Jens Schnabel

Das Menschenbild der Esoterik

Jens Schnabel, Das Menschenbild der Esoterik, Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2007, 496 Seiten, 39,90 Euro


In der religiösen Gegenwartskultur stellt die Verbreitung esoterischer Auffassungen und Praktiken einen weithin unterschätzten Faktor dar. Religiöse Aufklärung wie auch eine weltanschauliche Kontextanalyse christlicher Verkündigung scheinen dringend geboten. Der Verfasser will mit seiner systematisch-theologischen Analyse zur Klärung beitragen und konzentriert sich dabei auf das Menschenbild der Esoterik. Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Studie, die von der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität der Bundeswehr in München im Sommer 2006 als Dissertation (Betreuer: Gottfried Küenzlen) angenommen wurde. Der genaue Titel lautet: „Das Menschenbild der Esoterik. Eine Analyse entscheidender anthropologischer Grundannahmen gegenwärtiger esoterischer Orientierungsangebote und deren theologisch-systematische Interpretation“.

Jens Schnabel möchte sich in seinem Ansatz von apologetisch-theologisch orientierten Monografien (z. B. von Hans-Jürgen Ruppert, Werner Thiede, Bernhard Grom) absetzen, indem er Darstellung und Analyse bzw. Kritik voneinander abheben möchte (15). Gleichwohl profitiert er an vielen Stellen von diesen wissenschaftlichen Beiträgen. Seine Studie konzentriert sich auf das esoterische Menschenbild, weil darin – so seine Auffassung – alle weiteren Grundüberzeugungen dieser weltanschaulichen Richtung kulminieren würden. Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel. Nach einer Hinführung zum Thema wird eine Klärung und Abgrenzung esoterischer Grundbegriffe vorgenommen (19-76). In Form einer Außenperspektive präsentiert Schnabel verschiedene Einschätzungen von theologischen Beobachtern der modernen Esoterik. Zusammenfassend konstatiert er: „Esoterik ist ein Wissen, das teilweise geheim ist bzw. geheim war, das auf besonderen Erkenntnissen jenseits von Naturwissenschaft, Philosophie und Religion basiert, das den einzelnen zu einer Wende in sich selbst anleitet und das beansprucht, von jedem einzelnen durch subjektive Erfahrungen entdeckt und verifiziert werden zu können. Zentrale Inhalte dieses esoterischen Wissens sind ein spiritualistischer Monismus, das Denken in Analogien, das Postulat eines umfassenden Entwicklungsprozesses sowie kosmischer Gesetze, die dem gesamten Weltgeschehen zugrunde liegen“ (31).

Das dritte Kapitel wendet sich den anthropologischen Grundannahmen gegenwärtiger Esoterik zu (77-300). In seiner Quellenauswahl stützt sich Schnabel auf Hauptvertreter moderner Esoterik wie Thorwald Dethlefsen, Hans-Dieter Leuenberger, Helena P. Blavatsky, George Trevelyan, Benjamin Creme, Rüdiger Dahlke u. a. Neben kurzen biografischen Angaben zu diesen Personen finden sich in diesem Abschnitt umsichtige und differenzierte Analysen zum esoterischen Menschenbild. Abschließend werden die Ergebnisse in zwölf Thesen zusammengefasst (296ff). Dabei werden u. a. folgende Stichworte genannt: Subjektivismus, spiritualistischer Monismus, zyklischer Denkansatz, Denken in Analogien, dualistisches Menschenbild, pädagogischer Evolutionismus. Im vierten Kapitel nimmt der Verfasser eine „Theologisch-Systematische Reflexion des dargestellten esoterischen Menschenbildes“ vor (301-410). Darin eruiert er die geistesgeschichtlichen Hintergründe, indem er Themen und Motivkomplexe im Blick auf den spiritualistischen Monismus, Polarität und zyklisches Denken herausarbeitet und auf inhaltliche Parallelen zu platonischen bzw. neuplatonischen Auffassungen hinweist. Zu den esoterischen Deutungen setzt er das christliche Wirklichkeitsverständnis kritisch in Beziehung. So konstatiert er, dass der Esoterik eine ethische Grundlegung letztlich fehle. Im Exkurs zum Verhältnis zwischen Esoterik und Rechtsextremismus kommt er zu dem Ergebnis: „Esoterik ist zwar nicht rechtsextremistisch, aber esoterisches Gedankengut ist hervorragend geeignet rechtsextremes Handeln zu legitimieren“ (408). Warum Schnabel die zweifelsohne umstrittenen braun-esoterischen Autoren Jan Udo Holey alias Jan van Helsing und Tom Hockemeyer alias Trutz Hardo zu den gegenwärtigen „Ariosophen“ zählt (407, Anm. 468), bleibt unbegründet und wirkt an dieser Stelle nicht durchdacht.

