Der „Holy“-Lifestyle in Zürich
Impressionen von der ICF Ladies Lounge, 1.–2.11.2024
„Holy“ war das diesjährige Motto der 18. International Christian Fellowship (ICF) Ladies Lounge in Zürich. Etwa 1.800 Frauen versammelten sich anlässlich dieses Events im Veranstaltungskomplex „The Hall“, der vom ICF Zürich regelmäßig für seine Treffen angemietet wird. Zusätzlich gab es an zahlreichen weiteren ICF-Standorten Übertragungsevents sowie die Möglichkeit, die Konferenz per Livestream mitzuverfolgen.
Bunt und kreativ
Das Publikum in Zürich, hauptsächlich aus der Schweiz und Deutschland, zeigte eine bunt gemischte Altersstruktur – von Teenagern bis zu Seniorinnen war überraschenderweise jede Altersgruppe vertreten. Trotz der jugendlichen Ausrichtung des Events, der relativ lauten Musik und der viel genutzten Anglizismen schien die Veranstaltung auch eine Anziehungskraft auf jene zu haben, die man sonst eher in traditionelleren Formaten vermuten würde.
Tickets für die Teilnahme an der Konferenz kosteten 125 €, Jugendliche bis 19 Jahre erhielten freien Zugang. Den Teilnehmerinnen wurde die eigens entwickelte ICF Ladies Lounge App zur Verfügung gestellt, die eine nutzerfreundliche Programmübersicht und verschiedene weitere Funktionen wie zum Beispiel eine digitale „Prayer Wall“ bot. Hier hatte man die Möglichkeit, sein individuelles Gebetsanliegen zu veröffentlichen, woraufhin andere Teilnehmerinnen mit einem Prayer Button (ähnlich wie der Like-Button in sozialen Medien) anzeigen konnten, dass sie für das Anliegen gebetet haben.
Die Stimmung war von Beginn an ausgelassen und das Miteinander ausgesprochen herzlich. Auch wenn die meisten Frauen in Gruppen anreisten, blieben Anwesende ohne Begleitung selten allein und wurden schnell und ungezwungen in wohlwollende Unterhaltungen eingebunden.
Zur theologischen Ausrichtung und zu Geschlechterbildern
Die Räumlichkeiten waren aufwendig und liebevoll dekoriert, zahlreiche Ehrenamtliche sorgten für einen reibungslosen und professionellen Ablauf. Man spürte sofort, dass die hier anwesenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Organisation von Großevents auf höchstem Niveau geschult sind. Bei aktuell vier ICF-Gottesdiensten jeden Sonntag mit regelmäßigen Teilnehmerzahlen von bis zu 1.000 Personen verwundert dies kaum.
Der Bücherverkauf, welcher direkt am Eingang der Veranstaltungshalle stattfand, gab einen kleinen Einblick in die theologischen Einflüsse und Themen, die das ICF-Movement prägen. Im Mittelpunkt stand ohne Zweifel das passend zur Ladies Lounge erschienene Buch Geistlich wachsen extrem! von Susanna Bigger, der ICF-Senior-Pastorin und Gastgeberin der Konferenz. Neben diesem Buch standen etwa zu je einem Drittel ICF-interne Literatur, hauptsächlich von den beiden Gründern Susanna und Leo Bigger, klassische evangelikale Erbauungsliteratur sowie Veröffentlichungen zu gesellschaftlichen und politischen Themen zum Verkauf, darunter auch Schriften des rechtspopulistischen Autors Peter Hahne oder des Kreationisten Reinhard Junker (Wort und Wissen).
Die Konferenz war unterteilt in fünf verschiedene gottesdienstähnliche Vortragseinheiten, sogenannte „Sessions“. In den zahlreichen Pausen konnten sich die Besucherinnen an diversen Essens- und Getränkeverkäufen um ihr leibliches Wohl kümmern oder sich die Zeit mit verschiedenen Angeboten vertreiben, etwa bei einem Second-Hand-Verkauf von Kleidung und Accessoires, in einer „Creative Corner“ zum Basteln von Manifestationskarten, Spiegeln und Kaleidoskopen, bei einer Schminkstation, an der sich die Besucherinnen einen „Holy Make-Up-Look“ kreieren konnten, bei einem „Selfie Spot“ oder in einer „Chillout-Lounge“.
