Gerdien Jonker

Das Archiv des Buddhistischen Hauses in Berlin-Frohnau

Vorbemerkung: Das Interesse der deutschen Lebensreformbewegung richtete sich um 1900 nicht zuletzt auf Indien, das für die „Weisheit aus dem Osten“, die „Mystik“ und die „Religion der Zukunft“ stand, aber auch für „Ariertum“ und die „arische Seele“. Man näherte sich diesen Phänomenen mit religiösen Experimenten und Orientfahrten an. Gleichzeitig bahnten diese Kontakte auch vielfältige Missionen aus Indien an, die nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland Fuß fassten. Das Archiv der Moschee in Berlin-Wilmersdorf, von dem in der letzten Ausgabe der ZRW berichtet wurde, gibt Auskunft über 100 Jahre religiöser Kommunikation zwischen Berlin und Lahore, zwischen Theosophie und Lebensreform auf der einen und der islamischen Moderne auf der anderen Seite. Analog dazu gibt das Archiv des buddhistischen Hauses Berlin, um das es in diesem Beitrag geht, Auskunft über 100 Jahre religiöser Kommunikation zwischen Berlin und Colombo: zwischen Theosophie und Lebensreform auf der einen und Buddhismus auf der anderen Seite. Zwischen beiden Missionen gab es vielfältige Ansätze der Kommunikation.

1924 gründete Paul Dahlke (1865 – 1928) eine buddhistische Laiengemeinschaft, auf die das noch heute existierende „Buddhistische Haus Frohnau“ zurückgeht. Hellmuth Hecker, der ihm in seinem Werk „Lebensbilder deutscher Buddhisten“ einen Eintrag widmete, berichtet, dass Dahlke zuerst evangelische Theologie hatte studieren wollen, sich jedoch davor scheute, öffentlich zu sprechen. Stattdessen wurde er Arzt. Dahlke heiratete nie. Dafür leistete er sich ausgedehnte Reisen durch Asien. Um 1900, während seiner zweiten Reise (es wurden insgesamt acht), begann er, auf Ceylon den Theravada-Buddhismus zu studieren und Pali zu lernen, die Sprache, in der die Überlieferung Buddhas im Süden Indiens niedergelegt wurde. Erst der Erste Weltkrieg unterbrach seine Reisetätigkeit. Bis dahin hatte Dahlke bereits sieben große Abhandlungen und zahlreiche Aufsätze über den Buddhismus publiziert (Hecker 1990, 13f, 16 – 18).

Im Zuge der europäischen Expansionspolitik und der damit einhergehenden Kolonisierung Indiens gelangten auch neue Nachrichten über den Buddhismus in die westliche Welt. 1879 publizierte der Brite Edwin Arnold „The Light of Asia“, eine viel gelesene Darstellung von Buddhas Leben (Arnold 1879/2016). In Deutschland erregte der Religionshistoriker Rudolf Seydel großes Aufsehen mit einer vergleichenden Studie über die Lebensgeschichten Jesu und Buddhas (Seydel 1884). Durch diese und andere Bücher gewann der Buddhismus immer mehr an Popularität und Respekt. Als die Gründer der Theosophie, Helena Blavatsky und Henry Steel Olcott, aus der Zeitung erfuhren, wie britische Missionare den Buddhismus in öffentlichen Streitgesprächen angriffen, reisten sie nach Ceylon und wurden unter großer öffentlicher Anteilnahme Buddhisten (Lachman 2012, 170 – 190; Marchand 2009, 270 – 274).

Aber nicht nur Europäer reisten nach Indien, um die dortigen Religionen zu studieren. Umgekehrt kamen auch indische religiöse Denker nach Europa, um ihre Weltsichten und Glaubensgrundsätze bekannt zu machen. So reiste zum Beispiel der Hindu-Reformer Vivekananda 1893 nach Chicago, um im „World Parliament of Religions“ seine Ansichten zu verteidigen und im Westen eine Missionsgesellschaft zu gründen (Lüddeckens 2002). Missionare der islamischen Reformbewegung der Ahmadiyya gründeten 1912 eine Mission in Woking (GB) und bauten 1924 eine Moschee in Berlin (Jonker 2016, 36 – 63; Jonker 2021). Hindus wie Muslime bauten ein dichtes Netz von Kontakten zum Westen auf und versuchten, Sympathie und Verständnis für ihre bedrängte Lage unter der Kolonialherrschaft zu wecken. Bei Buddhisten im britischen Kolonialreich, ob nun auf Ceylon, in Birma oder Kaschmir, gab es solche Kontaktanbahnungen nicht. Das mag daran liegen, dass der Buddhismus eine Klostertradition herausgebildet hatte, in der Mönche in größter Armut und Weltabgeschiedenheit lebten. Im Fall des Buddhismus ging der erste Schritt also vom Westen aus. Reisende wie Paul Dahlke brachten aus Asien Bücher, Einsichten und Sprachkenntnisse mit. Andere, zum Beispiel Anton Gueth (1878 – 1957) und Ernst Lothar Hoffmann (1898 – 1985), wandten sich auf Ceylon dem Buddhismus zu und gründeten vor Ort eigene Klostergemeinschaften, in denen wiederum die nächste Generation deutscher Buddhisten Aufnahme fand (Hecker 1990, 58 – 94).