Das fünfte Kapitel benennt „Gründe für Genese und Konjunktur des dargestellten esoterischen Menschenbildes“ (411-450). So erblickt Schnabel im Anschluss an Küenzlen im esoterischen Menschenbild letztlich eine „Fortsetzung der säkularen Religionsgeschichte der Moderne“. Er nennt weitere gesamtgesellschaftliche Ursachen für die Attraktivität esoterischer Überzeugungen und weist ausdrücklich auf die Defizite der christlichen Kirchen hin (442ff). Vor diesem Hintergrund benennt er – eher in Form eines Ausblicks – im abschließenden sechsten Kapitel (450-468) die Herausforderungen, die sich für das Christentum ergeben. Der Verfasser wählt einen Weg zwischen „Vereinnahmung“ und „Verteufelung“. Schnabel betrachtet die moderne Esoterik als westliches Phänomen, das auf dem Boden einer christlich geprägten Gesellschaft entstanden ist. Er benennt klar die Unterschiede und identifiziert bei Christentum und Esoterik letztlich „zwei gänzlich verschiedene Daseinsorientierungen“. So plädiert er für eine intensive Wahrnehmung des Phänomens und rät den Kirchen zu folgenden Reaktionen: Wahrnehmen, Differenzieren, Verstehen, Würdigen und Reagieren, wobei sich Letzteres durch Dialog, Bildung, Wiederentdeckung und Umsetzung der eigenen Tradition vollziehen müsse. Gerade hier muss sich auch der Verfasser kritische Rückfragen gefallen lassen, insbesondere wenn er empfiehlt, die christlichen Kirchen könnten vom „Positiven Denken“ in der Esoterik lernen (464). Ist dies wirklich wünschenswert? Besteht nicht die Gefahr, die Richtung des „Positiven Denkens“ christlich überformen zu wollen, ohne die darin zum Teil problematischen weltanschaulichen Implikationen zur Kenntnis zu nehmen?

Schnabels Buch bietet viel Material und interessante Analysen zu einem Menschenbild, das auch vor den Kirchentüren nicht Halt macht. Durch Grafiken und Tabellen gewinnt die Präsentation des Stoffes erheblich. Dafür sorgen nicht zuletzt auch die sorgfältigen Zusammenfassungen am Ende der einzelnen Kapitel. Es bleiben aber Desiderate und kleinere Mängel: Gängige esoterische Themen wie Engelesoterik, Channeling oder Indigo-Kinder tauchen nicht auf; ebenso vermisst man neuere esoterische „Lehrbücher“ (Walsch, Ein Kurs in Wundern), die für die Vermittlung des esoterischen Welt- und Menschenbildes eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürften. Auch wäre eine kurze Auseinandersetzung mit Entwürfen für eine „christliche Esoterik“ (Wehr) oder mit einer „Pastoralesoterik“, wie sie m. E. der evangelische Pfarrer Jürgen Fliege vertritt, hilfreich gewesen. Es ist bedauerlich, dass das Buch kein Register aufweist. Das umfangreiche Literaturverzeichnis ist nicht auf dem neuesten Stand (2005).

Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Erscheinungsformen der modernen Esoterik leistet das Buch einen wichtigen Beitrag. Die Diskussion über die Frage, was die christlichen Kirchen dem esoterischen Menschenbild entgegenzusetzen haben, muss unbedingt weitergeführt werden – unaufgeregt, aber deutlich.


Matthias Pöhlmann