Buddhismus

Besuch des 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje

Der 17. Gyalwang Karmapa Ogyen Trinley (auch: Orgyen Thrinle) Dorje hat auf seiner ersten Europareise vom 28. Mai bis 9. Juni 2014 Deutschland besucht. Der Karmapa ist das Oberhaupt einer der bedeutendsten – und im Westen am weitesten verbreiteten – Schulrichtungen des tibetischen Buddhismus, der seit 900 Jahren bestehenden Karma-Kagyü-Tradition.

Der höchste tibetische Lehrer neben dem Dalai Lama und dem Panchen Lama bestieg zum ersten Mal feierlich den für ihn bereitstehenden Thron im Kamalashila-Institut, dem europäischen Sitz seiner Tradition in Langenfeld bei Mayen. Auf Veranstaltungen im Event-Center am Nürburgring folgten an mehreren Tagen Vorträge und Einweihungen im ebenfalls ausverkauften Estrel Convention Centre im Berliner Osten.

Das Kamalashila-Institut war nach seiner Gründung als eines der ersten buddhistischen Zentren in Deutschland 1981 zunächst 18 Jahre lang in Schloss Wachendorf bei Euskirchen beheimatet, ehe es 1999 in der 700-Einwohner-Gemeinde Langenfeld eröffnet wurde. Seit seiner Inthronisierung 1992 war der Karmapa immer wieder gebeten worden, Europa zu besuchen. Eine für 2010 geplante Reise musste wegen Visaproblemen abgesagt werden. Entsprechend groß war die Begeisterung tausender Anhänger und Interessierter, dem hohen Gelehrten nun begegnen zu können. Der 29 Jahre junge Würdenträger war auch Gast des Erzbistums Köln und besichtigte den Kölner Dom. Ein weiteres Ziel war die Benediktinerabtei Maria Laach in der Eifel. In Berlin traf er sich mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und besuchte das Holocaust-Mahnmal. Sein Interesse gilt besonders dem Umweltschutz, sozialen Themen und dem interreligiösen Dialog.

Der erste Karmapa führte im 12. Jahrhundert das System des Erkennens reinkarnierter Lamas (Tulku-System) in Tibet ein, indem er seine eigene Wiedergeburt vorhersagte. Nach dem Tod des 16. Karmapa 1981 kam es zum Konflikt über die Nachfolge (s. den voranstehenden Beitrag „Shamarpa verstorben“). Der 1985 in Osttibet geborene Ogyen Trinley Dorje war als Wiedergeburt des Karmapa aufgefunden und – als bis heute erster und einziger Lama – sowohl vom Dalai Lama als auch von der chinesischen Regierung offiziell anerkannt worden. Er wurde mit sieben Jahren eingesetzt und konnte sich Ende 1999 durch die Flucht nach Indien an den Sitz des Dalai Lama dem chinesischen Zugriff entziehen. Er gilt als großer Hoffnungsträger für die Zukunft des Buddhismus und der tibetischen Kultur. Einige hochrangige Lamas der Linie akzeptierten ihn jedoch nicht und erklärten 1994 den zwei Jahre älteren Jungen Thaye Dorje zum rechtmäßigen 17. Karmapa. Wichtige Beteiligte an diesem Vorgang waren der jüngst verstorbene Shamar Rinpoche und Ole Nydahl, dessen Gefolgschaft in Deutschland in dem mehr als 120 Meditationszentren und -gruppen umfassenden Buddhistischen Dachverband Diamantweg (BDD) zusammengeschlossen ist. Der ungleich kleinere deutsche Zweig der Karma-Kagyü-Linie, der Ogyen Trinley unterstützt, ist in der Karma Kagyü Gemeinschaft Deutschland e. V. (Kamalashila-Institut, Retreatzentrum Halscheid, fünfzehn Gruppen/Zentren in Deutschland) organisiert.

Die doppelte Linienhalterschaft ist historisch kein Einzelfall. Dass man sich gegenseitig Spaltung, Lüge und Fehlverhalten vorwirft, belastet jedoch die Kagyü-Gemeinschaften.


Friedmann Eißler