Liane Wobbe

Die Hütte des Friedens und die Kinder des Lichts

Zwei persische Kirchengemeinden in Berlin

Tanz zum persischen Neujahrsfest: An dem Tag soll niemand allein sein

Es ist der 20. März 2024, als ich gegen 19.30 Uhr den Kirchsaal der Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz betrete. Frauen, Männer und Kinder laufen aufgeregt hin und her. Sie kommen aus dem Iran und aus Afghanistan und bereiten Nowruz, das persische Neujahrsfest, vor.1 Nach altiranischer Zeitrechnung beginnt das neue Jahr 1403 in Berlin genau um 4.06 Uhr. Gleich neben dem Eingang steht die haft sin („sieben sin“), die traditionelle Tafel mit sieben Dingen, die mit dem persischen Buchstaben Sin beginnen und eine Tugend oder Verheißung symbolisieren: sib, ein Apfel (Schönheit), sabzeh, ein Topf mit grünen Sprossen (Munterkeit), sir, Knoblauch (Gesundheit), sumak, ein violettes Gewürz (Geschmack des Lebens), sonbol, Hyazinthen (Freundschaft), serkeh, Essig (langes Leben) und senjed, Mehlbeere (Liebe). Ein Holzkreuz thront über den Neujahrssymbolen und verbindet die persische Tradition mit der christlichen Botschaft. Während sich einige Besucher mit dem Pfarrer der Gemeinde hinter der Nowruz-Tafel fotografieren lassen, nehmen andere an feierlich gedeckten Tischen Platz. Ich setze mich zu einem Paar aus dem Iran und frage, ob es zu Nowruz auch Geschenke gibt. „Ja natürlich“, antwortet der Mann. „Ich schlage ein Buch des Dichters Hafiz auf, genau in der Mitte, und lege Geldscheine hinein. Diese dürfen sich meine Kinder dann herausziehen.“

Nun wird Sabzi-Polo serviert, das Neujahrsessen: Safran-Kräuterreis mit Hähnchen. Und kaum sind die Teller leer, ertönt iranische Musik. Laut jubelnd begeben sich Frauen, Männer und Kinder auf die freigeräumte Fläche. Sie tanzen im Kreis, fassen sich an den Händen, drehen sich um sich selbst, fordern andere auf mitzutanzen. Manche haben Tücher in den Händen und schwenken sie in der Luft. „Nowruz hat für Iraner und Afghanen die gleiche emotionale Bedeutung wie für Deutsche das Weihnachtsfest“, erklärt mir später der Pfarrer: „Wir feiern es hier in der Gemeinde schon seit zehn Jahren. An diesem Tag soll keiner allein sein!“
 

Christen und Muslime aus dem Iran und Afghanistan suchen Zuflucht in der Gemeinde

Die Dreieinigkeitsgemeinde in Berlin-Steglitz gehört zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK). Sie umfasst etwa 1.620 Mitglieder, zu denen vorwiegend Menschen aus dem Iran und Afghanistan und einige Deutsche, darunter Russlanddeutsche zählen. Letztere waren ursprünglich Teil der St. Mariengemeinde in Berlin-Zehlendorf, die Pfarrer Dr. Gottfried Martens nach seiner Ordination 1991 betreute. Als dort unter den Deutschen die wachsende Zahl iranischer und afghanischer Gemeindeglieder für Unmut sorgte, wechselte er mit diesen 2013 nach Steglitz, wo eine eigenständige persische Gemeinde entstand. Seitdem kümmert sich Martens rund um die Uhr um die Anliegen zahlreicher iranischer und afghanischer Geflüchteter. Während es sich bei den iranischen Gemeindegliedern um Familien und einzelne Personen verschiedener Altersgruppen handelt, die schiitisch-islamischer Herkunft sind, befinden sich unter den Geflüchteten aus Afghanistan vorrangig junge Männer, die als schiitische Muslime zur Ethnie der Hazara gehören. Unter Iranern bestanden oft schon Erstkontakte zu illegalen Hausgemeinden im Heimatland. Während dort orthodoxe und ausländische Gemeinden relative Religionsfreiheit genießen, kann der Übertritt von Muslimen zum Christentum mit Haft, ja sogar mit dem Tod bestraft werden. In Afghanistan, wo es keine öffentlichen Kirchen gibt, leben Christen aufgrund der Hinrichtungsgefahr im Untergrund. Wie aber finden sie in Berlin den Weg in die Dreieinigkeitsgemeinde? Missionieren muss Martens nicht. Vielmehr bitten ihn die Menschen selbst um Aufnahme. Nachdem er im Juni 2011 in Zehlendorf den ersten Iraner taufte, laden seine Gemeindeglieder immer wieder afghanische oder iranische Landsleute ein. „Die Eingeladenen kommen zuerst zu den Gottesdiensten, manchmal zu den Bibelstunden“, berichtet der Pfarrer. „Wer getauft werden möchte, besucht den Taufunterricht. In einer anschließenden Prüfung müssen die Taufbewerber aufgrund ihrer Lebensgeschichte darlegen, warum sie Christen werden wollen, und zeigen, dass sie grundlegende Inhalte des christlichen Glaubens verstanden haben.“