Eine nahezu perfekte Inszenierung und fragwürdige Verkaufsstrategien
Der Beginn der Konferenz am Freitag stimmte eindrucksvoll auf das Event ein. In der nahezu ausgebuchten und stockdunklen Halle verhüllte ein weißer, hell beleuchteter Vorhang die Bühne. Der zunächst hinter diesem Vorhang verborgene Chor begann mit dem Worship-Klassiker „Agnus Dei“ von Michael W. Smith – ein Stück, das zum immer wiederkehrenden Chorus der gesamten Konferenz werden sollte. Zum Ende der ersten Zeilen fiel der Vorhang und der komplett in Weiß gekleidete Chor trat hervor. Wie in fast jeder der folgenden Sessions wurde die Menge in einer Worship-Einheit, die einem Pop-Konzert ähnelte, zum Gebet animiert. Eine ganz in Schwarz gekleidete Theatergruppe versinnbildlichte anschließend die Schwierigkeiten eines „heiligen Lebensstils“, indem sie die Diskrepanz eines menschlichen Lebens mit allen Höhen und Tiefen zu einer bestimmten Vorstellung von der Heiligkeit Gottes herausstellte. Nach einem weiteren Worship-Song trat unter tosendem Applaus die Gastgeberin Susanne Bigger in einem pinkfarbenen Abendkleid als erste Sprecherin auf die Bühne. Sie unterhielt das Publikum zunächst mit lockeren Anekdoten zum Kauf ihres Kleides und stieß damit bei der überwiegenden Mehrheit der Frauen auf positive Resonanz. Es folgte eine mit verschiedenen Bibelversen untermauerte Motivationsrede, deren Quintessenz folgendermaßen lautete: Entweder man lässt sich von den eigenen Lebensumständen bestimmen oder von der individuellen Vision, die jeder von Jesus erhält und die es ermöglicht, ein erfüllteres und erfolgreicheres Leben zu führen. Auf die Frage, wie man zu einer solchen göttlichen Vision gelange, empfahl Bigger ein einfaches Rezept: ihr Buch, das bei richtiger Anwendung eine neue Person aus der Leserin mache und während der Konferenz ausschließlich im Doppelpack (für 30 CHF statt 24 CHF im Einzelpreis) zum Verkauf stand. Ein fragwürdiges Angebot.
Maximale Emotionen und Aufruf zur Bekehrung
Der Samstagmorgen begann mit der zweiten Session und wurde mit einer kurzen, musikalisch untermalten Schriftlesung eingeleitet. Im Anschluss trat abermals Bigger auf die Bühne und kündigte die individuelle „Zerbrochenheit“ als das zentrale Thema des Vormittags an. Die Stimmung in der Halle wurde durch die tragische Geschichte der 18-jährigen christlichen Radsportlerin Muriel Furrer, die im September 2024 tödlich verunglückte, weiter emotionalisiert und dramatisiert. Die folgende Worship-Einheit bot die Möglichkeit, an einer Abendmahlsfeier teilzunehmen. Dafür standen in der ganzen Halle Tische mit Brotkörben und Traubensaftbechern bereit, an denen man sich bedienen konnte. Eine liturgische Einbettung des Abendmahls fand nicht statt. Nach einem kurzen Theaterstück folgte die Predigt durch den Frankfurter ICF-Pastor Björn Schäfer und seine 15-jährige Tochter Eowyn. Die beiden wechselten sich in ihrer Botschaft immer wieder ab, wobei Schäfer den inhaltlichen Teil übernahm und seine Tochter, sichtlich nervös und im Vergleich zu den anderen Bühnendarstellern eher unerfahren, die Ausführungen ihres Vaters durch persönliche Erzählungen ergänzte. Dabei gingen sie beide der Frage nach, wie man „in der heiligen Gegenwart Gottes wohnen“ könne. Schäfer nannte dafür drei Wege, die je eigenständig und zugleich nicht voneinander zu trennen seien: Der erste Weg in die Heiligkeit Gottes führe über die Anerkennung des Sühnetods Jesu Christi. Dieser Feststellung folgte ein wiederum durch Eowyn vorgetragener Bekehrungsaufruf mit anschließendem Übergabegebet. Der zweite Weg sei das Wort Gottes selbst, das durch Manifestation auch ganz konkret zur Veränderung der Lebensumstände beitrage. Der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes sei Ausdruck der Hingabe, wobei Schäfer keine Zweifel ließ, dass er damit eine konservative Morallehre im Sinn hatte. Der dritte Weg bestehe in der Gottesfurcht, die Schäfer als Angst vor der Trennung von Gott deutete und somit als eine Angst, die einen immer näher zu Gott bringe. Den Abschluss der Session bildete eine erneute musikalische Gebetseinheit.
