Christlicher Fundamentalismus
Deutschlandpremiere des Films „Gotteskinder“. Ende Januar feierte der Film „Gotteskinder“ seine Deutschlandpremiere in Frankfurt am Main. Bereits im Voraus hatte er auf diversen Filmfestivals Preise gewonnen: 2019 erhielt er den Hessischen Filmpreis für das beste Drehbuch, 2024 räumte er dann bei vielen lokalen Filmfestivals regelrecht ab. „Gotteskinder“ erzählt die Geschichte einer sechsköpfigen Familie, die einer evangelikal-fundamentalistischen Freikirche angehört. Ihr Glaubensalltag wird bestimmt von tiefer Frömmigkeit, Hauskreisen und einer intensiven Beziehung zur Gemeinde. Die Hauptperspektive des Films richtet sich auf die beiden heranwachsenden Geschwister Hannah (Flora Li Thiemann) und Timotheus (Serafin Mishiev): Hannah, eine tiefgläubige Jugendliche und stolze Leiterin einer Mädchengruppe, möchte ihre Unschuld und Reinheit unbedingt bewahren. Ausgerechnet sie verliebt sich in den 17-jährigen Nachbarsjungen Max (Michelangelo Fortuzzi), der sie durch seine wilde Frechheit fasziniert und gleichzeitig ständig in „Versuchung“ bringt. Ihr Bruder Timotheus, mit dem sie eine innige Verbindung hat, verliebt sich in einen seiner Glaubensbrüder und entdeckt damit seine Homosexualität. Beeindruckend werden die inneren Spannungen dargestellt, denen die beiden Teenager aufgrund der Dissonanz zwischen ihrer intensiven Frömmigkeit einerseits und ihren „weltlichen“ Gefühlen andererseits ausgesetzt sind. Letztere werden als dämonische Verführungen gedeutet, die den richtigen Glaubensweg und die Nachfolge Jesu zu durchkreuzen drohen. Dass Hannah sich und ihre Mädchengruppe auf einen „Purity Ball“ vorbereitet, um dort ihrem Vater innere und äußere Reinheit bis zur Ehe zu versprechen, und dass Timotheus nach seiner Taufe in ein „Seelsorge-Camp“ geht, wo er einer Konversionstherapie unterzogen wird, steigert die bedrückende Dichte der Erzählung.
Beide Hauptcharaktere zeigen deutlich, wie bibelfundamentalistisch begründete und daher unhinterfragbare Moralvorstellungen dem Erleben erster „verbotener“ Liebe und Sexualität entgegenstehen. Dass der Vater der Familie (Mark Waschke) als überdominanter strenger Despot gezeichnet wird, der nichts falsch machen will und dabei doch immer wieder versagt – etwa wenn er impulsgesteuert gewalttätig wird –, und dass die Mutter (Bettina Zimmermann) recht unscheinbar im Hintergrund bleibt, mag etwas überzeichnet wirken, gibt aber gerade dadurch das traditionalistische Rollenbild geschlossener christlicher Gemeinschaften deutlich wieder. Als Gegenbild zu alledem tritt der neu zugezogene Nachbarsjunge Max auf: Humorvoll, aber hartnäckig stellt er die teils stupide wiederholten Glaubenssätze seiner frommen Nachbarn infrage und vermittelt damit eine wohltuende Lockerheit in der religiösen Überspanntheit seiner Umgebung. Ohne ihn wäre die Dichte des Films erheblich schwerer zu ertragen, wenngleich auch seine Rolle im Verlauf immer verzweifelter wird. „Gotteskinder“ hat kein Happy End. Ohne hier spoilern zu wollen – die Regisseurin Frauke Lodders hätte dem Film sicher auch eine positive(re) Wende geben können. Die dramatische Krisensituation kurz vor Schluss zeigt in stilisierter Darstellung, was in der Beratungsarbeit immer wieder begegnet: Krisen in der Gruppe sind häufig ein Auslöser für eine kritische Distanzierung oder aber für eine Verhärtung. Lodders hat sich für die zweite Option entschieden.
Die Kasseler Regisseurin hat über ein Jahr hinweg intensiv in der christlich-fundamentalistischen Szene recherchiert. Unter Pseudonym hat sie diverse Gottesdienste und Events besucht, mit Gemeindegliedern diskutiert, Missionierungsversuche erlebt und mit Aussteiger:innen gesprochen. Dabei hat sie – so schilderte sie in einem Filmgespräch – teilweise noch schlimmere Erfahrungen gemacht als jene, die im Film dargestellt werden. Sie berichtet jedoch auch über gute Begegnungen und über Menschen, denen tiefe Frömmigkeit Halt gibt, was auch sie selbst berührt hat. Diese Differenzierung ist geboten, wenn man sich der hochgradig heterogenen evangelikalen Szene nähert. Und es ist wichtig, sich klarzumachen, dass dieser Film keine Dokumentation über die verschiedenen Facetten evangelikalen Christentums ist und auch nicht die Behauptung erhebt, in evangelikalen Freikirchen würde es generell so zugehen.
„Gotteskinder“ richtet den Fokus auf die problematischen, freiheitsberaubenden und unterdrückerischen Seiten eines christlichen Fundamentalismus, und das gelingt ihm auch in beeindruckender Weise. Vor allem schafft er es, einen Eindruck von der tiefen emotionalen Zerrissenheit zu vermitteln, die entstehen kann, wenn feste Glaubensgewissheiten infrage gestellt werden. Dabei entwickelt sich der Film im Verlauf zu einem Familiendrama. Die Problematiken, die hier aufscheinen, sind in der weltanschaulichen Beratung im Kontext konfliktträchtiger Gruppierungen weit über den Bereich des fundamentalistischen Christentums hinaus bekannt: Dualismen, Exklusivität, Kontrolle und unterdrückende Moralvorstellungen – all dies begegnet bei Primär- und Sekundärbetroffenen immer wieder.
Interessanterweise taucht im ganzen Film und auch im Merchandising oder Begleitmaterial nicht ein Mal das Wort „Sekte“ auf. Es ist eine bewusste Entscheidung, den Begriff „fundamentalistisch-evangelikale Freikirche“ zu gebrauchen, um deutlich zu machen, dass es hier um eine ganz bestimmte Ausprägung des christlichen Glaubens geht. Dass diese Szene in Deutschland stetig wächst und einflussreicher werde, wie Lodders in Interviews immer wieder betont, entspricht zwar dem Storytelling solcher fundamentalistischer Kreise selbst, es wäre aber auch jenseits dessen und jenseits der eigenen episodischen Erfahrung zu belegen, was statistisch schwerfallen dürfte. Denn die Säkularisierung hat auf die deutsche Gesellschaft einen deutlich größeren Einfluss als das fundamentalistisch-evangelikale Christentum. Dessen ungeachtet eignet sich „Gotteskinder“ gut, der emotionalen Zerrissenheit nachzuspüren, die in christlich-fundamentalistischen Familien entstehen kann. Sollte die Möglichkeit bestehen, etwa in einem Nachgespräch oder in eigenen Begegnungen und Recherchen einen differenzierteren Blick auf die vielgestaltige evangelikale Szene zu werfen, wird dies als Ergänzung zur Perspektive des Films sicher nicht schaden.
Zu Material, Pressestimmen, Downloads und Vorführlizenzen vgl. https://www.wfilm.de/de/gotteskinder/.
Oliver Koch (Frankfurt a.M.), Januar 2025