Männer, die aus Drittstaaten kommen und die Abschiebung fürchten,2 finden in der Gemeinde Kirchenasyl, wie Ehsan3 aus der afghanischen Stadt Ghazni. Mit 14 Jahren floh er nach Oslo. Als ihm die Abschiebung drohte, schickte ihn seine Gastfamilie zu Pfarrer Martens, wo er zwei Jahre im Kirchenasyl lebte. Mit dem Abschiebeverbot für Afghanen 20214 erhielt er eine unbefristete Niederlassungserlaubnis.5
 

Eine iranisch-afghanische Gemeinde mit einer lutherischen Liturgie in persischer Sprache

Jeden Sonntagmittag um 12 Uhr versammelt sich die afghanisch-iranische Gemeinde zum Mittagessen, das von Bewohnern des Kirchenasyls gekocht wird. Danach geht man zum Gottesdienst, der in Farsi6 gehalten wird. „Das ist hier die beste Gemeinde und der Pfarrer der beste Pfarrer, er spricht perfekt Persisch“, schwärmt eine junge Frau, die aus Teheran stammt. „Andere Pfarrer gehen nach dem Gottesdienst nach Hause. Er nimmt sich Zeit für uns, rund um die Uhr.“ Um 13 Uhr beginnt der Gottesdienst. Nach einem Eingangsgebet in Persisch singt die Gemeinde persische Lobpreislieder, deren Melodien an iranische Filmmusik aus den 1980er Jahren erinnern. Nach der Predigt, die Martens ebenfalls auf Persisch hält, feiern die Gottesdienstbesucher das Abendmahl. Am Ausgang verabschiedet der Pfarrer dann jeden einzeln mit einer herzlichen Umarmung und dem persischen Gruß: Khoda hafiz, „Gott beschütze Dich“.

Fanden die Gottesdienste anfangs in deutscher Sprache mit Farsi-Übersetzung statt, entwickelte sich im Laufe der Zeit ein Gemeindeleben, das von einer persischen Gottesdienstliturgie, persischen Bibelstunden und persischen Gebeten getragen wird. Auch die Kirchenlieder werden in Persisch gesungen. Denn Martens hat die Corona-Zeit dafür genutzt, die persische Sprache zu lernen. „Die ersten Farsi-Übersetzungen von Liturgie-Elementen und Schriften, so auch unsere persische Bibelübersetzung (kotobbe mohghoodos),7 verwenden wir aus einer lutherischen Gemeinde in Leipzig, wo es seit 1990 Christen aus Iran gibt“, erzählt er. Die Lobpreislieder stammen von iranischen Gemeinden aus den USA, die von ihm vorbereiteten Predigten werden von einer Iranerin übersetzt. Doch nicht alle christlichen Begriffe lassen sich ohne Weiteres ins Persische übertragen. Von einem lutherischen Selbstverständnis aus wird die Kompatibilität arabischer und persischer Begriffe ausgelotet und abgewogen, ob scheinbar adäquate Termini nicht zu sehr mit islamischen Assoziationen behaftet sind. Für „Gebet“ wird das arabische dua, für den christlichen Gott hingegen der persische Name Khoda verwendet.8 Für das Wort „Gottesdienst“ stehen die Begriffe ebodat (pers., „Dienst“), marasem (pers., „Veranstaltung“) und dua (arab., „Gebet“) zur Auswahl. Die Gemeinde selbst bezeichnet sich gern als kolbeye aramesh, „Hütte des Friedens“.9
 

