Sophie Hofmeister

Digitaler Raum und Instagram als Arbeitsplatz

Ein Schlaglicht auf die EZW-Jahrestagung 2025

Die EZW-Tagung „Religion & Social Media“ spannte über drei eindrucksvolle Tage einen breiten thematischen Bogen auf. Unter den Stichworten „Emanzipation“ und „Radikalisierung“ ermöglichte sie Diskussionen zu Tendenzen und Transformationsprozessen in der Weltanschauungsarbeit angesichts von KI und Filterblasen, Content Creator:innen und Online-Vernetzung. Auf zwei einerseits klar zu differenzierenden, andererseits nicht eindeutig voneinander zu lösenden Ebenen ergeben sich daraus Leitfragen: Wie verändert sich Weltanschauungsarbeit inhaltlich angesichts der vielfältigen Prozesse im digitalen Raum und wie ist in der Weltanschauungsarbeit methodisch mit Social Media als Kommunikationsmedium umzugehen? Eine Annäherung an diese Fragen lässt sich mit Hilfe des Beitrags von Nicolai Opifanti vornehmen, auch wenn dieser seinen Fokus zunächst auf die spezifisch kirchliche Arbeit im digitalen Raum gelegt hat.

Nicolai Opifanti als @pfarrerausplastik – Dienstauftrag im digitalen Raum

Unter der Überschrift „Religion & Social Media – Gesprächsräume und Filterblasen“ skizzierte Opifanti aus der Sicht des Praktikers seine Perspektive auf das Thema kirchliche Arbeit mit und auf Social Media. Opifanti ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg und mit der Hälfte seiner Arbeitszeit als Online-Pfarrer im digitalen Raum tätig. Über den Instagram-Account @pfarrerausplastik gibt er Einblicke in seinen beruflichen Alltag. In stets kurzen und durch Schnitte ansprechend gestalteten Videos führt er beispielsweise durch einen Tag als Pfarrer, nimmt die Zuschauer:innen mit auf dem Weg zur Gemeindeversammlung, zur Dienstbesprechung oder zum Traugespräch. Dabei liegt der Fokus visuell und narrativ auf Opifanti als Person und seinen Aufgaben als Pfarrer, nicht auf anderen Gemeindemitgliedern oder sonstigen Beteiligten. Auch liturgische Elemente finden Eingang in die Instagram-Beiträge des Online-Pfarrers: So wird gefilmt, wie Opifanti gemeinsam mit einer Kollegin im Talar gekleidet vor dem Altar steht und Fürbitten für Anliegen der Follower:innen spricht – sozusagen Liturgie to go. Das bunte Potpourri aus Inhalten wird durch Videos ergänzt, die mit Musik oder Trendsounds hinterlegt sind und in denen Opifanti im TikTok-Stil tanzt oder sketchartige Kurzszenen mit einer teils lustigen, teils provozierenden Pointe nachspielt. In seinem Vortrag unterstrich er, dass genau dieser Facettenreichtum den Dienstauftrag eines Online-Pfarrers ausmacht: Verkündigung, religiöse Bildung und Seelsorge im digitalen Raum.