Die ambivalente Rolle der Frau
Für die dritte Session hatten die Teilnehmerinnen die Wahl zwischen drei verschiedenen Podiumsgesprächen zu den Themen „Sexualität – leidenschaftlich lieben!“, „Heilig, stark und echt – authentisch leiten als Frau“ und „Sabbat – Der Schlüssel zu innerer Ruhe“. Die Autorin besuchte die von Bigger und zwei weiteren Frauen des ICF Zürich geleitete Einheit über weibliche Führung. Sie berichteten anhand verschiedener Lebenserfahrungen, welche Unterschiede sie in der Leiterschaft von Männern und Frauen wahrnehmen und wie man diesen als Frau begegnen kann. Frauen in Leitungsfunktionen scheinen im ICF-Movement kein theologisches Problem darzustellen; zugleich aber wurde deutlich, dass alle drei Frauen ein eher traditionelles Rollenverständnis vertraten.
In der anschließenden vierten Session wurde zu Beginn das sozial-missionarische Spendenprojekt des ICF Zürich vorgestellt, für das auch die Kollekte der Ladies Lounge bestimmt war. Es handelte sich dabei um ein Kinderhilfswerk in der albanischen Hauptstadt Tirana, das sich der Hilfe für und Förderung von behinderten Kindern und deren Familien verschrieben hat. Bigger, die die Leiterin des Hilfswerks kurz interviewte, animierte zur Freigiebigkeit, indem sie großzügigen Spenderinnen auch großen Segen für das eigene Leben verhieß.
Die inhaltliche Gestaltung der Session übernahm Cindy Thomas, eine US-amerikanische Pastorin mit puerto-ricanischen Wurzeln aus der Free Life Chapel in Lakeland, Florida. Sie vertrat die Meinung, dass Gott einem jeden die Entscheidung überlasse, ein Leben mit oder ohne ihn zu leben. Gott erlaube den Menschen aber nicht die Entscheidung über gender und race,1 eine Aussage, die vom Publikum mit viel Applaus aufgenommen wurde. Für Frauen würden daraus drei elementare, göttlich legitimierte Aufgaben entstehen. Sie seien zur Ermutigung geschaffen, des Weiteren als ein Gegenüber des Mannes im praktischen Alltag sowie im „geistlichen Kampf“, schließlich aber auch zum „Produzieren“, womit Thomas sich sowohl auf das Gebären von Kindern als auch auf die Herstellung einer positiven Atmosphäre bezog.
Die fünfte und letzte Session startete wieder mit einem Werbeblock. Dieses Mal stand jedoch nicht das Buch von Bigger im Mittelpunkt, sondern die Ladies Lounge im nächsten Jahr. Auch diese wurde mit Heilsversprechen angekündigt, verbunden mit dem Aufruf zur schnellen Anmeldung – schließlich sei ein Sonderpreis nur für die kommenden zwei Tagen nach der aktuellen Ladies Lounge verfügbar. Rednerin war Josephine Bigger, die Schwiegertochter der Gastgeberin. Sie betonte in ihrer Predigt, es gehe im Christsein nicht nur um die persönliche Errettung, sondern vor allem darum, das Evangelium in die Welt hinauszutragen.
