Michael Utsch

„Die Beratungs- und Informationsangebote zu Verschwörungserzählungen müssen besser vernetzt werden!“

Interview mit Svetla Koynova, Projektleiterin bei Violence Prevention Network gGmbH

Im Auftrag des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI) und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) setzt ein zivilgesellschaftlicher Trägerverbund seit März 2024 im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ ein Projekt zur Weiterentwicklung der Prävention von sowie Beratung zu Verschwörungsideologien im Zusammenhang mit extremistischen Einstellungen um. Der Trägerverbund, bestehend aus Violence Prevention Network gGmbH, der Amadeu Antonio Stiftung sowie modus|zad – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH, soll Instrumente und Ansätze entwickeln, um dem Beratungs- und Informationsbedarf zu Verschwörungsdenken und Verschwörungserzählungen gerecht zu werden. Die entsprechenden Angebote sollen nachhaltig vernetzt und bedarfs­ge⁠recht unterstützt werden. Michael Utsch hat im April 2024 die Projektleiterin bei Violence Prevention Network zu den Zielen des Projekts interviewt.

Utsch: An wen richtet sich das Angebot zur Vernetzung?

Koynova: Unsere Aufgabe besteht darin, die Angebote zivilgesellschaftlicher wie staatlicher Stellen zu erfassen, die bereits Erfahrungen mit Beratungen im Kontext von Verschwörungsängsten und Verschwörungserzählungen gesammelt haben. Wir nehmen aber auch die Stellen in den Blick, die Informationsangebote oder Präventionsansätze zu diesem Thema erarbeitet haben und allgemein über Expertise in diesem Bereich verfügen. Es geht also um die Erfassung der bestehenden Beratungs-, Informations- und Präventionsexpertise. Das Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben“ umgesetzt.

Das Thema ist nicht neu, aber es hat in den letzten Jahren beispielsweise durch die Terroranschläge in Halle und Hanau an gesellschaftlicher Brisanz und Dringlichkeit gewonnen. Dazu gibt es seit vielen Jahren Beratungsangebote, auch aus dem kirchlichen Bereich. Die Vielfalt der Angebote hat seit 2020 stark zugenommen, nicht nur im Feld von Information und Beratung, sondern auch in der Forschung.

Utsch: Sie unterscheiden in der Zielgruppe Ihres Angebots zwischen selbst in Verschwörungserzählungen verstrickten Personen und deren Angehörigen und Freunden. Warum ist die Unterscheidung zwischen primär und sekundär Betroffenen wichtig?

Koynova: Oft wenden sich die Angehörigen als Erste an eine Beratungsstelle, weil sie sich von der Situation überfordert fühlen, wenn eine nahestehende Person Verschwörungsglauben entwickelt. In der Regel geht das einher mit kaum nachvollziehbaren, irrational wirkenden und komplexen Gedankenkonstrukten, die oft zu einer sozialen Isolation des Einzelnen führen. Das führt meist zu einem generellen Misstrauen gegenüber Andersdenkenden und allen demokratischen Institutionen. So etwas im persönlichen Umfeld zu erleben, ist eine beängstigende Erfahrung, die stark verunsichert. Sekundär-Betroffene benötigen zunächst einmal Unterstützung, ihre eigenen Emotionen zu regulieren und Gesprächsstrategien zu entwickeln, um weiter in Kontakt zur nahestehenden Person zu bleiben und die Beziehung aufrecht zu erhalten. Wenn dieses Erstgespräch in der Beratung gelingt, ist es vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt möglich, mit der primär betroffenen Person zu sprechen.

Ein Ziel unseres Projektes ist es, eine Vernetzungsplattform zu entwickeln und zu bieten, auf der sich die Akteure in diesem Feld austauschen können, um ihre Erfahrungen und ihr Wissen zu teilen. Dabei geht es auch um eine Bestandsaufnahme eines Feldes, das mittlerweile sehr vielfältig, dabei aber auch etwas unübersichtlich ist. Die im Feld vorhandene Expertise soll gesammelt und Interessierten niederschwellig zugänglich gemacht werden. Ein weiteres Ziel des Projektes besteht darin, eine Verweisberatung, die an passende Beratungsangebote vermittelt, zu ermöglichen. Es geht um gegenseitige Unterstützung in einzelnen Fällen, die oft individuell sehr unterschiedlich geprägt sind und einen besonderen Zugang erforderlich machen.

