https://doi.org/10.1080/13674676.2023.2255144. Eine deutsche Übersetzung, der auch die Zitate im Artikel entnommen sind, findet sich bei „JZ Help“, https://tinyurl.com/5yufy3n5 (letzter Aufruf aller in diesem Beitrag genannten Internetquellen am 15.11.2024).
  2. Vgl. Jerry R. Bergmann, Jehovas Zeugen und das Problem der seelischen Gesundheit, Münchner Texte und Analysen zur religiösen Situation (München: Claudius, 1994).
  3. Vgl. Susanne Schaaf und Christian Rossi, „Spannungsfelder und psychosozialer Beratungsbedarf im Zusammenhang mit Jehovas Zeugen“, in: Michael Utsch (Hg.), Jehovas Zeugen. Eine umstrittene Religionsgemeinschaft, EZW-Texte 255 (Berlin: EZW, 2022), 59–70; Matthias Pöhlmann und Christine Jahn (Hg.), Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, hg. im Auftrag der VELKD (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2015), 427f.
  4. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 644.
  5. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 649.
  6. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 654f.
  7. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 647–649.
  8. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 651.
  9. Heather J. Ransom, Rebecca L. Monk und Derek Heim, „Grieving the Living. The Social Death of Former Jehovah’s Witnesses“, Journal of Religion and Health 61 (2022), 2458–2480, 2471f., https://doi.org/10.1007/s10943-020-01156-8.
  10. Vgl. Heather J. Ransom u.a., „Life after Social Death. Leaving the Jehovah’s Witnesses, Identity Transition and Recovery“, Pastoral Psychology 70 (2021), 53–69, 63, https://doi.org/10.1007/s11089-020-00935-0.
  11. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 651f.
  12. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 652f.
  13. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 653.
  14. Ransom, Monk und Heim, „Grieving the Living“, 2474.
  15. Ransom, Monk und Heim, „Grieving the Living“, 2470–2472.
  16. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 652.
  17. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 655.
  18. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 650.655.
  19. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 655.
  20. Cecilia Hadding u.a., „Being In-Between. Exploring Former Cult Members’ Experiences of an Acculturation Process“, Frontiers in Psychiatry 14 (2023), https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1142189; Álvaro Castaño, Jocelyn J. Bélanger und Manuel Moyano, „Cult Conversion from the Perspective of Families. Implications for Prevention and Psychological Intervention“, Psychology of Religion and Spirituality 14 (2022), 148–160, https://doi.org/10.1037/rel0000410.
  21. Vgl. Rose Luther, „What Happens to Those Who Exit Jehovah’s Witnesses. An Investigation of the Impact of Shunning“, Pastoral Psychology 72 (2023), 105–120, https://doi.org/10.1007/s11089-022-01051-x; Cecilia Hadding u.a., „How Can I Trust Someone Who Lives in the Darkness? Former Cult Members’ Perceptions of Consultations with Healthcare Professionals“, International Journal of Coercion, Abuse, and Manipulation 4 (2022), https://tinyurl.com/5bvcbyb9; Windy A. Grendele, Maya Flax und Savin Bapir-Tardy, „Shunning from the Jehovah’s Witness Community. Is It Legal?“, Journal of Law and Religion 38 (2023), 290–313, https://doi.org/10.1017/jlr.2023.13; Carrie Ingersoll-Wood, „The Educational Identity Formation of Jehovah’s Witnesses“, Religion & Education 49 (2022), 310–338, https://doi.org/10.1080/15507394.2022.2102875; Hege Kristin Ringnes u.a., „End Time and Emotions. Emotion Regulation Functions of Eschatological Expectations among Jehovah’s Witnesses in Norway“, Journal of Empirical Theology 32 (2019), 105–137, https://doi.org/10.1163/15709256-12341385.
  22. „Hilfe für jemanden, der aus der Versammlung entfernt wurde“, Der Wachtturm 08/2024, 26–31, 27.
  23. „Hilfe für jemanden, der aus der Versammlung entfernt wurde“, 31.
  24. „Wie Älteste Sündern Liebe und Barmherzigkeit zeigen“, Der Wachtturm 08/2024, 20–25, 21.
  25. Hütet die Herde Gottes (1. Petrus 5:2) (Selters/Ts.: Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, 2019/2023), Kap. 1. 2. (10), Kap. 12 usw. Auch über die Online-Bibliothek der Zeugen Jehovas sind weiterhin Publikationen abrufbar, die die Bildung eines „Rechtskomitees“ thematisieren, z.B. Organisiert, Jehovas Willen zu tun (Selters/Ts.: Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, 2021), 149ff., https://tinyurl.com/2c7r8yzu; Einsichten über die Heilige Schrift, Bd. 2: K–Z und Index (Selters/Ts.: Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, 2022), 1186, https://tinyurl.com/2fr2udbd.
  26. Thoma u.a., „Health and Well-Being“, 655.
  27. „Jehovas Zeugen unterstützen die Aufklärungsarbeit zum Schutz vor Kindesmissbrauch“, Jehovas Zeugen (jw.org), https://tinyurl.com/3jd6vk4r.
  28. Peter McClellan und Helen Milroy, Report of Case Study No. 29. The Response of the Jehovah’s Witnesses and Watchtower Bible and Tract Society of Australia Ltd to Allegations of Child Sexual Abuse (Sydney: Royal Commission into Institutional Responses to Child Sexual Abuse, 2016), https://tinyurl.com/tba5c6av.
  29. Alexis Jay u.a., Child Protection in Religious Organisations and Settings. Investigation Report (London: APS Group, 2021), https://tinyurl.com/v44u7jcj.
  30. „Treffen mit Zeugen Jehovas zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“, Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, 16.11.2021, https://tinyurl.com/mpeu84ha.
  31. Hütet die Herde Gottes, Kap. 14.