Schiitentum und Luthertum: Von der Hingabe an die Imame zur Hingabe an Jesus

Gerade evangelikale Plattformen berichteten eine Zeit lang gern über Martens und seine Gemeinde und präsentierten die zahlreichen Konversionen als „Wunder von Steglitz“.10 Andere Medien diskutierten die rechtliche und politische Relevanz einer Taufe für das Bleiberecht der betreffenden Person. Hier und da wurde die Frage aufgeworfen, ob es sich um echte Bekehrungen handelt oder ob es vor allem um strategische Vorteile im Asylverfahren geht.11 Zu einer realistischen Einschätzung verhilft ein Blick auf Martens Theologie: Sie ist streng lutherisch und hat ihr Zentrum im Glauben an Jesus als Gottes Sohn. Voraussetzung für die Taufe ist für Martens die Übernahme dieses Gottesbildes. Damit aber fordert er von den Täuflingen die Aufgabe ihrer bisherigen religiösen Identität; denn nach islamischer Lehre ist Gott gestaltlos, weshalb Jesus lediglich als Prophet gilt. Insofern auf die Übernahme der christlichen Überzeugung im eigenen Herkunftsland der Tod stehen kann, lässt das nachhaltige Interesse an einer Konversion zum Christentum auf einen hohen Überzeugungsgrad bei den Konvertiten schließen.

„Besonders Menschen aus dem Iran sind von ihren religiösen Führungspersönlichkeiten enttäuscht“, stellt Martens fest. „Da die Regierung islamisch geführt ist, hat die Kritik am Regime nicht nur einen Rückzug von der Religion zur Folge, sondern führte auch zu zahlreichen Gründungen christlicher Hausgemeinden.“ Auffällig ist, dass unter den überwiegend schiitischen Iranern und den Angehörigen der schiitischen Minderheit der Hazara aus Afghanistan besonders viele für den christlichen Glauben offen sind. Dies erklärt sich Martens so: „Schiitische Muslime fühlen sich vermutlich aufgrund der ihnen vertrauten Leidensfrömmigkeit im Hinblick auf ihre Imame von der Verkündigung des Leidens und Sterbens Christi angezogen.“ Nach schiitischer Überlieferung ließen Imame wie Ali und seine Söhne Hussein und Hassan aus Hingabe zu Gott ihr Leben im Kampf gegen ihre Widersacher. Der sunnitischen Überlieferung und Tradition hingegen ist eine solche Form von Frömmigkeit fremd.12
 

Persisches Essen und persische Feste zur Pflege heimatlicher Traditionen

Während Menschen aus dem Iran in Deutschland ihre muslimische Religiosität relativ schnell ablegen, sind Menschen aus Afghanistan nach Wahrnehmung des Pfarrers oft sehr viel stärker vom Islam geprägt, weshalb die Konversion zum Christentum für sie ein viel größerer Schritt ist. Wenn sie diesen aber gehen, praktizieren sie ihren christlichen Glauben anschließend zumeist mit besonderer Intensität. Gleichwohl sind iranische und afghanische Christen, auch wenn sie sich vom Islam lossagen, weiterhin stolz auf ihre persische Identität. Dazu gehört es, Feste wie Nowruz oder die Yaldanacht zu feiern,13 zuhause wie in der Kirche. Zur Pflege der Herkunftskultur wird zudem jeden Sonntagmittag persisches Essen serviert.
 

Christliche Wurzeln im Iran und in Afghanistan

Bereits im 2. Jahrhundert brachten syrische Gemeinschaften ihren christlichen Glauben mit nach Persien. Nach der Abtrennung von der Westsyrischen (Syrisch-Orthodoxen) Kirche verbreitete sich in Persien zwischen dem 5. und 7. Jahrhundert vor allem die Ostsyrische Kirche (Assyrer). Da Armenien zeitweise Teil des persischen Reiches war, gab es auch armenische Gemeinden.14 Die im 19. Jahrhundert ins Land kommenden anglikanischen Missionare aus England und Schottland erreichten mit ihrer protestantischen Lehre eher assyrische und armenische Christen als Muslime. In den 1960er Jahren wurden im Iran dann verschiedene Pfingstkirchen aktiv, aus denen als größte Missionsgemeinde die Jama’at-e Rabbani hervorging.15 Mit Persisch als Gottesdienstsprache verzeichnete sie erstmalig zahlreiche Konversionserfolge unter Muslimen. Als die Bewegung nach der islamischen Revolution trotz Missionsverbot weiterarbeitete, wurden ihre Kirchen nach und nach vom Regime geschlossen. Es bildeten sich zahlreiche illegale Hausgemeinden.16 Anerkannt sind im Iran heute Kirchen armenisch-apostolischer, armenisch-katholischer, syrisch-orthodoxer, assyrischer und chaldäischer Tradition sowie protestantische, römisch-katholische und russisch-orthodoxe Exilgemeinden.