Das Ende und gleichzeitig den Höhepunkt der Konferenz stellten fünfzehn Taufen dar. Sie wurden in einem Taufbecken vollzogen, das eigens für dieses Event neben der Bühne aufgebaut worden war. Jeder Täufling brachte eine eigens gewählte Taufzeugin mit, die dann selbst die Taufe durchführte. Auch hier zeigte sich nochmals, dass Frauen theologische Ämter innerhalb des ICF-Movements durchaus zugetraut werden. Der Reihe nach wurden die Täuflinge gefragt, ob sie ihr zukünftiges Leben mit Jesus verbringen möchten, und unmittelbar nach ihrer zustimmenden Antwort untergetaucht. Begleitet wurde dieses Event durch Worship-Musik und mit tosendem Applaus des Publikums, wenn eine Taufe vollzogen war.
Kritische Einordnung
Die ICF Ladies Lounge war ein hochprofessionelles und bestens inszeniertes Event, das viele Frauen unterschiedlichen Alters zu begeistern vermochte. Die sichtliche Ergriffenheit vieler Frauen ließ keinen Zweifel daran, dass sie aus dieser Veranstaltung neue Kraft und Ermutigung für ihren Glauben schöpften.
Theologisch gibt das Event aber an verschiedenen Stellen Anlass zur Kritik. Susanna Biggers Bewerbung ihres Buches und der nächsten Ladies Lounge irritierten ebenso wie ihr Spendenaufruf für die Hilfsorganisation in Tirana, und zwar nicht zuletzt deshalb, weil sie allesamt mit verschiedenen Heilsversprechen (Stärkung im Glauben, Transformation der eigenen Person, Segen etc.) verknüpft wurden. Es ist davon auszugehen, dass es also nicht nur rationale Gründe waren, welche die Frauen zum Kauf der Produkte und zum Spenden animierten, sondern ebenso die maximale Emotionalisierung der Veranstaltung selbst.
Auch im Hinblick auf das transportierte Frauenbild ist Kritik am Platz. Trotz der innovativen Gestaltung der Veranstaltung wurde an vielen Stellen deutlich, dass die Sicht auf Frauen durch traditionelle, teils theologisch legitimierte Geschlechterklischees geprägt war. Die Überbetonung des Erscheinungsbildes sowohl des weiblichen Körpers als auch der Veranstaltung selbst, die häufige Verwendung der Farben Rosa und Pink, die starke Fokussierung auf die sanftmütigen und mütterlichen Charaktereigenschaften von Frauen etc. liefen mit einem Idealbild der christlichen Frau zusammen, das sich dezidiert an traditionellen Geschlechterrollen und Familienstrukturen orientiert. Dass sich dieser Frauentypus bei den Besucherinnen großer Zustimmung erfreut, mag aus einer feministischen Perspektive irritieren, gehört aber selbstverständlich zur Freiheit der individuellen Lebensgestaltung und liegt somit in der Verantwortung jeder Einzelnen. Problematisch ist die religiöse Aufladung und, damit verbunden, die auf Gott rekurrierende Legitimation bestimmter geschlechtsspezifischer Rollenbilder und Stereotypen. Für die Initiatorinnen der Konferenz unterliegen diese nicht mehr der individuellen Präferenz, sondern werden als göttlich inspiriertes Ideal verstanden, dessen Befolgung mit zahlreichen Heilsversprechen verbunden wird. Auf die mit traditionellen Geschlechterrollen verbundenen Gefahren wie finanzielle und emotionale Abhängigkeit, Missbrauch oder eine rigide Sexualmoral wurde an keiner Stelle hingewiesen. Der Konformitätsdruck kann sich für Frauen, die diesem einseitigen Verständnis von Theologie und Weiblichkeit nicht folgen wollen oder können, durchaus negativ auf die persönliche Entfaltung, das soziale Umfeld oder ihren Glauben auswirken.
Katharina Portmann (Berlin), November 2024
Anmerkungen
- Hierbei handelt es sich im Englischen um feststehende Begrifflichkeiten, deren wörtliche Übersetzung nicht möglich ist: Der Begriff gender geht über das biologische Geschlecht hinaus und fokussiert auf die damit verbundenen sozialen Auswirkungen, der Begriff race bezieht sich auf die sozialen Auswirkungen von Hautfarbe und Herkunft.