Seelsorge und Beziehungsarbeit

Besonders der seelsorgliche Aspekt von Opifantis Arbeit auf Instagram liegt vielleicht nicht sofort auf der Hand, obwohl er laut Opifanti maßgeblich ist: Über die mittlerweile fünfjährige Tätigkeit als Online-Pfarrer haben sich nach seiner Auskunft teils enge Verbindungen zu den Follower:innen etabliert. Genau wie im analogen Austausch entsteht über die Zeit ein immer engeres Vertrauensverhältnis, Follower:innen bauen persönliche Beziehungen auf und kommen mit intimen Anliegen auf den Pfarrer zu. Neben dem individuellen Kontakt über Direktnachrichten interagiert Opifanti auch nach dem Hochladen der Videos mit den Zuschauer:innen und tritt beispielsweise in der Kommentarspalte unter den Videos in den Austausch. Deutlich erkennbar ist dabei, dass Social Media und ganz allgemein der digitale Raum zwar teilweise nach eigenen Regeln funktionieren, jedoch nicht als befremdliches und von der Realität zu trennendes „Phänomen“ missverstanden werden dürfen: Das Digitale durchzieht das Analoge auf allen Ebenen und beides gehört heute untrennbar zusammen. Auch deshalb greifen, wo es um den Aufbau von Vertrauen und Beziehungen geht, die bekannten Kriterien: Authentizität, Empathie und insbesondere der Mut, sich menschlich und damit verletzlich und fehlbar zu zeigen, sind die zentralen Faktoren. Im digitalen Raum geht das Sich-angreifbar-Machen selbstredend mit der Angst einher, auf Hass, Zurückweisung und Verurteilung zu stoßen oder lächerlich gemacht zu werden – gerade wenn es um zunächst „peinlich“ wirkende Tanzvideos oder der Unterhaltung dienende Formate geht. Die digitalen Plattformen laden in gesteigerter Form zu Bewertung und Interaktion ein – das ist sowohl ihr Potential als auch ihr Risiko.

Potentiale der Digitalisierung und Partizipation

Schon zu Beginn seines Vortrags erinnerte Opifanti daran, dass es bei der Tätigkeit als digitaler Pfarrer um eine Grundsatzentscheidung geht. Man könne auf die Entwicklungen der Gegenwart auf zwei Weisen reagieren: einerseits mit Distanzierung, andererseits durch Partizipation. Aus der Distanz können etwa nichtdigitale Kontrastangebote geschaffen werden, die dem Strom der Digitalisierung zwar nicht entgegenschwimmen, aber im Gegenüber zu den primär privatwirtschaftlich orientierten digitalen Plattformen bestrebt sind, im analogen Raum alternative Angebote zur Förderung des sozialen Kontakts anzubieten. Partizipativ geht es darum, die Entwicklung aufzugreifen, sozusagen mitzuschwimmen und in die digitale gesellschaftliche Realität und die sozialen Medien aktiv einzutreten. Opifanti hat sich für Letzteres entschieden. Angesichts der Nutzer:innenzahlen der großen Social-Media-Plattformen ist diese Entscheidung nicht verwunderlich, weil sie der Kirche die Möglichkeit verschafft, ansprechend und ansprechbar zu bleiben, und der Gefahr entgegenwirkt, schlichtweg am Seitenrand des Digitalisierungsstroms übersehen zu werden. Facebook, Instagram, TikTok und X – alle diese Plattformen werden von den Nutzer:innen allein in Deutschland mehrere zehn bis hundert Millionen Mal im Monat aufgerufen. Für die Einsicht, dass Potentiale verloren gehen, wenn man diese Alltagsrelevanz der sozialen Medien missachtet, bedarf es keiner höheren Mathematik.

Es bleibt die Frage, wie man mit Social Media umgehen und den digitalen Raum nutzen kann. Die Antworten sind vielfältig und multiplizieren sich, wenn weiter gefragt wird, wie man richtig oder adäquat mit Social Media umgehen und den digitalen Raum sinnvoll nutzen sollte. Die evangelischen Landeskirchen sind bisher sowohl über das in der Pandemiezeit gegründete evangelische Content-Creator-Netzwerk „yeet“ als auch über erfolgreiche Einzelcreator:innen wie Josephine Teske (@seligkeitsdinge_), Maike Schöfer (@ja.und.amen) oder eben Opifantis Account (@pfarrerausplastik) auf Social Media vertreten. Ist das nun richtig, sinnvoll und zielführend oder einfach nur „cringe“, um hier den jugendsprachlichen Ausdruck für peinliche Inhalte zu gebrauchen?