Auch in Afghanistan finden sich Spuren christlicher Mission, wenngleich in geringerem Ausmaß. So waren hier zwischen dem 5. und 13. Jahrhundert Gemeinden der Assyrischen, der Syrisch-Orthodoxen und der Armenischen Kirche ansässig.17 Seit 1919 existiert als einziges christliches Gotteshaus Afghanistans eine Kapelle auf dem italienischen Botschaftsgelände,18 die bis 2021 ausschließlich von ausländischen Hilfskräften besucht wurde.19 Trotz Verfolgung sind derzeit auch pfingstlich orientierte Missionsgesellschaften im Land aktiv; Schätzungen sprechen von einigen tausend afghanischen Christen im Untergrund.

Eine persische Kirche entwickelte sich weder im Iran noch in Afghanistan. Dennoch gelingt es Martens, Berührungspunkte zwischen der biblischen Botschaft und den beiden Ländern hervorzuheben. So betont er gern, dass die heiligen drei Könige aus Persien kamen,20 dass die iranischen Völker der Parther, Edomiter und Elamiter die ersten waren, die der Apostelgeschichte zufolge die Pfingstbotschaft vernahmen (Apg 2,9), und dass der Stadtteil Injil in der afghanischen Stadt Herat auf eine einst christliche Gegend hinweist. Eine besondere Bedeutung für viele Iraner hat der persische König Kyros II. Er ist Sinnbild für die vorislamische Kultur und Größe Persiens. Und es bewegt die iranischen Christen immer wieder, dass von eben diesem Kyros so ausführlich im Alten Testament erzählt wird.21 Darum lassen viele Gemeindeglieder ihre Söhne auf dessen Namen taufen.
 

Farzandane Noor: Zu Besuch in der iranischen Gemeinde der Berliner Stadtmission

In der Herzbergstraße in Berlin-Lichtenberg, inmitten von Neubaublöcken und vietnamesischen Restaurants, befindet sich das Gemeindehaus der Berliner Stadtmission. An einem Sonntag um 11 Uhr besuche ich auch hier eine iranische Gemeinde. Durch die offenen Türen klingen persische Gesänge. Ich folge ihnen und treffe im Gemeinderaum auf etwa einhundert Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche. Auf einem altarförmigen Podest thront ein großes Holzkreuz, das mit rot-weißen Seidenschals und Blumen dekoriert ist. Eine Pfarrerin verabschiedet gerade eine kleine Kinderschar zum Kindergottesdienst, bevor sie vor der Gemeinde die Ereignisse der letzten Woche bekanntgibt. Nach viel Applaus tritt ein Pfarrer nach vorn und hält eine Predigt in Farsi. Seine Botschaft untermalt er mit digitalen Bildern an der Wand. Zwischendurch stellt er Fragen, worauf die Gottesdienstbesucher emsig antworten, lachen oder zustimmend nicken. Manche machen sich Notizen. Es wirkt wie ein lebendiges Unterrichtsgespräch. Als der Gesang einer jungen Frau einsetzt, begleitet von einer Elektroorgel, versammeln sich zahlreiche Besucher um den Altar. Der Pfarrer spricht ein Gebet, und währenddessen legt ein Gemeindeglied den Gläubigen nacheinander die Hand auf den Kopf. Es ist eine Segenszeremonie, die etwas Beruhigendes, ja fast Therapeutisches hat. Es folgt ein interaktives Schlusslied, bei dem sich die Gottesdienstbesucher gegenseitig zuwinken. Am Ende versammeln sich alle im großen Gemeinschaftssaal bei Kaffee, Tee und einem persischen Imbiss.22
 