Utsch: Bundesweit existiert ein gut aufgestelltes Feld an Familien-, Erziehungs- und Paarberatung, wo Menschen in Konflikten und psychosozialen Krisen Unterstützung erhalten können, die in der Regel von kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Trägern angeboten wird. Wo ist in diesem Kontext der Beratungsbedarf bei Verschwörungserzählungen einzuordnen?

Koynova: Das Ziel unseres Projekts besteht darin, die verschiedenen Organisationen, die bereits mit diesem Phänomen konfrontiert wurden und Betroffene beraten, miteinander zu vernetzen und Austauschmöglichkeiten zu bieten. Eine Verweisberatung, also die passgenaue Weiterleitung einer betroffenen Person, soll als eine neue Unterstützungsleistung für die bestehenden Organisationen entwickelt werden, aber auch eine zentrale Kontaktmöglichkeit für Ratsuchende bieten, welche dann an die jeweils passende Stelle weitervermittelt. Dieses neue Format funktioniert bereits in einigen Regionen; eine gute Vernetzung ist dafür eine wichtige Voraussetzung. Unser Projekt zielt auf eine möglichst breitflächige Erweiterung dieser Vernetzung. Dabei gehen wir partizipativ vor, in der Hoffnung, eine nachhaltige Verweisberatungsstruktur zu erstellen, die Betroffene auch zukünftig unterstützen kann. Das Projekt der Bestandsaufnahme, Vernetzung und Verweisberatung läuft bis Ende 2025. Einfließen sollen auch die aktuellen Forschungsergebnisse aus diesem Feld. Dabei interessiert vor allem die Bedarfsanalyse, die den Beratungsstellen langfristig eine Stärkung ihrer Arbeit ermöglicht. Wir wollen herausfinden, welche Qualitätsstandards bereits existieren und welche Formen der Kooperation die Beratungs- und Präventionsarbeit verbessern würden. Dabei geht es insgesamt um mehr Handlungssicherheit und zusätzlich auch um die rechtliche Absicherung der Arbeit.

Utsch: Der Staat hat in den vergangenen Jahren schon viele Projekte gefördert, um religiöser Radikalisierung vorzubeugen und von religiösem Extremismus Betroffene zu unterstützen. Der Fokus lag dabei vor allem auf islamistischer Radikalisierung. Warum erfolgt jetzt eine Spezialisierung auf das Verschwörungsdenken? Kann man das von religiöser Radikalisierung abgrenzen und unterscheiden? Wie definieren Sie Verschwörungsdenken?

Koynova: Der Staat hat nicht nur viele Erfahrungen im Bereich von religiös begründetem Extremismus und religiöser Radikalisierung gesammelt, sondern auch im politischen Randbereich wie dem Rechtsextremismus und der Förderung diesbezüglicher Distanzierungsangebote. Durch die Covid-Krise hat das Verschwörungsdenken eine Konzentration erfahren, die ein politisches Handeln erforderlich machte. Um dem Beratungsbedarf in der Bevölkerung nachzukommen, haben sich aus eigenem Antrieb viele Initiativen gegründet. Ad hoc wurden Angebote zum Gespräch, zur Information und zur Orientierung erstellt, um den zahlreichen Netzwerken im Bereich Verschwörungsdenken Paroli bieten und Betroffenen helfen zu können. Jetzt geht es darum, die bestehenden Erfahrungen mit Distanzierungs- und Deradikalisierungsansätzen und hilfreichen Ressourcen zu erfassen, zu vernetzen, öffentlich verfügbar und noch besser auffindbar zu machen. An unserem Projekt können sich alle professionellen Akteure beteiligen, die in diesem Bereich Erfahrungen und Expertise gesammelt haben und sich dafür zuständig fühlen, Hilfesuchende in diesem Bereich zu unterstützen.

Utsch: Stimmt es, dass die Forschung primär an der Versorgungsstruktur und den bestehenden Hilfsangeboten interessiert ist und nicht so sehr an der Betroffenenperspektive?

Koynova: Ein wichtiges Ziel dieses Projekts ist die Etablierung der Verweisberatungsstelle. Dort haben die Betroffenen idealerweise die Möglichkeit, für den Fall passende Informationen, Orientierung und weitere Unterstützung zu erhalten. Betroffene sind damit eine wichtige Zielgruppe. Es soll eine Homepage entwickelt werden, über die sich Betroffene informieren können und die zu ihrem Einzelfall passende Beratungsform sowie den jeweiligen weltanschaulichen Beratungskontext auswählen können. Auf dieser Homepage sollen auch die bereits bestehenden Ressourcen in diesem Feld öffentlich zugänglich gemacht werden. Regional gibt es bereits eine Vielzahl von Beratungs- und Informationsansätzen, die jetzt gesammelt und vernetzt werden.