Erst 1954, als der junge Nationalstaat Sri Lanka diplomatische Beziehungen mit Europa zu knüpfen versuchte, wurde mithilfe deutscher Buddhisten auf Sri Lanka eine Missionsgesellschaft für Deutschland gegründet: die German Darma Dhuta Society Colombo. Darauf erfasste eine nationale Bewegung das ganze Land, die One-Million-Rupee-Movement. Mit dem Erlös kaufte die Darma Dhuta Society das Buddhistische Haus in Berlin-Frohnau und etablierte dort die erste buddhistische Mission, die nicht von deutschen, sondern von sri-lankischen Mönchen geleitet wurde (Bodhi 2000). So kehrten sozusagen indirekt die Deutschen, die um 1900 ausgereist waren, um in die Geheimnisse des Orients einzudringen, als Buddhisten mit Missionsauftrag nach Deutschland zurück. Anton Gueth, der kurz nach Gründung der Missionsgesellschaft in Sri Lanka starb, wurde in Colombo mit einem Staatsbegräbnis geehrt.

Publikationen im Archiv

Wie beim Moscheearchiv in Berlin-Wilmersdorf handelt es sich auch beim Buddhistischen Haus um Archivgut einer privaten Organisation. Was sich im Büro des Verwalters, auf dem Dachboden, im Veranstaltungsraum und im Bibliothekssaal angehäuft hat, dokumentiert 100 Jahre aus dem Leben der Institution. Es handelt sich um Dokumente zu Bautätigkeiten, um Predigten und Manuskripte, Belege über die Verwaltung von Festen und Veranstaltungen sowie Mitgliederkarteien. Hinzu kommen andere Spuren gelebten Buddhismus sowie eine beeindruckende Sammlung buddhistischer Zeitschriften.

Wie die Moschee nahm inzwischen auch das Buddhistische Haus Kontakt zum Landesarchiv Berlin auf. Damit hören die Übereinstimmungen zwischen beiden Häusern aber auch auf. Der größte Unterschied zwischen beiden Missionen ist in deren jeweiligen Blickrichtung zu suchen. Die muslimischen Missionare aus Lahore brachten Interesse an der Lebenswelt ihrer deutschen Gemeindemitglieder mit. Um sich ein Bild des „Anderen“ im religiösen Erleben dieser Deutschen zu machen, schafften sie sich Literatur über Theosophie und Lebensreform an. Die Deutschen im Buddhistischen Haus hingegen sammelten alles, was sie als „das Geheimnis Indiens“ betrachteten: Neben den kanonischen Texten des Theravada-Buddhismus waren das etwa Reiseberichte über Indien und Tibet sowie Abhandlungen über Mystik, Yoga, Sri Aurobindo und Krishnamurti. Tatsächlich bildete sich der deutsche Buddhismus im Umfeld der Theosophischen Bewegung heraus. Viele, die im Buddhistischen Haus Buddhisten wurden, kamen aus der Lebensreformbewegung oder waren Theosophen, bevor sie übertraten (Bigalke 2013, Mürmel 2001).

Die Auffassungen darüber, was Buddhismus sei, divergierten zwischen beiden Herkunftsgruppen. Die Gründerin der Theosophie, Helena Blavatsky, erblickte in der Buddha-Lehre eine Manifestation des verborgenen Weltgeistes. Ihr ging es um das dahinterliegende esoterische Wissen, das Buddha in Teilen enthüllt haben sollte (Blavatsky 1890, 61 – 83). Paul Dahlke hingegen, der Gründer einer asketischen, manchmal gar puritanisch anmutenden Form des Buddhismus, erblickte im Buddhismus einen Weg, um sich vom „Ich“ zu befreien und es im „Nicht-Selbst“ aufgehen zu lassen (Dahlke 1926, 89 – 93). Um sein Profil zu schärfen, musste er sich abgrenzen.