Vom Bibelkreis zur Gemeinde

Die iranische Gemeinde in Lichtenberg wurde von Sousan und Stefan Rostami ins Leben gerufen. Beide kommen aus dem Iran, wo sie als Innendekorateure in einer kleinen Firma für Küchenplanung tätig waren. Im Jahr 2012 begannen sie, sich dem Christentum zuzuwenden und sich im Internet Unterweisungen zum Bibelstudium und zur christlichen Theologie anzusehen. Nach einer Taufe an einem geheimen Ort im Jahre 2013 gründeten sie einen Hauskreis in ihrer Wohnung. Nach der Flucht im November desselben Jahres stand aufgrund des Dublin-Gesetzes zunächst ihre Ausweisung an, der sie aber zu ihrem Glück in einem sechsmonatigen Kirchenasyl entgehen konnten. In Berlin trafen sie auf Landsleute, die bereits Christen waren. Bei ihrer Suche nach einem Veranstaltungsort in einer christlichen Gemeinde stießen sie auf die Berliner Stadtmission, die ihnen im Mai 2015 einen Raum im „Haus Leo“ zur Verfügung stellte. Hier gründeten sie zuerst einen Bibelkreis, der von einem Mitarbeiter der Stadtmission betreut wurde und im Laufe der Zeit zu einer iranischen Gemeinde anwuchs. Nach dem Umzug in eine Kapelle am Lehrter Stadtbahnhof erfolgte am 9. September 2017 die offizielle Einsegnung, deren Urkunde heute das Büro von Stefan Rostami schmückt. Das Ehepaar, zuvor ehrenamtlich tätig, wird seitdem von der Berliner Stadtmission bezahlt. Inzwischen ist die Gemeinde erneut umgezogen, und zwar in die Räume der Jungen Kirche Berlin (JBK) in Lichtenberg, wo sie bis heute weilt. Stolz zeigt mir Herr Rostami seinen Abschluss als Bachelor of Arts in Bible and Theology, der ihm am 21. März 2024 nach einem Fernstudium an der pfingstchristlichen „Global University“ mit Sitz in Springfield, Missouri, verliehen wurde.23 Vier Jahre lang hatte er deren theologische Online-Kurse in Farsi besucht. Mit diesem Abschluss wurde er Pastor und Stadtmissionar der Berliner Stadtmission und betreut seither die iranische Gemeinde in Berlin-Lichtenberg. Frau Rostami strebt derzeit einen Abschluss als Gemeindepädagogin an.
 

Zuflucht und Zuhause

Jeden Sonntag um 11 Uhr feiert die Gemeinde ihren Gottesdienst. Die Jugendlichen treffen sich anschließend zum Bibelunterricht. Einige Erwachsene besuchen den Taufkurs. Wer sich mit der Sonntagspredigt noch weiter auseinandersetzen möchte, kann seine Fragen oder Einwände bei einer Predigtanalyse am Dienstagabend einbringen. Am Donnerstag gibt es einen Bibelkreis, am Freitag einen digitalen Gottesdienst. Alle sechs Monate finden deutsch- und farsisprachige Taufgottesdienste statt. Stefan und Sousan betreiben ihre Mission für Menschen aus dem Iran auch auf der Straße, mit Predigten, Musikdarbietungen oder Angeboten für einen „Segen to go“. „Meine Frau ist rund um die Uhr mit der Seelsorge für unsere Frauen beschäftigt“, erzählt Stefan Rostami. „Viele haben psychische Probleme aufgrund tragischer Erlebnisse während ihrer Flucht.“ Das Gleiche trifft auch auf einige Männer zu, um die er sich kümmert.

Die Gemeinde bietet Zuflucht, eine Auszeit vom Alltag, den Austausch mit Menschen gleicher Herkunft und damit Trost und Kraft – die Gemeindeglieder fühlen sich wie eine Familie. Das erlebt auch P., eine junge Frau, die vor vier Jahren allein aus dem Iran nach Deutschland kam, sowie deren Freundin mit ihrem fünfjährigen Sohn. „Viele sind allein nach Deutschland gekommen. Viele leiden unter der Trennung von der Familie. Hier dient unser Segensritual am Ende des Gottesdienstes dazu, den Menschen eine familiäre Umarmung zu geben“, erklärt mir Amin, der Stiefsohn des Pfarrers.
 

Authentische Konversion?

