Sondergemeinschaften / Sekten

Bilder des Schreckens. Der „Colonia Dignidad“-Film kommt den Opfern nicht näher

(Letzter Bericht: 10/2011, 390-392) Ich sitze im Kino und bin tatsächlich schweißgebadet. Meine Sitznachbarin (die ich nicht kenne) schaut mich an. Es wirkt so, als wolle sie sich versichern, dass jetzt alles vorbei ist und wir wieder in der Normalität sind. Ich habe gerade den Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ des Oscarpreisträgers Florian Gallenberger gesehen und bin noch ganz benommen von zwei Stunden Hochspannung, wie ich sie selten erlebt habe. Wie kann ich mir diese Erfahrung erklären?

Das hat damit zu tun, dass ich den Ort, die Geschichte und die Menschen, die mit der „Colonia Dignidad“ in Verbindung stehen, recht gut kenne. In den Jahren 2008 und 2009 war ich im Rahmen eines Forschungsprojektes jeweils für mehrere Wochen auf dem Gelände in Süd-Chile. Dort habe ich als Psychologe Interviews mit den Bewohnern geführt über ihre Erfahrungen von über vierzig Jahren Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, die in den Medien heutzutage häufig als „Foltersekte“ bezeichnet wird. Deshalb war ich sehr gespannt, wie sich meine Erinnerungsbilder von „Colonia Dignidad“ zu den Bildern des Kinofilms verhalten.

Bilder und Fotografien ziehen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film. Der deutsche Fotograf Daniel (gespielt von Daniel Brühl) hält sich Anfang der 1970er Jahre in Chile auf und unterstützt die Politik des Sozialisten Salvador Allende. Überraschend bekommt er Besuch von seiner Freundin Lena (Emma Watson), und die beiden verleben eine unbeschwerte, romantische Zeit, die sie immer wieder auf Zelluloid festhalten. Wie von einem Blitz aus heiterem Himmel wird ihre Romanze durch den Putsch des faschistischen Generals Pinochet jäh unterbrochen. Daniel wird bei dem Versuch, die Massenverhaftungen von Oppositionellen zu fotografieren, selbst festgenommen und vom Geheimdienst auf das Gelände der Colonia Dignidad verschleppt und dort gefoltert. Lena folgt seinen Spuren und lässt sich in die Gemeinschaft der tiefreligiösen deutschen Aussiedler aufnehmen, indem sie vorgibt, ganz radikal „dem Herrn“ nachfolgen zu wollen. Einzig ein winziges Foto von Daniel und ihr als Paar, das sie verstecken kann, erinnert an das Leben draußen. Wird Lena ihren Geliebten auf dem Gelände der Sekte wiederfinden, und wird es – entgegen dem Filmtitel – einen Weg zurück in das normale Leben geben? Diese Fragen schaffen einen Spannungsbogen, wie wir ihn so ähnlich aus vielen mehr oder weniger gut gemachten Politthrillern kennen. Die Fotografien stehen in diesem Kinofilm für eine Beglaubigung der Wirklichkeit, die bedroht, vertuscht oder so unglaublich ist, dass sie eine grafische Zeugenschaft braucht. Dieses Stilmittel nutzt auch der Regisseur, indem er im Abspann des Films einige „authentische“ Fotos aus der Colonia Dignidad zeigt – so, als wolle er den Zuschauer zurufen: „Hey, das war keine Fiktion; was wir Euch gezeigt haben, hat es wirklich gegeben!“

Und tatsächlich – verdichtet auf 110 Minuten – zeigt der Film nahezu alle Menschenrechtsverletzungen, für die die Gruppe von etwa 300 deutschen Auswanderern und vor allem ihr Führer Paul Schäfer seit den 1960er Jahren bekannt geworden sind: das Auseinanderreißen von Eltern und Kindern, Schäfers sexueller Missbrauch an den Jungen, ständige psychische und physische Gewalt, Gefügigmachen durch Psychopharmaka, Denunziation, Demütigung von Frauen, religiöser Machtmissbrauch – die Liste der Menschenrechtsverletzungen ließe sich fortsetzen. In dieser Massivität schafft der Film eine bedrückende und albtraumhafte Atmosphäre, die dem Zuschauer – ganz unabhängig von der Spannung der Rahmenhandlung – an die Nieren geht. So kann dieser vielleicht den unermesslichen Druck erahnen, unter dem die Mitglieder der Gemeinschaft Colonia Dignidad über einen Zeitraum von 40 Jahren standen und nicht selten zerbrachen.