Die hauseigenen Publikationen „Neu-Buddhistische Zeitschrift“ (1918 – 1923) und „Brocken-Sammlung“ (1924 – 1938), die beide ausschließlich mit Dahlkes Beiträgen gefüllt wurden, boten ihm eine Plattform, um seine Auffassungen gegen diejenigen anderer (deutscher und englischer) Buddhisten zu verteidigen. Die vielen buddhistischen Zeitschriften aus dieser Zeit weisen nicht nur auf eine rege Publikationstätigkeit hin, sondern auch darauf, dass im westlichen Buddhismus sektiererische Spaltungen um sich griffen. Darüber hinaus existierte noch eine weitere Hauszeitschrift, die zwar nicht direkt im Haus, aber doch auf dem Gelände des Buddhistischen Hauses herausgegeben wurde. „Buddhistisches Denken und Leben (BDL)“ (1930 – 1943) war das Sprachrohr der Buddhisten um Kurt Fischer, die nach Dahlkes Tod aus der Villa ausgezogen waren und sich ein eigenes Gebäude auf dem Gelände errichtet hatten. Es war ein Schisma in nächster Nähe. Um was es dabei ging, ist der Zeitschrift implizit zu entnehmen. In der BDL wurde der sogenannten buddhistischen Theosophie in Gestalt von Carl Gustav Jung ein fester Platz eingeräumt. Bekanntlich trat der Schweizer Psychoanalytiker auch für Parapsychologie, Esoterik, Sophismus und christliche Mystik ein. Indem die BDL seine Artikel druckte, bekannte sich die Zeitschrift explizit zu diesen Themenfeldern. Eine solche Erweiterung buddhistischer Interessen war unter Dahlke nicht denkbar gewesen, und unter der Leitung Bertha Dahlkes, die ihrem Bruder 1928 folgte, wurde sie schlicht verboten.

Das Haus als Archiv

Im Buddhistischen Haus werden diese Abgrenzungsbestrebungen vielleicht am direktesten im Bauplan sichtbar. Dort gab es nämlich keine Küche. „Jeder war Selbstversorger. Auf einem kleinen Brenner wurde als einzige Nahrung gekochter Reis, Hirse oder Haferflocken … bereitet“ (Girod 1974, 83). Dahlke sah im „Nahrungsvorgang“ nichts anderes als einen kleinzuhaltenden „Ich-Vorgang“. Für ihn galt: „Alle Nahrung ist Elend“ (Dahlke 1918, 24). Zwar sollte ein Buddhist die Ernährung nicht einstellen, aber: „Erleben muß ein jeder für sich selber, so wie ein jeder für sich selber essen muß“ (Dahlke 1926, 6). Wo es um Essen, Gemeinschaft und Geselligkeit ging, trennte den Frohnauer Buddhisten eine tiefe Kluft nicht nur von Lebensreformern und Theosophen, sondern auch von anderen Buddhisten. Die hauseigenen Publikationen legen davon reichlich Zeugnis ab. Erst 1957, als die German Darma Dhuta Society das Haus bezog, wurde eine Küche angebaut, um die residierenden Mönche zu versorgen. Diese Tatsache verrät mehr über die Unterschiede zwischen dem deutschen und dem indischen Buddhismus als alle Predigten und Publikationen zusammen.

Das Vorkriegsarchiv im Buddhistischen Haus könnte man auch als „Dahlke-Archiv“ bezeichnen. Es umfasst seine Schriften und Notizen, Übersetzungen seiner Texte, seine Aufzeichnungen für ein Pali-Wörterbuch sowie verschiedene Arbeiten seiner Schüler und Gegner, darunter Lavinia von Monts, Kurt Fischer, Martin Steinke und Guido Auster (Hecker 1997). Sollte sich erweisen, dass Paul Dahlke ein Leben lang die Gewohnheit hatte, sich über alles und jeden Notizen zu machen, so wäre damit eine reiche Quelle vorhanden, die über die Übergänge zwischen deutschem Protestantismus und deutschem Buddhismus im Prisma seines Lebens Aufschluss geben könnte.