Zur Diskussion um die Schamgrenze

Die Reaktion auf Opifantis Vortrag und Arbeit fiel im Kreis der Tagungsteilnehmenden erstaunlich uneinheitlich aus. Viele neugierige Nachfragen mischten sich mit teils kritischen Anmerkungen zur Sinnhaftigkeit von Tanzvideos oder zur tatsächlichen Tiefgründigkeit von Seelsorge über Instagram. All dies veranlasst abschließend zu einer kurzen und schlaglichtartigen Diskussion der Frage, warum das Thema so befremdlich zu wirken scheint und warum auf der Tagung neben anregenden und innovativen Gesprächen punktuell der Eindruck entstand, in längst überwunden geglaubte Diskussionen über Digitalität zurückzufallen. Die Tagung war fraglos durch Neugier und Offenheit gegenüber Social Media geprägt; es zeigte sich ein großes wissenschaftliches und praktisches Interesse an der Auseinandersetzung mit den Potentialen und Herausforderungen der Arbeit mit Plattformen wie Instagram. Wie sind demgegenüber die Momente der Skepsis und Zurückhaltung gerade in Bezug auf Opifantis Vortrag zu erklären?

Es scheint, dass die kritischen Rückmeldungen zu Opifantis Vortrag aus einer gemeinsamen inhaltlichen Herausforderung resultieren, die dem Thema inhärent ist. Die Arbeit mit und auf Social Media ist eine Kompetenz, die erlernt und eingeübt werden muss, wie dies auch für andere mediale Kommunikationsformate gilt. Weder die bloße Existenz eines Instagram-Accounts noch die Mitarbeit junger Kolleg:innen im Team oder das Anhören von Vorträgen über die Funktion von TikTok machen uns über Nacht zu Social-Media-Expert:innen. So wird man auch nicht Online-Pfarrer, weil man einen Instagram-Account erstellt, eine bestimmte Altersgrenze noch nicht überschritten hat oder weil man weiß, welcher Sound gerade auf TikTok viral geht. Digitale Arbeit ist inhaltlich anspruchsvoll, erfordert mediale Kompetenz und schlichtweg handwerkliche „Skills“ für den Umgang mit diesem Medium. Es ist daher auch vollkommen würdig und angemessen, dem digitalen Dienstauftrag eigene zeitliche und finanzielle Ressourcen zuzugestehen. Ein wichtiges Anliegen von Opifantis Vortrag war die klare Darstellung der Herausforderungen des digitalen Amtes, das nicht zuletzt wegen einer oftmals jüngeren Zielgruppe mit ganz neuen Aufgaben verbunden ist, deren Bewältigung eigene Formen erfordert, die es wertzuschätzen gilt. Die Zielgruppe ist ansprechbar durch Inhalte, die anderen Beobachter:innen zunächst als „peinlich“ oder „cringe“ erscheinen mögen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich nicht alle Tagungsteilnehmenden davon gleichermaßen angesprochen fühlten. In der Diskussion kam die Frage nach der „Schamgrenze“ auf. Opifanti betonte, manches Mal tatsächlich die persönliche Schamgrenze überschritten zu haben, wo es um trendige Tänze oder Sounds ging. Weil die Schamgrenze natürlich eine subjektive und individuelle Festlegung bleibt, könnte die Einsicht produktiv sein, dass sie in Bezug auf einen bestimmten Content für die Produzierenden und Rezipierenden nicht an derselben Stelle liegen muss. Die Zuschauer:innen auf Instagram, TikTok und Co. sind skurrile oder „cringe“ Inhalte derart gewohnt, dass der Eindruck von Peinlichkeit gleichsam zur Tagesordnung gehört – das „Peinliche“ ist im digitalen Raum weder ungewöhnlich noch ein Grund zur Ablehnung eines bestimmten Inhalts. Vielmehr motivieren diese Videos zur Interaktion und regen das Gespräch an.

Digitale Kirche als Vorbild für digitale Weltanschauungsarbeit?