Der Weg der Asylsuche in Deutschland beginnt mit einem Asylantrag beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Laut Pfarrer Martens von der Dreieinigkeitskirche erhält die Mehrheit geflüchteter Personen einen Abschiebebescheid, da die Verfolgungsgefahr im Herkunftsland nicht anerkannt wird. Der nächste Schritt ist dann oft die Klage gegen diesen Bescheid. In den Jahren, die bis zur Gerichtsverhandlung vergehen, dürfen die Asylsuchenden einer Beschäftigung nachgehen. In vielen Fällen wird die Klage nach der Verhandlung vor einem Verwaltungsgericht allerdings abgewiesen, obwohl gerade für iranische und afghanische Christen eine Rückkehr lebensgefährlich sein kann.24 Die meisten konvertierten Geflüchteten bleiben in Deutschland, verlieren jedoch das Arbeitsrecht und hängen damit gleichsam „in der Luft“. Wenn Martens von der Ernsthaftigkeit der Konversion seiner Gemeindemitglieder überzeugt ist, unterstützt er sie vor Gericht, das die Beweggründe für den Übertritt oftmals mit den damit verbundenen Vorteilen (Bleiberecht) in Verbindung bringt. „Ob unsere Gemeindeglieder vor Gericht eine Chance haben, ist ein reines Glücksspiel und hängt von der persönlichen Einstellung des jeweiligen Richters ab. Nicht wenige legen Maßstäbe zur Beurteilung der Ernsthaftigkeit der Konversion von Geflüchteten an, die mit unseren eigenen kirchlichen Maßstäben nichts zu tun haben.“ Aus seiner Sicht trifft das BAMF Entscheidungen über die Glaubwürdigkeit der Konversion von Geflüchteten aufgrund politischer Weisungen von oben.25

Sowohl in der Dreieinigkeitsgemeinde als auch in der Berliner Stadtmission haben Geflüchtete aus dem Iran und aus Afghanistan ein neues geistliches und soziales Zuhause gefunden. Unterhält man sich mit den Menschen beider Gemeinden, spürt man bei vielen einen hingebungsvollen Glauben. Umso trauriger stimmt es, wenn dieselben Gläubigen bei der gerichtlichen Überprüfung ihrer Konversion mit Maßstäben konfrontiert werden, mit denen sich die Wahrhaftigkeit ihres Glaubens kaum erfassen lässt. Denn so reizvoll das westliche Leben für iranische und afghanische Menschen auch sein mag, viele hängen an ihrer Heimat und würden lieber heute als morgen wieder dorthin zurückkehren, wenn ihnen als Christen dort keine Verfolgung drohte und sie mit ihrer religiösen Einstellung frei leben könnten. In Deutschland aber stoßen ihre Bemühungen um Arbeit, um den Erwerb der deutschen Sprache und um ein neues Verständnis von Glaube und Christsein nicht selten auf Skepsis und Ablehnung.
 

Eine geistige und kulturelle Heimat für Menschen aus dem Iran und aus Afghanistan

Kommen Iraner und Afghanen nach Deutschland, haben sie oft eine traumatische Fluchtgeschichte hinter sich. Dass sie in einer christlichen Gemeinschaft Zuflucht und Geborgenheit finden und dabei die persische Kultur pflegen können, dafür sorgen Initiativen wie die von Sousan und Stefan Rostami sowie Gottfried Martens. Kümmert sich Stefan Rostami um seine Gemeindemitglieder wie ein guter Freund, stellt Martens für die Menschen in seiner Gemeinde eine Art Vaterfigur und unverrückbare Autorität dar und wird von ihnen sogar padar (pers., „Vater“) genannt. Während Rostami auf der Straße missioniert, um möglichst viele Landsleute zu gewinnen, ist Martens bei seinen Konvertiten auf eine fundierte biblische Unterweisung und ein lutherisches Bekenntnis bedacht. Da Sousan und Stefan im Iran sowohl Muslime als auch Christen waren, teilen sie mit ihrer Gemeinde eine gemeinsame Geschichte, auch die Geschichte der Flucht. Martens wiederum bietet seinen Gemeindemitgliedern neben geistlichem Rückhalt kompetente rechtliche Unterstützung und Arbeitsvermittlung, manchen Geflüchteten auch Kirchenasyl. Inzwischen ist er mit den Asylgesetzen gut vertraut und kann seine Gemeindemitglieder entsprechend vorbereiten und unterstützen. Gleichzeitig nimmt er ihre Traditionen mit auf und kommuniziert mit ihnen in ihrer Sprache. Dies ist ein gelungenes Beispiel für eine Integrationsarbeit, die das Fremde ins Eigene mit aufnimmt.
 