Utsch: Nach welchen Kriterien wird in diesem Projekt ein Denken als Verschwörungsdenken klassifiziert? Mit welcher weltanschaulichen Bewertungsfolie wird konkret gearbeitet?

Koynova: Verschwörungsdenken ist der subjektive Versuch, sich die oft so widersprüchliche Wirklichkeit erklärbar zu machen. Unter bestimmten Voraussetzungen wird dadurch das Selbstwirksamkeitsgefühl gestärkt. Es bedarf viel Erfahrung in der psychosozialen Beratung, um Menschen abzuholen, die im Verschwörungsdenken verstrickt sind. Dazu gehört auch eine besondere Sensibilität, an welchen Stellen demokratiefeindliche Tendenzen vorhanden sind. Es erfordert viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl, das Misstrauen gegenüber Organisationen und Personen zu überwinden, um gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten einen Ausweg aus der Sackgasse des Verschwörungsdenkens zu finden.

Utsch: Wie kann das gelingen?

Koynova: Es existieren bereits Qualitätsstandards für diese Beratungsangebote. Trotzdem muss jeder Einzelfall ein Clearing durchlaufen. Es wird sehr interessant sein, in diesem Projekt die verschiedenen Akteure im Feld miteinander ins Gespräch zu bringen. Vermutlich werden Unterschiede in den Qualitätsstandards und das bestmögliche psychosoziale Unterstützungsangebot zum Vorschein treten. Hier in einen Clearingprozess einzutreten, um partizipativ herauszufinden, wie die Unterstützung in jedem Einzelfall optimalerweise aussehen könnte, wäre ein großer Fortschritt!

Utsch: Kirchliche Beratungsstellen befassen sich schon seit vielen Jahrzehnten mit konfliktträchtigen Gruppen und extremistischem Denken. Wo bestehen mit diesen Stellen Möglichkeiten der Zusammenarbeit?

Koynova: Die Beratungs- und Informationsangebote zu Verschwörungserzählungen müssen besser vernetzt werden! Im Projekt geht es primär darum, die bestehende Expertise zu vernetzen, zu stärken und besser sichtbar zu machen, nicht darum, sie zu ersetzen. Alle in diesem Feld Tätigen sind eingeladen, an diesem Prozess teilzunehmen und ihre Erfahrungen einzubringen. Dazu soll es Vernetzungstreffen und Austauschmöglichkeiten geben, um die Beratungsleistung für Betroffene in diesem Feld kontinuierlich zu stärken. Im Zentrum des Projekts steht die Vernetzung. Dabei darf die langjährige Expertise der kirchlichen Beratungsstellen nicht fehlen, um den Fachaustausch zu intensivieren.

Utsch: Worin liegen die besonderen Schwierigkeiten und Herausforderungen des Projekts und was ist Ihre Wunschvorstellung?

Koynova: Das Projekt ist voraussetzungsvoll, weil sehr unterschiedliche Organisationen und Akteure miteinander ins Gespräch und in die Kooperation gebracht werden sollen. Unsere Plattform will einen qualitativen Mehrwert bieten und nicht einfach nur mit mehr Arbeit und einem Zusatztermin verbunden sein. Durch den Fachaustausch soll die Handlungssicherheit in diesem komplexen und schwammigen Beratungsfeld erhöht werden. Unser Ziel ist es, eine nachhaltige Verweisberatungsstruktur aufzubauen, die den aktuellen Bedarfen entspricht, Beratung stärkt und sich auch in zukünftigen Krisen bewährt.

Mein Wunsch für die 22-monatige Projektlaufzeit ist es, dass die unterschiedlichen Expertinnen und Experten dieses Feldes sich besser vernetzen und im besten Fall mehr voneinander wissen und profitieren. Darüber hinaus wäre es schön, wenn Menschen, die Unterstützung suchen, sich durch unser Angebot gut informiert fühlen und sich bei Bedarf an die Verweisberatungsstelle oder eine der zahlreichen vorhandenen Beratungsangebote wenden. Wenn die Vielfalt und die Spezifik der Beratungsangebote transparenter wird, kann durch die Verweisberatung dem Einzelnen passgenauer geholfen werden.


Michael Utsch, Berlin (September 2024)