Kaum einen Zugang allerdings bietet der Kinofilm zum Verständnis dieser Menschen, von denen viele Opfer und Täter zugleich waren. Wie konnten ganze Familien aus freikirchlichen Kreisen im Jahr 1961 Hals über Kopf Deutschland verlassen und Paul Schäfer in diese entlegene Gegend Chiles folgen? Wie war es möglich, dass Vater und Mutter ihre kleinen Kinder hergaben, sodass diese in Kindergruppen fern der elterlichen Kontrolle den Manipulationen und Quälereien einer perfiden Ideologie des Persönlichkeitszerbruchs ausgesetzt waren? Wie viel Widerstand war möglich? Gab es auch Nischen und Faktoren, die existenzielles menschliches Sein vor dem Terror schützten? Auf diese Fragen gibt der Film keine Antwort. Er lässt uns nicht nur angespannt zurück, sondern er entfernt uns in gewisser Weise von den Menschen, die Leidtragende und Mittragende des Systems „Colonia Dignidad“ waren. Dazu trägt auch bei, dass die Schauspieler Daniel Brühl und Emma Watson als Protagonisten der Außenwelt die Filmhandlung sehr präsent und einfühlbar prägen. Die Mitglieder der Gemeinschaft Colonia Dignidad bilden im Kontrast dazu eine undeutliche und uniforme Menschengruppe, die bis auf wenige Ausnahmen den Zuschauern nicht nahegebracht wird. In der Ethnologie wird diese Form der Darstellung von Angehörigen einer anderen Kultur als „Othering“ bezeichnet: sich von Gruppierungen überstark zu distanzieren und diese zu den ganz Anderen zu machen. In diesem Sinne wird die Widmung „In Gedanken an die Opfer der Colonia Dignidad“ im Abspann des Films nur mangelhaft eingelöst.

Wer tatsächlich mehr über die Menschen aus der Colonia Dignidad erfahren möchte, der kann in dem Buch „Pathologische Religiosität“ (hg. von Michael Utsch, Stuttgart 2012) psychologische Methoden der Vereinnahmung kennenlernen und am Beispiel der „Colonia Dignidad“ das Abhängigkeitspotenzial religiöser Gruppen besser verstehen. Als Ergänzung zum Spielfilm sei die ZDF-Dokumentation „Deutsche Seelen – Leben nach der Colonia Dignidad“ auf DVD empfohlen (vgl. MD 3/2011, 98-100). In diesem differenzierten Film kommen in einfühlsamer Weise Menschen zu Wort, die Schrecken und Alltag der Colonia Dignidad über Jahrzehnte erlebt haben.

Übrigens: Auf dem Areal in Chile leben heute noch ungefähr 120 Menschen, die versuchen, mit Tourismus, Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion ein Auskommen zu finden und ein „Leben nach der Colonia Dignidad“ zu führen. Auf der Landkarte findet sich dieser Ort unter der Bezeichnung „Villa Baviera“ (Bayerisches Dorf). Schon 1988 hatte der Sektenchef Paul Schäfer eine Umbenennung vorgenommen, um den Schrecken loszuwerden, der mit dem Namen „Colonia Dignidad“ verbunden ist. Dass dieser Schrecken nicht einfach abzuschütteln ist, zeigt der neue „Colonia Dignidad“-Film in eindrücklicher Weise.


Henning Freund, Marburg