Eine Bereicherung für die deutsche Kultur

In mehreren Städten Deutschlands kam es in den letzten Jahren zu Gemeindegründungen iranischer und afghanischer Christen, wobei Hamburg mit etwa fünf persischen Gemeinden als eine Hochburg gilt.26 Dabei fällt auf, dass es meist konservative oder pfingstlich geprägte Gruppierungen sind, zu denen sich Iraner und Afghanen hingezogen fühlen. Das mag zum einen an der theologischen Ausrichtung liegen und zum anderen an der Art, mit der Christen aus diesen Gruppierungen auf Menschen zugehen. Nicht selten kommt es innerhalb dieser Freikirchen dann zu Gründungen eigenständiger afghanischer und iranischer Gruppen, ähnlich wie in den beschriebenen Berliner Gemeinden. Insofern die Verständigung über eigene Probleme und Anliegen sowie über die „letzten Fragen“ des Lebens am besten in der Muttersprache gelingt, ist diese Abgrenzung nachvollziehbar. Martens zufolge gibt es in seiner Gemeinde mittlerweile jedoch eine sehr herzliche Gemeinschaft zwischen deutschen Gemeindemitgliedern und den Geflüchteten – bis dahin, dass viele Deutsche das Vaterunser auf Farsi auswendig gelernt haben, so dass es auch im deutschsprachigen Gottesdienst in der Fremdsprache gebetet wird. Manche bitten sogar darum, dass im deutschsprachigen Gottesdienst farsisprachige Lieder gesungen werden. „Genau das ist es“, sagt Martens, „was meines Erachtens gerade unsere Gemeinde ausmacht, dass Einheimische und Geflüchtete so eng miteinander verbunden sind.“

Wäre es gesellschaftlich nicht eine Bereicherung, sich der Sprache und Tradition asylsuchender Menschen stärker zu öffnen und die als spezifisch orientalisch geltenden Prinzipien wie Gastfreundschaft, Spontanität und Großzügigkeit auch als die eigenen zu verstehen? Vielleicht würde es den Asylsuchenden und Zugewanderten nicht nur das „Sich-heimisch-Fühlen“ erleichtern, sondern insgesamt auch kulturelle Grenzen abbauen, damit sich das Fremde auf beiden Seiten langsam, aber stetig zum Eigenen entwickelt.
 

Adressen

Iranische Gemeinde Farzande Noor, Pfarrerehepaar Stefan und Sousan Rostami, Berliner Stadtmission, Herzbergstraße 84, 10365 Berlin.

Iranische Gemeinde Kolbe Aramesh, Pfarrer Dr. Gottfried Martens, Ev. Lutherische Dreieinigkeitsgemeinde, Südendstraße 19, 12169 Berlin.


Liane Wobbe, Berlin (September 2024)

 

