Die Bedeutung der (sozialen) Medien für die Esoterik
Ein Schlaglicht auf einen Beitrag zur EZW-Jahrestagung 2025
In ihrem Vortrag auf der Jahrestagung der EZW, die unter der Überschrift „Religion & Social Media. Emanzipation und Radikalisierung im Netz“ stattfand, nahm Judith Bodendörfer, die neue Referentin für „Esoterik und Verschwörungserzählungen“, die besondere Beziehung zwischen Esoterik und sozialen Medien in den Blick. Ihren Fokus legte sie dabei jedoch nicht auf aktuelle Diskurse rund um einschlägige Influencer wie Laura Malina Seiler oder TikTok-Trends wie #witchtok. Sie ging vielmehr zurück in das angelsächsische 19. Jahrhundert und setzte in einer ideengeschichtlichen Perspektive bei frühen Entwicklungen der Esoterik und der Massenmedien an. Die zentrale These ihres Vortrags: Die moderne Esoterik hat sich zusammen mit den Massenmedien entwickelt und lässt sich damit zugespitzt als Religion der Massenmedien bezeichnen.
Ihren Ausgangspunkt nahm Bodendörfer bei Friedrich Max Müller als „Vater der Religionswissenschaft“ und Kritiker der Theosophischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert. Die von Madame Blavatsky gegründete Gesellschaft steht exemplarisch für eine Synthese von Religion, Philosophie und Wissenschaft, die einen spirituellen Erfahrungsraum jenseits der Naturgesetze zu eröffnen suchte. In den sich parallel ausbildenden Massenmedien erwies sich zudem die Rolle des Spiritismus als zentral: Bodendörfer illustrierte dies am Beispiel von Arthur Conan Doyle, dem Erfinder von Sherlock Holmes – einer Figur, die mitsamt der von ihr (bzw. von Doyle) geschaffenen Realität bis in die Gegenwart hinein eine beachtliche Wirkungsgeschichte entfaltet hat.
Was sich nach Bodendörfer in den sozialen Medien besonders prägnant abbildet, ist die für die Esoterik typische Priorisierung der eigenen subjektiven Erfahrungswelt, die sich bis zu einem exklusivistischen Absolutheitsanspruch steigern kann. Möglich ist dies, weil die sozialen Medien die unmittelbare und massenhafte Verbreitung von Ideen einzelner Akteure im Internet erlauben. Diese Verbreitungsform hat somit das Potential zur Emanzipation, aber auch zur Radikalisierung esoterischer Weltbilder. Besonders relevant ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass Sprache Realität schafft: Ob in der Form von Mythen oder in den Erzählungen in sozialen Medien – in ihren vielfältigen Gestalten, die tiefste Emotionen von Hass und Liebe zum Ausdruck bringen, vermag die Sprache wirtschaftliche und politische Entwicklungen weltweit nachhaltig zu beeinflussen. Im Bereich der Religion lässt sich die durch Sprache geschaffene Realität vor allem im „Strudel der alternativen Fakten, Verschwörungstheorien und Prediger:innen jedweder Couleur“ erkennen. Logik und Naturgesetze verlieren gegenüber den (häufig) emotional aufgeladenen persönlichen Positionen Einzelner an Geltung.
Diese Dynamiken werfen die Frage nach der Handlungsfähigkeit und den Handlungsoptionen von Kirche und Gesellschaft auf. So wenig es hier eine einfache oder eindeutige Antwort geben kann, so notwendig bleibt zugleich das grundsätzliche Plädoyer für eine bessere Aufklärung und Bildung zu Funktionsweisen und zum möglichen Missbrauch von Medien. Das Ziel aller Handlungsansätze und der wesentliche Beitrag etwa auch der Kirche(n) sollte darin liegen, Gesprächs- und Wirklichkeitsräume zu schaffen (insbesondere physisch bzw. analog), in denen sich Menschen gleichberechtigt und auf Augenhöhe begegnen, Erfahrungen teilen und sich empathisch miteinander verbinden können.
Martina Wildfeuer (Nürnberg), Juli 2025