Damit verbindet sich die Frage, wie Opifantis Eindrücke aus der kirchlichen Arbeit mit einem digitalen Schwerpunkt auf die Beschäftigung mit Weltanschauungsfragen zu übertragen sind. Wie eingangs angedeutet sieht sich die Weltanschauungsarbeit vor zwei eigens zu benennende Herausforderungen gestellt. Dazu gehört erstens die inhaltliche Beobachtung und Analyse des weltanschaulichen Plateaus, das sich im und durch den digitalen Raum auf neuen Wegen entwickelt und damit die Tendenzen von Emanzipation, Radikalisierung und Filterblasen in den Fokus rückt, die auf der Tagung thematisiert wurden. Und dazu gehört zweitens in methodischer Hinsicht die eigene Partizipation am Digitalen, dies konkret durch die Beteiligung an Diskussionen in Foren und Kommentarspalten oder durch die eigene Wissenschaftskommunikation über Instagram und Co. Hier dürfte letztlich eine Verbindungslinie der beiden Ebenen bestehen: Durch den eigenen Umgang mit Social Media wird auch die digital literacy gestärkt, die es ermöglicht, in weltanschaulichen Fragen Prozesse besser nachvollziehen, Strukturen erkennen und Risiken antizipieren zu können. Auch jenen, die keine digitalen Weltanschauungsbeauftragten werden wollen, ist geholfen, wenn sie verstehen, wie über Social Media kommuniziert wird.

Dennoch ist es mit einfacher Partizipation noch nicht getan. Das leichte Unbehagen, das einige Tagungsteilnehmende in Bezug auf die Arbeit auf und mit Instagram äußerten, scheint zum einen aus der (nicht ganz unberechtigten) Sorge um das Radikalisierungspotential von Diskussionen auf digitalen Plattformen zu resultieren, zum anderen aber wohl aus der Annahme, man müsse nun von jetzt auf gleich mitmachen, um auch dem digitalen Publikum gerecht zu werden. Aus der Konfrontation mit der ganzen Bandbreite des digitalen Arbeitsfeldes muss unweigerlich ein Gefühl der Befremdung, vielleicht auch der Überforderung folgen, wenn man sich selbst oder anderen zumutet, diesen Bereich zu bespielen, ohne zuvor eine entsprechende Kompetenz eingeübt zu haben. Dafür bedarf es neben einer grundsätzlichen Wertschätzung dieser Arbeit der bereits angesprochenen zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Die zurückhaltenden Reaktionen sind daher vor allem eine völlig berechtigte Distanzierung von einer Aufgabe, der man mit den bisherigen Ressourcen nicht gerecht werden kann. Nötig sind Fortbildungsgelegenheiten, die strukturiert in die Elemente digitaler Wissenschaftskommunikation einführen und auf die Spezifika von Beratung im Netz vorbereiten. Das ist keine Übergangslösung, die mit der Generation der digital natives hinfällig wird. Die mit Social Media groß gewordenen Nachwuchswissenschaftler:innen müssen zwar zumeist viel weniger Energie und Immersionsleistung aufbringen, um überhaupt zu verstehen, wie Instagram und Co. funktionieren. Es wird aber auch ihnen nicht erspart bleiben, die Kompetenz zu erlernen, mit diesen Medien produktiv umzugehen, Wissenschaftskommunikation zu betreiben und in diesem Kontext mit Social Media zu arbeiten.

Wenn aber der inhaltliche und methodische Anspruch von Social Media mit Verweis auf vermeintlich willkürliche oder „peinliche“ Inhalte nicht hinreichend anerkannt wird, dann frustriert Social Media beide Seiten: sowohl die schon Partizipierenden, die sich und ihre Arbeit nicht gesehen fühlen, als auch die (noch) Distanzierten, für die Social Media durch fehlende Weiterbildungsangebote und Ressourcen gezwungenermaßen fremd bleibt. In diesem Sinne hat die Tagung insgesamt und insbesondere Nicolai Opifantis Vortrag zu seiner Tätigkeit als Online-Pfarrer einen wichtigen Beitrag geleistet, dieses Arbeitsfeld und seine Potentiale sichtbar zu machen und den Teilnehmenden eine geschärfte Perspektive für die Beschäftigung mit Social Media zu ermöglichen.


Sophie Hofmeister (Osnabrück), Juli 2025