Anmerkungen

  1. Nowruz wird als altiranisches Fest des Frühlingsanfangs vor allem in Iran, Afghanistan, Irak, Aserbaidschan, Pakistan, Turkmenistan, Kirgistan, Kasachstan, auf dem Balkan und von Anhängern des Zoroastrismus und der Bahai-Religion begangen.
  2. Über Drittstaaten eingereiste Flüchtlinge haben keinen Anspruch auf Abschiebeschutz, insofern die Zuständigkeit für deren Aufenthaltsstatus bei den Drittstaaten verbleibt.
  3. Name geändert.
  4. Am 9.2.2021 beschloss das Bundesverfassungsgericht ein Abschiebeverbot nach Afghanistan.
  5. Gespräch mit Dr. Gottfried Martens am 5. und 15.11.2023.
  6. Die Varianten der indogermanischen Sprache Persisch werden im Iran „Farsi“, in Afghanistan „Dari“ genannt.
  7. Erste vollständige Bibelübersetzungen in Farsi stammen von anglikanischen und presbyterianischen Missionaren.
  8. Abgeleitet von mitteliran. xvatay, „Herr, Meister, Herrscher“. In einer älteren iranischen Form, wie zum Beispiel in der Schrift des Avesta, als Beiname des höchsten Gottes der zoroastrischen Religion, Ahura Mazda, verwendet.
  9. Gespräch mit Martens am 21.9.2023.
  10. Vgl. „Dr. Gottfried Martens: Das Wunder von Steglitz“, Bibel TV, 2016, https://tinyurl.com/4kvry7y4 (letzter Abruf aller in diesem Beitrag genannten Internetquellen am 2.9.2024).
  11. Vgl. Ellen Ivits, „Reihenweise taufen. Wenn Flüchtlinge zu Christen werden. Wahrer Glaube oder Asyltrick?“, Stern, 26.2.2016, https://tinyurl.com/yc56ef77, sowie Reinhardt Bingener und Friedericke Böge, „Gehet hin und lehret alle Völker!“, FAZ, 24.5.2016, https://tinyurl.com/yrpumsw2.
  12. Gespräch mit Martens am 23.9.2023; vgl. hierzu auch Gottfried Martens, „The Preaching of the Lutheran Church as the Answer to Shia Islam. Experiences from Work with Christian Converts from Iran and Afghanistan“, Lutheran Theological Review 35 (2023), 13–20.
  13. Yalda, auch Shab-e Yaldā (Nacht der Geburt des Sonnengottes Mitra), wird am 22.12. nach der längsten Nacht des Jahres oder Nacht der Wintersonnenwende unter anderem in Afghanistan und im Iran begangen.
  14. Zur Geschichte der Armenier im Iran vgl. George A. Burnoutian, A Concise History of the Armenian People (Costa Mesa: Mazda Publishers, 2002), 349ff.
  15. Jama’at-e Rabbani wurde 1960 als Teil der amerikanischen Pfingstkirche Assemblies of God gegründet, erste Mitglieder waren Armenier und Assyrer. Besonders in iranischen Städten betrieben sie aktiv Mission.
  16. Vgl. Duane Alexander Miller, „Macht, Persönlichkeiten und Politik. Das Wachstum des iranischen Christentums seit 1979“, Missionsstudien 32,1 (2015), 66–68.
  17. Zur Geschichte der armenischen Gemeinde in Afghanistan siehe Mesrovb Jacob Seth, „Armenier in Kabul. Eine christliche Kolonie in Afghanistan“, in: Asian Educational Services (Hg.), Armenier in Indien, von den frühesten Zeiten bis heute. Eine Arbeit originärer Forschung (o.O.: Asian Educational Services, 1992), 207–224.
  18. Sie wurde der römisch-katholischen Kirche von König Ahmanullah zum Dank dafür gestattet, dass Italien als eines der ersten Länder die Unabhängigkeit Afghanistans anerkannt hatte.
  19. Liane Wobbe, „Afghanistan. Auf den Spuren religiöser Minderheiten“, kontinente 5/2022, 16f.
  20. Die im Matthäusevangelium beschriebenen „Magier aus dem Osten“ (Mt 2,1) werden gern als Vertreter der zoroastrischen Priesterkaste aus dem persischen Reich gedeutet.
  21. Kyros II. (559–530 v.Chr.) hat nach biblischer Überlieferung den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem angeordnet.
  22. Besuch des Gottesdienstes am 21.4.2024.
  23. Die „Global University“ gehört zur Pfingstkirche Assemblies of God. Sie bietet Fernstudien mit den Schwerpunkten Bibelkunde, Seelsorge und Missionsarbeit in pfingstlerischer Tradition an.
  24. Zur Problematik der Anerkennung christlicher Konversionen von iranischen und afghanischen Geflüchteten vgl. auch Manfred Götzke, „Konvertierte Christen haben schlechte Chancen auf Asyl“, Deutschlandfunk Kultur, 31.1.2019, https://tinyurl.com/5449544f, sowie Benjamin Lassiwe, „Migration. Auf dem Weg zum Christentum“, Herderkorrespondenz 2/2020, 9–10, https://tinyurl.com/mpufpbs.
  25. Vgl. Gottfried Martens, „Wenn der Staat seine Grenzen überschreitet. Von Glaubensprüfungen durch einen weltanschaulich neutralen Staat“, Confessio Augustana. Das lutherische Magazin für Religion, Gesellschaft und Kultur (2/2017), 27–38 und 120.
  26. Zu nennen sei hier vor allem die Kalissai Massih Altona und die iranische Pfingstgemeinde Alpha und Omega.