Der Einzug buddhistischer Mönche aus Sri Lanka in das Buddhistische Haus Berlin-Frohnau im Jahr 1957 markierte einen Bruch mit der Vergangenheit. Der Mönch Sri Gnanawimala etwa, der dem Haus von 1965 bis 1985 vorstand, hinterließ keine Zeitschrift, sondern ca. einen Meter getippter und handgeschriebener Predigten, umfangreiche Korrespondenzen mit der Society in Colombo sowie 24 Ordner mit Verwaltungsunterlagen. Seine Amtszeit war geprägt von einem neuen Interesse der Öffentlichkeit an östlichen Religionen und Philosophien, worauf er mit Lehrreden, dem Bau von Meditationsklausen sowie Yoga- und Meditationskursen reagierte. Mit Fragen buddhistischer „Orthodoxie“ hielt er sich nicht auf. Alle, die sich aus welchem Grund auch immer interessierten, waren ihm willkommen. Augenzeugen berichten, dass sich in der Kernzeit manchmal bis zu 1500 Besucher auf dem Gelände aufhielten. Eine andere Hinterlassenschaft dieser Zeit ist die Tradition der Beisetzung zerbrochener Buddha-Statuen, die, von Schülern vorbeigebracht, einmal im Jahr zeremoniell im Buddha-Gemeinschaftsgrab vergraben werden – ein Archiv der Dinge, das sich nach und nach unter die Erde verlagert hat.
 

Gerdien Jonker, 03.11.2021

 

Anmerkung

Dieser Beitrag erschien in seiner ursprünglichen Form zuerst online im „Archival Reflexicon“ des DFG-Langfristvorhabens „Das moderne Indien in deutschen Archiven“ (MIDA). Dessen Herausgeberinnen Heike Liebau und Anandita Bajpai haben der vorliegenden Publikation freundlicherweise zugestimmt.

 

Literatur

Arnold, Edwin (2016): The Light of Asia, or the Great Renunciation. Being the Life and Teaching of Gautama, Prince of India and Founder of Buddhism (1879), London.

Bodhi, Bhikkhu (2000): Promoting Buddhism in Europe, www.budsas.org/ebud/ebdha194.htm (Abruf: 11.11.2019).

Bigalke, Bernadett (2013): Lebensreform und Esoterik um 1900, Würzburg.

Blavatsky, Helena P. (1890): The Key to Theosophy, New York.

Dahlke, Paul (1918): Indische Skizze, in: Neu-Buddhistische Zeitschrift, 24f.

Dahlke, Paul (1926): „Unser Haus“ und „Buchbesprechung von Georg Grimm, Die Wissenschaft des Buddhismus“, in: Die Brockensammlung: Zeitschrift für angewandten Buddhismus, 4 – 6, 89 – 93.

Girod, Dorothea (1974): Spaziergänge mit Doktor Dahlke, in: 50 Jahre Buddhistisches Haus, Berlin-Frohnau, 80 – 84.

Hecker, Hellmuth (1990): Lebensbilder deutscher Buddhisten. Ein Bio-Bibliographisches Handbuch, Bd. I: Die Gründer, Konstanz.

Hecker, Hellmuth (1997): Lebensbilder Deutscher Buddhisten. Ein Bio-Bibliographisches Handbuch, Bd. II: Die Nachfolger, Konstanz.

Jonker, Gerdien (2016): The Ahmadiyya Quest for Religious Progress. Missionizing Europe 1900 – 1965, Leiden.

Jonker, Gerdien (2021): Zwischen muslimischer Moderne und deutscher Lebensreform. Zur Entdeckung des Archivs der Berliner Ahmadiyya-Moschee, in: ZRW 5, 341 – 346.

Lachman, Gary (2012): Madame Blavatsky. The Mother of Modern Spiritualism, New York 2012.

Lüddeckens, Dorothea (2002): Das Weltparlament der Religionen. Strukturen interreligiöser Begegnung im 19. Jahrhundert, Berlin.

Marchand, Suzanne L. (2009): German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholarship, Cambridge.

Mürmel, Heinz (2001): Buddhismus und Theosophie in Leipzig vor dem ersten Weltkrieg, in: Hutter, Manfred (Hg.): Buddhisten und Hindus im deutschsprachigen Raum, Berlin, 123 – 136.

Seydel, Rudolf (1884): Die Buddha-Legende und das Leben Jesu nach den Evangelien, Leipzig.

Korrespondierendes Archiv: Die Universität Göttingen, Indologisches Seminar, verwahrt (Teil-)Nachlässe einiger deutscher Buddhisten.